Evolve: Evolve im Test: Monsterhatz mit Macken

Test Sandro Odak
Vier gegen einen: Wir haben die asymmetrische Monsterhatz Evolve getestet.
Quelle: 2K Games

Wenn die Macher von Left 4 Dead ein neues Spiel veröffentlichen, ist ein Koop-Hit vorherbestimmt. Wir haben Evolve ausführlich getestet und sind auf einige Macken gestoßen - im Kern ist Evolve aber ein grandioser eSport-Titel.

Es waren große Versprechungen, die Turtle Rock machte. Die ersten coolen Trailer zu Evolve sahen aus wie ein over the top Actionspiel im Stil von Left 4 Dead - mit dem Unterschied, dass vier Koop-Spieler gegen ein übermächtiges Monstrum bestehen mussten, nicht gegen KI-gelenkte Zombiehorden. Im Prinzip ist es genau das geworden. Nur die coolen Videos haben leider nichts mit der Wahrheit gemein. Jagdszenen wurden mir versprochen. Anpirschen an das große Monster. Im Trailer sah das cool aus. Eine Truppe von verwegenen Jägern muss sich durch das Dickicht eines Avatar-haften Planeten schlagen und ein Monstrum fangen, das sich mit der Zeit selbst zum Jäger entwickelt. Nach ungefähr 30 Stunden in Evolve (inklusive den Alphas und Betas) muss ich eingestehen: So cool ist das nicht.

Das lange Warten
Dicke Wummen: Evolve hat ein breites Arsenal. Quelle: Computec Media GmbH Dicke Wummen: Evolve hat ein breites Arsenal. Wo liegt das Problem? Eigentlich sollten die vier Jäger, immer eingeteilt in feste Klassen, losziehen und ein Monster töten. Das hat knapp eine Minute Vorsprung auf der Karte, kann also vorausgehen und sich vor dem Viererteam verstecken. Ziel für das Monster ist es, sich an der Fauna dieses fremdartigen Planeten satt zu fressen und Kräfte für einen Levelaufstieg zu sammeln. In der ersten Evolutionsstufe - daher der Name! - ist der einsame Gegner schwach. Das Viererteam ist in der Überzahl und hat leichtes Spiel. Auf Stufe 2 sind die Kräfte ausgeglichen, auf Stufe 3 werden die Jäger zu Gejagten. Sie haben also ein Interesse daran, ein Spiel möglichst früh für sich zu entscheiden.

Das größte Problem von Evolve sind lange Leerlaufzeiten. Wer in einem schlecht funktionierenden Team spielt, bekommt kaum Action geboten. Stattdessen stolpert er vermutlich die längste Zeit einer Runde hinter Fußspuren her. Hat man es mit einem guten Monsterspieler zu tun, bekommt man von dem übermächtigen Gegner bis zum Ende einer Runde wenig bis nichts zu sehen. Teils verbringen wir fünf bis zehn Minuten damit, Hinweisen auf der Karte nachzugehen und Fußspuren zu verfolgen, ohne dass etwas passiert. Diese Leerlaufphasen schrecken Gewohnheitsspieler ab. Evolve bietet ihnen nicht das, was sie von anderen Shootern gewohnt sind - Daueraction von vorn bis hinten.

Wer sie trotzdem will, begeht sogar einen Fehler. Natürlich warten auf dem Planeten Shear auch Raubtiere, die man erlegen kann. Doch jedes getötete Tier spielt am Ende dem Gegner in die Hände. Das Monster kann die Leichen fressen und dadurch stärker werden. Die Jäger müssen daher sogar darauf achten, nicht die Aufmerksamkeit anderer Tiere auf sich zu lenken - sie müssen der Action aus dem Weg gehen. Eine fragwürdige Designentscheidung, die eigentlich nur für eine Zielgruppe relevant ist: Für eSportler, die Evolve als Turnierspiel aufnehmen. Das Jägerteam muss diszipliniert und mit Plan vorgehen, um dem Monster zu schaden. Das macht nur Spaß, wenn man in einer festen Gruppe spielt.

Online ist (nicht) Pflicht
Das Monster steuert man aus der Third Person Sicht. Quelle: Computec Media GmbH Das Monster steuert man aus der Third Person Sicht. Wer es bis hier hin nicht schon bemerkt hat: Evolve ist eigentlich nur ein Online-Spiel. Es gibt zwar einen Solomodus, in dem die KI andere Spieler übernimmt. Doch der Modus taugt hauptsächlich dafür, sich mit der Steuerung und auf den Karten zurecht zu finden. Evolve ist ein Kommunikationsspiel. Durch Pings kann man seinen Teamkameraden Dinge auf der Karte markieren und im VoIP-Systemmit ihnen sprechen. Das ist auch bitter nötig, ohne Absprache geht so gut wie nichts.

Der eigentliche Solo-Part von Evolve heißt "Monster sein". Wer nicht im Koop mit anderen spielen und sich mit ihnen absprechen will, übernimmt am besten die Rolle des Ungeheuers. Wer es steuern will, darf nicht in einer Party mit Freunden verbunden sein, um nicht Gespräche der Gegner mitzuhören. Man ist folglich gezwungen, allein zu spielen. Eine gute Entscheidung, die sich im freien Spiel aber umgehen lässt. Nur im kompetitiveren Online-Modus mit Fremden bleibt das Biest stumm.

