Dark Messiah of Might & Magic im Rückblick: Das beste (und einzige) Spiel seiner Art!
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2006 erschienen und bis heute ein Unikat: Dark Messiah of Might and Magic begeistert mit Physik, Immersion und dem besten Fuß der Spielegeschichte. Im Rückblick klären wir, warum es immer noch reinhaut - oder eher: reinkickt!
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Welches Spiel fällt euch als Erstes ein, wenn ihr an das französische Entwicklerstudio Arkane denkt? Die Jüngeren unter euch werden nun Prey, Deathloop oder Redfall aufzählen, die etwas Älteren die Dishonored-Reihe, die noch Älteren Arx Fatalis. Vermutlich gibt es aber auch viele, die mit dem Namen überhaupt nichts anfangen können.
Denn trotz Kritikerlob hat es das Studio nie wirklich geschafft, sich im Mainstream-Gedächtnis zu verankern. Vermutlich auch, weil Arkane sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, einfach nur die simplen Actionspiele zu machen, die man bei der Betrachtung seiner Trailer möglicherweise erwartet. Es gibt immer mehrere Gameplay-Ebenen, es werden stets verschiedene Spielstile vereint und ermöglicht, es gibt jedes Mal dieses gewisse Etwas, das Arkanes Werke zu unkonventionellen Liebhaberspielen macht.
Auf kaum einen Titel trifft das mehr zu als auf ihr zweites großes Projekt: Dark Messiah of Might and Magic, der bis heute einzige Vertreter des First-Person-Slasher-Stealth-Physik-Platformer-Action-RPG-Genres mit besonderem Fokus auf Arschtritte. Okay, das haben wir uns zugegebenermaßen gerade ausgedacht, aber die simple Bezeichnung "Action-Rollenspiel" würde Dark Messiah auch schlichtweg nicht gerecht.
Wir haben uns zwei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung erneut durch Arkanes Ausnahmespiel gekämpft, um euch zu verraten, was es damals so einzigartig machte, wie gut es gealtert ist und was es zu beachten gibt, wenn ihr es auf einem modernen Rechner erleben wollt.
Sci-Fi-Engine für ein Fantasy-Spiel
Dark Messiah of Might and Magic erscheint im Jahr 2006 für PC und soll zu Beginn eigentlich Arx Fatalis 2 heißen. Nach den ausgezeichneten Wertungen des ersten Teils wendet sich Valve an das französische Studio, in der Hoffnung, ein neues Projekt für seine Source-Engine zu gewinnen.
Arkane willigt ein, aber weil Arx Fatalis als kommerzieller Flop gilt, ist schnell klar, dass man damit keinen Publisher finden wird. Der einzige Interessent ist schließlich Ubisoft. Arx Fatalis 2 soll zu einem Ableger der hauseigenen Might-and-Magic-Reihe umgemünzt, die darunterliegende Engine und die Systeme aber beibehalten werden.
Quelle: PC Games
Xana ist ein Sukkubus, der uns zu Beginn von unserem Mentor in den Schädel gepflanzt wird. So angezogen wie hier sehen wir sie später kaum noch.
Nur zur Erinnerung: Gebaut wurde die Source-Engine ursprünglich für Half-Life 2, einen technisch bahnbrechenden SciFi-Shooter mit Fokus auf physikalischer Interaktion. Damit ein Fantasy-Spiel zu entwickeln und gleichzeitig die Vorzüge der Engine erlebbar zu machen, ist ein ausgesprochen ambitioniertes Unterfangen. Aber schon im Tutorial von Dark Messiah wird klar, dass Arkane seine Physikhausaufgaben gemacht hat.
Fuß-Ro-Dah!
Bevor wir Schwerter, Bögen und Zaubersprüche überhaupt zu Gesicht bekommen, bringt uns Dark Messiah bei, dass wir die meisten Gegenstände aufheben und durch die Gegend werfen können. Und bevor wir uns darüber ärgern können, dass unsere Hauptfigur Sareth das Charisma einer Scheibe Toastbrot besitzt, verlieben wir uns direkt in sein alles überschattendes Merkmal: Er hat einen wahnsinnig effektiven rechten Fuß.
Kisten, Fässer, Bretter, Steine, Menschen, Zombies, Orks, alles, was nicht angenagelt ist, können wir wegtreten. Fässer und Steine bevorzugt in die Gesichter der Gegner, und diese Gegner bevorzugt von Klippen, die Treppe runter oder in Stachelfallen. Es ist ein Fuck-You-Button, wie er im Buche steht, befriedigend wie ein Fus-Ro-Dah bei Skyrim, und egal, mit welcher Klasse wir spielen, ist er das mit Abstand nützlichste Tool in unserem Arsenal.
