We Are Football im Test: Leider keine Konkurrenz zum Football Manager

Test David Benke
We Are Football im Test: Leider keine Konkurrenz zum Football Manager
Quelle: THQ Nordic / Winning Streak Games

Mit We Are Football wollten Gerald Köhler und sein Team von Winning Streak Games an alte Erfolge wie Anstoß oder den EA Fußball-Manager anknüpfen. Aus dem ambitionierten Ziel ist jedoch nichts geworden. Wir gehen im Test plus Video den Ursachen nach.

Der Fußball ist zurück! Seit dem 11. Juni läuft über mehrere Länder verteilt die große Jubiläumsausgabe der UEFA Europameisterschaft. Und auch wenn die für deutsche Fans bisher recht wechselhaft startete, so brachte sie dennoch ein paar schöne Aspekte des Sports zurück: Fans in den Stadien, schwarz-rot-gold-getünchte Innenstädte - und eben die Möglichkeit, sich tagtäglich mehrere Stunden lang der schönsten Nebensache der Welt zu widmen.

Tipps:
We Are Football - Mega-Patch mit Originalnamen installieren
We Are Football - Einsteiger-Tipps zu Taktik, Training, Aktionspunkten

Wem das noch nicht reicht, oder wer vielleicht eine Second-Screen-Beschäftigung für die Halbzeitpause sucht, der kann sich diesen Monat ebenfalls freuen: Mit We Are Football (jetzt kaufen 10,82 € ) brachte das deutsche Entwicklerteam von Winning Streak Games am 10. Juni nämlich einen neuen Fußball-Manager auf den Markt. Mit dem will man Segas FM2021 den Kampf ansagen und eine ernstzunehmende Alternative für alle Hobby-Trainer bieten.

Diesem Ziel sind die Macher allerdings nicht ganz gerecht geworden. Zumindest vorerst. Denn auch, wenn We Are Football einige spannende Ansätze zeigt, so wirken die doch oft nicht sinnvoll zu Ende gedacht. In manchen Bereichen erscheint der Titel fast ein wenig halbgar, sodass man sich manchmal wundert, ob hier mit Gerald Köhler und Co. wirklich die Genre-Veteranen hinter Anstoß und dem EA Fußball-Manager am Werk waren.

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Der nächste Jürgen Klopp?

Beginnen wir aber erst einmal mit dem Positiven, denn das gibt es ja durchaus. Den Spieleinstieg haben die Entwickler beispielsweise sehr schön gelöst: Hier habt ihr die Möglichkeit, einen Einstellungstest zu absolvieren, der euch einen passenden Klub zuweist. Der beginnt mit ein paar persönlichen Fragen wie "Habt ihr früher selbst gespielt?" oder "Seid ihr mehr Techniker oder Kämpfer?". Aber auch eure fußballerische Kompetenz wird auf den Prüfstand gestellt, wenn ihr etwa wissen sollt, wie viele Spielerberater es in Deutschland gibt.

Jobvermittlung mal anders: Basierend auf euren Angaben weist euch We Are Football einen passenden Anfangsklub zu. Quelle: PC Games Jobvermittlung mal anders: Basierend auf euren Angaben weist euch We Are Football einen passenden Anfangsklub zu. Das ist im Grunde ein nettes Konzept, hat hier und da aber noch eine paar Schwächen: Selbst als einstiger Weltmeister mit mehreren Jahren Berufserfahrung startet ihr zumeist in der 3. oder 4. Liga bei Vereinen wie dem Bahlinger SC, Preußen Münster oder Carl Zeiss Jena. Wer die als "unter seiner Würde" empfindet, kann natürlich auch auf bessere Angebote warten, fristet bis dahin allerdings eine Existenz in Arbeitslosigkeit.

Während der habt ihr erst einmal viel Zeit, euch mit euch selbst zu beschäftigen. Das ist in We Are Football nämlich auch möglich. Zwar könnt ihr nicht mehr euer Privatleben planen wie einst im EA Fußball-Manager, wo ihr Häuser kaufen, Golf spielen oder eine Familie gründen konntet. Ihr dürft euch allerdings in Sachen Coaching oder Medienkompetenz weiterbilden, netzwerken oder Sport treiben. Ja, richtig gelesen! Euer virtuelles Alter Ego verfügt über eine Gesundheitsanzeige, die unter steigender Belastung leidet. Wer sich durch regelmäßiges Joggen nicht den Kopf frei macht, droht vor lauter Stress zusammenzubrechen und für mehrere Tage auszufallen.
Auch euer Manager selbst verfügt über eine Art Skilltree, in dem ihr neue Fertigkeiten freischalten könnt. Quelle: PC Games Auch euer Manager selbst verfügt über eine Art Skilltree, in dem ihr neue Fertigkeiten freischalten könnt.

