20 Jahre Gran Turismo: König des Asphalts
Special
Kaum eine Spiele-Reihe ist so sehr mit der Marke Playstation verbunden wie Gran Turismo. In diesem Jahr erschien mit Gran Turismo: Sport nicht nur endlich ein Ableger für die PS4, die beliebte Rennspiel-Reihe feiert zudem Geburtstag. Ganze 20 Jahre begleiten uns nun schon die Werke von Kazunori Yamauchi und Polyphony Digital. Wir wünschen Gran Turismo mit diesem Special alles Gute. Auf die nächsten 20 Jahre!
Wer hätte gedacht, dass der Sohn eines Handelsvertreters einmal die Videospielwelt nachhaltig verändern würde? Kazunori Yamauchi, Jahrgang 1967, ist der geistige Vater einer der wichtigsten PlayStation-Marken überhaupt: Gran Turismo (jetzt kaufen 144,29 € ). Der Japaner gilt als Perfektionist und als jemand, der stets das Maximum aus seinem Team und der ihm aktuell zur Verfügung stehenden Hardware herausholt. Seine Vision eines Real Driving Simulator - bis heute der offizielle Untertitel der Rennspielreihe - stellt Yamauchi erstmals am 23. Dezember 1997 unter Beweis. An diesem Tag erscheint in Japan das allererste Gran Turismo und begründet damit eine 20-jährige Serientradition.
Am Anfang steht ein Kart-Game
Wenn wir über die Geschichte von Gran Turismo sprechen, dann geht diese Hand in Hand mit der Evolution der PlayStation-Konsole. Im Jahr 1993 - also noch vor dem Erscheinen der ersten PlayStation-Generation - heuert Kazunori Yamauchi beim in Tokio ansässigen Studio Polys Entertainment an. Damals gehört die Firma fest zu dem im gleichen Jahr gegründeten Unternehmen Sony Computer Entertainment Inc., das sich speziell um die neue Hardware-Plattform kümmern sollte. Niemand geringeres als Shūhei Yoshida, der heutige Präsident von Sony Interactive Entertainment Worldwide Studios, fungiert damals als Lead Account Executive und ist auf der Suche nach Entwicklerteams, die die PlayStation mit neuen Titeln versorgen.
"Kaz", wie ihn seine Fans nennen, ist bereits seit Kindertagen ein Auto-Freak. Er wächst unweit der Tsukuba-Rennstrecke auf und dreht dort in jungen Jahren in seinem Toyota Celica XX die ersten Runden. Im Alter von 24 Jahren tauscht er sein erstes Auto gegen einen schnelleren Nissan GT-R R32 und fährt diesen auch gleich zu Schrott, weil er eine Kurve zu scharf angeht. Er ist ein "Hashiriya" - ein Straßenrennfahrer. Bereits früh geistern ihm Ideen für eine 3D-Rennsimulation im Kopf herum. "Es war ein radikales Konzept und ich wusste, es würde nicht leicht werden, die Verantwortlichen zu überzeugen", erinnert sich Yamauchi in einem Interview mit dem offiziellen PlayStation-Blog. Seine Lösung: Er legt über 100 Spielideen für verschiedene Genres vor - und bekommt letztlich für den späteren Arcade-Racer Motor Toon Grand Prix den Zuschlag.
Aber Yamauchi-san ist ein Schlitzohr. "Das Konzept des Arcade-Rennspiels war zugänglicher und einfacher zu verstehen. Wir sicherten so das Budget für die Entstehung von Motor Toon Grand Prix und brachten das Spiel voran. Zugleich aber begannen im Hintergrund bereits die Arbeiten an Gran Turismo," erklärt der heutige Geschäftsführer von Polyphony Digital. Als Motor Toon Grand Prix im Dezember 1994 in Japan erscheint, ist es ein Erfolg und schafft Vertrauen bei den Offiziellen. Die Zeit von Gran Turismo sollte schon bald kommen.
Gran Turismo lebt
Motor Toon Grand Prix ist die Bewährungsprobe für Polys Entertainment. Im Anschluss legt Yamauchi das Konzept für Gran Turismo vor - und bekommt grünes Licht für die Entwicklung der Rennsimulation. Bereits im Vorfeld sucht er nach talentierten Programmierern, die sich mit 3D-Umgebungen und Modellen auskennen. Trotzdem startet die Entwicklung mit lediglich fünf Teammitgliedern - Yamauchi eingeschlossen. Später bestand Polys Entertainment immerhin aus über 20 Mitarbeitern, trotzdem scheint das überschaubare Personal für ein Spiel dieser Größenordnung geradezu lachhaft. Entsprechend hart waren damals die Bedingungen.
