Rainbow Six Siege: Hands-on-Vorschau von der E3 - Mit dem Kopf durch die Wand

Special Peter Bathge
Rainbow Six Siege: Hands-on-Vorschau von der E3 - Mit dem Kopf durch die Wand

Die erste Überraschung: Ubisoft kündigt auf der E3 2014 ein neues Multiplayer-Rainbow Six an, zu dessen Gunsten die Entwicklung von Rainbow Six: Patriots eingestellt wurde. Die zweite Überraschung: Rainbow Six: Siege ließ sich auf der Messe bereits anspielen. Unsere Vorschau liefert euch erste Hands-on-Eindrücke und stellt die aufwändigen Zerstörungseffekte des taktischen Counter-Strike-Erben vor.

"Multiplayer First"

Diese zwei Wörter prangen in großen Lettern auf dem Bildschirm im engen E3-Präsentationsraum zu Rainbow Six: Siege, Ubisofts Überraschungsankündigung der Messe. Zu Deutsch: Der Mehrspielermodus hat Vorrang. Vorrang, das impliziert einerseits, dass der Einzelspielermodus zweitrangig ist, andererseits aber auch, dass es ihn gibt. Denn was wäre die Bezeichnung "Erster" wert, wenn es keinen Zweiten gibt? Ubisoft dürft ihr das nicht fragen, das Unternehmen schweigt zu solchen Details über Siege, der Evolution des eingestellten Rainbow Six: Patriots. Ubisoft lässt das Spiel lieber für sich selbst sprechen: Auf der E3 2014 durften wir zusammen mit anderen Journalisten aus aller Welt eine frühe Alpha-Version von Rainbow Six: Siege spielen. Im Mehrspielermodus. Denn der ist ja bekanntlich der (einzige?) Fokus des Spiels.

Die glorreichen Fünf ... und die anderen Fünf

Die Anti-Terror-Einheit kann aufs Dach klettern und sich von dort abseilen, um durch die Fenster ins Haus einzudringen. Quelle: Ubisoft Die Anti-Terror-Einheit kann aufs Dach klettern und sich von dort abseilen, um durch die Fenster ins Haus einzudringen. Siege wird seit eineinhalb Jahren vom gleichen Team wie der ursprünglich geplante Serien-Neustart Patriots entwickelt. Die Parallelen der beiden Spiele halten sich aber in Grenzen. Patriots sollte den Spieler vor knifflige moralische Entscheidungen stellen: Schmeißt ihr einen Zivilisten im Bombenkorsett von der Brücke, um Dutzende anderer Unschuldiger zu retten? Außerdem waren brisante Szenen geplant, in denen ihr selbst unfreiwillige Bombenträger spielen solltet, die von einer Terroristengruppe auf die Bevölkerung losgelassen wurden. Vielleicht war ein so kontroverses Thema zu heiß für Ubisoft, besonders in Hinblick auf den in Sachen Terror wankelmütigen US-Markt. Siege gibt sich im Vergleich eher brav mit klar definierten Gut-Böse-Rollen. Zwei Teams treten in klassischer Counter-Strike-Manier an: Team Rainbow, die gesichtslose Anti-Terror-Einheit auf der einen und die nicht näher vorgestellten Terroristen auf der anderen Seite.

Auf der E3 zeigte Ubisoft lediglich eine Map und einen Spielmodus, für die Veröffentlichung von Siege im Jahr 2015 für PC, Playstation 4 und Xbox One plant das Unternehmen aber natürlich noch weitere Spielvarianten und Schlachtfelder. Für die Messe-Präsentation diente ein Wohnhaus in einer amerikanischen Vorstadt als Schauplatz, in das sich Terroristen aus unbekannten Gründen zurückgezogen und dessen Besitzerin sie als Geisel genommen haben. Das Anti-Terror-Team muss ins Haus eindringen und die Geisel nach draußen zum Extraktionspunkt bringen, um zu gewinnen. Die Schurken versuchen das zu verhindern, bis das Zeitlimit abläuft. Alternativ endet die Partie, sobald alle fünf Mitglieder eines Teams ausgeschaltet sind.