Die große weite Welt

Um überarbeitet zu sein, muss man aber erst einmal Arbeit haben. Die unkomplizierteste Möglichkeit ist es, hier statt des Einstellungstests einfach direkt bei seinem Lieblingsverein anzufangen. Den sollte We Are Football mit ziemlicher Sicherheit beinhalten, der Umfang des Spiels ist nämlich beachtlich: Insgesamt erwarten euch über 40 Ligen aus 22 Ländern - darunter Klassiker wie die ersten vier Spielklassen Englands, aber auch Exoten wie Serbien oder Rumänien. Nur amerikanische Wettbewerbe wie die Major League Soccer sucht man leider vergebens. Dafür ist der Frauenfußball prominent vertreten: Ihr könnt also auch den SC Sand zum Titelgewinn in der Flyeralarm Bundesliga führen - wenn ihr denn das zugehörige Lizenzpaket gekauft habt. Das kostet noch einmal knappe acht Euro extra, gibt euch dafür aber Zugriff auf alle offiziellen Wettbewerbe der DFL, also die beiden Bundesligen, den DFB-Pokal und den Supercup.

Der Editor bietet ein Unmenge an Modifizierungsmöglichkeiten. Ihr könnt beispielsweise das Logo eines Vereins bearbeiten oder die Trikots anpassen. Quelle: PC Games Der Editor bietet ein Unmenge an Modifizierungsmöglichkeiten. Ihr könnt beispielsweise das Logo eines Vereins bearbeiten oder die Trikots anpassen. Alternativ gibt es aber auch kostenlose Abhilfe durch die Community. Teil von We Are Football ist schließlich ein umfangreicher Editor, mit dem sich so ziemlich alles anstellen lässt: Namen anpassen, Logos hinzufügen, Stadien und Trikots editieren. So bastelt ihr aus Bavaria München in Windeseile den FC Bayern München - mitsamt Allianz-Arena, Telekom-Hauptsponsor und Präsident Herbert Hainer. Es gibt sogar die Möglichkeit, Datenbanken mit anderen zu teilen und quasi im Verbund an ihnen zu arbeiten. So haben die Modder von FMZocker beispielsweise einen eigenen Datensatz mit über 1.500 Vereinen, 75.000 Profis und 60 Ligen zusammengestellt. Der befindet sich zwar noch in der Alpha-Phase, ist aber ein deutliches Upgrade zur Standard-Version. Der Mix aus realen Spielerprofilen und vollkommen generischen Akteuren wirkt nämlich teils schon ein wenig komisch.

Viel zu tun, wenig erklärt

Habt ihr euch dann endlich für einen der vielen Vereine entschieden, geht's endlich los mit dem Manager-Alltag. Dessen Großteil werdet ihr in eurer Zentrale verbringen, wo ihr alle unterschiedlichen Bereiche eures neuen Arbeitgebers im Blick habt: von der Personal- bis hin zur Finanzabteilung. Das kann im ersten Moment schon mal ein wenig überwältigend wirken, besonders, da die Menüs von We Are Football teils ziemlich verschachtelt ausfallen. Hat man sich aber erst einmal grob zurechtgefunden, erfreut man sich daran, wie viel Macht und Entscheidungsfreiheit einem das Spiel bietet. Ihr dürft in beinahe allen Belangen eures Klubs die Zügel in die Hand nehmen: Organisiert eigenhändig Trainingslager, scoutet Spieler, verhandelt neue Deals mit euren Sponsoren oder entwerft eine Sonderkollektion für euren Fanshop. Es gibt sogar ein Bau-Menü, mit dem ihr euer Vereinsgelände aufhübschen oder eure Arena vergrößern könnt. Das klingt wie das traumhafte Manager-Paradies!

