World's End Club im Test: Japanreise mit Hindernissen
Test
Man setze den kreativen Kopf hinter Danganronpa und den Schreiber der Zero Escape-Reihe in einen Raum, schließe die Tür ab, warte ein paar Stunden und heraus kommt: World's End Club. Das Survival-Game-Setup und die durchgemischte Bande an Schülern wirkt jedenfalls sehr vielversprechend. Aber sorgen die Unterschiede zu den Inspirationen vielleicht für verpasstes Potenzial? Die Antwort gibt's in unserem Test, dafür braucht ihr keine Sherlock-Holmes-Kombinationsgabe, versprochen!
Wenn der kreative Kopf hinter Danganronpa und der Schreiber der Zero Escape-Reihe sich zusammensetzen, um ein Spiel auf die Beine zu stellen, dann zittern Murder-Mystery-Fans wohl schon vor Vorfreude. Und man merkt World's End Club seine Wurzeln durchaus an, das Setup und die bunte Truppe beweisen das mit jeder Faser. Doch wer einen Blick in die Krone des metaphorischen Baums wirft, könnte von den teils gravierenden Eigenheiten überrascht werden. Sorgen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den Herkunftswerken für spannende Mystery-Unterhaltung oder für weggeworfenes Potenzial?
Spoilerwarnung:
Dieser Test nimmt ein Ereignis relativ zu Beginn des Spiels vorweg, weil das Wissen darüber für die Geschichte und das Gameplay des Spiels elementar ist. Solltet ihr bestimmte Trailer oder die Ankündigung in der Nintendo Direct im Februar gesehen haben, wisst ihr über dieses Ereignis aber ohnehin schon bescheid und könnt beruhigt weiterlesen.
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Chaotische Klassenfahrt
Quelle: PC Games
Der Unterwasser-Vergnügungspark verzaubert durch seine Attraktionen und Meerestiere. Doch die Lage ist ernst. Damit die Freunde nicht baden gehen, heißt es, einen kühlen Kopf bewahren.
Ein Klassenausflug nach Kamakura läuft leider gänzlich anders als geplant. Während die zwölf Schüler, bekannt unter dem Namen Go-Getters-Club, in der einen Minute noch einen abgefahrenen Film im Bus genießen, kommt es in der nächsten zu einem Meteoriten-Einschlag, bei dem der Bus samt Inhalt den Asphalt der Straße unter den Reifen verliert. Als Protagonist Reycho und seine Klassenkameraden wieder ihr Bewusstsein erlangen, finden sie sich in einem Unterwasser-Vergnügungspark wieder. Von Lehrer und Busfahrer keine Spur, werden die Schüler von einem rätselhaften Wesen namens Pielope zu einem Survival-Spiel aufgefordert.
Doch die Gefangenschaft in den Klauen von Pielope ist nur von kurzer Dauer. Nachdem die Schüler das traumatisierende Setup des Unterwasser-Vergnügungsparks überstanden haben, wechselt sowohl der Ort als auch der Ton des Spiels. Denn die Kids stellen fest, dass sie sich in Kagoshima befinden, 12.000 Kilometer von ihrer Heimat Tokio entfernt. Um dorthin zurückzukehren, folgt eine Reise quer durch ein vermeintlich postapokalyptisches Japan, bei der sich dem Go-Getters-Club schon bald einige Fragen in den Weg stellen: Wieso liegen alle Städte in Trümmern? Wohin sind die Menschen verschwunden? Und was hatte es mit dem seltsamen Survival-Game auf sich?
Quelle: PC Games
Kagoshima!? Wie ist die Bande denn da gelandet? Fest steht: Um von hier nach Tokio zu kommen, steht ein ganz schöner Gewaltmarsch an.
Auch wenn World's End Club (jetzt kaufen 54,31 € ) ein bisschen kindgerechter als seine Spiele-Geschwister ist - wie man schon an der Altersfreigabe ab 12 ablesen kann -, bedient sich die Geschichte ernster Inhalte und wartet mit wilden Wendungen auf. Dabei wechseln sich düstere und hoffnungsvolle Momente ab und greifen wie narrative Zahnräder ineinander. Klassische Themen wie Freundschaft und Zusammenhalt geben sich hier unter anderem mit Trauer und Verlust die Hand.
Quelle: PC Games
Die Karte zeigt euch, wo ihr euch gerade befindet, der Strang unten, was euch als nächstes erwartet. Praktisch!
Auf eurer Reise durch Japan müsst ihr außerdem ab und zu Entscheidungen treffen, die maßgeblich den Verlauf der Geschichte und eure Begegnungen beeinflussen. Wollt ihr die Story in all ihren Facetten erleben und verstehen, solltet ihr nach Abschluss unbedingt zurückkehren und jeweils die Kehrseite eurer getroffenen Entscheidungen spielen. Dies ist dank Kapitelauswahl vollkommen problemlos und ohne Mehraufwand möglich.
