Sid Meier's Pirates!: Die Open-World-Revolution - Erinnerungen an den Klassiker

Special Olaf Bleich Benedikt Plass-Fleßenkämper Maria Beyer-Fistrich
Sid Meier's Pirates!: Die Open-World-Revolution - Erinnerungen an den Klassiker
Quelle: Moby Games

Kaperfahrten, Crewmanagement und Englischprobleme: Unser Autor Olaf Bleich erinnert sich zurück an die ersten Open-World-Abenteuer mit Pirates! Deshalb war das Freibeuterspiel seiner Zeit so weit voraus!

In der heutigen Zeit sind Open-World-Spiele längst nicht mehr die Ausnahme. Sie sind eigentlich die Regel. Egal, ob Grand Theft Auto 5, Cyberpunk 2077, Death Stranding oder Tom Clancy's The Division 2 - ohne eine gigantische Spielwelt geht im Jahr 2020 (fast) nichts mehr. Das Ergebnis: Open-World ist langweiliger Alltag. Doch das war mal anders! Noch bevor es den eigentlichen Begriff "Open-World-Spiel" überhaupt gab. Mein erstes Open-World-Spiel hieß Sid Meier's Pirates! (jetzt kaufen 149,90 € ) Ich wusste damals gar nicht, was ich da zockte - und fand es vielleicht gerade deshalb enorm cool. Pirates! erschien 1987 für den Commodore 64 und 1990 für den Amiga. In diesem Zeitraum veröffentlichte Publisher Microprose zudem Umsetzungen für nahezu alle gängigen Plattformen. Auch wenn ich Pirates! später auch auf dem Amiga zockte (und wir euch in unserer Bilderstrecke auch ebendiese Version präsentieren, weil sie einfach deutlich hübscher ist), so verbinde ich doch sehr viele Erinnerungen mit der C64-Variante, die ich zuerst kennengelernt hatte.

Klar, ich war damals noch sehr jung und dementsprechend leicht zu beeindrucken. Schließlich kannte ich Piraten bis dato nur aus Büchern wie Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson oder aus Kinderfilmen wie Pippi in Taka-Tuka-Land. Doch dank Sid Meier's Pirates! war ich nicht mehr nur stiller Zuschauer. Ich war plötzlich selbst Piratenkapitän und bereiste mit meiner Mannschaft die Sieben Weltmeere.

Der Duft der Freiheit

Pirates! faszinierte mich ungemein. Und das, obwohl es das Spiel damals nur mit englischen Texten gab. Für einen neunjährigen Grundschüler keine leichte Aufgabe. Meine Fremdsprachenkenntnisse waren derart rudimentär, dass ich als Niederländer in See stach. Wieso? Weil das Wort "Dutch" dem Begriff "Deutsch" in meiner kindlichen Wahrnehmung am nächsten kam. Überhaupt begann das Abenteuer für mich bereits mit der Charaktererstellung. Ich bestimmte die Epoche, in der ich starten wollte - irgendwo im 16. bis 18. Jahrhundert - und legte vor allem die speziellen Fertigkeiten von Kapitän Olaf Bleich fest. Je nach Tagesform wollte ich lieber ein Schwertmeister oder ein Scharfschütze an den Kanonen sein. Beides hatte ich mir von meinem großen Bruder abgeschaut.
In jeder Stadt habt ihr verschiedene Möglichkeiten: Beim Gouverneur etwa knüpft ihr diplomatische Beziehungen. In der Taverne heuert ihr hingegen neue Crewmitglieder an oder lauscht den neusten Gerüchten. <br> &nbsp; Quelle: Moby Games In jeder Stadt habt ihr verschiedene Möglichkeiten: Beim Gouverneur etwa knüpft ihr diplomatische Beziehungen. In der Taverne heuert ihr hingegen neue Crewmitglieder an oder lauscht den neusten Gerüchten.
 
Doch was mich an Sid Meier's Pirates! auch in den späteren Adaptionen für Xbox 360, PC und iOS-Endgeräte vor allem begeisterte, waren die Freiheiten und die schiere Größe der Spielwelt. Wollte ich mit meinem Schiff von einer Seite der Karte zur anderen reisen, dauerte das einige Minuten. Währenddessen bestimmte ich selbst den Kurs: Handel treiben, andere Schiffe kapern oder doch lieber unbekannte Dörfer erforschen? Zwar existierten grobe Spielziele, aber welche ich davon wirklich anging, blieb meine Entscheidung.

Meine Schwester? Mir doch egal!

Pirates! gehörte zu den ersten Titeln, die neben einer relativ offenen Sandbox-Welt auch eine Art Zufallsgenerator für bestimmte, spielentscheidende Gameplay-Elemente wie etwa die Beziehungen der vier konkurrierenden Nationen (England, Frankreich, Holland, Spanien) enthielt. Es setzte auf ein vergleichsweise engmaschiges Diplomatiesystem, dessen Bündnisse Auswirkungen auf meine Freibeuterkarriere hatten.

Aufgrund meiner damaligen Sprachbarriere entgingen mir aber viele dieser tiefergehenden Gameplay-Ideen und Story-Ansätze. Erst später fand ich etwa heraus, dass ein Ziel darin bestand, die versklavte Familie meines Spielcharakters zu retten. Doch das tat der Freude am Piratenleben keinen Abbruch! Stattdessen schipperte ich durch die Karibik und machte die Gewässer unsicher. Ich liebte das Segeln und die nachvollziehbare Navigation. Nur wenn ich mein Schiff richtig in den Wind stellte, nahm ich auch volle Fahrt auf. Als Kind bildete ich mir ein, wie mir der Wind um die Nase wehte und ich die Seeluft roch. Während mich andere Spiele dieser Zeit in ein enges Gameplay-Korsett sperrten, entschied ich hier selbst, wie ich vorgehen wollte. Das machte Pirates! so anders und besonders für mich.
Nicht jede Hochzeit läuft reibungslos ab. Manchmal müsst ihr auch einen Verehrer in die Flucht schlagen. Habt ihr keine Lust darauf, könnt ihr den Antrag ablehnen. <br> &nbsp; Quelle: Moby Games Nicht jede Hochzeit läuft reibungslos ab. Manchmal müsst ihr auch einen Verehrer in die Flucht schlagen. Habt ihr keine Lust darauf, könnt ihr den Antrag ablehnen.
 