"Jedes Teammitglied hatte große Verantwortung und es gab enorm viel zu tun", so der heute 50-jährige Rennsport-Enthusiast. Nicht selten übernachten er und seine Kollegen im Studio und schrauben am nächsten Morgen weiter an den Feinheiten. Doch die Entbehrungen und der Crunch lohnen sich: Als Gran Turismo 1997 endlich für die PlayStation auf den Markt kommt, sind Spieler und Fachpresse hellauf begeistert. Der Titel bietet eine bis dato nie dagewesene Spieltiefe und überzeugt zudem mit bahnbrechender Technik. Die Rennsimulation begründet im Heimkonsolenbereich eine neue Ära für das Genre.
Quelle: Sony
Technisch aus heutiger Sicht eher grobschlächtig, findet das allererste Gran Turismo seinerzeit den Mittelweg zwischen Realität, Anspruch und Einsteigerfreundlichkeit.
"Für bestimmte der 140 Fahrzeuge hatten wir detaillierte Design- und Messdaten, sodass wir die Modelle sehr exakt nachbilden konnten. Leider war das nicht bei jedem Auto der Fall. Trotzdem kamen wir bei vielen nah dran", führt Yamauchi aus. Das Fahrgefühl von Gran Turismo erweist sich trotz Gamepad-Steuerung und fehlender Lenkrad-Unterstützung als ausgezeichnet. Die Grafik überzeugt ebenfalls mit ihrer hohen Detailverliebtheit, Feinheiten wie Umgebungsspiegelungen sowie der Art, wie Reifen und Asphalt miteinander harmonieren. Für Langzeitmotivation sorgt ein aus heutiger Sicht gängiges Rollenspielsystem: Durch das Bewältigen von Aufgaben erhaltet ihr Geld und kauft dafür wahlweise neue, schnellere Autos oder investiert es in das Tuning eures bestehenden Fuhrparks. Diese Mechanik ist anno 1997 geradezu revolutionär und sorgt in Verbindung mit dem anspruchsvollen Fahrzeugmodell für wochenlangen Spielspaß.
Gran Turismo ist mitverantwortlich für den Erfolg der ersten PlayStation-Generation und wird zu einem der Aushängeschilder der Sony-Konsole. Der Erfolg bringt allerdings nicht nur die neue Plattform voran, sie bedeutet auch einen beruflichen Aufstieg für Kazunori Yamauchi. Bis heute verkaufte sich das Spiel beinahe elf Millionen Mal. Angetrieben von diesem Durchbruch, gründet der Japaner im Sommer 1998 sein eigenes Entwicklerstudio Polyphony Digital und macht sich sogleich an die Entwicklung des Nachfolgers. Heute, beinahe 20 Jahre später, arbeiten über 200 Menschen in den Studios in Tokio und Fukuoka. Polyphony Digital gilt als eine der wichtigsten Säulen für Sony Computer Entertainment, bewahrt sich aber über die Jahre dennoch seine Unabhängigkeit.
Die nächste Evolutionsstufe
Quelle: Sony
Gran Turismo 2 erscheint 2000 und stellt das erfolgreiche Seriendebüt trotz kleinerer Grafikruckler in den Schatten. Mit 650 Fahrzeugen vervierfacht sich die Anzahl der Autos beinahe.
Gran Turismo 2 erscheint 1999 und bringt die PlayStation an ihr Limit. Waren im ersten Teil noch 140 Fahrzeuge verfügbar, sind es nun 650 Wagen von 36 Herstellern. Das Spiel ist so groß, dass es auf gleich zwei CDs ausgeliefert werden muss. Auf dem roten Datenträger befindet sich der Arcade-Modus, auf dem blauen die Karriere. Die 32-Bit-Konsole ächzt unter der Belastung des noch einmal verbesserten Physikmodells und der leicht aufgewerteten Optik. Das Ergebnis: Kleinere Ruckler erschweren die Kontrolle der PS-Boliden. Doch das ändert nichts an den Qualitäten des Spiels und daran, dass Gran Turismo 2 für viele Spieler den Höhepunkt der PlayStation-Ära markiert. Der Edel-Racer verkauft sich annähernd zehn Millionen Mal, zeigt aber auch, dass Polyphony Digital dringend eine stärkere Plattform für das Ausleben der kreativen Visionen von Yamauchi benötigt.
