Wingspan im Test: Brettspiel-Adaption frisch aus dem Ei gepellt

Test Melanie Weißmann Philipp Sattler
Wingspan im Test: Brettspiel-Adaption frisch aus dem Ei gepellt
Quelle: PC Games

Diesmal haben wir die Feder für einen Test zu Wingspan, einer Brettspiel-Adaption von Entwickler Monster Couch, gezückt. Das Strategie-Kartenspiel setzt auf ein familientaugliches Vogel-Thema, welches Naturfreunde aller Altersgruppen anzusprechen weiß. Nun hat das beliebte Gesellschaftsspiel sein Federkleid abgeworfen und sich zu einem soliden Videogame gemausert. So gut hat uns die virtuelle Umsetzung des Brettspielklassikers gefallen.

Freunde der Vogelkunde, Naturliebhaber und Sammel-Enthusiasten aufgepasst: Brettspiel-Preisträger Wingspan (Flügelschlag) ist nun auch als Videospiel erschienen. Seit dem 17. September ist das Strategie-Kartenspiel, bei dem ihr versuchen müsst, eine möglichst vielfältige und effektive Vogel-Sammlung in eurem Naturschutzgebiet anzusiedeln, auf Steam erhältlich. Bringt die digitale Umsetzung frischen Wind in die Habitate oder zwitschert Wingspan die gleiche Melodie wie sein analoges Vorbild?

Wir sind gut zu ... Piepmatzen

In Wingspan mutieren die Mitspieler zu vorbildlichen Tierschützern, die heimatlosen Vögeln ein warmes Nest in ihren artgerechten Reservaten anbieten. Entscheidend für die Wahl unserer fedrigen Freunde ist nicht etwa die Optik, sondern der Nutzen der Vogelkarten für eine möglichst hohe Siegpunktzahl, die am Ende jedes Spiels den Gewinner bestimmt. In der digitalen Version des Board-Games steht euch aktuell nur das Basis-Set mit insgesamt 170 Vogelkarten zur Verfügung. Von diesem Deck erhalten alle Spieler am Anfang des Spiels bis zu fünf Karten. Wer sich für weniger Handkarten entscheidet, darf sich stattdessen eine entsprechende Anzahl Futtermarken einer beliebigen Art aus dem Vogelhaus, einem gemeinschaftlich geteilten Futter-Pool, aussuchen. Danach kann das fröhliche Vögeln beginnen!
Im Wasser-Habitat können wir neue Vogelkarten ziehen oder Wasservögel ausspielen. Hier haben wir die Wahl zwischen dem Ziehen einer offenen oder einer verdeckten Karte.  Quelle: PC Games Im Wasser-Habitat können wir neue Vogelkarten ziehen oder Wasservögel ausspielen. Hier haben wir die Wahl zwischen dem Ziehen einer offenen oder einer verdeckten Karte.  Jedes Spiel besteht aus vier Runden mit insgesamt 26 Zügen, in denen ihr jeweils eine der vier möglichen Aktionen ausüben dürft. Unsere Züge finden dabei auf einem separaten Spielfeld statt, welches aus drei Habitaten besteht. Jede Aktion ist an ein bestimmtes Habitat geknüpft. Gemäß der Brettspiel-Vorlage könnt ihr dort entweder einen neuen Vogel in das für ihn vorgesehene Habitat aussetzen, Vogelfutter sammeln, Eier legen (lassen) oder weitere Vogelkarten ziehen. Die sammelbaren Ressourcen stehen dabei im engen Zusammenhang. So könnt ihr beispielsweise nur dann neue Vögel in ein passendes Habitat setzen, wenn ihr im Besitz einer Vogelkarte seid und genügend Futter sowie Eier besitzt, mit denen ihr den Platz für das auserwählte Federvieh bezahlen könnt. Je mehr Vögel ihr in einem Habitat besitzt, desto mehr Ressourcen erhaltet ihr durch das Ausführen der Aktionen. Am wichtigsten sind jedoch die Fähigkeiten eurer gefiederten Gefährten, denn sie ermöglichen auf unterschiedliche Art und Weise den Zugang zu zusätzlichen Vorräten oder Siegpunkten. Unsere Symbiose mit den Piepmätzen dient also dem gezielten Sammeln gewinnbringender Ressourcen und ist somit kein reiner Akt der Nächstenliebe.

