Barn Finders im Test: Rares für Bares - ein Pixel gewordener Coitus interruptus.
Test
Mit 82% positiven Steam-Reviews und einem Szenario, das an TV-Sendungen wie Der Trödeltrupp und Storage Wars erinnert, geht Barn Finders mindestens als Geheimtipp durch. Aber wie viel Spaß macht es genau? Um diese Frage zu beantworten, mimte unser Autor einen Superhändler und verkaufte tonnenweise Rares für Bares.
Immer wenn Sükrü Pehlivan und sein Trödeltrupp im Fernsehen "Mimimi!" wimmern, weil sich der Krempel in der Garage von Max Mustermann aus Pusemuckl angeblich mal wieder nicht verkaufen lässt, lächle ich mein abfälligstes Lächeln. Sollen diese Verlierer doch weiter mit ihrem myToys-Kaufladen spielen und von einem Profi wie mir lernen! Ich habe es in Barn Finders sogar geschafft, eine gebrauchte Sexpuppe an den Mann zu bringen.
Wem es gelingt, ein fremdbesamtes Gummidingsbums zu veräußern, darf sich zu Recht Superhändler nennen. Okay, ich kam nicht drumherum, die aufblasbare Beischlafgelegenheit vorher zu säubern. Manche Kunden sind pingelig, wenn die Lebensabschnittsgefährtin auf einer speckigen Matratze in einer versifften Scheune lag, wo es aussah wie beim Drachenlord unterm Sofa. Doch stopp, ich erzähle die Geschichte mal besser von vorne.
Quelle: PC Games
Mithilfe eines Minispiels leiern wir Kunden mehr Geld aus den Taschen. Es gilt, im richtigen Moment die Taste T zu drücken, um mit dem grauen Balken im grünen Bereich zu landen.
Heute ist mein erster Tag als Aushilfe in Onkel Billys Pfandleihhaus. Der spricht nur Die-Sims-Kauderwelsch und klingt, als habe er einen Schlaganfall
und eine Alkoholvergiftung gleichzeitig. Zum Glück werden Sprechblasen eingeblendet. "Barn Find" heißt übersetzt "Scheunenfund". Entsprechend suche ich nun in verlassenen Gebäuden und in deren Umgebung nach Trödel.
Ich ahne nach wenigen Minuten, wie akribisch meine Wenigkeit stöbern muss, um Brauchbares zu finden. In den zwölf Levels liegen über 200 Objekte. Hinter jeder ollen Holzkiste könnte sich eine Antiquität verstecken. Also schiebe, drücke und werfe ich als Jäger der verlorenen Schätze tonnenweise wertlosen Krimskrams durch die Gegend.
Ich loote wie ein Schwein
Looten, looten, looten! Während ich mir einen Wolf suche, finde ich einen Wolf. Der ist ausgestopft wie ein weiteres Tier, eine unterirdisch hässliche Katze mit Stefan-Raab-Gebiss. Darüber hinaus belade ich Onkels Pick-up mit einem Einrad fahrenden Frosch, einer goldenen Klorolle und anderem ominösem Gedöns. Auch wenn ich mich im Grunde nur wild durch die Gegend klicke und ständig das Gleiche tue: Das Erkunden weckt den Jagdinstinkt in mir. Immer wieder fallen mir Reminiszenzen an die Popkultur auf. Zum Beispiel entdecke ich Band 1 der 1938 gestarteten Action-Comic-Reihe, in der Superman sein Debüt feierte. Das Atari 2600 liebe ich. Ich muss nur noch zwei Joysticks finden.
Es geht aber nicht nur darum, sämtliche Gegenstände und Sammelobjekte aufzuspüren. Ich bewältige Sprungpassagen und löse Rätsel, bei denen Schlüssel, Schalter und manchmal technische Geräte eine Rolle spielen, die nur mithilfe bestimmter Bauteile reparierbar sind. Die Entwickler bezeichnen ihr Spiel als Simulation. In Wahrheit ist es ein Action-Adventure.
Quelle: PC Games
Barn Finders entpuppt sich als reichlich skurril. Der Spieler muss zum Beispiel immer wieder ausgestopfte Tiere finden und verkaufen. Hier ein besonders hübsches Exemplar.
Zurück im Laden, katalogisiere ich meine Fundstücke, trage sie einzeln(!) rein und deponiere sie auf Regalen. Das erfordert zugegebenermaßen viel laaangatmige Lauferei. Anschließend drehe ich mein Türschild auf "Geöffnet" und erwarte Kunden. Auch diese Mädels und Jungs sprechen nur Diarrhöisch. Während sie mit ihren Wachsgesichtern vor mir herumhampeln, frage ich mich, ob die Nervenklink in Lummerland vielleicht doch nicht so ausbruchsicher ist, wie alle immer behaupten. Egal, irgendwie wirken derlei Albernheiten gewollt.
Die Entwickler nehmen sich und ihr Baby nicht zu ernst. Es kommt mit einer humorvoll skurrilen Hillbilly-Atmosphäre und Mystery-Elementen umme Ecke. Eine solche Story entsteht vermutlich, wenn sich Per Anhalter durch die Galaxis und Akte X miteinander paaren. Bereits im ersten Level wird klar, dass in der Parallelwelt Ameryka auch Aliens abhängen. Ich mag die witzige Aufmachung des Spiels und das unverbrauchte Szenario. Wow, jetzt habe ich wirklich Loot geleckt!
