Geschichten aus der Spiele-Hölle - Ein Alien auf Lochzeitreise

Special Harald Fränkel Maria Beyer-Fistrich
Geschichten aus der Spiele-Hölle - Ein Alien auf Lochzeitreise
Quelle: PC Games

Weil man bei der Filmumsetzung E.T. the Extra-Terrestrial die meiste Zeit damit beschäftigt ist, in Gruben zu fallen, wird das Spiel gern als "schlechtestes Game ever" bezeichnet. Unser Autor wagte todesmutig den Selbstversuch, begab sich virtuell ins Jahr 1982 und kam fassungslos zurück in die Zukunft.

Dieser Tage trudelte wieder der Scheck über 8.999 US-Dollar ein, den Spielejournalisten bekanntlich jeden Monat als kleine Aufmerksamkeit von Electronic Arts erhalten. Weil ich gerade knapp bei Kasse bin, konnte ich mir diesmal wirklich nur das Lebensnotwendige leisten: Ich schwankte zwischen einem Bang & Olufsen BeoVision Eclipse mit 65-Zoll-Bilddiagonale, 35.000 Rollen Toilettenpapier, 450 Sechserpacks Corona und einem E.T. the Extra-Terrestrial in lausigem Zustand. Geworden ist es letztlich das besagte Atari-VCS-Spiel. Die Filmumsetzung des Spielberg-Streifens E.T. - Der Außerirdische, ein begehrtes Sammlerstück, gab's bei Ebay. Es handelt sich um eines der seltenen Exemplare, die eine Firma 2014 bei Grabungen nahe der Stadt Alamogordo im US-Bundesstaat New Mexico ausgebuddelt hatte. Natürlich ist auch ein Echtheitszertifikat dabei, ich bin ja nicht blöd! Wobei ich mich just in diesem Moment frage, ob es wohl Echtheitszertifikate für Echtheitszertifikate gibt.

Jedenfalls war das ein echtes Schnäppchen! Wegen einer weiteren Verkaufsaktion spare ich noch zwei bis drei Monate. Für 1,15 Millionen Dollar kriege ich dann eine ganze Sammlung - inklusive ausgegrabenem Spiel, ungeöffneter Atari-VCS-Konsole und einer Tüte Dreck. Ehe ich nun von meinem ersten Mal mit dem "schlechtesten Spiel aller Zeiten" berichte, das in der Achtzigern an mir vorüberging, möchte ich kurz den historischen Kontext beleuchten. Alte Säcke haben ja ständig den Drang, Schwänke aus ihrer Jugend zu erzählen.

Ruhe sanft, kleiner Alien!

Das Atari VCS, später Atari 2600 genannt, kam vor 40 Jahren auf den deutschen Markt. Jubiläum! Die Wundermaschine brillierte mit 128 Byte Speicher. Liebe Kinder, damit ihr euch das vorstellen könnt: Kurioserweise reichen nicht mal alle weltweit verkauften VCS-Konsolen, um auf die vier Gigabyte RAM eines einzigen iPhone 11 zu kommen. Dafür bräuchte man rund 31,25 Millionen Geräte. Über die Ladentische gingen "nur" 30 Millionen.

