Red Dead Redemption 2: Es ist nur ein Spiel oder wie ich auszog, dem Hype entgegenzutreten - Kolumne

Special Lukas Schmid 56,99 €
Red Dead Redemption 2: Es ist nur ein Spiel oder wie ich auszog, dem Hype entgegenzutreten - Kolumne
Quelle: Rockstar Games

Gut zwei Jahre nach der Enthüllung und satte acht Jahre nach dem Release des ersten Teils erscheint am 26. Oktober 2018 Red Dead Redemption 2. The hype is real - viele Fans erwarten sich nichts anderes als eine Spiele-Revolution. Aber warum genau? Und warum kennt der Hype hier so gar keine Grenzen mehr?

Eines vorweg: Red Dead Redemption 2 (jetzt kaufen / 56,99 € ) wird mit großer Wahrscheinlichkeit sehr gut, vielleicht sogar super. Wie wir in unserer Angespielt-Vorschau zum Western-Abenteuer feststellen, ist es beeindruckend, wie viel Mühe die Entwickler hier in jahrelanger Arbeit ganz offensichtlich haben einfließen lassen. Ich war einer von zwei Redakteuren aus unserem Haus, die vor Ort bei Rockstar in München knapp zwei Stunden mit dem Spiel verbringen konnten. Die Sache ist nur die: Wie gut genau Red Dead Redemption wird, wissen wir eben noch nicht. Das ist das Wesen einer durch den Hersteller organisierten Hands-on-Möglichkeit: Die Firma, die mit dem Spiel Geld verdienen möchte, achtet natürlich genau darauf, was anreisenden Journalisten gezeigt wird und was nicht.

Da werden dann absolute Highlights rausgepickt, Elemente, die im aktuellen Stadium (noch) nicht so gut funktionieren, werden bewusst - und verständlicherweise - unter den Teppich gekehrt; Dinge die kontrovers aufgenommen werden könnten, werden verschwiegen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern gelebte Erfahrung aus knapp zehn Jahren Arbeit im Videospiele-Journalismus.

Viele offene Fragen

Keineswegs muss das bei Red Dead Redemption 2 der Fall sein. Möglicherweise spielen die Entwickler bezüglich der Qualität von Red Dead Redemption 2 mit offenen Karten. Vielleicht gibt es gar keine Features, die man nicht in der Öffentlichkeit diskutiert sehen will. Zumindest aber werden knapp vier Wochen vor dem Release noch relevante Teile der Read-Dead-Spielerfahrung unter Verschluss gehalten. Wieder wurde uns gegenüber kein Wort bezüglich Red Dead Online verloren (und die offizielle Enthüllung vor ein paar Tagen brachte auch mehr Fragen als Antworten mit sich). Auch die Map des Spiels durften wir noch nicht sehen. Zum Crafting, zu den Einzelheiten des Fortschritt-Systems und dem Ausbauens unseres Camps gab es noch keine konkreten Informationen.

Das heißt keineswegs, dass dadurch unschöne Aspekte des Spiels verschwiegen werden sollen. Es beweist aber, wie wenig wir eigentlich über RDR2 wissen. Blickt man aber in die Weiten es Internets, so scheint es, als käme jede Kritik an Red Dead Redemption 2 einer persönlichen Beleidigung gleich. Ohne auch nur ansatzweise viele Infos zum Spiel zu haben, ohne die teils mehrstündigen Anspielberichte, wie es etwa im Falle unserer Vorschau zu Assassin's Creed Odyssey der Fall war, wird hier von einem gewaltigen Teil der wartenden Fans beschlossen: Da kann gar nix schiefgehen. Man geht von einem Spiel aus, welches nicht nur herausragend genial wird, sondern auch gleich das Open-World-Genre revolutioniert. Das ist eine Art von Vertrauensvorschuss, den ich in diesem Ausmaß noch selten erlebt habe. Bei den meisten Spielen und Serien reagieren wartende Fans mit einer gebührenden Prise Skepsis auf hochtrabende Ankündigungen.