Für eine Handvoll Dollar
Nach einiger Zeit merke ich, dass in dieser fremden Dimension maximal 15 Menschen leben. Es lungern jedenfalls immer wieder dieselben Kunden im Laden herum. Wobei: Vielleicht handelt es sich ja auch um Ratiopharm-Mehrlinge. Ich mutmaße, dass die Bewohner alle Geschwister sind und sich untereinander reproduzieren. Dafür sprechen die angeditschten Sprachzentren und das Verhalten beim Feilschen. Die Damen und Herren feiern oft selbst dann ekstatisch, wenn ich sie mal wieder gepflegt über den Tisch gezogen habe.
Quelle: PC Games
Bereits am Anfang wird klar, dass die Story von Barn Finders von Aliens handelt. In dieser Szene beobachten wir von einer Scheune aus ein Ufo im malerischen Sonnenuntergang.
Überhaupt: Das grundsätzlich nette Minispiel, mit dessen Hilfe ich feilsche, kommt mir spanisch vor, obwohl es Polen programmiert haben. Die Preise legt das Spiel automatisch fest. Wenn ich nun über einen Karnevalsbart verhandle, der mit 50 Dollar ausgezeichnet wurde, und ich das Reaktionstest-Minispiel versemmele, bekommt der Kunde die Ware billiger. So weit, so normal. Wenn ich den Test aber rocke, und das ist nach ein bisschen Übung die Regel, muss der Käufer mehr Kohle abdrücken, als auf dem Preisschild steht. Wo gibbet denn so was? Wahrscheinlich nur im Paralleluniversum Ameryka und in Rom.
Händler: Hören Sie, ich will 20 Schekel für den Bart!.
Kunde: 20 für diesen Bart? Ich zahle höchstens zwölf Schekel!
Händler: Sehen Sie sich das an. Fühlen Sie Qualität. Das sind keine Ziegenhaare.
Kunde: Gut, dann gebe ich Ihnen 15 dafür.
Händler: Sie wollen mich beleidigen! Mich, mit einer im Sterben liegenden Großmutter! 25 Schekel, mein letztes Wort! Keinen Pfennig weniger oder mich soll der Schlag treffen.
Kunde: Gemacht. War nett, mit Ihnen Geschäfte zu machen.
Das erste Geld investiere ich in Werkzeuge. Es gibt eine Stirnlampe, eine Axt, eine Schaufel, Dietriche, ein Sonar und die sogenannte Aufwertungspistole. Jene braucht man, um zusätzliche Regale zu bauen, außerdem eine Reinigungsstation, eine Werkbank für Reparaturen und einen Montier-Tisch. Mit dem wiederum baue ich beispielsweise aus bestimmten Einzelteilen ein Motorrad zusammen, das gutes Geld bringt. Als ich meine Schaufel das erste Mal einsetze, zittere ich vorfreudig. Was ich wohl finde? Eine Schatzkiste mit Gold, Weihrauch, Myrrhe, einen neuen Ford Mustang oder Charlize Theron? Nein, nichts von alldem, sondern - bitte festhalten - ein ... Klo. Läuft bei mir.
Quelle: PC Games
Bei diesem Rätsel in einem verlassenen Filmstudio benötigen wir Teile für zwei Statuen. Dann richten wir ihre Köpfe und Arme so aus, dass ein Mechanismus einen Sarg öffnet.
Im Lauf des Abenteuers wühle ich mich nicht nur durch heruntergekommene Scheunen, die zwölf Schauplätze sind abwechslungsreich und liebevoll designt. In einem Sumpfgebiet hüpfe ich wie Pitfall Harry von Krokodil zu Krokodil. Ich untersuche an einem riesigen See nicht nur eine Villa, sondern setze mit einem Boot zu einer Insel über, um diese zu erkunden. Bevor ich nachts ein altes Filmset betrete, das schon allein wegen des dortigen Friedhofs ordentlich Gruselstimmung generiert, stellt mir das Spiel doch tatsächlich folgende Frage: "Möchten Sie Angst haben?" Klicke ich auf Ja, lauern im Dunkeln ein paar Extraeffekte.
Quelle: PC Games
Am meisten Geld bringen Autos wie dieser Dodge Challenger, den wir bei einer Auktion abgeräumt haben. Madame zahlt dank unseres Verkaufstalents gerne ein bisschen mehr.
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Der Blödeltrupp: Das Hirn liegt im Keller
Erwähnenswert sind abschließend die Auktionen. Hierfür haben sich die Entwickler todsicher von US-amerikanischen Doku-Soaps inspirieren lassen. Bei Storage Wars etwa ersteigern die Teilnehmer den Inhalt von Mietlagern, für die seit mindestens drei Monaten kein Geld mehr geflossen ist. Die Bieter dürfen in diese Self-Storage-Einheiten hineinschauen, sie aber nicht betreten. Wer den richtigen Riecher hat, ersteigert zu einem möglichst günstigen Preis die wertvollste Ware. Der Teilnehmer mit dem höchsten Gewinn gewinnt die Episode.
Hier offenbart sich ein großes Manko von Barn Finders: Wer sich nicht gerade superdämlich anstellt, verliert keinen einzigen Bieter-Krieg. Wenn ich mein Gebot eine Sekunde vor Ablauf der Zeit abgebe, kontert der konkurrierende Blödeltrupp nicht mehr. Außerdem werfen die ersteigerten Garagen fast immer mehr ab, als ich investiere - kaum Risiko, kaum Spannung! Es mangelt insgesamt an wirtschaftlicher Herausforderung, wahrscheinlich schaffen es nur Amöben, bankrottzugehen. Im Abgang bleibt deshalb ein bitterer Geschmack zurück.
