Forza Motorsport 6 steht am Start und zeigt der Konkurrenz, wie ein modernes Rennspiel auf Konsole heute auszusehen hat.
Mit Forza Motorsport 6 offerieren uns die Turn 10 Studios das umfangreichste Spiel der Reihe seit Forza Motorsport 4. Nicht nur 26 verschiedene Orte, jeder mit mehreren Varianten der darauf befindlichen Rennstrecken, über 450 Fahrzeuge und nicht zuletzt 24 Fahrer auf der Piste, auch online, das liest sich auf alle Fälle schon einmal hervorragend. Dazu gesellen sich die neuen Nacht- und Regenrennen, sowie durchgehend 60 Frames die Sekunde bei vollen 1080p Auflösung. Doch ob all das reicht, um Forza 6 zum besten Rennspiel auf Konsolen zu machen, was wir eigentlich erwarten, klärt dieser Test.
Die Singleplayer-Karriere
Quelle: Turn 10
Die Singleplayer-Karriere von Forza 6 ist anders aufgebaut als wir es bisher gewohnt waren. Sie ist in sechs Staffeln eingeteilt, die mit den Straßenrennen beginnen und beim Ultimativen Motorsport enden. Jede Staffel bietet uns also immer schnellere Fahrzeuge an. Jede Staffel wiederum beinhaltet drei Meisterschaften mit in der Regel sechs Rennen, bei der wir wiederum die Auswahl aus sechs verschiedenen Autoklassen haben. Bei jedem Karrieredurchgang absolvieren wir jeweils eine davon, woraus sich ergibt, dass wir die Karriere insgesamt sechsmal mit unterschiedlichen Fahrzeugen durchspielen dürfen, bis wir den Singleplayer wirklich komplett gesehen haben. Das ist ein enormer Umfang und kann einen für Wochen und Monate vor den Screen fesseln.
Die Mods
Eine der wichtigsten Neuerungen im Singleplayer-Modus sind die sogenannten Mods. Dabei handelt es sich um Karten, welche wir entweder bei der Tombola gewinnen können, oder sie im Paket blind erwerben. Je teurer das gekaufte Paket, desto höher die Chance an seltene und besonders hilfreiche Mods zu kommen. Mods gibt es in drei Kategorien: Crew, Risiko und Boost. Dabei können wir immer nur maximal drei Mods gleichzeitig einsetzen, wobei nur ein einziger Crew-Mod erlaubt ist. Crew-Mods verleihen uns eine dauerhafte Verbesserung, wie mehr Bodenhaftung oder bessere Bremsen. Risiko-Mods stellen uns eine Aufgabe, bei deren Erfüllung es eine Belohnung gibt. Setzen wir zum Beispiel das Risiko-Mod Cockpit-Kamera ein, müssen wir aus der Cockpitsicht spielen und erhalten dafür 15% mehr Credits am Ende des Rennens. Die Boost-Mods schließlich sind nur ein einziges Mal einsetzbar und verleihen unserem Wagen zum Beispiel ein paar PS mehr oder reduzieren das Gewicht des Fahrzeugs.
Anfangs stand ich diesen Mods recht skeptisch gegenüber, weil sich mir der Sinn nicht erschließen wollte, wieso ich nicht einfach bessere Bremsen einbaue, wenn ich mehr Bremskraft wünsche, statt dafür einen Mod zu benutzen. Doch in der Praxis lernte ich die Mods dann doch lieben, weil sich Turn 10 nämlich etwas ganz Gemeines einfallen hat lassen. In der Karriere darf man keine umgebauten Autos benutzen bzw. es wird genau vorgegeben, wie sie ausgestattet sein müssen. Dadurch wird man nicht mehr verführt, wie in den früheren Forzas, jedes Fahrzeug ans Klassenlimit aufzurüsten, weil es nicht mehr nötig ist. Das funktioniert in der Karriere recht gut und die Mods machen dadurch wirklich viel Sinn, allerdings birgt dieses System auch einen lästigen Nachteil in sich, auf den ich im Multiplayer-Part dieses Tests noch eingehen werde.