E.T. the Extra-Terrestrial erschien kurz vor dem sogenannten Video Game Crash: Als es die US-Spiele-Industrie zwischen 1983 und 1985 wirtschaftlich zerbröselte, hatte das natürlich auch Folgen für die Firma Atari. So kam es, dass das Unternehmen mit Sitz in Sunnyville, Kalifornien, sage und schreibe 700.000 unverkaufte Spielmodule in New Mexico verscharren ließ. Neben E.T. betraf das sogar Bestseller wie Centipede, Defender und Yars' Revenge. Auch viele Pac-Men verschwanden vom Angesicht der Erde in der Erde.
So sah das Atari VCS aus liebe Kinder! Links ein E.T. -Modul, daneben die zugehörige Packung und rechts der charakteristische CX40-Joystick. <strong> </strong> Quelle: Harald Fränkel  So sah das Atari VCS aus liebe Kinder! Links ein E.T. -Modul, daneben die zugehörige Packung und rechts der charakteristische CX40-Joystick. Damit der Wahnsinn dieser Zeit noch deutlicher wird: Von den Pac-Man-Cartridges hat Atari anno 1982 zwölf Millionen Stück produziert, obwohl zu diesem Zeitpunkt gerade mal zehn Millionen Konsolen auf dem Markt waren. Dass die Firma etliche ihrer Produkte beerdigte und mit Beton versiegelte, galt lange als moderne Legende, Neudeutsch: Urban Legend. Für mich stand dieses Gerücht auf meiner Fake-News-Liste stets weit oben, noch vor Area 51 und "Die Einzelspielerkampagne des nächsten Modern Warfare dauert länger als eine Stunde". Ausgegraben wurden die Spiele letztlich 31 Jahre später, nachdem die Umweltbehörde von Alamogordo der Firma Microsoft eine entsprechende Genehmigung erteilt hatte. Dabei entstand der Dokumentarfilm Atari: Game Over. Die Legende wurde Realität.

Ein Teil der Legende lebt noch: Dass E.T. the Extra-Terrestrial angeblich das schlechteste Spiel der Geschichte ist. Manche Menschen machen es direkt verantwortlich für den Video Game Crash. Wer kennt sie nicht, diese Origami-Fritzen, die in der Psychiatrie modische Kopfbedeckungen aus Leichtmetall falten. Wenn's nach denen geht, hat das Spiel auch den Hunger in der Welt und den Tod ihres Hamsters verursacht, gelbe Zähne macht es sowieso.
Moderne Archäologie: Arbeiter holten am 24. April 2014 nahe Alamogordo rund 1.300 Spielmodule aus der Erde. Quelle: Taylor Hatmaker, Wikipedia (CC BY 2.0). Moderne Archäologie: Arbeiter holten am 24. April 2014 nahe Alamogordo rund 1.300 Spielmodule aus der Erde.

Was zur Spielhölle ist das Ziel?

Also: Ist E.T. the Extra-Terrestrial denn nun außerirdisch unterirdisch oder alles außer unterirdisch? Das Spiel startet mit einem Introbild, bei dem die Filmmusik von John Williams ertönt, mutmaßlich geflötet vom sehr schlechten dreijährigen Oboe-Spieler Kevin-Chantal aus 14715 Kotzen. Dann landet E.T. in einem Wald. Sein Ölsardinen-Raumschiff erinnert an einen Sechs-Personen-Fahrstuhl, in dem Menowin Fröhlich steht. Wenn ich bedenke, dass das Atari VCS gerade mal eine Auflösung von 160 x 200 Pixeln schafft, sieht das Ganze aber okay aus. Man weiß trotz Lego-Duplo-Optik, was wie gemeint ist. Weitgehend! Gerade der knuffige Protagonist hat Wiedererkennungswert. Allerdings kann ich mich nicht entsinnen, dass man im Film seinen Pillermann sehen konnte.

In den folgenden Minuten falle ich tatsächlich immer wieder in Löcher. Davon gibt es gefühlt mehr als in allen jemals produzierten Erotikfilmen zusammen. Ich stehe kurz davor, mich bei einer Selbsthilfegrube anzumelden. Wenigstens wundere mich nicht mehr, dass so viele E.T.-Spiele ausgerechnet in einem Grab endeten. Karma is' a bitch. Neue Fragen tauchen auf: Weshalb wird der Held von einem Exhibitionisten im Trenchcoat verfolgt? Was will der Arzt, der den Alien - sofern er diesen erwischt - immer wieder durch die ganze Botanik bis zu einem ominösen Gebäude verschleppt? Unsere Freunde von der Origami-Front wissen natürlich: E.T. the Extra-Terrestrial hat #stayathome vorausgesehen. Ich hingegen weiß gar nix. Meine drängendste Frage lautet: Was zur Spielhölle ist überhaupt das Spielziel? Unendliche Verzweiflung bringt mich dazu, in die Anleitung zu schauen. Ja, so was gab's früher, ihr müsst euch das wie einen Youtube-Walkthrough vorstellen, nur halt auf tote Bäume gedruckt. Was ich in den folgenden 60 Minuten erlebe, macht mich fassungslos.
In solchen Gruben findet E.T. die begehrten Telefonteile, manchmal aber auch eine Blume. Bringt er diese zum Blühen, steigt seine Lebensenergie. Quelle: PC Games In solchen Gruben findet E.T. die begehrten Telefonteile, manchmal aber auch eine Blume. Bringt er diese zum Blühen, steigt seine Lebensenergie.

