Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern

Kolumne Lukas Schmid 56,99 €
Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern
Quelle: PC Games 

Red Dead Redemption 2 hat die exorbitant hohen Erwartungen je nachdem, wen man fragt, erfüllt oder sogar noch übertroffen. Es ist ein Meilenstein, der das Medium Videospiele an sich voranbringt - nun, so wurde es mir zumindest gesagt. Ich habe nämlich noch keinen Schritt durch den virtuellen Wilden Westen getan und habe das auch in Zukunft nicht vor. Kolumne zu einem meiner Meinung nach notwendigen Boykott.

Ich habe Lust auf Red Dead Redemption 2 (jetzt kaufen / 56,99 € ), richtig viel Lust. Ist ja auch kein Wunder, das Ding ist fantastisch geworden und bricht überall auf der Welt Wertungs- und Verkaufsrekorde. Meine ursprünglich geäußerten Befürchtungen bezüglich des Micromanagements im Spiel scheinen sich also nicht erfüllt zu haben und meine vor dem Release noch etwas reservierte Einstellung zu dem Abenteuer hat sich gelegt. Eigentlich beste Bedingungen also, um loszulegen und herauszufinden, warum alle von Arthur Morgans Erlebnissen so begeistert sind.

Ich werde Red Dead Redemption 2 trotzdem nicht spielen. Nicht jetzt und wenn ich meinen Boykott durchziehe, auch in Zukunft nicht. Jawohl, ich boykottiere Red Dead Redemption 2.

Job until you drop

Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern Quelle: Rockstar Games Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern Denn mag das Spiel noch so toll sein, seine Entstehungsgeschichte ist es definitiv nicht. Kurz vor Release wurden erneut Berichte über die teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen bei Rockstar Games laut. Berichte zu Crunch-Perioden, während denen Mitarbeiter bis zu 100 Stunden pro Woche in ihren Büros sitzen (inklusive halbherziger Rückruderversuche der Chefs bei Rockstar), ausgedehnte und zwingend vorgesehene Überstunden auch abseits des Release-Zeitraums, Erpressungen, wenn man sich als Angestellter gegen diese Zustände stellt; von solchen und ähnlichen geleakten Interna waren die Nachrichtenseiten in den letzten Wochen voll, auch bei pcgames.de berichteten wir ausführlich darüber. In einer vielbeachteten Reportage auf Kotaku interviewte der von mir hochgeschätzte Jason Schreier anonym zahlreiche ehemalige und aktuelle Rockstar-Mitarbeiter und zeichnet darin ein nicht unbedingt positives Bild.

Natürlich wurde seitens Rockstar versucht, all diese Berichte als unwahr oder zumindest stark übertrieben darzustellen. Tatsächlich schickte man sogar ausgewählte, glückliche Mitarbeiter aus, um zu zeigen, wie super doch alles bei Rockstar ablaufe.

Nun, diesen folgten ehemalige und aktuelle Mitarbeiter, die diesen Erzählungen wiederum widersprachen. Mehr noch, haben Mitarbeiter sogar einen Hinweis auf die Arbeitsbedingungen bei Rockstar ins Spiel geschummelt.

Jetzt ist es ganz normal, dass nicht jeder Mitarbeiter mit den Zuständen in seiner Firma glücklich ist und bei einer Spieleentwicklung, die an die 3.000 Menschen umfasst, kommt es gezwungenermaßen zu Reibereien. Allerdings ist die Menge an Schauerberichten aus den Hallen Rockstars zu groß, um hier nicht von einem grundsätzlichen Problem (möglicherweise sogar einem generellen Branchen-Problem?) zu sprechen und die Vorwürfe sind zu verheerend.

Wild-West-Weigerung

Ja, das ist er, der Grund, warum ich Red Dead Redemption 2 boykottiere: Ich will kein Unternehmen mit meinem Geld und meiner Zeit belohnen, das es trotz ausreichender Ressourcen nicht schafft, seine Angestellten entsprechend zu entlohnen und ihnen vor allem ein Arbeitsumfeld zu bieten, in dem sie sich wohl fühlen. Stattdessen wird, um die Leistung zu erhalten, die man sich wünscht, mit Angst gearbeitet; Angst um den eigenen Arbeitsplatz, Angst um die eigene Familie, schlussendlich Angst um die eigene Existenz. Gib dich auf und gib alles - oder verliere alles. Das kann und darf niemals der Weg sein, den ein Unternehmen im Umgang mit seinen Mitarbeitern geht.