Da es im Detail noch viele weitere Mechaniken zu beachten gibt, waren wir sehr dankbar für das äußerst aufschlussreiche Tutorial. Trotz der überwältigenden Informationsflut geht uns das Spielprinzip nach kürzester Zeit instinktiv von der Hand. Der natürlich-routinierte Spielablauf wird zusätzlich durch die Hervorhebung aller aktuell ausspielbarer Karten unterstützt. Weniger reibungslos fühlt sich allerdings das Anwählen einzelner Handkarten an. Statt einem anmutig gleitenden Wechsel zwischen den anvisierten Vogelkarten erwartet uns hier eher die haptische Eleganz eines tölpelhaften Pinguins.

Die Übersicht zeigt alle belegten und freien Plätze in unseren Habitaten und ermöglicht dadurch das Planen weiterer schlauer Schachzüge. Quelle: PC Games Die Übersicht zeigt alle belegten und freien Plätze in unseren Habitaten und ermöglicht dadurch das Planen weiterer schlauer Schachzüge. Dennoch ist das digitale Brettspiel seinem analogen Vorbild in Punkto Übersichtlichkeit einige Flügelschläge voraus. Futtermarken, Karten und Eier liegen nicht mehr kreuz und quer um das Spielfeld verteilt und die drei Aktionsbereiche sind gut strukturiert und getrennt voneinander anwählbar. Wollt ihr eure Lebensräume gesammelt unter die Lupe nehmen, könnt ihr eine Übersicht aufrufen, die euch in Vogelperspektive einen Überblick über euren derzeitigen Fortschritt ermöglicht. Vor allem für faule Vogel-Fans ergibt sich dadurch ein weiterer Vorteil, denn in der Adaption sind weder Auf- noch Abbau nötig. Auch organisatorische Prozesse, wie etwa das mühselige Punktezählen am Ende jeder Runde geschehen in Wingspan voll automatisiert. Dadurch mussten wir weniger auf unbedeutende Spielelemente achten und konnten uns voll und ganz auf die Ausführung unserer federfesten Strategie konzentrieren.

Gemeinsam einsam

Im Wald-Habitat können wir Futter für unsere Vögel sammeln oder Waldvögel ausspielen. Nehmen wir Futter aus dem Häuschen, stehlen wir es dadurch auch unserer Konkurrenz. Quelle: PC Games Im Wald-Habitat können wir Futter für unsere Vögel sammeln oder Waldvögel ausspielen. Nehmen wir Futter aus dem Häuschen, stehlen wir es dadurch auch unserer Konkurrenz. Wer Wingspan (jetzt kaufen ) mit einem Schwarm voller Freunde oder online gegen anonyme Kauze spielen möchte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass es nur wenig interaktives Gameplay zwischen den Mitspielern gibt. Jeder der zwei bis fünf Kontrahenten hat seine eigenen Habitate, die er innerhalb der durchschnittlichen Spielzeit von einer knappen Stunde ungestört vom Rest der Konkurrenz mit vielerlei Vögeln füllt. Da ihr mit eurem Grüppchen Hobby-Ornithologen nicht an einem überschaubaren Tisch sitzt, müsst ihr in der digitalen Version des Brettspiels die Boards aller Beteiligten separat auszuspionieren, um eventuelle Maßnahmen gegen ihre Strategien zu ergreifen. Das Gras ist ja bekanntlich in anderen Habitaten grüner. Besonders hohes toxisches Potenzial bietet übrigens das gezielte Vor-der-Nase-wegschnappen von gemeinsamen Ressourcen, wie Futter oder Vogelkarten. In einem Anfall von niederträchtigem Nistplatzneid könnt ihr dem Gegenspieler etwa den letzten Wurm aus dem Vogelhaus klauen, den er dringend für die Fähigkeit eines Flattermanns benötigt hätte. Generell ist Wingspan aber kein Spiel bei dem sich Gegner an die Gurgel gehen. Leider macht sich diese fehlende Interaktion besonders in der virtuellen Vogelwelt bemerkbar. Hier sitzen wir weit mehr als eine Flügelspannweite von unseren Spielpartnern entfernt und können uns nach einer diebischen Elster-Aktion nicht am Entgleiten ihrer Gesichtszüge ergötzen.

Unsere einzige Belohnung nach einem Sieg: Eine Zusammenfassung unserer ergatterten Punkte. Immerhin werden diese mit den Leistungen unserer Gegner verglichen. Quelle: PC Games Unsere einzige Belohnung nach einem Sieg: Eine Zusammenfassung unserer ergatterten Punkte. Immerhin werden diese mit den Leistungen unserer Gegner verglichen. Dieser Verlust des Gemeinschaftsaspekts hat gleichzeitig eine sinkende Gewinnmotivation zur Folge. Da es kein Rangsystem gibt, mit dem wir den unbekannten Gegnern unser beflügelndes Überlegenheitsgefühl ins Gesicht drücken können, bleiben wir mit der unbefriedigenden Stimmung eines unbelohnten Sieges auf der Strecke. Kleine Lichtblicke versuchen die Langzeitmotivation der virtuelle Vogelwiese aufzuhellen - leider ohne positives Ergebnis. Oder glaubt ihr, dass das Sammeln der bereits ausgespielten Vogelkarten in einer Art digitalem Stickerheft oder die 31 Steam Erfolge zu einem langanhaltenden Spielspaß beitragen? Nein, Wingspan scheint auch in der Videospiel-Version eher für den kurzfristigen Gebrauch in der Gemeinschaft gestaltet zu sein. Diese Nische erfüllt es dafür mit seinen individuellen Lobbys unglaublich gut. Wir hätten uns dennoch einen stärkeren kompetitiven Fokus gewünscht.

Ein naturnahes Spektakel

Ihr liegt an einem sonnigen Tag auf einer grünen Wiese, der Duft von frischen Frühlingsblumen steigt euch in die Nase, während im Hintergrund verschiedene Vögel ihre Melodien zwitschern - so in etwa könnt ihr euch die Atmosphäre von Wingspan vorstellen. Das unaufgeregte Thema und die mit Vogelgesang untermalte Melodie versprühen eine harmonische, ja fast schon meditative Stimmung. Besonders beruhigend wirkt der mit Pastellfarben verfeinerte, skizzenartige Stil der naturnahen Zeichnungen. Entwickler Monster Couch haucht der ohnehin schon realistisch anmutenden Optik mit entzückenden Animationen zusätzliches Leben ein.

Nach dem Prinzip 'Catch 'em all' fügen wir bereits ausgespielte Vogelkarten unserem Index hinzu. Hier können wir verweilen und ein wenig unnützes Vogel-Wissen in uns aufsaugen. Quelle: PC Games Nach dem Prinzip "Catch 'em all" fügen wir bereits ausgespielte Vogelkarten unserem Index hinzu. Hier können wir verweilen und ein wenig unnützes Vogel-Wissen in uns aufsaugen. Spielen wir eine der bezaubernden Karten aus, wird uns ein interessanter Fakt zum jeweiligen Vogel von einer englischsprachigen Synchronsprecherin vorgetragen. Alle im Spiel genannten oder auf den Kärtchen abgebildeten Vogel-Fakten, darunter auch die namensgebende Flügelspanne (Englisch: Wingspan), bieten lehrreiche und überraschend akkurate Einblicke in die Welt der einzelnen Vogelarten. Auch die zum Teil sehr naturgetreuen Fähigkeiten der geflügelten Tiere gliedern sich gut ins Gameplay ein. So erhält der Rabengeier zum Beispiel Futtermarken, sobald ein gegnerischer Raubvogel Beute fängt. Leider sind nicht alle Karten so genau auf ihr lebendiges Vorbild abgestimmt und viele Effekte ähneln einander. Ein wenig mehr Individualität im Fähigkeiten-Pool hätte der Fauna von Flügelschlag sicher nicht geschadet.

Wer nun selbst zum virtuellen Vogel-Beobachter werden will, kann sich Wingspan auf Steam für einen aktuellen Vollpreis von ca. 20 Euro zulegen. Auch für die Nintendo Switch soll das entspannende Kartenspiel erscheinen. Ein Release-Termin steht hier allerdings noch nicht fest.

Meinung und Wertung

Meinung

Wertung zu Wingspan (PC)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
Hilfreiches TutorialSteile LernkurveGute Übersichtlichkeit auf dem digitalen SpielbrettAutomatisierte Prozesse erleichtern den SpielablaufRealistische Optik, entspannende AtmosphäreFähigkeiten passen oft zu den Eigenschaften der jeweiligen Vogelart
Anwählen der Handkarten fühlt sich unsauber anWenig Interaktionsmöglichkeiten mit GegenspielernVogelfähigkeiten wiederholen sichKeine großartigen Neuerungen in der digitalen Version
Fazit

Eine gelungene Brettspiel-Adaption, die jedoch nicht viel Neues zu bieten hat.

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