Auf Terroristenseite verbarrikadieren wir uns im Haus. Das hat etwas von Tower-Defense-Spielen. Quelle: Ubisoft Auf Terroristenseite verbarrikadieren wir uns im Haus. Das hat etwas von Tower-Defense-Spielen. Unser Probe-Match erstreckt sich über drei Runden, von denen jede nur wenige Minuten dauert. Wir spielen eine frühe Alpha-Version am PC, sind aber leider auf das Gamepad angewiesen, da die Maus-Tastatur-Steuerung noch nicht eingebaut ist. Auf jeder Seite stehen drei Klassen zur Auswahl: Assault, Breacher und Pointman bei den Angreifern, Protector, Sentry und Trapper auf Seite der Verteidiger. Je nach Charakterwahl unterscheidet sich unser Loadout, der Pointman trägt etwa einen mächtigen Schild vor sich her. Kauert er sich dahinter, kann er aber nur seine Sekundärwaffe abfeuern. Gadgets wie Blendgranaten und C4-Sprengsätze sind ebenfalls im Angebot, außerdem entscheidet die Art der Körperpanzerung darüber, wie hoch die Bewegungsgeschwindigkeit der Figur ausfällt.

Bevor es losgeht, wird eine demokratische Abstimmung innerhalb der Teams durchgeführt: Die Terroristen stimmen sich darüber ab, in welchem der vier möglichen Räume die Geisel sitzt (sie kann anschließend nicht mehr von den Bösewichtern bewegt werden). Das Team Rainbow dagegen entscheidet sich zwischen zwei möglichen Startpunkten: Soll die Gruppe auf der Vorderseite des Gebäudes ins Spiel einsteigen oder im Hinterhof spawnen? Nach dieser Wahl sind 60 Sekunden für die Vorbereitungsphase reserviert: Während jedes Mitglied der Spezialeinheit eine Mini-Drohne steuert, die auch Treppen hinauf klettern und unter Türen hindurch rollen kann, um die Position von Geisel und Terroristen auszuspähen, machen sich die Terroristen an die Befestigung des Hauses. Dazu lassen sich bei gedrückter Taste Wände durch aufziehbare Gitter verstärken, Fenster mit Holzverschlägen verbarrikadieren und Türen zunageln. Die Trapper-Klasse kann zudem Stacheldraht auslegen, der Gegner behindert. Der Protector pflanzt dagegen einen fest installierten Schild auf den Boden, hinter dem Spieler Deckung suchen können.

Die Map bietet eine vergleichsweise geringe Grundfläche, aber das zweistöckige Haus samt dem Kellergeschoss erlaubt eine Menge Variation in der Vertikalen. So können die Anti-Terror-Truppen etwa Greifhaken einsetzen, um an den Außenwänden des Hauses empor zu kraxeln. Auch das Abseilen von oben funktioniert. Dabei dürfen wir auf Wunsch sogar kopfüber hängen, was nicht nur cool aussieht und eventuellen Gegnern wenig Angriffsfläche bietet, sondern auch eines der wenigen Features ist, welches das Team aus dem eingestellten Rainbow Six: Patriots übernommen hat. Die Terroristen kontern diese Mobilität, indem sie ein Auge auf die Fenster behalten und die Gegner von erhöhter Position aufs Korn nehmen, sobald sie die Spezialeinheiten erblicken.

Aufklärung ist immens wichtig. Was den Spezialeinheiten ihre Drohnen, sind den Terroristen ihre Kameras. Mit dem Steuerkreuz des Gamepads schalten wir auf Bösewicht-Seite jederzeit durch die Kameras und sehen so auch nach Ende der Vorbereitungsphase, aus welcher Richtung die Gegner ins Haus eindringen. Gute Idee: Sowohl Drohnen als auch Kameras lassen sich zerstören, um die Gegenseite zu verwirren und zu überraschen.

Die Zerstörungseffekte sind das optische wie spielerische Highlight von Rainbow Six: Siege. Quelle: Ubisoft Die Zerstörungseffekte sind das optische wie spielerische Highlight von Rainbow Six: Siege. Der unbekannte Feind hinter der Mauer und wie man ihn erkennt und ausschaltet, so drückt es Ubisoft aus, war schon immer ein wichtiges Element in allen Rainbow Six-Spielen. In den Vorgängern konnte man einen taktischen Vorteil erringen, indem man durch gründliche Vorbereitung in der Planungsphase für alle Eventualitäten vorsorgte und Gegner flankierte. Oder man nutzte einen Herzschlagsensor, um die Positionen verstecker Widersacher zu erahnen. In Rainbow Six: Siege ist die Sache etwas einfacher, denn Wände bieten keinen sicheren Schutz mehr vor den Geschossen der Gegenseite. Dafür sorgt die aufwändige Zerstörungs-Engine, die - in einem kleineren Rahmen - sogar noch beeindruckendere, weil kleinteiligere Ergebnisse liefert als die Frostbite-Engine in der Battlefield-Serie!