Schippern, Fechten, Plündern!

Zudem lieferte mir das Spiel im Minutentakt Erfolgserlebnisse. Bei meinen Kaperfahrten traf ich in regelmäßigen Abständen auf andere Schiffe - mal Händler oder mal sogar andere Piraten. Ich machte keinen Unterschied! Alles, was ich von meinem virtuellen Krähennest erspähen konnte, wurde angegriffen. Das war vielleicht nicht die taktisch klügste Variante, bescherte mir aber reichlich Action und eine Menge Freude. Das Freibeuter-Abenteuer sprach in seinem Spieldesign eine ganze Reihe meiner Sinne an und forderte meine Fähigkeiten am Competition-Pro-Joystick: Im Kampfmodus beispielsweise kam mir meine Vorliebe für das Segeln zugute. Ich setzte stets auf schnelle, agile Schiffe wie die Pinnace. Mit ihnen trickste ich die oftmals trägen Handelsschiffe gekonnt aus. Die Seeschlachten erforderten Koordination und gutes Timing. Hatte ich diese Hürde gemeistert, enterten mein Avatar und seine Crew das andere Schiff.
Bei den Schwertkämpfen kam es auf schnelle Reaktionen und ein gutes Auge an. Hier könnt ihr parieren und in günstigen Momenten selbst zu Schlägen ansetzen. <br> &nbsp; Quelle: Moby Games Bei den Schwertkämpfen kam es auf schnelle Reaktionen und ein gutes Auge an. Hier könnt ihr parieren und in günstigen Momenten selbst zu Schlägen ansetzen.
 
Es folgte das berüchtigte Fechtduell. Aus heutiger Sicht ist die Säbelrasselei nahezu unkontrollierbar. Damals war der Mix aus Zuschlagen und Parieren verständlich und nahezu selbsterklärend. Besonders wichtig: Während ich selbst mit dem gegnerischen Kapitän zugange war, kämpften auch die Crews gegeneinander. Als geübter Spieler konnte ich eine zahlenmäßige Unterlegenheit meiner Mannschaft ausgleichen, indem ich meinen Kontrahenten im Zweikampf schlug. Ein Sieg war in Sid Meier's Pirates! süß wie Rum mit einer ordentlichen Portion Zucker. Nicht nur, dass ich im Anschluss die Laderäume plünderte und Golddublonen einstrich, ich entschied auch, ob ich das Schiff übernahm oder versenkte. So viel Macht hatte ich mit meinen neun oder zehn Lenzen noch nie gespürt!

Piraten-Manager 1987

Aus heutiger Sicht ist es aber gerade das sogenannte Meta-Game, welches mich in dem Spiel selbst nach Misserfolgen so lange bei der Stange hielt. Abseits des puren Plünderns motivierte es mit Schatzsuchen, Diplomatie, Handel und einem Wirtschaftssystem. Und an dieser Stelle kommt der Faktor Zufall wieder ins Spiel: Auch Reichtum und Größe der Städte wurden vor den Partien ausgewürfelt. Wollte ich also Beute verkaufen, musste ich mir die besten Preise und die wohlhabendsten Ortschaften merken oder aufschreiben. Hier lohnte sich also ebenfalls das Erkunden. Doch manchmal durchkreuzte die Diplomatie meine Planungen: Knüpfte ich Verbindungen mit bestimmten Würdenträgern und Ländern, machte ich mir damit auch Feinde. Das System verstand ich damals als Kind, auch wenn mir eine potenzielle Heirat mit irgendwelchen Adelstöchtern schlicht zuwider war. Weil ... Mädchen damals blöd waren.
Wichtige Momente zelebriert Sid Meier's Pirates! mit hübsch gezeichneten Standbildern. Die Heirat eine gut betuchte Dame gehört zu den wichtigsten Spielzielen. <br> &nbsp; Quelle: Moby Games Wichtige Momente zelebriert Sid Meier's Pirates! mit hübsch gezeichneten Standbildern. Die Heirat eine gut betuchte Dame gehört zu den wichtigsten Spielzielen.
 
Aber gerade als früher Freund von Wirtschaftssimulationen wie Die Fugger oder Hanse wusste ich die zugrundeliegende Struktur zu schätzen. Pirates! gelang durch die geschickte Verknüpfung seiner verschiedenen Gameplay-Ebenen das, was viele moderne Spiele vermissen lassen: die Erschaffung einer offenen Spielwelt mit Sinn und Verstand. Vielleicht liebte ich das Spiel auch deshalb so sehr, weil es irgendwie einfach zu verstehen und doch schwierig zu meistern war. Oder auch, weil ich als kleiner Junge einfach nur Piraten mochte.

Sid Meier's Pirates! jedenfalls gehört zu den Vorreitern der Open-World-Games und machte diese bereits groß, bevor sie cool wurden. Rückblickend betrachtet kommt dem Kultspiel zugute, dass es nie einen wirklichen zweiten Teil gab. Denn mal ehrlich: Verklärte Kindheitserinnerungen sind doch oft so viel schöner als Hochglanzgrafik und Ultra-HD-Welten.

Bildergalerie

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