Quelle: Turn 10
Bei den Fahrhilfen wird uns das Übliche geboten, was wir schon aus den Vorgängern her kennen. ABS, STM und TCS lassen sich ein oder ausschalten, die Ideallinie lässt sich auf die Bremszonen reduzieren oder ganz ausschalten und für totale Anfänger gibt es sogar eine Bremshilfe. Natürlich können wir die Schäden auf kosmetisch schalten oder realistisch, wobei dann auch Kraftstoffverbrauch und Reifenverschleiß aktiviert werden. Allerdings ist mir bei diesem Forza das erste Mal etwas aufgefallen, was ich bisher nie als so beeinträchtigend empfunden habe, wie in diesem sechsten Teil. Von anderen Rennspielen her kennen wir es, dass man die Traktionskontrolle in mehreren Stufen einstellen kann, das geht bei Forza 6 nicht. Doch das TCS geht ziemlich hart zu Werk und kostet einen besonders beim Herausbeschleunigen aus den Kurven viel Zeit, weil sie erst relativ spät wieder Antrieb auf die Reifen gibt. Entweder ist mir das in den vorherigen Teilen noch nicht so stark aufgefallen, oder Turn 10 hat das TCS diesmal tatsächlich etwas straffer eingestellt. Das gleiche gilt für die Stabilitätskontrolle, auch hier hätte ich mir gewünscht, sie endlich in mehreren Stufen einstellen zu können.
Wieder mit an Bord sind natürlich die Drivatare, welche die anderen Fahrzeuge steuern. Dass davon nun immer 23 Stück auf der Piste sind, sorgt für noch mehr Überholmanöver und Aufholjagden. Doch wie wir wissen, verhalten sich die Drivatare wie ihre realen Vorbilder, können mitunter also auch ganz schön unfair werden, besonders wenn man den Schwierigkeitsgrad auf 50% oder höher stellt. Da erlaubt sich dann schon mancher virtuelle Fahrer uns von der Seite anzuboxen, wenn man überholen will. Umso schöner zu sehen, dass Turn 10 sich da eine neue Funktion ausgedacht hat, wir können nämlich die Aggressivität der Drivatare einschränken, ohne den Schwierigkeitsgrad zu senken. Wer schon einmal in der letzten Runde rausgekickt wurde, der wird dieses Feature zu schätzen lernen und muss trotzdem nicht auf starke Gegner verzichten.
Während wir unsere Karriere absolvieren, schalten wir zur Belohnung immer weitere Schaurennen frei, eine ganze Menge sogar. Diese können direkt nach dem Freischalten gespielt werden, oder erst später wenn wir Lust darauf haben. In insgesamt zehn verschiedenen Kategorien werden uns hier die unterschiedlichsten Herausforderungen in den ebenso unterschiedlichsten Autos geboten. Dorthin haben die Entwickler zum Beispiel die Hütchenrennen verbannt, mit denen man in der Karriere nun nicht mehr genervt wird. Aber dort finden sich auch die recht anspruchsvollen Rennen gegen Stig aus Top Gear, sowie die ganz langen Ausdauerrennen, welche bis zu vier Stunden dauern können.
Auf alle Rennen und Meisterschaften der Karriere haben wir übrigens nach erfolgreichem Beenden über eine spezielle Übersicht, die "Geschichten des Motorsports", nach wie vor Zugriff. Zum Beispiel um die Zeiten unserer Freunde zu überbieten. Neben der Karriere gibt es selbstverständlich auch wieder das freie Rennen, bei dem wir alle Bedingungen selbst festlegen können, sowie die Testfahrt, um das optimale Tuning für unsere Fahrzeuge zu finden.
Nacht & Regen
Quelle: Turn 10
Ein absolutes Highlight des neuen Forza sind natürlich die Nacht- und die Regenrennen. Nun ist es nicht so, dass es so etwas nicht schon in anderen Rennspielen gegeben hätte, trotzdem muss man Turn 10 zugute halten, dass sie speziell mit den Regenrennen etwas geschafft haben, was ich so in noch keinem Rennspiel erlebte. Regenrennen können Spaß machen! Fährt man eine Strecke das erste Mal im Regen, ist sie wie verwandelt. Man kann sich nicht mehr auf die Ideallinie verlassen, nicht die eingeblendete und nicht die eigene. Stattdessen heißt es höllisch auf die Pfützen aufpassen und eine Kurve lieber im großen Bogen zu nehmen, statt innen durchs Nass zu pflügen. Nie hätte ich gedacht, dass das so viel Spaß machen kann.