Ein beeindruckendes Spiele-Portfolio

Natürlich gibt es eine gewisse Basis, auf der diese unkritische Vorfreude fußt und das ist der unleugbar grandiose Ruf der Entwickler von Rockstar Games. Spätestens beginnend mit GTA 3 hat das Studio (beziehungsweise die über die Welt verteilten Zweigstellen des Studios) ein beeindruckendes Portfolio an herausragenden Spielen zusammengestellt und der Vorgänger wird zu Recht heiß geliebt. Allerdings ist das natürlich kein Beweis, dass auch Red Dead Redemption 2 ein Meisterwerk wird. Wenn, dann ist es lediglich ein Indikator. Zudem gehören zum Portfolio Rockstars eben auch Spiele, die "nur" sehr gut sind. Die Wenigsten werden behaupten, dass Bully (Canis Canem Edit), das indizierte Kampfspiel The Warriors, die ebenfalls indizierten Manhunt-Titel oder Rockstar Games präsentiert Tischtennis zeitlose Klassiker sind. Sehr gelungen, auf jeden Fall, aber eben kein GTA3 oder Red Dead Redemption.

Was also, wenn Red Dead Redemption auch "nur" sehr gut wird? Was bei jedem anderen Spiel bedeuten würde, dass es die Erwartungen erfüllt hat - an ein Assassin's Creed Origins, Just Cause 3 oder Shadow of the Tomb Raider wird man sich in zehn Jahren nicht als unvergessliche Klassiker zurückerinnern -, würde bei Red Dead Redemption 2 durch den völlig aufgeblasenen Hype unweigerlich als Misserfolg hingestellt werden. Das Abenteuer muss fantastisch sein, oder es ist ein Reinfall - eine wirklich haarige Situation für die Entwickler.

Alles oder Nichts

So oder so wird sich Red Dead Redemption 2 wohl hervorragend verkaufen, aber selbstverschuldet oder nicht, trägt man durch den Hype eine Bürde mit sich, die wohl extrem schwer wiegt und beeinflusst, wie man Rockstar in den kommenden paar Jahren sehen wird. Und damit kommen wir wieder zu meinen eigenen Erfahrungen mit dem Spiel. Während mein Kollege Thomas den Controller in de Hand hatte und für seinen Vorschau-Bericht spielte, nahm ich das Spiel genau unter die Lupe und stellte fest: Da gibt es doch einige Punkte, die mir Sorge bereiten. Und da rede ich gar nicht von der stellenweise doch arg in die Knie gehenden Bildrate, sondern von inhaltlichen Aspekten. Die Entwickler hatten viele Jahre Zeit für die Entwicklung des Spiels zudem ein Budget, dass wohl ebenfalls in einem Bereich angesiedelt ist, von dem andere Entwickler nur träumen können.

Weniger ist mehr

Das Problem ist allerdings: Kreativität zeigt sich auch immer darin, wie man mit einem auferlegten Beschränkungen umgeht, seien sie zeitlicher, finanzieller oder wie auch immer gelagerter Art. Rockstar sah sich angesichts der zur Verfügung stehenden Ressourcen offenbar nur wenigen Hindernissen ausgesetzt. Das resultierte darin, dass absolut jeder Aspekt des Spiels zigmal gewälzt, neu gedacht, umgestaltet und überarbeitet werden konnte. Das Ergebnis: Beeindruckende Fakten wie die Tatsache, dass jeder Quadratzentimeter des Spiels von Hand gestaltet ist; Animationen, die absolut herausragend sind und dafür sorgen, dass Protagonist Arthur etwa jeden einzelnen Gegenstand, der in sein Inventar wandert, tatsächlich aufhebt und in seine Tasche steckt: eine sich durch diesen Blick fürs Detail und für Realismus ergebende, herausragend echte Atmosphäre.

