Dante's Inferno: Chancenlos und doch geliebt - Ein Rückblick
Special
Mehr Hölle geht nicht: Mit Dante's Inferno versuchte sich EA an einem stockfinsteren Actionspiel, das auf der legendären Göttlichen Komödie basiert. Einst als God-of-War-Killer angepriesen, fuhr das Höllengemetzel nur mittelmäßige Ergebnisse ein. Ein Dante's Inferno Remastered ist bis heute nicht in Sicht. Darum haben wir uns nochmal die Xbox-360-Fassung geschnappt und durchgespielt. In unserem Rückblick mit Video zeigen wir, woran Dante's Inferno scheiterte - und wo es auch heute noch eine gute Figur macht.
Für die einen war's nur ein lascher God-of-War-Aufguss, für die anderen ein grandioser Höllenritt: Mit Dante's Inferno verfolgten die Dead-Space-Entwickler einst große Ziele. Doch das brutale Actionspiel stieß auf geteiltes Echo, die Wertungen und Verkaufszahlen enttäuschten - und so ließ EA die vielversprechende Marke sang- und klanglos fallen. Ein Fehler! Denn Dante's Inferno hat zwar seine Problemzonen und schwächelt besonders im letzten Drittel, doch dafür punktet das Spiel auch mit finsterem Design, toller Musik und wuchtiger Action. Eine PC-Version gibt's bis heute nicht, das Spiel wurde nur für Xbox 360, PS3 und PSP veröffentlicht. In unserem unzensierten Video-Rückblick beleuchten wir die Stärken von Dante's Inferno und erklären, woran der Höllenklopper letztendlich scheiterte.
In diesem Artikel
Keine Lust auf Video? Ab hier findet ihr unser komplettes Special auch in Textform.
Die göttliche Vorlage
Es war in unseres Lebensweges Mitte,
Als ich mich fand in einem dunklen Walde;
Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.
Wohl fällt mir schwer, zu schildern diesen Wald,
Der wildverwachsen war und voller Grauen
Und in Erinnrung schon die Furcht erneut:
So schwer, daß Tod zu leiden wenig schlimmer.
Doch um das Heil, das ich dort fand, zu künden,
Will, was ich sonst gesehen, ich berichten.
Mit diesen heiteren Worten beginnt Die Göttliche Komödie, ein epochales Werk, das vor rund 700 Jahren Literaturgeschichte geschrieben hat. Der italienische Dichter Dante Alighieri schildert darin eine Reise durch die drei Reiche des Jenseits: die Hölle, das Fegefeuer und schließlich das Paradies. Eine unsterbliche Erzählung, die seither zahllose Autoren, Künstler, Filmschaffende und natürlich auch Spieleentwickler beeinflusst hat. Ganz vorne mit dabei war Visceral Games, ein Studio, dem 2008 mit Dead Space der große Durchbruch gelungen war.
Quelle: PC Games
Büßer mit Mission: An seine Brust hat Dante ein Kreuz genäht, das seine Sünden symbolisiert.
Ihr nächstes Projekt wurde deshalb mit Spannung erwartet: Dante's Inferno sollte es heißen, ein düsteres Actionspiel auf der Grundlage von Alighieres Dichtung. Die Erwartungen waren hoch: EA pumpte massig Geld ins Marketing und auch die ersten Previews sahen gut aus. Doch im Februar 2010 folgte die Ernüchterung. Je mehr Tests eintrudelten, desto deutlicher zeichnete es sich ab: Dante's Inferno war zwar kein kompletter Reinfall, landete aber deutlich unter den hochgesteckten Zielen.
Dabei hatte das Spiel eigentlich eine Menge guter Ansätze, angefangen bei der gewaltigen Vorlage. Dante's Inferno basiert zwar auf dem ersten Teil der Göttlichen Komödie, gönnt sich aber natürlich jede Menge Freiheiten. Im Buch erzählt der Dichter noch aus der Ich-Fom, also im Grunde von sich selbst; im Spiel dagegen lenkt man einen anderen Dante, einen grimmigen Ritter mit düsterer Vergangenheit. Während der Kreuzzüge hat Dante grausame Verbrechen begangen und zu allem Überfluss seine geliebte Beatrice betrogen. Das führt letztendlich zu ihrer Ermordung und ruft Luzifer auf den Plan, der die Seele von Beatrice in die Unterwelt entführt. Voller Schuldgefühle beschließt Dante nun, seine Geliebte zu retten - und sehr viel mehr hat sie danach auch nicht mehr zu tun. Die so wichtige Figur aus dem Buch wird im Spiel leider zur hilflosen "damsel in distress" degradiert.
