Conker's Bad Fur Day: Das Nintendo-64-Ausnahmespiel im großen Retro-Special
Special
Wenn es ein einziges Spiel für das Nintendo 64 gibt, das am ehesten stark aus der Reihe der sehr familienfreundlichen Bibliothek der Konsole fällt,- welches wäre das wohl? Unserer Meinung nach kann es da nur eine richtige Antwort geben: Conker's Bad Fur Day! Wir stellen den Rare-Klassiker fürs Nintendo 64 im Retro-Special ausführlich vor.
Welches Game erschien am 6. April 2001, also sehr spät im Lebenszyklus des Nintendo 64, für ebendiese Konsole? Wurde entwickelt von Rare und vertrieben vom damaligen THQ? Und war allein schon mit einer Altersempfehlung (damals war das noch nicht rechtlich bindend) von 16 Jahren eine Besonderheit im sonst auffallend familienfreundlichen Katalog der N64-Spiele? Na klar, das war Conker's Bad Fur Day!
In diesem Artikel
Entwicklungsgeschichte
Schon die Entwicklungsgeschichte des Spiels ist besonders und unterscheidet sich von den Entwicklungsverläufen der meisten anderen Spiele, sicher aber von allen anderen Projekten des britischen Entwicklerstudios. Ursprünglich sollte Bad Fur Day als "Twelve Tales - Conker 64" erscheinen, der Arbeitstitel war indes "Conker's Quest". Eingeführt wurde das Eichhörnchen als spielbare Figur bereits 1997 erstmals in Diddy Kong Racing, 1999 wiederum erschien mit Conker's Pocket Tales ein kindgerechtes, knuffiges, liebes und sehr familienfreundliches Abenteuer der Reihe für den Game Boy Color. Gleiches hatte man mit Conker 64 vor, eigentlich wollte Rare ein harmloses Jump&Run-Spiel für das Nintendo 64 entwickeln. Bei der ersten Vorstellung vor der Presse bekam dieser Prototyp aber sein Fett ordentlich weg.
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Die Reaktionen waren deutlich kritischer, als Rare es im Vorfeld erwartet hatte. Der Hauptkritikpunkt: Es gab zu dem Zeitpunkt bereits zahlreiche und damit mehr als genügend solcher kindgerechten Hüpfspiele für das Nintendo 64. Dieser spezielle Markt erschien also gesättigt und vielerorts hatte man das Image des N64 als "Kinderspielzeug" ohnehin satt. Doch Rare wäre nicht Rare, hätte man sich dieser harschen Kritik nicht angenommen und etwas völlig Unerwartetes daraus gemacht. Man überarbeitete das Spiel von Grund auf und präsentierte es dann unter dem späteren Titel Conker's Bad Fur Day erneut - und die Spielewelt war erst mal schockiert!
Der neue Conker
In der neuen Version wurde Conker nämlich vom knuffigen lieben Eichhörnchen auf einmal zu einem Trinker, der sich die Nächte im Vollrausch mit seinen Kumpels in Kneipen um die Ohren schlägt, Leute anpöbelt, flucht und obendrein auch noch seine Freundin belügt und vernachlässigt. Dabei macht er sich viele Feinde. Das neue Spiel beinhaltet zahlreiche humorvolle Anspielungen an die Popkultur der damaligen Zeit, unter anderem an die bekannten Filme und Klassiker Matrix, Saving Private Ryan, Clockwork Orange, Terminator, Der Zauberer von Oz, Star Wars, Reservoire Dogs, Bram Stoker's Dracula und viele mehr. Doch mal alle Hintergrundgeschichten beiseite: Um was geht es eigentlich bei Conker's Bad Fur Day?
Quelle: PC Games
Conker teilt mit der Kettensäge das ikonische N64-Logo entzwei. Schon direkt nach Spielstart wird dadurch klar: Das hier ist kein typisches Nintendo-Spiel!
Die Story
Nach einer durchzechten Nacht in der Kneipe wacht der Anti-Held Conker stark verkatert im Nirgendwo auf, weit entfernt von seinem Zuhause und kann sich an nichts mehr erinnern - verschwunden im Delirium des ausschweifenden Alkoholkonsums sind seine Erinnerungen. Schnell realisiert er, dass er sich im Suff wohl verlaufen hat. Den Weg zurück nach Hause zu finden und dort den Kater auszukurieren, das ist fortan Conkers Bestimmung und somit eure Aufgabe im ganzen Spiel. Diese Reise ist aber keine leichte, und das liegt nicht nur an der verminderten geistigen Leistungsfähigkeit des vom Kater geplagten Protagonisten. Der bösartige Panther-König hat es nämlich auf ihn abgesehen. Der ist leidenschaftlicher Milchkonsument und verschüttet ein Glas der geliebten weißen Flüssigkeit aufgrund eines abbrechenden Tischbeins eines Möbelstücks in seinem königlichen Thronsaal. Der schnell zur Hilfe geeilte Schloss-Doktor hat nach diesem tragischen Vorfall eine schnelle Lösung parat: Ein rotes Eichhörnchen müsse eingefangen werden, um den defekten Tisch zu reparieren und so wieder funktionstüchtig zu machen!
Zufälligerweise passt diese Beschreibung der benötigen Person exakt auf Conker, der sich fortan auf der Flucht vor der aggressiven Teddybären-Armee des Königs befindet. Diese eifrigen Soldaten werden "Tediz" genannt und sind den historischen Nationalsozialisten Deutschlands nachempfunden - daraus macht das Spiel keinen Hehl, es gibt sogar im Multiplayer einen eigenen Spielmodus, der die Anlehnung nochmals besonders deutlich macht, doch dazu später mehr. Folglich begegnet Conker auf seinem verzweifelten Weg nach Hause verschiedensten Aufgaben und Hindernissen, die es zu meistern gilt. Praktischerweise scheint sein alkoholbedingter Hangover sich relativ flott in Luft aufzulösen und er kann dabei auf eine Reihe von Fähigkeiten zurückgreifen. Das ist auch dringend notwendig, denn er trifft unter anderem auf eine Vielzahl skurriler Gegner. Vom heutzutage durch die moderne Internetkultur zur Ikone erhobenen singenden Kothaufen namens "Great Mighty Poo" (wohl sogar DIE genialste Szene des ganzen Spiels) über kiffende Feuerameisen, adelige Katzenfische und einen alkoholabhängigen Bienenkönig, der seine Liebste für eine vollbusige Sonnenblume verlassen hat, ist im Grunde alles vertreten, was sich der wirr gewordene, aber kreative Geist wohl so ausdenken kann.
Die Handlung vermag bestimmt keinen Oscar zu gewinnen und ihr haftet wie üblich bei Spielen dieser Kategorie trotz allem doch irgendwie das Label "Mittel zum Zweck" an. Aber, und dieses Aber ist ganz besonders groß, originell ist sie bis ins kleinste Detail. Der Geschichte von Conker's Bad Fur Day trieft wahrlich aus allen Ritzen und Poren eine Flut von "Was zur Hölle?"-Momenten hervor. Aus diesem Betrachtungswinkel ist das Spiel dann doch eben, vor allem im Hinblick auf seine Genre-Zugehörigkeit, etwas ganz Besonderes.
Quelle: PC Games
Bossgegner wie Great Mighty Poo, ein gigantischer Opern singender Kothaufen, sind heutzutage vor allem in der Online-Kultur wahre Ikonen geworden.
Das Gameplay
Spielerisch darf (und sollte) man Conker's Bad Fur Day generell wohl am ehesten als "Hüpfspiel" bezeichnen. Ein bisschen Jump&Run, ein bisschen Action-Adventure, dazu eine ordentliche Menge genialer und witziger Cutscenes, schon hat man im Grunde die Zutaten für Rares vielleicht außergewöhnlichstes Spiel zusammen. Außergewöhnlich wohlgemerkt aufgrund der Entwicklungsgeschichte, durch die Einzigartigkeit auf der Nintendo-64-Plattform und natürlich vor allen Dingen wegen der aberwitzigen, absurden und "Unter der Gürtellinie"-Story. Beim Gameplay erweist sich das Spiel nämlich als weniger spannend, Anleihen aus mehreren Genres zum Trotz.
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Was das konkret heißt? Nun, ihr bewegt Conker mittels Analogstick frei durch die bunte dreidimensionale Spielwelt, die in unterschiedliche Gebiete aufgeteilt ist. Das den Alkohol liebende Eichhörnchen kann springen und sich ducken, außerdem mittels rotierendem Schweif für kurze Zeit durch die Luft fliegen. Letztere Fähigkeit ist praktisch und wichtig, dieser "Helikopter"-Modus lässt sich aber nur für kurze Zeit nutzen. Danach stürzt Conker ungebremst zurück auf den Boden und kann auch erst nach einem erneuten Sprung weg vom festen Untergrund wieder seinen Schwanz zum Fluge rotieren lassen. Geschieht der Sturz unverhofft aus großer Höhe, beispielsweise beim Versuch, eine tiefe Schlucht zu überwinden, führt das unvermeidbar zu großen Einbußen an Conkers Energie. Eine Besonderheit abseits des üblichen Repertoires und der Fähigkeiten sind spezielle Ereignisse, im Grunde vorher festgelegte Skripte, die an konkreten und vorher bestimmten Stellen im Spiel mittels B-Button aktiviert und durch eine über Conkers Kopf auftauchende Glühbirne signalisiert werden. Zu diesem Zweck wird die Möglichkeit des Startens einer solchen Sequenz auch zusätzlich durch einen großen Kreis mit B-Knopf gekennzeichnet und dadurch deutlich gemacht. Wird ein solches festgelegtes Skript gestartet, kann alles möglich passieren, je nachdem wo ihr euch gerade befindet.
Quelle: PC Games
Eher unüblich für ein Nintendo-64-Spiel beinhaltet Conker’s Bad Fur Day zahlreiche hübsch gestaltete Cutscenes, oftmals mit ikonischen Filmmomenten.
Einmal müsst ihr in der Disco so lange auf eine große Kugel pinkeln, bis diese durch Rotation um die eigene Achse an ihrem Bestimmungsort angelangt ist. Ein andermal verwandelt ihr euch in Draculas Schloss in eine Fledermaus, um somit den tödlichen Fallen in dem kalten Gemäuer zu entkommen. Bei diesen Szenen setzt Conker's Bad Fur Day oftmals auf Trial and Error. Ihr erfahrt also zuvor in keiner Weise, was ihr als Nächstes tun müsst, ergo ist die Wahrscheinlichkeit hoch, beim ersten Versuch an der gestellten Aufgabe zunächst zu scheitern. Vielleicht auch ein zweites oder drittes Mal. Irgendwann aber habt ihr den Dreh raus und schafft dann, was euch abverlangt wird. Ein nicht untypisches Spielkonzept in diesem Genre-Bereich. Conkers Lebensenergie indes wird durch maximal sechs Schokoladenstückchen dargestellt. Verliert ihr einen Teil davon, müsst ihr in der Spielwelt herumliegende Schokoladen aufklauben, um euch zu regenerieren. Auch seine Lebenszahl ist begrenzt, irgendwann führen zu viele Tode zum Game-over. Das Spiel erklärt das so, indem es sagt, ein Eichhörnchen hat so viele Leben, wie es denkt zu haben. Eine Anspielung beziehungsweise Abwandlung der sprichwörtlichen sieben Leben einer Katze. Auch hier gilt wie für das Gameplay generell: Originell verpackt, aber im Kern gewöhnlich.