Die erste PlayStation etabliert Sony am Markt mit bis heute über 102 Millionen verkauften Endgeräten. Doch jeder Konsolenzyklus neigt sich irgendwann dem Ende zu, und so veröffentlicht Sony im Herbst 2000 die PlayStation 2. Bis heute verkaufte sich die nun schwarze Hardware beinahe 160 Millionen Mal. Mit Titeln wie Ridge Racer 5, Tekken Tag Tournament, SSX Snowboarding oder Dead or Alive 2: Hardcore gelingt der PS2 ein sehr guter Start. Doch der einstmals unter dem Arbeitstitel Gran Turismo 2000 geführte dritte Teil der Serie fehlt in dieser Liste.
Quelle: Sony
Der Splitscreen-Modus ist seit jeher essenzieller Bestandteil der Gran Turismo-Reihe, auch im dritten Teil, dem Debüt der Serie auf der PS2.
Erst ein halbes Jahr später kommt Gran Turismo 3: A-Spec auf den Markt. Zwar reduziert Polyphony Digital den Fuhrpark von über 600 auf 181 Autos, dafür profitiert das Spiel von der zusätzlichen Hardware-Power der PS2. Dank der höheren Auflösung, zusätzlichen Licht- und Partikeleffekten sowie über 4.000 Polygonen pro Wagen ist Gran Turismo 3: A-Spec zweifellos das bislang ausgefeilteste Konsolen-Rennspiel. Grafikruckler sind Vergangenheit, stattdessen genießen die Spieler neue Freiheiten dank Lenkrad-Unterstützung und FireWire-Mehrspieler-Modus. Gran Turismo 3: A-Spec wird mit knapp 15 Millionen verkauften Einheiten zum Kassenschlager und ist bis heute das erfolgreichste Spiel der Rennspielserie. Auf der Review-Webseite metacritic.com gehört es mit einem Wertungsschnitt jenseits der 94 außerdem zu den besten Videospielen aller Zeiten.
Quelle: Sony
Gran Turismo 4 lässt lange auf sich warten. Polyphony Digital überarbeitet die komplette Grafik-Engine und integriert Funktionen wie den B-Spec-Modus, in dem ihr als Crew-Chef fungiert.
In den Folgejahren experimentiert Polyphony Digital mit neuen Vermarktungsmöglichkeiten. Gran Turismo Concept: 2002 Tokyo-Geneva legt den Fokus auf Konzeptfahrzeuge, verfügt aber über keinen Karrieremodus. Gran Turismo 4 Prologue fungiert 2004 dagegen als Vorgeschmack auf den großen nächsten Teil des Rennspiel-Franchise. Mit lediglich fünf Strecken und 63 Autos fällt der Umfang und damit auch der Wiederspielwert allerdings ziemlich gering aus. Es mehrt sich Kritik an diesem Konzept - viele Fans empfinden es als unnötige Geldmacherei.
Gran Turismo 4 erscheint in Europa im März 2005 mit gut eineinhalb Jahren Verspätung und kann trotz knapp zwölf Millionen verkaufter Einheiten nicht ganz an den überragenden Erfolg des Vorgängers anknüpfen. Dabei präsentiert Polyphony Digital das Spiel als wahres Mammutprojekt: Es beinhaltet über 700 Autos, 51 Strecken und eine Vielzahl von Optionen - vom 24-Stunden-Ausdauerrennen bis hin zum Fotomodus. Die NTSC-Version gibt Einzelrennen sogar in einer Auflösung von 1.080i wieder. Technisch übertrumpft Gran Turismo 4 seinen Vorgänger und stellt die neue Grafikreferenz für die PS2 dar.
Die Expansion der Marke
Über die Jahre baut Polyphony Digital seine Rennsimulation weiter aus und hält die Marke mit Hilfe von Handheld-Ablegern und Demoversionen frisch. 2007 erscheint eine kostenlose Probierversion namens Gran Turismo HD Concept für die PlayStation 3 - inklusive 1.080p-Auflösung und Online-Modus. 2008 kommt mit Gran Turismo 5 Prologue eine erneut kostenpflichtige Anspielversion für den erst zwei Jahre später erscheinenden nächsten Teil. Doch bevor Gran Turismo 5 auf der PS3 an den Start geht, dürfen Spieler 2009 erstmals auf der PlayStation Portable Gas geben. Obwohl der Handheld-Flitzer alle Tugenden des großen Bruders aufweist, erreicht er aufgrund fehlender Optionen nicht dessen Niveau.
