Tränen-Speedrun bei Neva: Neues Kunstwerk der Gris-Macher bricht uns in unter 4 Minuten das Herz
Kolumne
Die Entwickler hinter dem schmerzhaft schönen Aquarell-Märchen Gris melden sich mit einem neuen Spiel zurück - und Neva ist ein so ergreifendes Erlebnis, dass uns schon im Intro die Tränen übers Gesicht laufen.
Ich bin eigentlich niemand, der nah am Wasser gebaut ist. Klar, wenn ich mir einen Film wie Hachiko ansehe, der mit chirurgischer Präzision dafür gemacht ist, die Schleusentore in den Augen sperrangelweit zu öffnen, dann muss ich schon mal mit den Tränen kämpfen. Aber üblicherweise haben es Filme und Spiele schwer, mir wirklich nahezugehen.
Das sage ich nicht, um anzugeben, ganz im Gegenteil: Ich wünschte, dass es mir leichter fiele, eine solch tiefe Bindung zu den Storys und Charakteren aufzubauen, die mir tagtäglich in Videospielen begegnen. Umso beeindruckter bin ich dementsprechend, wenn es doch mal klappt - und das spanische Nomada Studio hat echt ein Händchen dafür, auf meine schwer erreichbare Tränendrüse zu drücken.
Ich kann bei ihrem ersten Spiel, Gris, exakt den Moment festmachen, der mir jedes Mal aufs Neue das Herz bricht, auch, wenn ich ihn bestimmt schon über zehnmal gesehen habe. Es ist eine Szene kurz vor Ende des Spiels, in der das Mädchen sich an die riesige Statue einer Frau schmiegt und ihr sanft einen Kuss gibt (den Spoiler-Kontext erspare ich mir, denn ich bin der festen Überzeugung, jeder sollte Gris einmal gespielt haben).
Im Video unten befindet sich die Szene, die ich meine, bei 02:20 - Anschauen auf eigene (Spoiler-)Gefahr! Das überwältigende Farbenspiel, die liebevollen Animationen und der bittersüße Soundtrack laufen in der Sequenz zu ihrer Höchstform auf; sie ist der endgültige Beweis dafür, dass hier absolute Meister ihres Fachs am Werk sind.
Neva (jetzt kaufen ), das zweite Projekt des Studios, braucht nach dem Starten eines neuen Spiels gestoppte drei Minuten und elf Sekunden, bis meine Augen feucht werden. Bevor ich mit Schwertkämpferin Alba die ersten Schritte durch den Wald gemacht und meinem putzigen Wolfsbegleiter Neva zum ersten Mal durchs schneeweiße Fell gekrault habe, hat mich das Spiel schon komplett und ohne Vorwarnung gekriegt.
Meiner lieben Kollegin Annika ging es ähnlich, an der gleichen Stelle, und wie sich Tonis Vorschau entnehmen lässt, ist Neva auch an ihr nicht spurlos vorbeigezogen.
Drei Minuten, elf Sekunden. Das dürfte ein neuer Rekord sein. Selbst der berühmt-berüchtigte Eröffnungsakt von The Last of Us braucht mehr Zeit für den ersten Stich ins Herz, und (nahezu) ohne Sprachausgabe muss sich Neva ganz auf Optik und Musik verlassen, um nahezugehen. Das klappt - und zwar so gut, dass es sich fast wie Magie anfühlt.
Jeder einzelne Frame von Neva könnte in einem Museum hängen, völlig ohne Übertreibung. Man hat beinahe ein schlechtes Gewissen, wenn man im regulären Spieltempo an all den Kunstwerken vorbeiläuft, die sich butterweich animiert, traumhaft schön eingefärbt und perfekt beleuchtet vor einem aufbauen.
Es ist ganz, ganz, ganz großes 2D-Kino, und die einmal mehr superb eingesetzte Musik der Gruppe Berlinist rundet den audiovisuellen Genuss ab. Neva ist einfach zum Heulen schön, nicht nur wegen seiner süßen Wölfe.
In den ersten paar Stunden ist Neva bereits mühelos auf das Treppchen meiner Spiele des Jahres gehüpft. Ich ahne, dass es mich in den wenigen Stunden, die ich bis zum Ende brauchen werde, bestimmt noch mindestens einmal fix und fertig machen wird. Aber trotzdem kann ich es kaum erwarten, den Rest dieses grandiosen Werks zu erleben. Drückt mir bloß die Daumen, dass meinem Wolf am Schluss nichts passiert.
