Meinung zu Exklusivdeals: So zerstören Publisher die neue Spielegeneration!
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Mit dem Exklusivdeal, nach dem ein Teil des Zombies-Modus von Call of Duty: Black Ops Cold War über ein Jahr lang nur auf PS4 und PS5 verfügbar sein wird, haben Sony und Activision womöglich einen neuen Standard in der Branche gesetzt. Dieser könnte die nächste Spiele-Generation maßgeblich prägen und die Messlatte für kunst- und kundenfeindliches Verhalten weiter senken.
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Eines vorweg: Military-Shooter-Reihen wie Call of Duty sind mir komplett egal und sie wären es auch dann noch, wenn sich Activision dazu entscheidet, nächstes Jahr noch mehr Wörter hinter den Doppelpunkt zu packen. Wenn überhaupt wächst meine Gleichgültigkeit mit jedem Warfighter, Special Ops, Black Ops, Ghost Ops, Infinite, Advanced, Heroes, Word War 1, 2, 3, Hardline, Warcrime, Finest Hour und Bad Company, das ich lesen muss. Dennoch ging mir bei der Meldung, dass Black Ops Cold War-Spieler auf Xbox und PC aufgrund eines Exklusivdeals zwischen dem CoD-Publisher und Sony ein Jahr lang auf eine Spielvariante des beliebten Zombie-Modus verzichten müssen, königlich der Hut hoch.
Was ist überhaupt passiert?
Sony und Activision haben einen Spielinhalt, der sonst ganz selbstverständlich auf allen Geräten verfügbar wäre, mit einem Zeitschloss versehen und somit alle Versionen außer der Playstation-Version abgewertet - eine Taktik, die wir bezüglich der Call Of Duty-Reihe schon kennen. Bis 2015 kam jeglicher DLC für ein paar Wochen zeitexklusiv auf Microsofts Xbox, dann sicherte sich Sony das Privileg.
In extremer Form hat Sony so einen Deal zuletzt mit Square Enix über Marvel's Avengers abgeschlossen. Dort wird es die Spielfigur Spider-Man nur auf den PS-Versionen geben. Auch, wenn der CoD-Modus irgendwann auf anderen Geräten erscheint, ist die veranschlagte Zeitspanne eine Frechheit. Die meisten Spieler zocken CoD wohl nicht ein ganzes Jahr rauf und runter. Und diejenigen, die das tun, werden sich 2021 wahrscheinlich ohnehin den Nachfolger holen und Black Ops Cold War im Schrank lassen. Was für eine Arroganz, zu glauben, das eigene, im jährlichen Rhythmus erscheinende, Produkt sei so langlebig, dass Spieler gewillt sind, ein ganzes Jahr auf die vollen Features zu warten.
Außerdem zeugt diese Entscheidung von einer Gleichgültigkeit gegenüber der Integrität und der künstlerischen Legitimität des Mediums sowie der harten Arbeit der Entwickler, die mich fassungslos machen würde, wäre ich nicht so ein Pessimist.
I owe my Soul to the Company Store
Man muss sich nur vor Augen halten, dass bei den CoD-Entwicklern Treyarch und Raven Software kreative Programmierer und Designer schon seit mehr als einem Jahr an diesem Projekt arbeiten und enorm viel Zeit und Mühe in sämtliche Aspekte dieses Modus gesteckt haben. Dabei hängt nicht nur die Deadline über den Köpfen des Entwicklerteams, sondern vor allem bei Mitarbeitern mit zeitlich befristeten Verträgen auch das Damoklesschwert der Job-Unsicherheit und der psychische Stress, den die vielen Überstunden der obligatorischen Crunch-Time mit sich bringen. Erst letztes Jahr wurde davon berichtet, dass bei Treyarch freie bzw. temporäre Angestellte als Menschen zweiter Klasse gelten, die länger, härter und unter höherem Druck arbeiten müssen, während sie gleichzeitig weniger Lohn erhalten, bei Firmenevents ausgegrenzt werden, die Festangestellten nicht ansprechen dürfen und eine unmenschliche Anzahl an aufeinanderfolgenden Arbeitstagen vorweisen müssen, nur um bezahlte Urlaubstage nehmen zu dürfen. Auf der Unternehmenswebseite werden für Stellen unterhalb der Projektleitung nur zeitlich begrenzte Verträge angeboten. Die Anforderungen an Arbeitssuchende sind hingegen astronomisch hoch.
Diese Leute kommen tagtäglich ins Büro und versuchen trotz hoher Belastung ihr Bestes zu geben und kreative Arbeit zu leisten, auf die sie stolz sein können. Nur, damit der Publisher diese Arbeit dann als nicht essenziell betrachtet und den Modus auf zwei Dritteln der Systeme, für die entwickelt wurde, sperrt. Activision, die ihr Produkt zerstückeln, um ein bisschen extra Taschengeld zu bekommen, sind hier genauso rücksichtslos wie Sony, die Spieler zum Kauf ihrer neuesten Konsole motivieren wollen.
Die Kunst des Krieges
Klar kann man sagen, es sei doch nur ein kleiner, vielleicht sogar unbedeutender Teil des Spiels und es ginge ja gar nicht mal um den gesamten Modus, sondern nur eine Variante. Aber das ist auch nicht das Argument. Wie gesagt habe ich selbst ja überhaupt kein Interesse an dem neuen Call of Duty-Spiel. Hier geht es mir einzig und allein ums Prinzip - und die Implikationen, die dieser Deal für zukünftige Spielegenerationen haben könnte. Für mich sind Videospiele ein künstlerisches Medium und damit jedes Videospiel potenziell künstlerisch wertvoll. Im Zusammenhang mit Call of Duty mag das in erster Linie etwas sachfremd wirken, aber ich glaube fest daran, dass aus sämtlichen Ecken, von den Concept Artists über das Autorenteam bis hin zu den Programmierern, Kreativität und Bedeutung in dieses Produkt geflossen sind. Selbst wenn es sich beim Endergebnis dann um Lootboxen-verseuchte, braun-graue Multiplayer-Militärpropaganda handelt, bin ich fest davon überzeugt, dass hinter vielen Aspekten des Spiels eine bewusste kreative Entscheidung steht. Diese werden nun von einem Geschäftspartner überschrieben. Bereits in der Vergangenheit wurden von Studios immer wieder Inhalte bewusst zurückgehalten oder herausgenommen und hinter eine Paywall verschoben. Muss diese Zerstückelung jetzt wirklich noch extremere Formen annehmen?
Ein in sich geschlossenes Werk für Geld auseinanderzunehmen und abzuwerten ist die eine Sache, einen Teil der Spielerschaft gezielt zu benachteiligen die andere. Wir haben diese Art von Deals schon viel zu lange toleriert. In keinem anderen Medium würden wir etwas Vergleichbares akzeptieren. Würde zum Beispiel an Weihnachten das neue Buch von George R.R. Martin erscheinen, auf das Fans jahrelang gewartet haben, wäre es doch unvorstellbar, wenn sein Verleger einige Kapitel als "nicht essenziell" einstufen und diese zeitexklusiv an Amazon verkaufen würde. Bei Release des Buches wären dann alle Print- und Kindle-Versionen, die nicht bei dem Versandgiganten gekauft wurden, nur ohne diese Passagen verfügbar. Würden wir es akzeptieren, wenn beim Heimkino-Release eines Films plötzlich Szenen entfernt werden, weil ein Streaming-Portal darauf einen Exklusivdeal abgeschlossen hat? Hier geht es nicht um eine alternative Schnittfassung, die mit Feingefühl erstellt wurde, sondern um einen korporativen Eingriff. Kunst innerhalb eines so stark regulierten Systems zu schaffen ist an sich schon schwierig genug. Hat man dann endlich einen Kompromiss zwischen Künstler und Studio gefunden und das Werk fertiggestellt, sollte es nicht auch noch nachträglich zerlegt werden können als wäre Raubtierfütterung im Zoo.
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Standard-Version ohne Standards
Klar, man kann mir jetzt vorwerfen, ich würde die kreative Seite des Game-Developments romantisieren und die Entwickler auf ein Podest stellen. Vielleicht handelt es sich beim Team von Call of Duty auch um abgestumpfte Code-Monkeys, denen das Endprodukt egal ist. Das glaube ich zwar keineswegs, aber selbst wenn es so wäre: Es dauert dann nicht mehr lange, bevor es ein anderes Spiel trifft. Gehen wir davon aus, dass diese Art der Exklusivität zum Industriestandard wird - Sony soll in der nächsten Generation vermehrt auf diese Taktik setzen - so kommen wir an einen Punkt, an dem es irgendwann gar keine vollständige Version eines Spieles mehr gibt. Andere Firmen werden sich diese Taktik abschauen und bald gibt in Diablo 4 die Amazone nur noch im Epic Store, den Totenbeschwörer in der PS5-Version und Mephisto taucht als Gegner Steam-exklusiv auf. In Cyberpunk 2077 gibt es dann eben nur auf der Xbox Motorräder, der Tag-und-Nacht-Wechsel bleibt dafür Sony-Konsolen vorenthalten. Das letzte Beispiel verdeutlicht: Es handelt sich hier nicht einmal um exklusive Zusatzinhalte, sondern um nachträglich eingesetzte Barrieren und die Entfernung von Features, um der Konkurrenz zu schaden. Eine Schlacht um Geld, ausgetragen auf dem Rücken der Kunst und der Spielerschaft. Diese Entscheidungen sollten aufs Schärfste verurteilt werden.
Money for nothing
Im Reddit-Forum zu Black Ops Cold War lässt ein Großteil der Kommentare darauf schließen, dass die Call of Duty-Gemeinde von der Zeitexklusivität auch alles andere als begeistert ist, dennoch finden sich hier und da Kommentare wie "der Modus war wahrscheinlich sowieso Müll", "solange es nur um Zombies geht", "zum Glück habe ich keine Xbox lol" oder mein persönlicher Favorit "Sony ist halt auf dem Markt, um Geld zu verdienen, nicht um ein fairer Konkurrent zu sein". "Die wollen halt Geld verdienen" ist keine Rechtfertigung für unmoralische, verbraucherfeindliche oder allgemein unsinnige Entscheidungen. Nur weil etwas legal ist, und jemandem viel Geld einbringt, muss man es nicht automatisch akzeptieren. Es gibt gute Gründe, als denkender Mensch mit dieser Entscheidung nicht einverstanden zu sein. Es gibt sogar gute Gründe, einfach als zahlender Konsument nicht damit einverstanden zu sein. Als Xbox- oder PC-Spieler wird mir ja auch ein minderwertiges Produkt für dasselbe Geld verkauft. Ich hoffe inständig, dass ich mit meinen Prognosen voll danebenliege und wir uns auch in Zukunft nicht an dieses Modell gewöhnt haben. Gameplay mit Warten zu ersetzen ist zumindest in meinen Augen kein Deal auf den ich scharf bin.