Quelle: Sony
In GT 5 implementiert Polyphony Digital ein rudimentäres Schadensmodell sowie Wettereffekte für einige Strecken. Hinzu kommt die Einteilung in Standard- und Premium-Fahrzeuge.
Mit Gran Turismo 5 wagt Polyphony Digital endgültig den Schritt in Richtung Online-Racing: Erstmals wetteifern Spieler in der GT Academy in Zeitrennen und erhalten später die Gelegenheit, auch auf echten Rennstrecken ihr Können zu beweisen. Zudem verstärken die Nobel-Hersteller Lamborghini und Bugatti den Fuhrpark der Gran Turismo-Serie. Herunterladbare Inhalte ergänzen die ohnehin schon großzügig ausgestattete Garage - das Spiel bietet somit mehr als 1.000 Autos. Polyphony Digital unterteilt diese jedoch in Standard- und Premium-Modelle.
Diese kontroverse Kategorisierung wirkt sich auf den Detailgrad der Fahrzeuge aus und erscheint wie ein Kompromiss zwischen Perfektion und maximalem Umfang. Das endlich integrierte Schadensmodell heimst ebenfalls Kritik ein, da Zusammenstöße immer noch nicht realistisch umgesetzt werden. Ansonsten aber präsentiert Polyphony Digital Gran Turismo 5 als gewohnt leistungsstarke Rennsimulation, die zunehmend die Grenzen des technisch Machbaren auslotet. So testet Kazunori Yamauchi etwa die Unterstützung mehrerer Monitore.
Mit Gran Turismo 6 fahren Polyphony Digital und Sony 2013 wieder eine ähnliche Taktik wie bei früheren Teilen: Obwohl man das Spiel nur wenige Wochen nach dem Erscheinen der neuen PlayStation 4 veröffentlicht, bleibt man der alten Konsolengeneration treu und erreicht somit eine maximal große Zielgruppe. Einen Quantensprung macht der sechste Teil allerdings nicht. Natürlich feilen die Entwickler einige Ecken und Kanten der Vorgänger ab und legen besonders technisch nochmal eine Schippe drauf, doch inhaltlich tritt die Serie auf der Stelle. Kritiker bemängeln, dass die Konkurrenz inzwischen merklich Boden gut gemacht und Gran Turismo teils sogar überholt hat.
Quelle: Sony
Gran Turismo 6 erscheint 2013 für die PlayStation 3, obwohl die PS4 bereits auf dem Markt ist. Dadurch bleibt der technische Quantensprung aus.
Zum 15-jährigen Jubiläum der Serie integriert das Team dafür die Vision-Gran-Turismo-Konzeptfahrzeuge, die beispielsweise von Sportartikelmarken wie Air Jordan oder Nike, aber auch von Mercedes Benz designt wurden. Diese Verbindung zwischen Videospiel- und Autoindustrie ist einzigartig und unterstreicht den besonderen Anspruch, den Kazunori Yamauchi an seine Rennspielserie setzt. Gran Turismo ist dem Medium Videospiel längst entwachsen und überspannt Bereiche des realen Motorsports.
Quelle: Sony
Solospieler der alten Garde sind von Gran Turismo: Sport aufgrund der fehlenden Karriere und den Online-Verpflichtungen enttäuscht.
Das aktuelle Gran Turismo: Sport für die PS4 konzentriert sich schließlich noch stärker auf die Online-Komponente. Ohne Internetverbindung ist lediglich der Arcade-Modus spielbar. Die Einzelspieleroptionen enttäuschen indes trotz erstklassiger Spielbarkeit und gelungenem Fahrzeugmodell. Die Kampagne erinnert einfach zu stark an eine lineare Abfolge von Events. Doch gerade online gibt Gran Turismo: Sport mit dynamischen Events, Turnieren und der Kooperation mit dem Rennsportverband FIA Vollgas und wird in Zukunft durch Sony PlayStation weiterhin unterstützt.
Abschließend lässt sich sagen, dass Gran Turismo eine lebende Legende ist, die PlayStation-Spieler auch noch in den kommenden Jahren begleiten wird. Gerüchte über ein mögliches Gran Turismo 8 gibt es zwar noch nicht, aber so lange Kazunori Yamauchi in der Verantwortung steht, können wir sicher mit einer Fortsetzung rechnen. Und da Gran Turismo: Sport noch lange nicht perfekt ist, darf der Japaner gerne weiterhin an seiner Vision des ultimativen Real Driving Simulator arbeiten.
