Hotline Miami machte vieles (wieder) populär: Synthwave, Devolver Digital, bockschweres Trial&Error-Gameplay und die Ästhetik der 80er-Jahre. Wir blicken zurück auf den Kultklassiker und zeigen, was ihn auch zwölf Jahre später noch zu einem irren Erlebnis macht.
Macht es euch Spaß, andere Menschen zu verletzen? Diese Frage werdet ihr jetzt wie aus der Pistole geschossen mit "nein" beantworten - zumindest, wenn es ums reale Leben geht. Aber wie sieht's im Kontext von Videospielen aus? Selbst, wenn man den inneren Erzkonservativen zuhause lässt und die Gaming-Landschaft ganz nüchtern betrachtet, dann fällt schnell auf, dass ein Großteil der Spiele, die heute Rang und Namen haben, Gewalt beinhaltet. Nicht selten gegen Menschen.
Wir sprechen oft von "gelungenem Trefferfeedback", "wuchtigem Nahkampf" oder einem "tollen Gunplay", wenn es um die brutalen Komponenten eines Spiels geht. Bricht man das mal auf seine Essenz herunter, dann meinen wir damit doch eigentlich nichts anderes, als die Befriedigung, die wir daraus ziehen, jemanden virtuell zu verletzen und zu töten - oder nicht?
Diese unangenehm-spannende Frage steht im Zentrum von Hotline Miami. Der Twin-Stick-Shooter von 2012 ist eines der ikonischsten Indie-Spiele des letzten Jahrzehnts, dessen Style bis heute nachhallt. Auch zwölf Jahre nach dem Release müssen wir nur die ersten Takte von einem der Songs aus dem Soundtrack hören und werden sofort in die Abgründe von Miami zurückversetzt.
Zurück in ein Spiel, das man fast schon als psychoaktive Substanz einstufen könnte, voller treibender Beats, berauschendem Gameplay und blutgetränkter Pixel. Hotline Miami ist ein Trip, der sich ins Gedächtnis brennt. Aber wie schafft es das eigentlich?
Vom schwedischen Wohnzimmer auf Millionen Bildschirme
Hotline Miami ist größtenteils das Werk der beiden Schweden Dennis Wedin und Jonatan Söderström, die zusammen das Studio Dennaton Games bilden. Söderström war vor Hotline als Freeware-Spieleentwickler tätig, Wedin spielte in einer Metalcore-Band. Das erste Projekt der beiden nannte sich Keyboard Drumset Fucking Werewolf und war ein Promo-Spiel für diese Band.
Als ihrem nächsten Spiel in der Entwicklungsphase der Saft ausging, musste schleunigst Geld her. Die beiden durchwühlten Söderströms Archive von verworfenen Prototypen, als Wedin einer davon ins Auge stach: Super Carnage. Ein Name, der auch schon den ganzen Inhalt beschreibt. Hier geht es nur darum, Gegner zu töten. Und zwar aus der Draufsicht, mit verschiedenen Waffen und in einer Optik, die an all die viel zu brutalen Flashgames erinnert, die früher heimlich im Informatikunterricht gespielt wurden.
Die beiden entschieden sich, den Prototypen nochmal aus der Versenkung zu holen. Während Wedin als Gameplay-Purist schon vom stumpfen Grundprinzip überzeugt war, wollte Söderström dem Spiel noch eine zusätzliche Ebene verleihen. Eine, die mehr mit der Gewalt macht, als sie nur abzubilden.
Inspiriert und inspirierend
Für das Projekt, aus dem später Hotline Miami werden sollte, ließen sie sich während der Entwicklung von einigen Filmen inspirieren. Neben Miami Vice diente auch die Dokumentation Cocaine Cowboys, die sich mit dem Drogenmillieu des Miamis der 80er Jahre beschäftigt, als Vorbild.
Die meisten Parallelen zum fertigen Spiel weist aber der Kult-Thriller Drive mit Ryan Gosling auf: Audiovisuell ist der Film ein Kind der 80er, er ist kompromisslos brutal und in einem Stil gedreht, der regelrecht hypnotisiert. Drive wird eine große Rolle im popkulturellen Revival dieses Jahrzehnts zugeschrieben, genau wie Hotline Miami bockschwere Gewalteskapaden mit Synthwave-Soundtrack populär gemacht hat. Wer sich heute bei Katana Zero, Ghostrunner 2 oder OTXO seine Adrenalinspritze abholt, kann sich bei Hotline Miami dafür bedanken.
Angetrieben von dem Spaß, den sie mit ihrer Schöpfung hatten, zimmerten die beiden Hotline Miami in neun Monaten in Wedins Wohnung zusammen. Das Resultat landete in den Händen des damals noch unbekannten Publishers Devolver Digital und erwies sich nicht nur auf Gaming-Messen, sondern auch an den Ladentheken als echter Publikumsliebling. In den Jahren nach seiner Veröffentlichung wurde Hotline auf alle möglichen Plattformen portiert und hat maßgeblich zum Erfolg von Devolver Digital beigetragen. Wir können's auch heute noch verstehen!