Plumpe Plattform-Passagen ...
Wer aufgrund der Anleihen an Danganronpa und Zero Escape gedacht hat, World's End Club wäre eine Visual Novel mit Detektiv-mäßigen Rätseln, liegt zumindest halb richtig. Eine Visual Novel ist es nämlich auf jeden Fall. Anstatt dass ihr Tatorte untersucht und Hinweise kombiniert, erwarten euch aber seichte 2D-Jump'n'Run-Passagen, dessen Rätselgehalt auf ein absolutes Minimum reduziert worden ist.
Quelle: PC Games
Level-Up: Nach und nach entfalten die Schüler ihr volles Potential und erlangen mächtige Fähigkeiten, wie etwa ... äh ... Dinge werfen!
Nach und nach erwachen in euren Charakteren Spezialfähigkeiten, die dann in diesen Spielabschnitten zum Einsatz kommen. Einer der Schüler kann beispielsweise Gegenstände mit hoher Geschwindigkeit werfen und muss so Schalter aktivieren und Gegner vertreiben, während eine andere mit ihrem Chili-Atem Eisblöcke schmilzt. Durch die verschiedenen Talente der Schüler ist zwar für Abwechslung gesorgt, das Attribut kindgerecht verdient sich World's End Club aber vor allem durch sein Gameplay.
Quelle: PC Games
Mich beschleicht, sie sind seicht: Die Plattform-Passagen sind selbst für Jump&Run-Muffel wirklich keine Herausforderung.
Die Plattform-Passagen sind extrem simpel gehalten, die kaum vorhandenen Rätsel schon auf den ersten Blick offensichtlich. Hinzu kommt die auffällige Linearität der Level, wodurch kaum Erkundung möglich ist. Es sind zwar einige Sammelgegenstände in Form von Stickern verstreut, die liegen aber beinahe alle auf dem vorgegebenen Weg. Ab und zu lockert außerdem ein cool inszenierter Bosskampf das sonst stumpfe Gameplay auf, die leiden aber ebenfalls unter der extremen spielerischen Schlichtheit.
... und verlockende Visual Novel-Elemente
Zugegebenermaßen: World's End Club ist primär eine Visual Novel, die von den, trotz einiger Klischees, sympathischen Charakteren und der spannenden Geschichte lebt. Auch weil die Gameplay-Passagen nicht überwiegen, sondern größtenteils sparsam eingesetzt werden, ist das spielerisch wenig komplexe Gerüst zu verschmerzen. Wer aber auf eine Detektiv-Geschichte mit kniffligen Kopfnüssen hofft, dürfte von World's End Club enttäuscht werden.
Quelle: PC Games
Unter dem kaum bewölkten Sternenhimmel und am Lagerfeuer quatscht es sich doch am besten. Hier könnt ihr mehr über eure Klassenkameraden erfahren.
Neben den 2D-Passagen lest ihr euch also vor allem durch das Spiel. Dabei wird noch einmal zwischen Story-Versatzstücken und Camping-Pausen unterschieden. In ersteren findet logischerweise die Geschichte statt, in der ihr euch durch Japan bewegt und den offenen Fragen auf den Grund geht. Bei den Camping-Pausen habt ihr die Gelegenheit, mit jedem der Charaktere zu sprechen, meist zu zweit, manchmal aber auch zu dritt. Hier erfahrt ihr mehr über die Eigenschaften der Schüler, ihre Motivationen, Träume und was sie sonst so beschäftigt, wenn ihnen nicht gerade die Füße weh tun oder der Magen knurrt. Trotz eher simplen Dialogen und einigen Wortwiederholungen sind die Texte lebhaft geschrieben und bringen euch die Figuren Stück für Stück näher.
Quelle: PC Games
Design, das begeistert: Obwohl jeder der Charaktere so unterschiedlich aussieht, ergibt die bunte Truppe ein überaus stimmiges Gesamtbild.
Kunstvolle Charakter-Designs
Eine der größten Stärken des Spiels sind wohl die ausgefallenen und kreativen Designs der verschiedenen Charaktere. Jeder der Schüler trägt ein einzigartiges Outfit, das ihn vom Rest der Gruppe abhebt und gleichzeitig mit den anderen harmoniert. Dadurch ergibt die Gruppe ein stimmiges und farbenfrohes Gesamtbild, wobei trotzdem jeder der einzelnen Charaktere für sich gesehen glänzen kann. Wer glaubt, ein Déjà-vu zu erleben, liegt gar nicht mal so falsch: Für die Gestaltung der Figuren ist nämlich Artdesignerin Take alias Takegarou verantwortlich, deren Charakter-Designs Pokémon-Fans vor allem aus Pokémon Sonne und Mond sowie Pokémon Schwert und Schild bekannt vorkommen dürften.