Als Manager habt ihr alle Hände voll zu tun: Ihr müsst euch beispielweise um die wöchentlichen Trainingspläne kümmern. Quelle: PC Games Als Manager habt ihr alle Hände voll zu tun: Ihr müsst euch beispielweise um die wöchentlichen Trainingspläne kümmern. Je länger ihr euch mit den diversen Optionen beschäftigt, desto mehr fällt allerdings auf, wie unverständlich und intransparent sie teils ausfallen. Beinahe jeder Vereinsaspekt warf bei uns auch nach mehreren Stunden Spielzeit noch Fragen auf: Was genau bringen etwa Trainingslager? Welche Boni bieten euch neue Gebäude wie Fußballtennis-Plätze oder Infozentren? Und wie genau funktionieren eigentlich Festgeld-Anlagen, Fananleihen oder Börsengänge? Zwar bietet We Are Football einen Hilfe-Button, der euch zu jedem Bildschirm ein paar Tipps gibt. Ein anfängliches Tutorial führt euch zudem in die grundlegenden Spielmechaniken ein. Viele Dinge müsst ihr euch dennoch selbst erschließen oder schlicht raten, was sie tun.

Gleichzeitig jedoch lässt We Are Football viele Aktionen vermissen, die eigentliche Genre-Standard sein sollten: Mitarbeiter lassen sich beispielsweise nicht feuern, Verträge von Spielern nicht auflösen. Neue Gebäude verfügen über keine Bauzeit, sondern sind direkt voll funktionstüchtig. Wer sich diesen Frust sparen will, der lagert einfach alles an seine Mitarbeiter aus. Die kommen dann zu Beginn einer Woche auf euch zu und machen euch ein paar Vorschläge: Ihr sollt etwa ein bestimmtes Trainingsprogramm durchziehen, mal mit dem Präsidium sprechen oder einen Fanclub besuchen. Diese Aktionen werden dann auf einem schlichten Zeitstrahl abgehandelt, bis ihr beim nächsten Spiel angekommen seid. Das sorgt für einen flotten, stromlinienförmigen Ablauf, bringt allerdings auch ein Problem mit sich: Eure Woche kann nicht unterbrochen werden! Wird also mittwochs die Ausstiegsklausel eures Topstürmers gezogen oder euer Abwehrchef verletzt sich im Training, dann könnt ihr bis Samstag nicht darauf reagieren.
Erinnert ihr euch noch an Karl Klammer? In We Are Football lernt ihr seinen Bruder Tom Trillerpfeife kennen, der mit nettgemeinten Tipps um die Ecke kommt. Quelle: PC Games Erinnert ihr euch noch an Karl Klammer? In We Are Football lernt ihr seinen Bruder Tom Trillerpfeife kennen, der mit nettgemeinten Tipps um die Ecke kommt.

Die Kunst der Verhandlung

Transfers und Vertragsverhandlungen in We Are Football sind ohnehin so eine Sache. Die Entwickler bauen hier auf ein System mit begrenzten Verhandlungspunkten und Verhandlungsrunden. Einfach ausgedrückt bedeutet das: Ihr könnt an den Forderungen, mit denen Spieler oder Vereine an euch herantreten, nur begrenzt herumargumentieren. Jede Änderung kostet euch einen Zähler, habt ihr keine mehr übrig, müsst ihr das Angebot so akzeptieren, wie es euch vorliegt. Das schränkt den Handlungsspielraum enorm ein. Dazu kommen weitere eklatante Mängel. Es gibt etwa keine Merkliste für interessante Kandidaten. Ihr könnt mit Spielern, deren Arbeitsverhältnisse auslaufen, keinen Vorvertrag abschließen. Gefühlt jede Neuverpflichtung verlangt eine Freigabesumme in ihrem Arbeitspapier, die ihr später nicht mal mehr streichen könnt!

90 Millionen Euro für Lukas Klostermann? Da sagen wir als Zweitligist natürlich nicht nein! Quelle: PC Games 90 Millionen Euro für Lukas Klostermann? Da sagen wir als Zweitligist natürlich nicht nein! Ganz allgemein wirkt der Transfermarkt einfach kaputt: Profis, die ihr unbedingt verkaufen wollt, bekommt ihr ums Verrecken nicht los. Gleichzeitig werden euch unverzichtbare Stammspieler für teils so lächerlich hohe Summen abgekauft, dass ihr euch vom erwirtschafteten Gewinn gleich dreimal gleichwertigen Ersatz holen könntet. Das macht jegliche Nachwuchsarbeit oder Spielerförderung natürlich vollkommen hinfällig. Obwohl die ohnehin eher mäßig ausfällt: Zwar könnt ihr über eine Art Skilltree an neuen Fertigkeiten oder bestehenden spielerischen Defiziten arbeiten. Das Wachstum ist aber irgendwie schwer nachvollziehbar. Neue Position könnt ihr euren Akteuren auch nicht beibringen.