Technische Schwierigkeiten
Manchmal kommt man durch explosive Effekte durcheinander. Quelle: Computec Media GmbH Manchmal kommt man durch explosive Effekte durcheinander. Schon vor dem Start deutete sich eine weitere Schwierigkeit an: Evolve sieht zwar toll aus und weiß durch dichte Fauna auf Shear zu begeistern. Doch weil die Jäger und Monster so viel springen, schweben und mit Jetpacks fliegen, kann diese Dreidimensionalität verwirren. Oft bleibt man an Gegenständen hängen. Sei es an Wänden, Klippen oder einfach einer aus dem Boden ragenden Baumwurzel. Auch fleischfressende Pflanzen und andere Monster, die einen proaktiv aus einem Versteck angreifen, tragen zu dem eher mäßigen technischen Gesamtbild bei. Das sind Features, die ziemlich auf die Nerven gehen.

Dabei spielt der dichte Bewuchs auf Shear natürlich eine wichtige Rolle. Er gibt dem Monster einen Rückzugsraum und erlaubt sogar kleine Boni: Je nachdem wie eine Runde ausgeht, gibt es Parameter für die nächste Map. So lässt sich das Wetter verändern, um die Sichtweite zu verbessern oder zu verschlechtern.

Ein krasser Bruch im Look and Feel ist der Unterschied zwischen den zwei Charakterklassen. Während Jäger aus der Ego-Perspektive gesteuert werden - was für einen Online-Shooter Sinn macht - lenkt man das Monster aus einer viel umständlicheren und hakeligen Third-Person-Ansicht. Das ist wegen der gänzlich anderen Angriffsmuster zwar im Prinzip schlau. Das Steuerschema wirkt aber wegen der chaotischen Fauna noch schwammiger und unpräziser. Und weil das Monster immer da hinspringt, wo es hinschaut (also auch nach oben oder unten), tendiert es zu diffusen Jumps.

Ein cooler Spielmodus und eine überflüssige Minikampagne
Mit Spezialwaffen kann man das Monster tracken. Quelle: Computec Media GmbH Mit Spezialwaffen kann man das Monster tracken. Hunt ist der definierende Spielmodus von Evolve. Er ist, was für Battlefield die Eroberung war oder für Call of Duty die patriotische Blockbuster-Kampagne. Eigentlich ist das gesamte Spielprinzip um den Konflikt zwischen Monstern und Jägern aufgebaut. Drumherum haben die Macher aber weitere Spielmodi erarbeitet. In einer kleinen Minikampagne, die fünf Einzelmatches lang dauert, muss man Monster-Eier vernichten, menschliche Überlebende retten und schlussendlich ein Tower-Defense-Match Jäger gegen Monster bestehen. Die Idee einer Onlinekampagne, die zwischen 20 und 60 Minuten dauert, ist toll. Aber die Modi wirken aufgesetzt und schwach.

Die DLC-Politik
Das Team muss sich absprechen und eine Taktik im Kampf entwickeln. Quelle: Computec Media GmbH Das Team muss sich absprechen und eine Taktik im Kampf entwickeln. Wer heute etwas über Evolve liest, wird vermutlich zuerst an eines denken: DLC. 2K Games Politik diesbezüglich war unter Gamern in Verruf geraten. Für mich eine völlig abstruse Situation. Anders als viele andere Spiele verzichtet Turtle Rock darauf, für einzelne Karten Geld zu verlangen. Stattdessen planen sie zukünftige Charaktere als Paid-DLC anzubieten - und Skins. Wer zum Start alle freischalten will, kann dafür 75 Euro ausgeben. Die Betonung liegt aber auf kann! Keiner der Skins ist erforderlich, um Evolve abzuschließen; keiner der Skins wirkt sich auf das Gameplay aus. Die kleinen Download-Pakete zwischen zwei und sieben Euro lassen Charaktere lediglich anders aussehen. Wer bereit ist, für solche Individualisierungen Geld auszugeben, ist selbst schuld. Zwei gleiche Charaktere gibt es eh nie auf der Karte, weil die Klassen immer fest verteilt sind. Es kann nie zwei Medics gleichzeitig geben. Es ist also nie notwendig, sich vom Aussehen her von anderen abzuheben.

Meinungen

Wertung zu Evolve (PS4)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Evolve (XBO)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
cooler, asymmetrischer SpielmodusWechsel der Perspektive auf beiden Seitengutes Teamplaydichte Fauna sorgt für Atmosphäreviele Mapstolles Balancingausgewogenes Klassensystem
hakelige SteuerungFokus auf komplizierten Multiplayerwenig Action bis das Monster gefunden istüberflüssige Spielmodi in der "Minikampagne"
Fazit

Evolve richtet sich an eine spezielle Zielgruppe, die den asymmetrischen Online-Modus lieben wird. Einen schnellen Spaß für zwischendurch verderben aber lange Leerlaufphasen.

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