Open World á la 1982

Wer behauptet, E.T. the Extra-Terrestrial sei schlecht, hat entweder a) keine Ahnung oder b) sich nicht ernsthaft damit befasst. Ich kann mir vorstellen, warum es 1982 wenig Begeisterung entfachte: Es war seiner Zeit so weit voraus, dass es der Konsument nicht verstanden hat. Seither plappern viele den "Oh Gott ist das schleeecht"-Käse nach. Computerspiele waren damals noch Neuland, würde Frau Merkel jetzt wahrscheinlich dozieren. Eine besonders herzige Weisheit in der Anleitung soll nicht unerwähnt bleiben: "Das Spiel endet, wenn E.T. keine Lebensenergie mehr hat - oder sobald Sie entscheiden, nicht mehr weiterzuspielen." Wenn das nicht der Kelch der Erkenntnis ist! Unsere Hauskatzen Clever und Smart haben übrigens beide ein Fell.
Die Rauten sollen Löcher darstellen. E.T. hat das Telefon bereits zusammengebaut (siehe das Symbol links oben). Jetzt flieht er von einem FBI-Agenten.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br> <br> &nbsp; Quelle: PC Games Die Rauten sollen Löcher darstellen. E.T. hat das Telefon bereits zusammengebaut (siehe das Symbol links oben). Jetzt flieht er von einem FBI-Agenten.   

 
Privat hätte ich E.T. vermutlich auch nach zehn Minuten auf den Pluto geschossen. In meinem Kopf waren bereit Phantasien entstanden, die mit Entwickler Howard Scott Warshaw und dem Michael-Wendler-Lied "Sie liebt den DJ" im Dauerloop zu tun hatten. Dann siegte aber die Berufsehre, was zu einer sauberen Recherche führte. E.T. the Extra-Terrestrial kam als Open-World-Adventure auf die Welt, als der Begriff "Open World" noch gar nicht erfunden war. Hauptziel ist es, drei Telefonteile zu finden. Damit möchte E.T. "nach Hause telefonieren". Fündig wird er in den vielgehassten Gruben. Von dort wieder rauszukommen, ist anfangs tricky. Unser Alter Ego schwebt per Selbsttelekinese nach oben, fällt jedoch oft wieder zurück. Wer durchschaut, wie die zugegebenermaßen saublöde Loch-Kollisionsabfrage funktioniert, hat hier aber keine großen Probleme mehr.

Kommen wir zum wichtigsten Punkt: E.T. fällt komplexer aus als viele andere VCS-Titel. Je nachdem, wo unser Schützling steht, blendet das Spiel am oberen Bildschirmrand unterschiedliche Symbole ein. Sie entsprechen Fähigkeiten, die der Mann oder die Frau am Joystick aktivieren kann. Dank dieses genialen Gameplay-Elements, liefert der CX40-Steuerknüppel dem Spieler trotz nur einer Feuertaste neun Aktionsmöglichkeiten. Taucht ein Fragezeichen auf, und ich drücke den Knopf, sehe ich zum Beispiel, ob in einem der Löcher ein Telefonteil liegt und in welchem genau. Der Runzelzwerg muss also gar nicht blindlings in jede Grube hüpfen, wie viele beim oberflächlichen Anspielen meinen.
Hat was von einer Corona-Ausgangssperre: E.T. läuft in der Stadt vor einem Arzt davon, der den Außerirdischen fangen und untersuchen will. Quelle: PC Games Hat was von einer Corona-Ausgangssperre: E.T. läuft in der Stadt vor einem Arzt davon, der den Außerirdischen fangen und untersuchen will. Den Exhibitionisten, bei dem es sich laut Anleitung um einen FBI-Agent handelt, kann ich zurück nach Washington schicken, wenn das Gebäudesymbol erscheint. So lässt mir der feine Herr für ein paar Sekunden meine Ruhe. Das ist umso wichtiger, weil er Telefonteile konfisziert. Pfeile indes ermöglichen E.T. per Teleportation zu flüchten. Also: RTFM!