Wenn alle anderen Kinder von der Brücke springen ...

Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern Quelle: Rockstar Games Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern Nun mag man sagen "Ist ja alles nicht so schlimm. Bei anderen Studios und in anderen Firmen ist es ja genauso!". Eine furchtbare Ausrede. Erstens scheinen die Zustände den Berichten zufolge bei Rockstar schon schwerwiegend im Argen zu liegen. Überstunden, so etwa Jason Schreier, sind der Indikator, an denen bei Rockstar Fleiß bemessen wird. Zweitens ist es völlig egal, ob es woanders gleich schlimm, doppelt so schlimm, halb so schlimm oder dreizehn Siebenundzwanzigstel so schlimm zugeht - ein Arbeitsklima, in dem Mitarbeiter sich permanent unwohl fühlen, ist unverzeihlich.

Noch viel schlimmer finde ich jedoch Aussagen à la "So schlimm kann es bei Rockstar ja nicht sein, wenn die Leute noch dort arbeiten", oder "Sie könne sich ja einen anderen Job suchen". Das ist nicht nur zu kurz gedacht, sondern regelrecht zynisch. Wie gesagt, hängen an Jobs so viel mehr Dinge, als nur der Wille, ihn zu erledigen. Erst einmal geht mit dem Verlust eines Arbeitsplatzes ja nicht automatisch ein neuer einher. Bis man eine neue Anstellung findet, kann viel Zeit vergehen, in der man kein Geld verdient und ob man dann mit derselben finanziellen Vergütung rechnen kann, steht nicht fest.

Außerdem begeben wir uns ja nicht einfach von Bürogebäude A in Bürogebäude B auf der anderen Straßenseite und gut is'. Für viele Menschen bedeutet ein Jobwechsel, auch den Lebensmittelpunkt ändern zu müssen. Das ist schon eine Herausforderung, wenn man alleine ist. Mit Familie und andere Verpflichtungen kommen zum rein finanziellen Risiko noch viele weitere Faktoren dazu, die einen spontanen Wechsel entweder extrem erschweren oder gar unmöglich machen.

Einfach den Job zu wechseln, weil man keine Lust mehr hat oder schlecht behandelt wird, ist nur in seltenen Fällen eine einfach realisierbare Option. Stattdessen wird, den Verpflichtungen entsprechend, weitergeschuftet. Die Auswirkungen so einer Situation auf die psychische Gesundheit kann man sich ausrechnen.

Shitstorm mit Vorgeschichte

All das wäre schon unverzeihlich, wäre Red Dead Redemption 2 das erste Projekt, bei dem Rockstar mit mehr als fragwürdigen Methoden vorgeht. Ist es aber nicht - aus der Vergangenheit gibt es zahlreiche Aussagen zu arbeitsrechtlichen Missständen bei dem Unternehmen, verteilt auf die über die ganze Welt verteilten Einzelstudios. So soll es schon beim ersten Red Dead Redemption ähnlich zugegangen sein wie jetzt bei der Fortsetzung; 70 Wochenstunden und mehr sollen in den Monaten vor Release keine Seltenheit gewesen sein, wer sich ein Wochenende frei nahm, landete intern auf einer schwarzen Liste. Anstatt sich für bessere Bedingungen stark zu machen, wurde den überarbeiteten Mitarbeitern gesagt, dass es ein Privileg sei, bei Rockstar arbeiten dürften und dass sie jederzeit ersetzbar seien.

L.A. Noire entstand unter ähnlich kontroversen Umständen und die Entwicklung endete mit der Auflösung von Team Bondi, dem zuständigen Studio. Max Payne 3 gilt als eine der härtesten und menschenunwürdigsten Entwicklungen Rockstars - was, angesichts all der anderen Geschichten, wirklich etwas heißen will. Hier wie auch bei anderen Entwicklungen waren unbezahlte Überstunden die Regel, nicht die Ausnahme.