Eine ganz andere Herausforderung hingegen stellen die Nachtrennen dar. Hier ist klar im Vorteil wer die Strecke schon kennt. Denn wenn man mit weit über 250 km/h die finsteren Abschnitte der Nordschleife entlang fetzt und die Ideallinie ausgeschaltet hat, versäumt man den Bremspunkt gerne bevor man die kommende Kurve sieht. Was mir persönlich an den Nachtrennen auch besonders gut gefiel, sind die Übergänge zwischen den dunklen und den hell erleuchteten Streckenabschnitten. Wenn man aus einer grell beleuchteten Steilkurve in das Finstere der Nacht hineinsticht, dann ist das schon ein ganz besonderes Erlebnis.
Grafik & Sound
Was die Grafik betrifft gibt es für ein Rennspiel natürlich nichts Wichtigeres, als eine flüssige Wiedergabe des Spielgeschehens. Da sind zum Beispiel stabile 30 Frames die Sekunde besser, als eine höhere Framerate die schwankt. Doch Turn 10 setzte die Messlatte höher und verspricht uns stabile 60 Frames bei vollen 1080p. Und sie haben ihr Versprechen gehalten. Forza 6 läuft mit absolut stabilen 60FPS ohne die geringsten Ruckler oder Framedrops. Dabei hat man die Steckendetails im Vergleich mit dem Vorgänger noch einmal sichtbar erhöht. Es gibt deutlich mehr Objekte neben den Pisten und ganz besonders Prag und Rio strotzen nur so vor Details. Diesbezüglich stellt Forza 6 im Rennspielgenre definitiv alles in den Schatten was es bisher auf der Xbox One gibt. Einzig anmerken muss man, dass es das Forzy-typische Kantenflimmern noch immer gibt, auch wenn es bei der hohen Auflösung kaum mehr ins Auge fällt. Und über die Qualität der Fahrzeuge muss man eigentlich kein Wort mehr verlieren, die sehen allesamt so prächtig aus wie man es von dem Titel erwarten kann. Besonders im Forzavista-Modus sind sie von ihren realen Vorbildern praktisch nicht mehr zu unterscheiden.
Quelle: Turn 10
Die Soundkulisse glänzt wie eh und je mit ihren knackigen Motorensounds, die sich aus jeder Perspektive heraus anders anhören. Dies gepaart mit dem Schnalzen der Kupplung und dem Abrollgeräusch der Reifen ist Carporn für die Ohren. Woran man allerdings etwas mäkeln könnte, sind die seltsamen Crash-Geräusche, die sich weniger wie verbiegendes Blech anhören, als viel mehr wie Elektroschocks. Zudem ist die Art des Crashes völlig egal, es ertönt praktisch immer das gleiche Geräusch. Hier hätte ich doch etwas mehr von Turn 10 erwartet. Aber so richtig auf die Nerven gehen kann einem nach einer Weile die Hintergrundmusik. Wer von der großen Musikauswahl aus Forza Horizon 2 verwöhnt ist, dem fallen in Forza Motorsport 6 die Ohren ab. Denn während die Musik in den Menüs noch angenehm und passend ist, gibt es während der Rennen gefühlt nur drei verschiedene Songs, die sich permanent wiederholen. Hier hilft wirklich nur abschalten oder weghören.
Der Multiplayer-Modus
Um sich mit seinen Freunden und anderen Mitspielern zu messen, bietet uns Forza 6 drei Spielvarianten. Die erste davon ist der Rivalen-Modus. Hier kann man sich für jede beliebige Strecke bei allen verfügbaren Konditionen anzeigen lassen, wer von seinen Freunden eine bessere Zeit als man selbst hinterlegt hat. Ist man in seinem Freundeskreis bereits der beste Fahrer, werden einem die Fahrer der Welt als Rivalen angeboten. Dieser Spielmodus eignet sich übrigens hervorragend um gewisse Achievements zu erreichen, die im normalen Multiplayer deutlich schwerer freizuschalten sind.