Lauf Forrest, lauf!

Ich habe mir während meiner Recherchen etliche Youtube-Videos angesehen. Tragödie reihte sich an Tragödie. Ich beobachtete bei mir sogar den sogenannten "Punch and Judy Show"-Effect, den die Neurowissenschaftlerin Dr. Justine F. Ictitious Ende der Achtzigerjahre in einer Forschungsarbeit für die University of Massachusetts Amherst prägte. "Punch and Judy Show"-Effect heißt Kaspertheater-Effekt. Bei dieser schweren psychischen Störung glaubt der Betroffene, er könne das Geschehen auf dem Bildschirm, welches ihn richtiggehend aggressiv macht, durch Zwischenrufe beeinflussen. Das kennt man auch von Fußballspielen im Fernsehen.

Youtuber: "MIMIMI, der Agent läuft ja viel schneller als E.T. und kriegt mich immer!"

Ich: "Drück beim Laufen die Feuertaste, E.T. kann, ÜBERRASCHUNG, auch rennen!"

Beim Kaspertheater krakeelen Kleinkinder gern "Pass auf Kasper, hinter dir ist ein Krokodil!", worauf sich der Protagonist umdreht und dem Reptil mit einem Baseballschläger die Fresse poliert. Auf Youtube klappt das aber leider nicht. Verdammt.

Howard Scott Warshaw nimmt das weit verbreitete Kulturbanausentum übrigens gelassen. Laut der US-Webseite Polygon.com witzelte er mal: "Ich habe auch Yars' Revenge entwickelt, welches als eines der besten Spiele gilt. Insofern fühle ich mich fast geehrt, dass auch das schlechteste von mir sein soll." Den Auftrag von Atari habe er am 27. Juni 1982 bekommen. Abgabetermin war fünf Wochen später. Weihnachtsgeschäft und so.
Fällt E.T. ins Koma, kann Elliot ihn retten. Sind drei Leben aufgebraucht, erleben wir diesen dramatischen „Game over!“-Abspann. Quelle: PC Games Fällt E.T. ins Koma, kann Elliot ihn retten. Sind drei Leben aufgebraucht, erleben wir diesen dramatischen „Game over!“-Abspann. Es gibt Menschen, die E.T. the Extra-Terrestrial wie auch ich verteidigen. Ein besonders prominenter Fürsprecher: Ernest Cline, der den mittlerweile verfilmten Roman Ready Player One schrieb und das Drehbuch zu Fanboys. "Es war ein erstaunliches, innovatives und bahnbrechendes Spiel, von dem eine zu hohe Stückzahl produziert wurde." Guter Mann!

Wer mal unkompliziert Probe spielen möchte, kann das übrigens hier im Browser tun. Darüber hinaus hat ein Fan eine Emulatoren-Fassung mit niedrigerem Schwierigkeitsgrad zusammengeklöppelt. Weicheier finden sie auf der Webseite des Modders. Damit fallen Mimimi-Youtuber nicht mehr so oft ungewollt in Abgründe. Was mich angeht: Elliot und das Runzelmonster haben einen Platz in meinem Herzen erobert. E.T. the Extra-Terrestrial ist keinesfalls perfekt, hin und wieder unfair, aber dennoch gut. Dass es binnen fünf Wochen entwickelt wurde, empfinde ich nicht als kritikwürdig. Im Gegenteil, Howard Scott Warshaw hat für diese Leistung höchsten Respekt verdient. So, damit sollte auch die letzte Legende ad acta gelegt sein.

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