Weiter ging es mit GTA 5, wo Mitarbeiter, die weniger als 60 Stunden pro Woche arbeiteten, ebenfalls auf bestimmten Listen landeten. Aus der Entstehungszeit von Bully, GTA 4 und Co. hört man ähnlicher Geschichten. Es gibt noch mehr Beispiele und schockierende Geschichten der Mitarbeiter. Für alle, die sich weiter in die Thematik hineinlesen möchten, empfehle ich erneut Jason Schreiers Reportage über Crunch bei Rockstar auf Kotaku.

Protest mit der Brieftasche

Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern Quelle: Rockstar Games Wilder Westen? Ohne mich! Darum bleibe ich Rockstars Open-World-Abenteuer fern All das sind Zustände, die ich nicht unterstützen will. Ist das der richtige Weg, um hier zu protestieren? Geht es nach der Meinung einiger aktueller Rockstar-Angestellter, dann nicht. Schließlich, so deren Argumentation, würden vom Erfolg eines Spiels auch die Bonuszahlungen für sie, die Mitarbeiter, abhängen. Würden nun (in einem rein theoretischen Szenario) tatsächlich genügend Menschen sich einem Boykott anschließen, dass dieser Auswirkungen auf die Verkaufszahlen des Spieles und dadurch auf ebendiese Boni hätte, so würden die Mitarbeiter doppelt bestraft.

Davon abgesehen, dass es so weit ohnehin niemals kommen könnte, finde ich die Begründung nicht schlüssig. Man soll also die furchtbaren Geschäftspraktiken Rockstars (oder anderer Entwickler mit ähnlichen Methoden) unterstützen, damit die Mitarbeiter ihr Geld bekommen? Ein logischer Fehlschluss. Nicht nur unterstützt man diejenigen, die für die schlechten Arbeitsbedingungen verantwortlich sind mit angeblich den Mitarbeitern zugute kommenden Boykottverzicht, nein, man wird direkt zum Teil des Systems der Angst.

Würde ein solcher Protest der Käufer Realität werden, hätten Unternehmen wie Rockstar keine andere Chance, als ihre Methoden zu ändern. Es ist traurig, dass schlussendlich immer die Gemütlichkeit beziehungsweise die Lust am Produkt siegt und ein Boykott niemals relevante Auswirkungen haben könnte; vor allem mit Blick auf Fälle wie die harsche Kritik an Diablo Immortal oder die Mikrotransaktionen im Star Wars: Battlefront 2 zeigt. Sobald es die eigene Wohlfühlblase betrifft, und zwar mit Dingen, die nun real keinem wehtun - Diablo-Fans werden es überleben, wenn ein Handy-Ableger der Reihe existiert -, dann wird auf einmal mobilisiert, dann wird auf einmal ausgerückt und protestiert. "Wir hören euch und wir haben verstanden" sagen die Zuständigen bei Blizzard bezüglich Diablo Immortal. Schön - aber wenn ich die Wahl habe, unterstütze ich lieber ein Unternehmen, das ein Produkt entwickelt, das mir nicht gefällt, als ein solches, das seine Mitarbeiter ausnutzt.

Wird sich was ändern?

Mein Boykott wird keinerlei Auswirkungen haben. Vielleicht werden sich zwei, drei Leser inspiriert fühlen, sich mir anzuschließen. Aber darum geht es mir nicht. Hier geht es ums Prinzip. Red Dead Redemption 2 ist toll. Mag sein, dass es sogar mein Lieblingsspiel wäre, würde ich es denn spielen - der erste Teil befindet sich nach wie vor ganz oben in meiner Favoritenliste. Das ist aber egal. Wenn ein Spiel fantastisch ist, aber Menschen ausgenutzt wurden, damit es entstehen kann, dann war es das nicht wert, wie Jim Sterling richtig anmerkt.

Darum verzichte ich auf Red Dead Redemption 2. Es ist es mir nicht wert.

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