Aber dann gibt es eben auch die Schattenseite dieser Vorgehensweise, und während der Demo fühlte ich mich angesichts der Tatsache, dass jedes auch noch so kleine Element des Spiels auf mehreren Ebenen funktionieren muss, etwas überfordert. Jage und töte ich ein Tier, muss ich nicht nur darauf achten, sein Fell nicht zu zerstören. Ich muss auch entscheiden, ob ich Fell oder Fleisch oder beides mitnehme. Das Fell landet bei einem anderen Abnehmer als das Fleisch (und wird höchstwahrscheinlich auch fürs Crafting gebraucht). Erst aber einmal muss das gehäutete Tier aufs Pferd geschnallt und persönlich zum Schlachter gebracht werden. Aber Obacht, dass man sich dabei nicht zu viel Zeit lässt, denn sonst verdirbt es! Ja, das ist durchdacht, ja, das ist zu einem gewissen Grad realistisch - aber es ist auch anstrengendes Micromanagement und es hört sich vor allem nach Arbeit an.

Micromanagement allenthalben

Und es ist nur eines von mehreren Beispielen für das unnötige Verkomplizieren simpler Vorgänge. Unsere Waffe kann nicht nur ganz normal benutzt werden. Wir können ihr auch eine individuelle Gravur verpassen. Dass man ihre einzelnen Teile verbessern kann, gehört ebenfalls dazu. Außerdem gilt es, unsere Kanonen nach häufigen Einsatz zu putzen, damit sie weiterhin funktionieren. Oder Frisuren und Bärte: Wir können zum Barbier gehen und unseren Bewuchs zurechtschnipseln lassen. Allerdings, gefällt uns das Ergebnis nicht oder gehen wir generell mit zu kurzen Haaren zum Schneider, so kann er uns mit auf längere Haare ausgelegten Frisuren und Bartschnitten nicht weiterhelfen. Dann müssen wir entweder warten, bis Kopf und Kinn von selbst wieder zugewuchert sind, oder aber in den Laden gehen, uns ein Haarwuchs-Elixier kaufen, es benutzen und dann (soweit ich es verstanden habe) dennoch noch eine Weile warten, bis wir erneut beim Barbier vorstellig werden können.

Das sind Beispiele, doch diese vielschichtige, überkomplizierte Gestaltung zieht sich dem bisherigen Anschein nach durch das ganze Spiel. Wie gesagt, beeindruckend. Frei nach Dr. Ian Malcolm aus Jurassic Park sage ich jedoch: Die Entwickler waren so beschäftigt mit der Frage, ob sie es können, dass sie nicht innegehalten haben, um zu überlegen, ob sie es sollten. Auf mich wirken all diese kleinteiligen Elemente bisher nämlich so, als würden sie sehr schnell in Arbeit ausarten. Klar, ein Großteil davon wird optional sein. Dann verkaufen wir eben kein Fleisch oder bauen das Camp unserer Bande nicht in mehreren Stufen aus, eine Tätigkeit, bezüglich der uns bereits bestätigt wurde, dass man sich nicht damit auseinandersetzen muss, wenn man nicht will.

Kritisch bleiben!

Wenn das Fazit daraus aber lautet: "Dann lass einen großen Teil des Spiels halt links liegen", dann macht mich das nicht wirklich glücklich. Nachdem ich die Demo erlebt habe, muss ich ehrlich zugeben, dass ich etwas weniger Lust auf RDR 2 habe als zuvor. Eine weitere Einzelmeinung - wie viel Wert man ihr schenkt, sei jedem selbst überlassen. Jetzt bin ich bezüglich eines möglicherweise kleinen Kritikpunktes an Red Dead Redemption 2 ganz schön in die Tiefe gegangen. Vor allem geht es mir aber um eines: Darum, zu zeigen, dass es durchaus Gründe gibt, das Spiel kritisch zu betrachten; dass es nicht selbstverständlich ist, dass es die Videospielewelt auf den Kopf stellt. Und dass man immer sehr vorsichtig sein soll, wenn ein Hype dermaßen aus dem Ruder läuft. Wenn man nicht völlig überzogene Erwartungen hat, kann man am Ende nicht enttäuscht dastehen.

Ich glaube trotzdem, dass Red Dead Redemption sehr gut wird. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass es Elemente am Spiel geben wird, die mir nicht gefallen. Ich weiß auf jeden Fall auch, dass Red Dead Redemption 2 mich nicht enttäuschen kann. Wenn es tatsächlich das beste Spiel aller Zeiten wird, freue ich mich dann darüber, dass ich mich geirrt habe.

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 06/2026 play5 06/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk