Cryostasis: Sleep of Reason im Gamezone-Test

Test BigJim

Das Entwicklerteam von Action Forms hat – dies zeigt „Cryostasis“ recht eindrucksvoll – sein Pulver noch nicht verschossen.

Wenn ein Spiel aus Osteuropa kommt, ist grundsätzlich schon mal Skepsis geboten. Zumindest gilt dies für das russische Entwicklerteam von Action Forms. Wir erinnern uns: das waren jene Produzenten, die vor etwas mehr als drei Jahren mit ihrem Erstlingswerk einen äußerst uninspirierten Ego-Shooter namens "Vivisector" verbrochen haben. Das eintönige Missionsdesign, die mangelhafte Gegner-KI und die dürftige Grafik führten dazu, dass der Titel von der Kritik völlig zerrissen wurde. Mit "Cryostasis" (abgeleitet aus dem Griechischen: kryos = kalt) nun also ein zweiter Anlauf. Ob es den Russen diesmal gelungen ist, einen halbwegs brauchbaren Shooter abzuliefern?

Das Geisterschiff, das aus der Kälte kam

Cryostasis: Sleep of Reason Cryostasis: Sleep of Reason Alexander Nesterov hat einen extrem coolen Job: Er ist Meteorologe in der Nordpol-Station "Pole 21". Irgendwann im Jahre 1981 erhält er von seinen Auftraggebern die erfreuliche Order, zurück zum Festland zu kommen. Für seine Rückreise ist bereits gesorgt. Ein Schiff wird demnächst zu seiner Abholung bereit stehen, soll ihn in Kürze aufnehmen. Also besteigt der Polarforscher den nächsten Hundeschlitten und macht sich durch den eisigen Wind der Arktis auf Richtung Treffpunkt. Schon von weitem sieht er die Konturen eines riesigen Schiffes. Doch das freudige Erstaunen ist nur von kurzer Dauer. Eine Beben erschüttert die Erde, das Eis bricht um ihn herum auseinander, sein Schlitten wird vom Gurtzeug und damit den Hunden getrennt und Alexander gleitet viele Meter tief in eine sich auftuende Gletscherspalte. Das besorgte Bellen seiner Hunde, die ihrem Herrn hilflos vom oberen Rand der Felsspalte ansehen, ist vorerst so ziemlich das Letzte, was Nesterov noch von der Außenwelt wahrnimmt. Eine Rettung nach diesem Unglück scheint so gut wie unmöglich, die Lage des Meteorologen hoffnungslos. Doch wie so oft im Leben gibt es einen Ausweg. Alexander entdeckt im unteren Bereich des ewigen Eises den Zugang zu einem Schiff. Die verwitterte Stahltür gehört zur North Wind, einem atomgetriebenen Eisbrecher, der hier vor dreizehn Jahren, also 1968, havarierte und seither im Eis des Nordpols begraben ist. Alexander Nesterov hat keine große Wahl, und so betritt er das Schiffswrack, um dem drohenden Kältetod zu entfliehen. Natürlich kann er dabei nicht wissen, dass im Inneren der gesunkenen North Wind ebenfalls der Tod auf ihn lauert. Und das ausgerechnet von Wesen, die eigentlich schon selbst lange tot sind.

Polar-Zombies

Cryostasis: Sleep of Reason Cryostasis: Sleep of Reason Eines wird Nordpol-Alex von Anfang klar: der Untergang der North Wind war kein natürlicher Schiffsunfall. Überall in den unheimlichen, halbdunklen, klaustrophobisch-vereisten Innenräumen des Eisbrechers, dessen Gestaltung nach offiziellen Herstellerangaben übrigens auf Bauplänen eines echten russischen Großschiffes beruht, liegen tiefgefrorene Leichen herum. Doch die stören nicht halb soviel, wie die Zombies, die uns einen - man könnte sagen - "frostigen Empfang" bereiten. Mit Metallstangen als Beine ausgestattete Wärter gehören ebenso dazu, wie zu einer Art Krebsgetier mutierte Arbeiter, stark mumifizierte Wesen mit Flügeln auf dem Rücken oder andere, inzwischen zu Untoten konvertierte Besatzungsmitglieder, die fortan mit Brechstangen, Gewehren oder Schweißbrennern auf den Spieler losgehen. Zu Beginn von Cryostasis haben wir den schaurigen Figuren nur vergleichsweise wenig entgegenzusetzen. Ein aufgelesenes Schloss mit Kette (eignet sich gut als Schlagring), ein abgetrenntes Ventil oder eine Feueraxt sind unsere einzigen Waffen. Später treten noch diverse Wummen dazu, u.a. eine Signalpistole (damit lassen sich Feinde kurzzeitig in Brand schießen), das altbekannte russische Mosin-Nagant, ein Schnellfeuergewehr (Tokarev SVT-40) und eine Maschinenpistole, die sich später im Nahkampf als effektivste Waffe erweisen soll, nämlich die sowjetische PPSH-41 mit Trommelmagazin. Leider erhalten wir die MP erst ab dem elften von insgesamt 18 Kapiteln. Vorher darf unser Mann so manches mal fluchen. Gerade der Karabiner reagiert viel zu langsam, um plötzlich auftauchende, meist hinter Türen oder Kesseln lauernde Zombies umgehend zu bekämpfen, denn nach jedem abgegebenen Schuss muss repetiert werden, was mit einer relativ langen Nachladezeit verbunden ist. Erschwerend kommt hinzu: Alex steuert sich in seinem Eskimo-Fummel sehr schwerfällig. Rasche Ausweichmanöver sind somit kaum möglich. Der Arktis-Forscher kann auch nur wenige Sekunden sprinten, danach gerät er aus der Puste. Die Monster - glücklicherweise treten sie in der Regel nur einzeln und nicht in ganzen Gruppen auf, so dass es für gewöhnlich auf den Kampf Mann gegen Mann hinausläuft - können einiges einstecken. Mindestens zwei bis drei Treffer sind erforderlich, um so einen Zombie zu erledigen. Der Hauptcharakter selbst hält übrigens nicht wesentlich mehr aus. Und es existiert nur ein Schwierigkeitsgrad. Glücklicherweise können wir die meiste Zeit schnellspeichern.

Vom Diesseits ins Jenseits - und zurück

Cryostasis: Sleep of Reason Cryostasis: Sleep of Reason Doch nicht nur Zombies machen Polar-Alex zu schaffen, sondern auch diese allgegenwärtige Arschkälte, die optisch und akustisch so eindrucksvoll dargestellt wird, dass man sich während der Beschäftigung von Cryostasis gedanklich manchmal selbst schon in schweres Winterfell gehüllt, vor einem mit Eiszapfen gefrorenen Monitor sitzend wähnt. Eine Wärmeanzeige erteilt Auskunft über die Temperaturverfassung der Hauptfigur. Unterschreitet die Temperatur einen gewissen Wert, stirbt unser Held an Erfrierung. Aus diesem Grunde müssen wir von Zeit zu Zeit diverse Wärmequellen wie offene Feuer (Fackeln o.ä.), starke Beleuchtungen oder Heizungsrohre aufsuchen, um dort unsere Wärmereserven aufzufüllen. Zu kritischen Situationen führt der Wärmeverlust insbesondere in den Außenbereichen des Schiffes, also z.B. an Deck. In den Innenbereichen - und dort spielt Cryostasis zu 90% - finden sich teilweise angenehmere, temperaturmäßig weniger knackige Abschnitte. Vor allem hier stoßen wir gelegentlich auch auf alte, vergilbte Blätter, die Zeichnungen und Textbotschaften enthalten (die Texte werden dabei von ausgezeichneten deutschen Synchronsprechern vorgelesen). Darin ist die Rede von verfeindeten Stämmen und einem Waldvolk. Was zunächst nicht so recht ins arktische (Action-)Szenario passen will, entpuppt sich im Laufe der Zeit als gelungene Parabel, denn die Nachrichten stehen in engem Zusammenhang mit den schrecklichen Ereignissen auf der North Wind. Mehr verraten wir an dieser Stelle selbstverständlich nicht.

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 07/2026 play5 07/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk