Mit Rainbox Six: Siege bekommen beinharte Taktik-Shooter-Fans nach Jahren mal wieder einen Ableger aus dem Hause Ubisoft. Ob sich der Kampf gegen die Terroristen lohnt, oder man sich vergebens aufopfert, lest ihr in unserem Test.
Terrorismus ist einer der prägenden Begriffe dieser Zeit. Wenn Terroristen also Angst und Schrecken verbreiten, liegt es an Spezialeinheiten, sich diesem Geschwür zu widmen. Dabei kommt man um Schussgefechte, wilde Geiselrettungsaktionen und Sprengstoffentschärfungen nicht herum - zumindest nicht in Rainbow Six: Siege. Der neue Teil der Rainbow Six-Reihe ist nach gut sieben Jahren nach Erscheinen des letzten wirklichen Ablegers gern gesehenes Futter für Freunde gepflegter Taktik-Shooter.
Quelle: Ubisoft
Man muss dazu sagen, dass die Betaphase des Spiels nie wirklich ganz rund lief. Missratenes Matchmaking und Verbindungsabbrüche nach Spielende oder gar schon während des Spiels, und das nicht mal eine Woche vor Release. Die Zeichen standen also erst einmal wahrhaftig schlecht, obwohl das Gameplay sicherlich nicht in diese Richtung fällt. Doch dazu später mehr. Was macht man also in einem solchen Fall, wenn man ein so großer Entwickler und Publisher wie Ubisoft ist? Na klar, man bringt das Spiel pünktlich zum Erscheinen zum Laufen. Das klappte auch tatsächlich.
"Wo bin ich hier wieder reingeraten?"
Eine Story sucht man als Spieler in Rainbow Six: Siege vergebens. Der Fokus liegt ganz klar auf dem Multiplayer. Dennoch gibt es einen Spielmodus, der dem Spieler als "einsamer Wolf" Situationen um's Mäulchen schmiert, die auch so im Multiplayermodus vorkommen. Im Spielmodus "Situationen" lernen wir die Grundlagen kennen. Dabei wird einem vor Spielbeginn das kurze Szenario erklärt, in welchem man danach direkt seine Handlungen vollzieht. Das kann von einfacher Auslöschung der Terroristen in dem Gebiet handeln, oder wir müssen in mühsamer Soloarbeit Geiseln aus den Klauen der KI retten.
Dabei hat man grundsätzlich die Wahl zwischen drei Schwierigkeitsgraden. Normal, Schwer und Realistisch bestimmen die Präzision, teils auch die Cleverness und den Schadensoutput der KI gesteuerten Terroristen. Ein höherer Schwierigkeitsgrad bedeutet auch immer bessere Belohnungen. Die sind mit Erfahrungspunkten und dem sogenannten Ansehen festgelegt. Mit Ansehen, welches wir uns auch in Situationen verdienen können, schalten wir vor allem Operatoren frei sowie Waffenaufsätze und mehr. Da man in Situationen sowieso nur einen festgelegten Operator spielt, ist dieser Aspekt vielmehr für den Multiplayer-Bereich wichtig.Fünf Antiterror-Einheiten, 20 Spezialisten
Die sogenannten Operatoren sind nämlich unsere Spielcharaktere, mit denen wir in den Multiplayergefechten agieren. Dabei hat man die Wahl zwischen fünf Antiterror-Einheiten (SAS, GIGN, GSG9, Speznaz und FBI) und vier Spezialisten pro Einheit. Jede der Einheiten ist unterschiedlich ausgerüstet und wartet mit jeweils anderen Fertigkeiten auf. So kann der Jäger der GSGS9 Einheit beispielsweise mit einer Art Drohne Granaten abfangen, während Sledge aus der SAS Einheit mit einem speziellen Hammer keinen Halt vor Holzwänden macht und diese im Nu kaputt schlägt.
Quelle: Ubisoft
Die Vielfalt an Operatoren ist dementsprechend recht groß und jede der Spezialisten kann im Spiel auch ein Gewinn sein. Nicht jeder Operator ist mit Blendgranaten bestückt oder kann mit SMG's als Sekundärwaffe aufwarten. So gesehen ergänzen sich die Operatoren im späteren Multiplayergefecht ziemlich gut, jeder Spezialist hat seine Vor- und natürlich auch Nachteile - sowohl auf Verteidigerseite, als auch auf Angreiferseite. Das Ansehen was man zum Freischalten der Operatoren braucht, verdient man sich auch in Multiplayerspielen oder in den zwei anderen Spielmodi (Situationen und Terroristenjagd) von Rainbow Six: Siege. Mit jedem freigeschalteten Spezialisten erhöhen sich die Freispielkosten für jeden weiteren Spezialisten innerhalb der gewählten Einheit.