Mehr Hölle geht nicht
Das Ziel ist klar: Ihr müsst Dante durch die neun Kreise der Hölle lenken und am Ende den Leibhaftigen verkloppen. Dabei nutzen die Entwickler ein cleveres Konzept: Sie verzichten überwiegend auf harte Levelübergänge oder Ladebildschirme, sondern verknüpfen die einzelnen Höllenregionen geschickt miteinander und lassen sie ineinander übergehen. Dantes Abstieg gerät dadurch schön organisch und fühlt sich fast wie aus einem Guss an - das macht auch heute noch richtig was her.
Quelle: PC Games
Der Bosskampf gegen Minos ist toll inszeniert, nervt aber mit ständig wiederkehrenden Gefechtsphasen.
Die vielen Cutscenes mischen vorgerenderte Videos mit Zeichentrick- und Ingame-Sequenzen. Bei der Inszenierung wurde also ordentlich Aufwand betrieben, obwohl dem Plot selbst schnell die Puste ausgeht: Die Entwickler versuchen zwar hier und da noch kleine Überraschungen oder Wendungen einzustreuen, doch die meisten davon verfehlen ihre Wirkung, auch weil sich die Figuren nie so richtig entfalten können. Selbst der schuldgeplagte Dante bleibt über weite Strecken blass und eindimensional. Das ist auch deshalb schade, weil sich der erfahrenere Schauspieler Graham McTavish wirklich reinhängt, um seiner Sprechrolle ein bisschen Tiefgang einzuhämmern.
Quelle: PC Games
Der römische Dichter Vergil begleitet Dante auf seinem Weg durch die Hölle.
Interessante Nebenfiguren sind Mangelware. Unser einziger Freund in der Hölle ist Vergil, der gleiche römische Dichter, der auch im Buch als eine Art Jenseitsführer auftritt. Seine Rolle beschränkt sich hier aber nur auf kurze, atmosphärische Sprüchlein, die den nächsten Levelabschnitt einleiten sollen. Ansonsten hat die Figur im Grunde nix zu melden. Die Möglichkeit, zwischendurch ein paar spannende Dialoge einzustreuen und die Charaktere etwas aufzubauen, lassen die Entwickler leider ungenutzt.
Für Augen und Ohren
Quelle: PC Games
Dante schwört seiner Beatrice ewige Treue. Später wird er diesen Schwur brechen.
Dafür waren die Schauplätze für damalige Verhältnisse sehr schön inszeniert. Zwar dominiert im Spiel eine düster-braune Farbpalette, die auf Dauer etwas langweilig wird, doch dafür zaubern die Entwickler immer wieder stimmungsvolle Umgebungen auf den Bildschirm. Der Abschnitt "Lust" ist beispielsweise vollgepackt mit sexuellen Motiven, darunter ein Kampf gegen die riesige Cleopatra, die nach einem Deal mit Luzifer als blutrünstige Wächterin einspringt, während wir ein gigantisches Phallussymbol erklimmen. Im Level "Völlerei" müssen wir uns dann durch eklige Verdauungstrakte kämpfen, gefräßigen Würmern den Rest geben und riesigen Gebissen ausweichen. Später begegnen wir Wasserfällen aus Blut, fahren über kochende Seen aus Gold und finden uns in einem verzerrten Wald wieder, in dem Selbstmörder ewige Qualen erleiden.
Quelle: PC Games
Leichen und gequälte Seelen pflastern Dantes Weg.
Bei der Inszenierung haben die Entwickler ganze Arbeit geleistet, zum Beispiel in einer eindrucksvollen Kamerafahrt, in der wir die riesige Unterweltstadt Dis betreten, die sich über den sechsten Kreis der Hölle erstreckt. Das ist nicht nur optisch richtig klasse gelungen, auch die Musik kann in solchen Szenen ihre ganzen Stärken ausspielen. Der orchestrale Score aus der Feder von Garry Schyman und Paul Gorman untermalt das Geschehen nahezu perfekt und ist selbst ohne Spiel absolut hörenswert. Eine Auswahl an Stücken könnt ihr euch auf Schymans offizieller Website anhören. (Tipp: 'Bleeding Charon' ist der Wahnsinn.)
Ewige Verdammnis
Egal wo wir gerade unterwegs sind, die Stimmung ist finster, beklemmend und oft richtig deprimierend. Da vergeht kaum eine Minute, in der uns nicht irgendwelche gepeinigten Seelen anflehen, kaum ein Weg, der nicht mit Leichen gepflastert ist. Sein Ab-18-Siegel hat sich Dante's Inferno redlich verdient, allerdings fällt das Spiel nicht so exzessiv aus wie beispielsweise Dead Space. Im Vergleich zu God of War sind die Finishing-Moves sogar regelrecht blutarm geraten.
