Beyond: Two Souls im Test: Cineastischer Stil | Probleme mit dem Drehbuch

Test Alexander Winkel

Mit Beyond: Two Souls hinterlässt Designer und Visionär David Cage ein beeindruckendes Werk. Er verknüpft Videospiele und Filme. Mit dabei sind unter anderem Ellen Page und Willem Dafoe. Sie bringen ihre Hollywood-Erfahrung in die mysteriöse, unheimliche und dennoch actiongeladene Geschichte um Jodie und Aiden ein. Film oder nicht: Kann das neue Quantic Dream Werk einen würdigen Schlussstrich unter die endende PS3-Ära setzen?

Die Kameraperspektiven tragen übrigens auch ihren Teil dazu bei, dass man sich viel mehr an ein Actionkino als an ein klassisches Videospiel erinnert fühlt. Zu keinem Zeitpunkt wirkt die Beleuchtung falsch, das Auftreten mechanisch oder die Action ins falsche Licht gerückt. Spiel und Film verschmelzen und die Übergänge sind derart flüssig, dass nur selten etwas zu bemerken ist. Bisweilen schafft es Beyond: Two Souls sogar einen derart einzuwickeln und völlig unerwartet mit "Jumpscares" zu Tode zu erschrecken. Besser als jeder moderne Horrorstreifen, obwohl sich der Titel eher als Action-Drama klassifizieren möchte. Diese aufwändige und grandiose Inszenierung ist mit Sicherheit auch der Erfahrung der Schauspieler zu verdanken. Herauszuheben ist allen voran Ellen Page. Sie verkörpert die Protagonistin, spielt jede Situation glaubhaft und lässt uns somit am Leben der gepeinigten Jodie teilhaben. Willam Dafoe kann sein volles Talent leider nicht ganz ausspielen, da er handlungsbedingt zu sehr in den Hintergrund rückt. Ein weiterer Fehler, den David Cage begeht. Die tatsächliche Beziehung zwischen Jodie und dem Ziehvater Nathan Dawkins kann sich aufgrund der zerstückelten Erzählweise und zu kurz gekommener Sequenzen mit dem innerlich zerfressenen Mann nicht wirklich entfalten.

Beyond: Two Souls im Test: Entscheidungen treffen Spieler in solchen interaktiven Szenen. Quelle: play³ Beyond: Two Souls im Test: Entscheidungen treffen Spieler in solchen interaktiven Szenen. Bei all der Pracht muss man aber auch zugeben, dass es hier und da durchaus technische Mängel wie Kantenflimmern oder Ruckler gibt. Insgesamt präsentiert Sony aber eine grandiose, filmreife Darbietung, die ihresgleichen sucht. Um eine derartige Inszenierung aufrecht zu halten wurden die Spielelemente auf ein Minimum reduziert. In den zahlreichen Actionsequenzen rennt ihr durch die extrem aufwendig gestalteten Gebiete, wie etwa einem unterirdischen Forschungslabor oder über das Dach eines fahrenden Zuges. Es fühlt sich aber wie vom roten Faden gezogen an. Außer Atem ist nicht nur Jodie, denn der Spieler muss Gegenständen ausweichen, Abgründe überwinden oder dabei hitzige Gefechte mit Angreifern führen. Auch Ballerorgien in den umkämpfen Zentren einer somalischen Stadt gehören an die Tagesordnung, wobei sich Jodie gern wie Sam Fischer an die Feinde heran schleicht und diese leise ausschaltet. Das Geschehen wird in solchen Momenten stark verlangsamt und anhand von Jodies Bewegung muss man erkennen, wie der rechte analoge Stick zu bewegen ist. Entweder bekommt sie ordentlich eine gebraten oder aber teilt selber genüsslich Backpfeifen aus.

Doch diese Sequenzen bleiben alle mehr oder weniger ohne Konsequenzen. Kann Jodie den Abgrund nicht übersprungen, klammert sie sich irgendwie noch fest und wir müssen uns hoch ziehen. Steckt man im Kampf nur ein, kommt man halt mit einigen Blessuren mehr davon. Ein Game Over gibt es nicht. An vielen Stellen kann man gar den Controller auf die Seite legen und einfach das Spektakel genießen. Dadurch wird Jodie vielleicht schneller von den Beamten gefasst oder verliert schneller das Bewusstsein und der eine oder andere zusätzliche Abschnitt bleibt dem Spieler verwehrt. Im Großen und Ganzen hat dies aber nur kaum Einfluss auf das Abenteuer. Doch ganz so einfach lässt uns David Cage natürlich nicht davon kommen. Oft muss der Spieler Entscheidungen treffen, die kurzzeitig zu alternativen Pfaden führen. Nur selten haben diese Szenen Auswirkungen auf eines der zahlreichen Enden. Wirklich ernst wird es erst in den letzten Spielstunden, in denen es für Jodie und ihre Freunde ans Eingemachte geht.

Das sadistische Spiel mit Aiden

Beyond: Two Souls im Test: Romantik und Emotionen sind ein Teil von Cages Narration. Quelle: play³ Beyond: Two Souls im Test: Romantik und Emotionen sind ein Teil von Cages Narration. Abseits der wirklich spannend inszenierten Actionsequenzen geht es meist eher gemächlich her. Treiben keine Explosionen oder wilde Monster das Adrenalin in unsere Blutbahnen, kommt auch endlich etwas mehr Spiel auf. Denn Jodie muss mit ihrer Welt interagieren, Konversationen führen und dabei nicht selten Entscheidungen treffen. Sobald der rote Faden zugunsten der Bewegungsfreiheit fallen gelassen wird und Jodie vogelfreie durch ihre Umgebung stolzieren darf, wird die Handhabe aber etwas holprig. Die Interaktion mit der Umgebung ist im Gegensatz zum Vorgänger Heavy Rain wesentlich intuitiver. Für eine kurze Dusche muss man sich nicht mit zig Tastenkombinationen aufhalten, damit sich Jodie entkleidet und das Wasser anstellt. Ein kurzes Tippen des analogen Sticks in Richtung eines dezent markierten Objektes reicht aus, um eine flüssige Sequenz zu starten, in der sie sich im heißen Wasser aalt, Bücher liest, ein tolles Gericht in der Küche zaubert oder andere Objekte begutachtet. Nur die Bewegung durch enge, zugestellte Innenräume ist alles andere als gelungen. Nicht selten bleibt sie an irgendwelchen Gegenständen hängen oder verläuft sich, da die häufigen Kameraschwenks einen völlig aus der Bahn werfen. Wohin wollten wir eben? Achja, raus aus dem Zimmer und nicht wieder ins Bett!

Beyond: Two Souls im Test (10) Quelle: Quantic Dream Beyond: Two Souls im Test (10) Geschickt werfen uns die Entwickler in verschiedene Situationen, die eine unglaublich interessante spielerische Freiheit bieten. Aushängeschild soll mal wieder die Teenager-Party sein. Wohl wissend dass wir als Außenseiter zugegen sind, kann Jodie mit etwas Geschick einen netten Jungen für sich gewinnen. Doch sobald Aiden seinen Fähigkeiten freien Lauf lässt, ist es um den Frieden geschehen. Die Kids stecken Jodie gewalttätig in den Schrank und sperren sie ein! Natürlich kein Problem, auch wenn Tränen fließen, denn wir können nahezu jederzeit in die Haut von Aiden schlüpfen. Der kann sich in einem gewissen Radius frei und durch Wände und Türen hindurch bewegen und allerlei anstellen. Damit ist die Tür des Gefängnisses schnell geöffnet und wir können entscheiden: Wollen wir uns an den mobbenden Teenagern rächen? Aiden kann sie mit Tischen und Stühlen bewerfen und sogar handgreiflich werden. In solchen Situationen hört der mysteriöse Geist auf unsere Entscheidungen. Dadurch entstehen immer wieder interessante Momente, welche entfernt an Denkaufgaben erinnern. Doch wollen wir derartige Teufeleien wirklich auf unser Gewissen nehmen? Anderweitig ist das Thema schnell gegessen: Wir müssen Türen öffnen und Wachen ablenken und Aiden kann auf Knopfdruck sogar die Kontrolle über andere Menschen übernehmen. So gelangt Jodie an vorher unzugängliche Orte und Beyond liefert uns zumindest in recht schmeichelhafter Form ein paar Rätsel.

Aiden ist wie ein Bruder, aber auch ein fremdes Wesen, das Jodie nicht selten an den Rand des Wahnsinns treibt. Wie würdet ihr mit der Situation umgehen, wenn ständig ein Geist im Schatten eures Daseins steht und sich beständig in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen? Zum Beispiel Beziehungen mit anderen Mitmenschen, die man gern hat? Da kann so ein eifersüchtiges aber unsichtbares und unantastbares Wesen ziemlich viel Nerven kosten. Quantic Dream und David Cage versuchen den Spieler teilhaben zu lassen bei dieser Frage und auch, was den Tod an sich betrifft. Nicht umsonst schockiert man den Spieler immer und immer wieder mit unheimlichen Szenen, die uns an Poltergeist oder andere Horrorstreifen erinnern, obwohl es eigentlich eher ein menschliches Drama ist, welches wir in den gut zehn Stunden Spielzeit erleben.

Meinungen

Wertung zu Beyond: Two Souls (PS3)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
grandiose Atmosphäre im garantiert beeindruckendem Kinoformatgewaltige Bildtechnik die Film und Spiel verschmelzen lässtgrandios gespielte Haupt- und Nebendarstellerallen voran gilt das Lob Ellen Page, die Jodie grandios spieltperfekt harmonierende Musik aus der Feder von Hans Zimmeroriginal Synchronsprecher übernehmen die gelungenen Dialogeüberarbeitete kontextsensitive Steuerung wesentlich intuitiver als noch in Heavy Raineinige krasse Entscheidungen spielen mit den Emotionen des Spielers
verwirrende Art des Storytellings mit Bruchstücken und wirren Zeitsprüngenwer genau hinschaut, findet auch einige fragwürdige Story-Probleme und nicht konsequent durchgezogene Entscheidungendie großen Hoffnungen der Story werden mit einem mäßigen Showdown enttäuschtNathan Dawkins, Ziehvater von Jodie, wird viel zu oberflächlich beschriebensomit kommt Willem Dafoe eher nur mäßig zur Geltungabsolut anspruchsloses Gameplay ohne Konsequenzen (nunja, es ist ja auch mehr Film als Spiel)nicht jede Kameraperspektive ist optimal zu spielen, sieht halt nur gut auseinige technische Mängel trotz Bombastgrafik wie Kantenflimmern und Ladehemmungen gibt es dennoch zu bemängeln

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