Bei der zweiten Spielvariante handelt es sich um die Ligen. Diese werden zeitlich begrenzt veranstaltet und sind streng reglementiert. Es gibt zum Beispiel Liegen, die man nur mit einem speziellen Auto fahren darf, andere sind auf eine Klasse beschränkt und in wieder anderen sind die Kollisionen deaktiviert. Hier gibt es eine wahrlich große Auswahl verschiedenster Rennen mit vordefinierten Regeln, in denen man sich dann mit der Welt messen kann.
Die umfangreichste Spielvariante im Multiplayer stellt der Mehrspieler-Hopper dar. Hier gibt es von den Rennen in den verschiedenen Klassen auch einen Exoten-Showdown, Drag-Rennen bei denen es alleine auf die Beschleunigung der Fahrzeuge ankommt, oder anspruchsvolle Drift-Rennen, in denen es nicht um die Zeit, sondern um die Punkte geht. Sogar die in Forza 5 gestrichenen Spiele gibt es wieder. Leider konnten wir diesen Modus noch nicht testen, da die entsprechenden Server noch nicht online waren.
Quelle: Turn 10
Dafür durften wir uns schon in den privaten Sessions austoben, die bereits offenbaren, dass auch im Online-Modus Turn 10 wirklich alles richtig gemacht hat. Auch in den privaten Sessions stehen uns alle im Spiel vorhandenen Spielvarianten zur Auswahl, sogar die Spiele. Es lassen sich ebenfalls die maximale Anzahl Drivatare aktivieren, so dass man selbst mit vier Spielern zum Beispiel ein volles Starterfeld erhält. Im Detail lässt sich sogar beeinflussen, in welcher Reihenfolge das Starterfeld aufgestellt werden soll. Von zufällig bis die Stärksten ganz hinten ist alles möglich. Wer will, kann die Rennen sogar auf einen bestimmten Antriebstyp beschränken.
Wie weiter oben schon geschrieben, muss ich im Multiplayer-Part dieses Reviews noch einmal auf die Mods eingehen. Denn auch wenn sie ausschließlich offline benutzt werden dürfen, wirken sie sich indirekt stark auf den Online-Modus aus. Wie bereits erwähnt, ist es für die Karriere praktisch nicht nötig die Fahrzeuge aufzurüsten, da ein ziemlich enges Korsett vorgibt in welchem Zustand sich die Fahrzeuge befinden müssen. Ganz anders ist dies natürlich online, wo man seine Autos möglichst bis an die jeweilige Klassengrenze aufrüsten muss um konkurrenzfähig zu sein. Da man aber kaum erst die mega umfangreiche Karriere beenden wird, bevor man das erste Mal online geht, wird man ständig gezwungen seine Fahrzeuge umzubauen. Ein gerade in der Karriere benutzter Ferrari zum Beispiel muss online erst aufgerüstet werden, und umgekehrt wieder abgerüstet, sobald man offline die Karriere weiter spielt. Wer sich dabei nicht auf das automatische Aufrüsten verlassen will, muss zwangsläufig Settings abspeichern und die dann immer bei Bedarf laden. Auf Dauer ist das recht lästig, insofern man nicht vorhat sich jedes Auto doppelt zu kaufen.
Technisches
Wer schon länger Forza spielt, der verfügt unter Umständen schon über eine ganze Sammlung an Mustervorlagen und Lackierungen. Wie auch schon in den Vorgängern, so kann man diese auch wieder in Forza 6 importieren. Genau gesagt, muss man das gar nicht händisch tun, sie werden automatisch aus der Cloud synchronisiert und stehen einem sofort zur Verfügung. Doch nicht nur das, neuerdings lassen sich auch die oft in ewig langer Kleinarbeit herausgefundenen Settings aus Forza 5 direkt in Forza 6 verwenden. Das erspart einem eine Menge Einstellarbeit und ist eines der vielen kleinen Details, die an Forza 6 zu begeistern vermögen.
Hingegen gar nicht zu begeistern vermag der Editor für die Mustervorlagen. Ich weiß nicht ob es aus Kompatibilitätsgründen heraus geschah, aber er hat sich kein bisschen weiterentwickelt. Nach wie vor ist es unglaublich umständlich kompliziertere Muster durch das Übereinanderlegen verschiedener Folien zu erzeugen. Hier wäre es wirklich an der Zeit gewesen endlich ein paar komfortablere Tools zur Verfügung zu stellen.