Quelle: PC Games
Momente vor der Katastrophe: Diese gestählte Wache wird gleich entweder unsanft gegen die Säule klatschen oder vom durch den Raum schwingenden Kronleuchter umgehauen.
Bei Dark Messiah nun von einem echten Rollenspiel zu sprechen, wäre zwar übertrieben, es gibt im Spiel aber vier grobe Richtungen, in die wir uns spezialisieren können: Krieger, Zauberer, Bogenschütze und Assassine. Durch abgeschlossene Ziele in den linearen Missionen erhalten wir Fähigkeitspunkte, mit denen wir Perks und Zaubersprüche freischalten.
Weil die meisten Ausrüstungsgegenstände hohe Anforderungen haben und das Spiel seine Punkte ziemlich knauserig verteilt, lohnt es sich, einen bestimmten Stil von Anfang bis Ende durchzuziehen. Dass die Spielwelt und ihre Bewohner unter einer zumindest annähernd realistischen Physik funktionieren, muss aber unabhängig von der Klasse eingeplant werden.
Ab auf die Killertreppe
Als Nahkämpfer schlagen wir uns hauptsächlich mit aufgeladenen Angriffen durch, die sich je nach Bewegungsrichtung verändern und unterschiedliche Zwecke erfüllen. Der Stich geht besonders weit und ist präzise, der seitliche Hieb kann einen ansonsten zähen Gegner sofort enthaupten, wenn wir gut zielen.
Weil Goblins, Orks und gepanzerte Wachen sehr agil sind, müssen wir ständig in Bewegung bleiben, und weil sie alle ganz schön hart zuschlagen, bringt planloses Draufhauen kaum etwas. Vor allem für ein Spiel in einer Perspektive, in der Nahkampf selten gelingt, war Dark Messiah 2006 konkurrenzlos gut. Mit dem Gefuchtel bei den Elder-Scrolls-Spielen wischt Arkanes Schlachtfest auch heute noch den Boden auf.
Es gibt außerdem so gut wie keine Szene, bei der wir nicht auch die Umgebung zu unserem Vorteil einsetzen können. Das obere Ende einer langen Treppe oder Leiter, mit vielen Gegnern auf den Fersen - das ist unser "Happy Place" in Dark Messiah. Denn auch, wenn sich die Kämpfe wegen abwechslungsarmer Gegner irgendwann ähnlich spielen und mit den immer gleichen Taktiken gewonnen werden können: Es wird einfach nicht langweilig, einen Ork in ein paar andere Orks zu treten und sie alle die Treppe hinunterrollen zu sehen.
An anderen Stellen kappen wir Seile, um einen dicken Kronleuchter durch den Raum schwingen zu lassen, oder zerstören die Stützpfeiler riesiger Statuen. Fernkämpfer freuen sich, dass letzteres auch mit dem Bogen funktioniert.
Seile, Pfützen, schwere Steine
Alle Klassen bekommen zudem Zugriff auf einen besonderen Bogen, mit dem sich Kletterseile an Holzobjekten befestigen lassen. Sonderlich kreativ müssen wir dabei zwar kaum werden, der Seilbogen untermauert aber immer wieder, dass diese Spielwelt ein gutes Stück interaktiver ist als die meisten Fantasy-Ländereien, die man bis dahin gekannt hat.
Auch die Skills der Zaubererklasse eröffnen oft physikalische Interaktionsmöglichkeiten: Der Eiszauber lässt Gegner entweder erstarren oder platziert eine spiegelglatte Pfütze auf dem Boden, die jeden Feind zu Fall bringt. Feuerzauber sind besonders effektiv, wenn wir vorher einen Ölkrug auf den Boden werfen. Der Telekinesezauber lässt uns weit entfernte Dinge einsacken und Gegenstände mit noch mehr Wucht schleudern.
Immersion durch Interaktion
Dazu kommt noch, dass uns das Spiel ein einwandfreies Gefühl für unsere Figur und ihr Gewicht vermittelt. Schauen wir nach unten, sehen wir Sareths kompletten Körper, inklusive der Rüstung, die wir ihm angezogen haben. Das Ziehen der Waffen ist aufwendig animiert, auch wenn die Bewegungen offenbar nicht für heutige Bildraten optimiert sind. Zaubersprüche werden mit kunstvollen Gesten untermalt. Jeden Gegenstand, den wir aufheben, trägt unsere Figur in den Händen, statt ihn nur vor sich schweben zu lassen.