Schüsse aus großkalibrigen Waffen wie Schrotflinten hinterlassen kleine Löcher im Putz, durch die ihr auf versteckte Feinde zielen könnt. Sprengladungen reißen Wände komplett ein und öffnen neue Durchgänge. Das lässt sich wunderbar taktisch einsetzen, um neue Sichtlinien zu schaffen oder den in einem Raum verbarrikadierten Terroristen in die Flanke zu fallen. Und wenn mal alle vier Seiten eines Raums gedeckt sind, bleibt immer noch die Decke als Zugangspunkt: Eine am Boden platzierte Sprengladung reißt ein Loch in die Decke, dabei fliegt grafisch beeindruckender Putz und Mörtel durch die Gegend, Balken bersten und Staub wallt auf. Sogar einzelne Bilderrahmen im Haus lassen sich von den Wänden schießen! Auch wenn die Siege-Engine optisch keine derartigen Hammer-Ergebnisse erzielt wie die Ubisoft-Titel Assassin's Creed: Unity oder The Division, sieht das neue Rainbow Six doch sehr hübsch aus und beeindruckt durch eine bislang unbekannte Stufe der dynamischen Level-Zerstörung. Zumal das Zerfetzen der Umebung immer wieder anders aussieht und nicht aus wenigen, sich wiederholenden Animationen besteht. "Procedural destruction" nennt Ubisoft das in Anlehnung an die Zufallskomponente bei der Erstellung der Welten vieler aktueller Spiele, der sogenannten "Procedural generation".

Kostbares Leben

Gute Taktik: Hinter dem Schild des Pointman langsam vorrücken. Quelle: Ubisoft Gute Taktik: Hinter dem Schild des Pointman langsam vorrücken. Bei all den Explosionen und herumschwirrenden Kugeln ist Vorsicht angebracht, denn zum einen kann die Geisel verletzt werden. Dann muss man ihr schnell wieder aufhelfen, bevor sie einem unter den Händen wegstirbt. Zum anderen ist Friendly Fire standardmäßig aktiviert: Schüsse können die eigenen Kollegen verletzen und sogar töten. Da die Figuren nur wenige Treffer wegstecken, überlegten wir uns nach kurzer Eingewöhnung immer zwei Mal, wann wir den Abzug betätigen, zumal wir auch nicht endlos Munition für unsere Schießeisen mitschleppen. Das Spielgefühl erinnert dadurch stark an Counter-Strike: Wer tot ist, bleibt für den Rest der Runde tot und darf erst wieder in der nächsten mitspielen. Zudem gibt es keine sich regenerierende Gesundheit wie in Multiplayer-Shootern der Marke Call of Duty. Jeder Spieler startet mit 100 Lebenspunkten, von denen die Treffer abgezogen werden - einmal verlorene Zähler kommen nicht mehr zurück, zumal es auch keinen Medic im Team gibt.

Kleiner Unterschied zu Counter-Strike: Bei Körpertreffern bekommen Spieler gelegentlich eine zweite Chance - statt sofort den Löffel abzugeben, bleiben sie verletzt und wehrlos am Boden liegen. Falls dann schnell ein Kamerad vorbeikommt und dem Partner aufhilft, darf dieser weiterspielen, wenn auch mit deutlich reduziertem Lebenspunktevorrat. Kopftreffer bedeuten dagegen fast immer das sofortige Aus. Das Spieltempo ist dadurch langsam und bedächtig. Häufig rückt man in geduckter Haltung voran (hinlegen funktioniert nicht). Bei den Probepartien auf der E3 war der Nervenkitzel hoch und wir waren stets darauf bedacht, nur ja keinen (tödlichen) Fehler zu machen. Hier kommt vorsichtigen Naturen ein Feature von Siege zu Gute: Ihr könnt euch um die Ecke lehnen! Mit dem Gamepad funktioniert das, indem ihr den linken oder rechten Analogstick drückt, während ihr mit dem linken Trigger eure Waffe im Anschlag haltet. Ein herrliches Old-school-Feature, das in vielen modernen Shootern leider der Zugänglichkeit zum Opfer gefallen ist.

Bleibt noch die Frage nach dem Einzelspielermodus. Wenn überhaupt, so soll dieser dem jetzigen Stand nach wohl nur die Mehrspieler-Maps umfassen, die ihr zusammen mit computergesteuerten Bots oder menschlichen Partnern gegen KI-Feinde bespielen könnt. Auf eine echte Story-Kampagne oder gar eine Planungsphase wie in den alten Rainbow Six-Spielen solltet ihr euch dagegen besser keine Hoffnung machen: Derartiges ist laut Ubisoft zur Zeit nicht für Siege geplant. Schade.

Meinung

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