Quelle: PC Games
Kalkulierter Schockeffekt: Auch ungetaufte Babys wollen uns ans Leder.
Hin und wieder schießen die Entwickler aber auch über das Ziel hinaus. Ihr werdet beispielsweise schon früh mit entstellten Babys konfrontiert, die sich mit zwei Armklingen auf euch stürzen. Laut Handlung sind das ungetaufte Kinder, denen der Eintritt ins Himmelsreich verwehrt blieb und die nun in der Vorhölle ihr Dasein fristen. Das mag zwar der damaligen christlichen Auffassung entsprechen, doch mit der Sense auf Säuglinge loszugehen, war manchen Spielern dann doch etwas zu viel des Guten. Mit einem eigenen Making-Of-Video wollten man das Ganze damals sogar noch werbewirksam auskosten - aus heutiger Sicht wirkt das eher peinlich.
Babys als Horror-Gegner waren für Visceral übrigens nichts Neues, schon in Dead Space hatten die Entwickler auf einen ähnlichen Schockeffekt gesetzt. Spielerisch ging Dante's Inferno (jetzt kaufen 44,90 € ) aber in eine völlig andere Richtung: Das Actionspiel wandelt überdeutlich auf den Spuren von God of War und inszeniert vor allem wuchtig animierte Kämpfe gegen allerlei Höllenviecher. Zwischendurch kommen auch ein paar Rätsel zum Einsatz, die nehmen zwar nur einen sehr kleinen Teil der Spielzeit ein, sind aber zumindest recht originell geraten. Hier kann Dante's Inferno problemlos mit Sonys Kratos-Saga mithalten.
Quelle: PC Games
Der dreiköpfige Zerberus bewacht den Weg durch den Völlerei-Abschnitt.
Mit Sense und Kreuzfeuer
Bei der Ausrüstung hat God of War dafür deutlich die Nase vorn. Dante verfügt nur über zwei Waffen: Die wichtigste ist natürlich seine markante Sense, die er gleich zu Beginn dem leibhaftigen Tod abluchst. Das Ding ist nicht statisch, sondern erfüllt je nach Bedarf auch mal die Funktion einer Axt, einer Peitsche oder eines Speers - welche Form gerade zum Einsatz kommt, bestimmt das Spiel selbst. Eigene Kampfstile entwickeln oder die Waffe in eine bestimmte Richtung upgraden, ist daher nicht möglich. Hier.verschenken die Entwickler also ordentlich Potenzial.
Quelle: PC Games
Dauerfeuer: Mit dem Kreuz ballert Dante pausenlos magische Geschosse auf seine Gegner.
Dantes Zweitwaffe ist das heilige Kreuz von Beatrice, mit dem er magische Geschosse auf seine Feinde ballert. Das Teil wirkt anfangs noch ziemlich schwach, doch das ändert sich mit der Zeit. Spätestens ab der zweiten Spielhälfte lassen sich viele Feinde regelrecht mit den riesigen Schüssen eindecken und so langsam kleinkriegen, das klappt sogar bei einigen Bossen. Möglich macht's ein Upgrade-System, durch das man Dantes Fähigkeiten ein wenig ausbauen kann.
Quelle: PC Games
Mit zwei Talentbäumen entwickelt ihr Dantes Fähigkeiten weiter.
Zu diesem Zweck stehen euch zwei Talentbäume zur Verfügung, die ihr erst mal aufleveln müsst. Die nötigen Punkte dafür erhaltet ihr, wenn ihr Gegnern mit Finishing-Moves den Rest gebt, dann steht nämlich eine kurze Entscheidung an: Ihr dürft das Höllenbiest entweder erlösen oder verurteilen - das hat zwar keinerlei Story-Auswirkungen, liefert aber Punkte für den roten oder blauen Talentbaum. Habt ihr einen neuen Rang freigeschaltet, müsst ihr anschließend noch Seelenpunkte investieren, die ihr unter anderem für besiegte Feinde erhaltet. Damit könnt ihr dann endlch neue Kombos, mehr Lebenskraft oder zusätzliche Kampfboni aktivieren. Die ganze Upgrade-Mechanik fängt zwar etwas lahm an, doch nach einer Weile machen sich die ganzen Verbesserungen richtig bemerkbar und werten die Gefechte spürbar auf.