Kerniger Multiplayer
Der Multiplayermodus wirft uns in "Lockere" oder "Ranglisten"-Spiele, wobei wir letzteres erst ab Rangstufe 20 spielen können. Lockere Runden dienen uns quasi bis zur Freischaltung der Ranglistenspiele als sehr gutes Übungsfeld. Natürlich stehen einem die lockeren Runden auch danach noch zum Spielen offen. Per Zufall werden wir dabei in eine Lobby geworfen, die nach kurzer Zeit Spieler zusammentrommelt, mit denen wir zusammenarbeiten. Vier Spielmodi innerhalb des Multiplayers werden einem dann angeboten: darunter fallen Bomben entschärfen, Bereiche sichern und Geisel retten bzw. verteidigen. Man merkt hier direkt, die Spielmodiauswahl ist nicht die Größte. Im Modus "Terroristenjagd" haben wir eine genauso mickrige Spielmodusauswahl.
Quelle: Ubisoft
Wurden wir nun also einem Team zugeteilt (Angreifer oder Verteidiger), wählen wir unseren Spezialisten. Da kein Spezialist doppelt vergeben wird, müssen wir entweder schnell sein oder warten einfach, wie unsere Teamkameraden entscheiden. Wem das nicht liegt, der kann sich außerhalb der Operatorenriege auch den Rekruten zur Brust nehmen, dessen Ausrüstung wir aus einem festgelegten Pool an Waffen und Sekundärausrüstung im Großen und Ganzen selbst zusammenstellen können. Ist das erledigt, werden die zehn Spieler dann auf eine von elf Multiplayerkarten geschmissen. Die Action geht dann so richtig los.
Abseilen par excellence
Gehen wir mal davon aus, dass wir als Angreifer eine Geisel retten müssen. Wie vorgehen? Zunächst darf das gesamte Angreiferteam am Anfang mit einer fahrbaren kleinen Drohne die Map erkunden und dabei das Ziel oder Gegner ausfindig machen. Die Verteidiger verbarrikadieren sich indes oder verteilen sich im Gebäude oder anderswo - je nach Map und Spielmodus. Im Falle der Geiselrettung haben wir dann innerhalb der 30 Sekunden die Geisel entdecken können. Glück gehabt, so wird sie jetzt dem ganzen Team im HUD angezeigt - somit entfällt eine nachträgliche, vielleicht auch lästige Suche.
Die Geisel befindet sich also im 1. Stock des Parlamentsgebäudes. Die Möglichkeiten dabei sind jetzt im Prinzip unbegrenzt. Wir können uns per Greifhaken auf das Dach des Gebäudes hieven oder wählen den altmodischen Weg durch die verbarrikadierte Tür am Haupteingang. Sind wir einer der Typen, die sich nach ganz oben begeben haben, dann können wir uns von dort aus auch wieder abseilen. So kann man z.B. Fensterscheiben von oben herunter kaputtschlagen und dann ganz fies in den Raum gucken. Befindet sich dort auch noch die Geisel, können wir unseren Spaß mit Betäubungsgranaten freien Lauf lassen.
"Du kommst hier nicht rein!"
Als Verteidiger, könnte man meinen, hat man die Oberhand. Man kann ja einfach abwarten und sich irgendwo hinter einem Schreibtisch verstecken. Dieses Vorgehen kann zwar funktionieren, in den meisten Fällen wird man dann aber einfach ausgeräuchert, wenn man nur in Ecken sitzt und sich nicht bewegt. Denn die Angreifer wissen sich mit gefährlichen Gadgets (z.B. Minigranaten) zu helfen, da sie dafür noch nicht mal unbedingt gesehen werden müssen. Da hilft nur, hölzerne oder dünne Wände mit Stahlverkleidung zu verbarrikadieren und möglichst alles, was nicht fester als Beton ist, zukleistern. Mit Laserschranken, die bei Unterbrechung explodieren, Elektronischen Störsendern oder Granatabfangnetzen versucht man als Verteidiger natürlich die Angreifer zu behindern.
Da für die Verteidiger meist alles auf einen engen Raum beschränkt ist, ist die Erfahrung umso intensiver, wenn man in der Nähe irgendwelche Explosionen hört und weiß: "Aha, gleich werden sie hier eindringen." Umso witziger, wenn man sich hinter Stahl verkleideten Wänden versteckt und diese kurzerhand mit Thermitladungen aufgesprengt werden - das Überraschungsmoment ist hier klar bei den Angreifern. Als Verteidiger geht man in dem Fall entweder drauf oder kann sich verstecken. Lugt dann noch der Kopf eines Angreifers durch die zerstörte Wand, kann man nur hoffen, dass wir ihn als erstes gesehen haben und letztlich auch in die ewigen Jagdgründe schicken. Stirbt man, muss man warten, bis die Runde vorbei ist. Man kann aber mit Kameras oder den Drohnen arbeiten und so versuchen, Gegner zu markieren.
Knackige Soundkulisse, grafische Normalität
Quelle: Ubisoft
Was Rainbow Six: Siege beherrscht, ist das Spiel mit den Soundeffekten. Sicherlich muss man hier keine Referenz erwarten, allerdings sind die Waffensounds klasse und auch die Geräusche von zerstörten Holzbarrikaden, der Thermitladung die sich durch Wände brennt oder einfachen Grananteneinschlägen, fühlen sich richtig intensiv an. Gerade als Verteidiger sitzt man auf heißen Kohlen, wenn man eine weit entfernte Sprengung ausmacht. Genau das ist einer dieser Momente, die dank der Soundabmischung unglaublich viel Freude bereiten: zu wissen, da kommt gleich etwas. Ansonsten darf man keinen großen Soundtrack oder bedeutsam vertonte Dialoge erwarten. In Siege macht die Soundkulisse die Musik.
Grafisch sieht Rainbow Six: Siege nicht schlecht aus. Die Maps bieten detaillierte Texturen, wobei es auch Ausreißer nach unten gibt (Flughafen-Map: außer dem Flugzeug sieht der Rest detailarm aus) und die Umgebung relativ steril wirkt. Wirklich punkten kann Siege mit den Zerstörungseffekten. Die schon erwähnte Thermitladung ist ein gutes Beispiel dafür: als Verteidiger kann man schön sehen, wie sich die Thermitladung geradezu in Wände frisst. Aber auch Explosionen oder das einfache Zerstören von Barrikaden aus Holz berechnet das Spiel in Echtzeit. Manchmal so "echt", dass Fehler wie in der Luft schwebende Sprengladungen oder Holzsplitter ein wenig nervig sein können.
Ein paar Ärgernisse
Quelle: Ubisoft
Rainbow Six: Siege bietet ein mehr als grundsolides Taktik-Shooter Gerüst. Das Handling ist nach ein paar Spielstunden verinnerlicht und die schnellen Tode leiten zum vorsichtigen Vorgehen an. Dennoch muss man Siege ein paar Ungereimtheiten auf die Stirn tackern. Zum einen gibt es Momente im Spiel, die dank Latenzen für Frust sorgen können. Es ist ärgerlich, wenn wir trotz vorgehaltenem Schild sterben, obwohl uns der Gegner frontal abschießt, oder man stirbt, obwohl der Gegner in der anschließenden Killcam klar daneben gezielt hat. Ubisoft arbeitet immerhin an einen Patch, der falsche Hitboxen korrigieren soll, sowie falsche Positionsberechnungen.
Was ein Patch auch beheben sollte ist das "Truppenhandling". Man kann Freunde aus Freundeslisten in einen Trupp einladen. Soweit so gut. Will man dann aber einen Spielmodus verlassen (z.B., um sich von dem verdienten Ansehen etwas zu kaufen oder um den Spielmodus zu wechseln), werden die Truppmitglieder nicht mitgezogen und man muss ständig umständlich noch einmal neue Einladungen verschicken. Das ist zwar keine Arbeit von zehn Sekunden, allerdings kriegen das Konsorten wie Call of Duty: Black Ops 3 besser hin. Es ist einfach ein nerviger Umstand, zwar absolut kein Spielkiller, aber man will ja vom Spiel auf Händen getragen werden - gerade bei einem Multiplayer-Taktik-Shooter.