Kaum Stimmung um Stadion

Bleibt zum Abschluss nur noch die Frage: Wie laufen denn nun eigentlich die Spiele selbst ab? Die Antwort: unspektakulär. Ihr könnt an der Aufstellung herumexperimentieren und die Taktik ändern. Spielt ihr etwa eher offensiv oder defensiv? Kommt ihr mehr über Außen oder Innen? Wie intensiv ist das Pressing? Danach folgen noch individuelle Anweisungen und ein paar letzte motivierende Worte, dann geht's los. In We Are Football bekommt ihr alle Matches in einer recht biederen Ansicht präsentiert: Auf einem 2,5D-Spielfeld rennen die Icons eurer Spieler durch die Gegend und kicken sich den Ball zu. Besonders mitreißend ist das leider nicht. Überspringen ist aber auch keine Option. Zwar könnt ihr die "szenische Darstellung" deaktivieren und den Speed der Simulation hochdrehen, sodass ihr in circa einer Minute durch seid. Eine direkte Berechnung des Ergebnisses gibt's aber nicht.

Die Inszenierung der Spiele ist eher zweckdienlich. Fürs Auge wird hier nichts geboten. Quelle: PC Games Die Inszenierung der Spiele ist eher zweckdienlich. Fürs Auge wird hier nichts geboten. Auch das Gefühl, direkten Einfluss auf das Spiel zu haben, fehlte uns so ein wenig. Ihr könnt natürlich jederzeit an eurer Strategie arbeiten oder mehr Einsatz von euren Spielern fordern. Die Auswirkungen solcher Maßnahmen sind aber nur begrenzt spürbar. Ähnlich verhält es sich mit den speziellen Halbzeitansprachen, die ihr für einen Aktionspunkt (eine Art freispielbare Premiumwährung) kaufen könnt. Die sind aber immerhin schick vertont und sorgen für ein Grinsen.

Auch andernorts haben Winning Streak Games immer wieder ein paar nette kleine Gimmicks versteckt: Ihr könnt beispielsweise mitten im Spiel den Rasensprenger anschalten, um eine starke Phase des Gegners zu unterbrechen. Wenn ihr ein Museum baut, um die größten Erfolge der Vereinshistorie zur Schau zu stellen, allerdings nie einen Titel gewonnen habt, prangt an den Vitrinen "404 Pokal not found". Das ist charmant, reißt das Ruder aber auch nicht mehr herum.

Faktisch inkorrekt

Der Crystal Palace FC hat in sich gut 120 Jahren Vereinshistorie leider noch keine Trophäe erarbeiten können. Die Vitrinen sind aber schon mal da! Quelle: PC Games Der Crystal Palace FC hat in sich gut 120 Jahren Vereinshistorie leider noch keine Trophäe erarbeiten können. Die Vitrinen sind aber schon mal da! Zu den spielerischen Defiziten von We Are Football kommen zu allem Überfluss nämlich auch noch ein paar technische: Das Spiel hängt sich gerne mal auf, wenn ihr zu viele Eingaben auf einmal tätigt. Teilweise könnt ihr Spieler doppelt in die Startelf stellen, was bei deren Auswechslung dann für totales Chaos sorgt. Und einige Dinge sind auch einfach faktisch inkorrekt: In der 3. Liga gibt es beispielweise fünf Absteiger, während die Tabelle nur drei anzeigt. Richtig wären allerdings vier!

Das soll nicht bedeuten, dass man mit We Are Football keinen Spaß haben kann. Der Manager bietet immer noch ein recht unterhaltsames und einsteigerfreundliches, wenn auch etwas seichtes Spielerlebnis. Die Entwickler liefern zudem regelmäßige Updates nach, am 18. Juni erschien ein umfangreicher Patch mit zahlreichen Fixes. Ein neues Kaliber à la Anstoß oder gar Football Manager darf man hier aber beim besten Willen nicht erwarten.

Meinung

Wertung zu We Are Football (PC)

Wertung:

6.0 /10
Pro & Contra
Sehr einsteigerfreundlichNetter Einstellungstest zu BeginnUmfangreicher EditorCharmante, witzige IdeenTutorials, Tool-Tipps und andere HilfenOrdentlicher Umfang an Ländern und Ligen
Zu viele gelbe und rote KartenKaputter TransfermarktBiedere PräsentationTeils unübersichtliches UITechnische ProblemeFehlende SpieltiefeUnzureichende ErklärungenManche Spielelemente sind zu undurchsichtigFehlende Lizenzen
Fazit

Wer seine Ansprüche runterschraubt, bekommt hier einen kurzweiligen Fußball-Manager, der mit den Größen des Genres aber leider nicht mithalten kann.

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