Quelle: PC Games
Dark Messiahs Nahkämpfe sind ein offensichtliches Highlight, aber auch die vielseitig einsetzbaren und filigran animierten Zauber sind nicht zu verachten.
Neue Waffen schmieden wir uns auch nicht in irgendeinem Menü. Stattdessen legen wir einen Barren in den Schmelztiegel, betätigen manuell den Blasebalg, kühlen die Klinge im Wasserbad und hämmern sie danach in Form. Mit all diesen Feinheiten und viel Liebe zum Detail erschafft Dark Messiah ein wunderbar kinetisches, immersives Spielgefühl, das bis heute Seltenheitswert hat.
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Ein teils schwerfälliges Vergnügen
Daraus ergeben sich allerdings auch einige Fallstricke, die das mittlerweile doch recht hohe Alter des Spiels spürbar machen. Beim Klettern auf Vorsprünge zeigt sich etwa deutlich, dass noch einige Jahre vergehen würden, bis so was in der Egoperspektive zuverlässig klappen würde. Das nervt vor allem bei einer Handvoll Action-Setpieces, die uns gerne sofort töten, wenn Sareth mal wieder irgendwo nicht hochkommt, oder wegen seiner spürbaren Körpermasse von einer Kante rutscht.
Hektische Situationen werden durch das hohe Gewicht der Spielfigur und ihre langen Animationen außerdem gerne hakelig, die Hitboxen sind manchmal unzuverlässig, Finisher werden teils nicht ausgelöst. Die tolle Physik reagiert leider auch nicht in jeder Szene so logisch wie erwartet.
Quelle: PC Games
Die Stadt Steinhelm ist nicht komplett frei begehbar, dennoch laden viele Geheimnisse zum Erkunden ein. Friedlich ist es hier aber nicht lange.
Die größte Gameplay-Sünde ist aber das umständliche Inventar- und Ressourcenmanagement. Waffen und Schilde müssen nach jedem Wechsel wieder separat ausgerüstet werden, weil sich das Spiel partout nicht merken will, welche Klinge wir mit dem Schild benutzt haben. Die schicken Wechselanimationen kosten dabei viele Sekunden und ordentlich Nerven, vor allem für Hybridcharaktere.
Zauber haben teils lange Cooldowns, und weil Tränke und Mahlzeiten kaum Gesundheit wiederherstellen, müssen wir sie massenweise reinkippen und klicken uns dabei die Finger wund. Obwohl Dark Messiah offensichtlich ein vielseitiges und flottes Actionspiel sein will, legt es sich mit diesen RPG-Überbleibseln immer wieder Steine in den Weg.
Die Story auf dem Bierdeckel
Wer sich einen packenden Fantasy-Plot mit interessanten Charakteren und Dialogen erwartet hat, wird mit Dark Messiah vermutlich auch nicht glücklich werden. Sareths Reise ist eine McGuffin-Jagd mit einem bösen Nekromanten und einem Plottwist in der Mitte, der wegen der nicht vorhandenen Persönlichkeit der Hauptfigur komplett verpufft.
Interagieren können wir über weite Teile nur mit zwei Figuren: Dämonin Xana wird Sareth zu Beginn in den Kopf gepflanzt und soll als Unterstützung fungieren, ihr Charakter beginnt und endet aber damit, wie sehr sie mit ihm in die Kiste hüpfen will. Zauberschülerin Leanna würde das auch gerne, aber zumindest mit etwas mehr Gefühl dahinter.
Gegen Ende des Spiels dürfen wir uns noch entscheiden, welche der beiden Love Interests wir retten wollen, was die Story nicht unbedingt interessanter macht, sich aber immerhin aufs Gameplay auswirkt. Xana verleiht uns eine mächtige Dämonenform, mit der wir Gegner schnell niedermähen, aber kontinuierlich Lebenspunkte verlieren. Tilgen wir sie aus unserem Kopf und retten Leanna, können wir dagegen heilige Drachenstahlwaffen benutzen, die mächtigsten Gegenstände im Spiel.
Als bloßes Vehikel, um uns von einem Ort zum nächsten zu schicken, erfüllt die Story aber ihren Zweck. Dabei hilft auch, dass sich Dark Messiah dank der Source-Technologie für ein 20 Jahre altes Spiel immer noch sehen lassen kann, auch abseits der gelungenen Physik. Düstere Gruften und Nekromantenverstecke, monumentale Gebäude, hübsche Panoramen, gelungene Beleuchtung und detaillierte Charaktermodelle lassen heute noch erahnen, dass das Spiel zum Release technisch zur absoluten Spitzenklasse gehörte.
Wer Dark Messiah heute noch einmal oder zum ersten Mal erleben will, hat mehrere Optionen. Zum einen könnt ihr euch die PC-Retail-Version besorgen, solltet aber bedenken, dass das Spiel hierzulande ursprünglich nur geschnitten auf den Markt kam, obwohl die USK auch der Uncut-Fassung die 18er-Freigabe erteilte. Auf der Xbox 360 existiert außerdem eine recht verbuggte sowie grafisch und spielerisch deutlich abgespeckte Version namens "Elements". Auf Xbox One oder Series-Konsolen läuft die allerdings nicht.
Wir empfehlen euch daher, einfach die unzensierte PC-Version von Dark Messiah für den schmalen Preis von fünf Euro auf Steam zu kaufen. Die ist vollständig auf Deutsch verfügbar und lässt sich mit einer Handvoll Einstellungen auch auf einem aktuellen Rechner spielen.
Nützliche Fixes für moderne PCs
Zum einen brauchte das Spiel bei uns eine Begrenzung auf 60 fps, um nicht zu stottern. Die aktiviert ihr auf Steam folgendermaßen: In der Bibliothek Rechtsklick auf Dark Messiah of Might & Magic Singleplayer > Allgemein > Startoptionen.
In die Zeile schreibt ihr "+fps_max 60" (ohne Anführungszeichen!) und schließt das Fenster. Im Spiel selbst solltet ihr dann noch in den erweiterten Videooptionen VSync aktivieren.
Falls euch manche Animationen trotzdem noch stottrig vorkommen, liegt das wohl daran, dass sie ursprünglich für eine niedrigere Framerate gemacht waren. Das Spiel läuft also, wie es soll.
Zum anderen wollte Dark Messiah unsere Optionen nicht speichern, bis wir den zugehörigen Registry-Eintrag gelöscht hatten. Das geht so: Windowstaste + R > regedit ins Suchfeld eintippen > Ausführen. Im Registry-Editor klickt ihr euch dann diesen Pfad entlang:
Computer > HKEY_CURRENT_USER > SOFTWARE > Valve > Source > mm > Settings. Hier löscht ihr per Rechtsklick den ganzen "Settings"-Ordner. Dark Messiah wird ihn beim nächsten Spielstart neu anlegen und sollte sich ab jetzt eure Optionen merken.
Falls euch das Spiel häufig abschmieren sollte, könnt ihr versuchen, mit einem Tool namens Large Address Aware die mm.exe-Datei in eurem Dark-Messiah-Programmordner zu patchen. Das Tool sorgt dafür, dass Dark Messiah mehr als 2GB RAM benutzen kann - ansonsten kann bei hohen Einstellungen nach einer gewissen Spielzeit der Arbeitsspeicher volllaufen, was einen Absturz zur Folge hat. Das Tool findet ihr hier.
Quelle: PC Games
Beeindruckt auch Jahrzehnte später noch: Beim Erkunden eines Tempels werden wir von einem riesigen Drachen überfallen. Mit dem Bogen allein kriegen wir den nicht klein.
Keine Aussicht auf die Rückkehr des Messias
Insgesamt ist Dark Messiah immer noch einen Durchgang wert - zumindest, wenn ihr kein Story-RPG erwartet und ihm sein stellenweise hakeliges Gameplay verzeihen könnt. Dafür werdet ihr nämlich mit einem der besten First-Person-Nahkampfsysteme belohnt, eingebettet in eine Fantasy-Sandbox, für die es bis heute keinen zufriedenstellenden Ersatz gibt.
Denn nach Prey, Deathloop und Redfall scheint sich Arkane mittlerweile eher im Shooter-Genre zu Hause zu fühlen, und dass ein Microsoft-Studio irgendwann erneut Ubisofts eingeschlafene Might-and-Magic-Lizenz in die Finger bekommt, ist mehr als unwahrscheinlich.
Multiplayerfreunde können sich immerhin bei Chivalry 2 wuchtige Schwertkämpfe liefern und mit Gegenständen um sich werfen. Im Singleplayersegment bleibt Dark Messiah aber die beste und einzige Option, um in einem Fantasy-Setting mal richtig schön physikalisch die Sau rauszulassen.
Habt ihr Dark Messiah gespielt und hat es in eurem Herzen auch so einen festen Platz wie in unserem? Nutzt gerne die angebotene Kommentarfunktion und teilt uns eure Meinung zum Thema mit. Beachtet beim Kommentieren aber bitte die Forenregeln und die allgemeine Netiquette im Internet. Solltet ihr noch keinen Account haben, könnt ihr über eine Registrierung nachdenken, die viele Vorteile mit sich bringt. Unsere Video-Inhalte findet ihr bei Youtube, Instagram und Tiktok.