Quelle: PC Games
Die Hintergründe sind weniger stilisiert als die Figuren und ergeben so einen schönen Kontrast. Auch die Mischung aus Ruinen und wildem Gewächs passt, obwohl die natürlich keinen Innovationspreis gewinnt.
Die Hintergründe setzen sich etwas vom cartoonisierten Stil der Figuren ab, weil sie um einiges realistischer gehalten sind. Der Mix aus urbanen Ruinen japanischer Städte mit wuchernden Wildpflanzen sowie zahlreiche andere Umgebungen, wie etwa Schneelandschaften oder das Meer bei Mondschein sorgen für Abwechslung und bieten eine tolle Kulisse für die Reise quer durchs Land. In eine ähnliche Schiene fallen die Gegner- und Boss-Designs, die zwar nicht annähernd realistisch wirken, sich aber durch ihr abgefahrenes Aussehen von den stilisierten Charakteren abheben.
Vollständig vertont
World's End Club legt einen gelungenen und abwechslungsreichen Soundtrack an den Tag, der die fröhlich-düsteren Kontraste der Geschichte gut einfängt. Auch das Main-Theme des Go-Getters-Clubs ist ein echter Ohrwurm. Die Synchro gibt's wahlweise auf Englisch oder Japanisch, wobei beide eine gute Figur abgeben und die verschiedenen Persönlichkeiten der Figuren überzeugend dargestellt werden. Besonders lobenswert: Jede einzelne Dialogzeile ist vertont, was das Spiel angenehm lebhaft macht. Angesichts der Spieldauer von circa 15 Stunden ist das keine Selbstverständlichkeit.
Habt ihr mal was übersprungen, könnt ihr den Dialog unter dem entsprechenden Menüpunkt übrigens jederzeit nochmal nachlesen oder euch erneut vorsprechen lassen. Darüber hinaus gibt es eine Funktion, die die Texte automatisch weiterlaufen lässt, sodass ihr euch zum Lesen zurücklehnen könnt. Leider orientiert sich die aber am geschriebenen und nicht am gesprochenen Text, sodass die Charaktere nicht zum Ausreden kommen. Schade, denn die Möglichkeit, sich die Textpassagen wie ein Hörbuch einzuverleiben, wäre eigentlich eine super Sache gewesen.
Quelle: PC Games
Der Lebensretter Lifeguard mag den jungen Hüpfern im Spiel Energie geben, die Person vor dem Bildschirm wird die überaus penetrante Werbung aber schnell ermüden.
Vor der deutschen Übersetzung kann euch auch Lifeguard nicht retten
Quelle: PC Games
Die ohnehin schon holprige und oftmals seltsam anmutende deutsche Übersetzung leidet noch zusätzlich unter einigen Rechtschreib- und Grammatikfehlern.
Wenn sich beim Spielen von World's End Club eure trockene Kehle bemerkbar macht und ihr unstillbaren Durst auf einen Energy-Drink namens Lifeguard bekommt, dann seid ihr der mehr als aufdringlichen Werbung im Spiel zum Opfer gefallen. Kein Wunder: Anscheinend gab es eine Kollaboration mit dem Hersteller des Zuckergetränks, weshalb euch die Schüler alle Nase lang eine Lifeguard-Flasche ins Gesicht drücken und penetrant verkünden, wie erfrischend das Zeug doch sei. Auch wenn das Spiel kein Vollpreistitel ist, hat derart dominantes Marketing nichts in einem bezahlten Spiel zu suchen. Zumal das Getränk fehlplatziert wirkt und stets mit einem Werbeslogan angepriesen wird, der nicht ansatzweise in das Geschehen passt.
Wer Englisch beherrscht, sollte die Texte außerdem entsprechend einstellen. Die Dialoge sind, wie bereits erwähnt, recht simpel gehalten und daher auch für Nicht-Profis gut verständlich. So weicht ihr nämlich der miesen deutschen Übersetzung der Texte aus. Die hat nicht nur einige unpassende Formulierungen, sondern enthält auch eine nicht unwesentliche Menge an Rechtschreib-, Grammatik und Zeichenfehlern. Zwischendurch siezen sich die Charaktere außerdem plötzlich, was zwischen zehnjährigen Schülern wohl kaum üblich ist, und somit auch der schlechten Übersetzungsarbeit zugeschrieben werden kann. Schön, dass ein eher kleineres Spiel wie World's End Club mit deutschen Texten daherkommt, aber zu welchem Preis?
World's End Club erscheint am 28. Mai für die Nintendo Switch und wird digital 39,99€ kosten. Die Retailversion beläuft sich auf 49,99€ und hat einige kleinere Goodies im Gepäck. Solltet ihr euch noch unsicher sein, ob die Reise des Go-Getters-Club durch Japan was für euch ist, könnt ihr ja einfach mal in die Demo reinschnuppern.
