SimCity im Test: EA tötet die Stadtbau-Simulation

Test Sandro Odak

Der Always-On Kopierschutz, überlastete Server, ein Multiplayer-Modus, den so niemand wollte und vollkommen verändertes Städtebau-Feeling. Die Liste an Epic Fails ist lang, wenn man den Reboot der Bürgermeister-Simulation SimCity betrachtet. Wir haben uns trotzdem dran gewagt und sind nur mäßig begeistert.

Simulationsspieler sind schon ein ganz besonderer Haufen unter Gamern. Für sie kann ein Spiel nie genug Informationen bereitstellen. Gerade virtuelle Stadtplaner und Wirtschaftsbosse haben ein Händchen für Zahlen, ewige Wertetabellen stören sie nicht. Sie sind es seit Jahren gewohnt. Was dieses besondere Grüppchen Spieler nicht mag, sind Veränderungen. In fast 20 Jahren gab es kaum Bewegung auf dem Stadt-Sim-Markt – und nun bringt EA und Maxis SimCity raus. Das Spiel, das alles anders macht als seine Vorgänger.

SimCity im Gamezone-Test (2) Quelle: PC Games SimCity im Gamezone-Test (2) Schon seit der Ankündigung ist klar, dass SimCity zwangsweise eine Onlineverbindung voraussetzt. Bis zuletzt haben Fans und Kritiker das nicht wahrhaben wollen. Auch wir nicht, als wir es im Januar angespielt haben. Denn eigentlich braucht man die Anbindung an das Internet gar nicht. Städtebauer wollen meist eh lieber allein ein Imperium aufbauen. Doch anstatt einen optionalen Multiplayer-Modus einzubauen, entscheiden sich die Entwickler dazu, das Feature für alle Spieler zur Pflicht zu machen. "Die Spieler wollen das so", grinst uns Lead Producer Kip Katsarelis im Januar ins Gesicht. Er hätte es besser wissen müssen. Always-On: Ein Schuss ins eigene Bein, EA! Natürlich halten die Server dem Ansturm bei Release nicht stand, bis zum Wochenende kommt es ständig zu Fehlern und Spielabstürzen. Während unserem Test ist es mehrmals passiert, dass plötzlich Regionen, mit denen wir eben noch verbunden waren, verschwinden. Das heißt: Man muss komplett von vorn anfangen und eine neue Stadt aufbauen. Wer Zeit und Muße hat kann auch warten. Jeweils am nächsten Tag war die Region doch wieder verfügbar.

Regionen bevölkert von Fremden

Wir vertrauen Kip mal und starten am Wochenende direkt mit einer öffentlichen Spielerlobby. In der bislang größten Region tummeln sich 16 Städte und jede davon kann von einem anderen Spieler übernommen werden. Es gibt zwar die Möglichkeit, nur mit Freunden zu spielen, aber wir wollen es gleich richtig wissen: öffentliches Spiel, internationales Publikum! Schon nach wenigen Minuten spielen wir mit einem Koreaner und zwei Russen, nur einer von den drei spricht englisch. Die anderen tippen kyrillisch und mit koreanischen Zeichen im Chat … Das Matchmaking hat also hervorragend geklappt! EA hat zwar eine Vielzahl an Servern für die unterschiedlichen Regionen – connecten kann man sich aber überall, sodass Spieler derzeit einfach zu dem Server greifen, der noch Platz hat. Kommunikativ ist das nicht, denn außer einem winzigen Chatfenster oben links bietet SimCity keine Möglichkeit sich computergesteuert mit Nachbarn kurzzuschließen. Wir wollen nicht kritisieren, dass EA einem die Wahl lässt, auf welchem Server man daddelt. Das Schlimme ist, dass es keine Möglichkeit gibt, im Spiel standardisierte Ingame-Anfragen an Mitspieler zu schicken.

SimCity im Gamezone-Test (5) Quelle: PC Games SimCity im Gamezone-Test (5) Regionen an sich sind auch eine eigene Neuerung für SimCity. Der Spieler hat nämlich nicht mehr die Kontrolle über das komplette Areal, sondern ein winziges, abgestecktes Stadtgebiet. Mehrere Städte untereinander sind durch Autobahnen, Gleise und Wasserstraßen verbunden. Aber so, wie man es aus Sim City 4 kennt, kann man nicht einfach Stadt an Stadt anheften, um eine riesige Metropolregion zu schaffen. Die Zeiten, in denen man ein riesiges New York nachgebaut hat, sind vorbei. Hallo Wuppertal! Viel größer als der nordrhein-westfälische Ort werden SimCity Maps bislang nicht. Das nervt! Denn nach ein bis zwei Stunden ist so ein Stadtbauplatz komplett voll. Selbst wer das Straßenraster perfekt ausnutzen will, hat nach ein paar Stunden keinen Platz mehr zum Bauen. Dann heißt es: Jeden Bauplatz erkämpfen und im Zweifel halt etwas wieder abreißen. Genau darum geht es Bügermeistern aber nicht. Sie wollen ihre perfekte Kleinstadt aus dem Kopf nachbauen, nicht Maxis' Spielprinzip 1:1 aus dem Handbuch nachspielen.

Ärgerlich ist auch, dass eine klassische Komponente der SimCity-Reihe komplett wegfällt: Terraforming. Während sich Schöngeister früher Strände und Hügelketten für ihre Villenviertel selbst ausheben konnten, muss der SimCity-Spieler von heute mit dem zufrieden sein, was die Entwickler ihm vorwerfen. Ist Mitten in der Stadt ein nicht bebaubarer Berg? Pech gehabt, deal with it. Für die Entwickler ist das eine besondere Herausforderung an Spieler, die's wirklich wissen wollen. Aber eigentlich ist das System eine Farce. Da hat man schon winzige Karten und versperrt nun auch noch Teile davon. Das macht wirklich keinen Spaß und zwingt einen schnell, eine zweite Stadt aufzubauen – denn selbst wenn es keinen Platz mehr gibt, unsere Sims wollen immer mehr Jobs und Lebensraum. Wenn wir ihnen den nicht liefern, ziehen sie enttäuscht wieder aus.
Let's Play: Eine Stunde mit Sim City aus der Beta Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Multi-City mit Spezialisierungen? What ever.

Eigentlich sieht SimCity ja hübsch aus - die Glassbox-Engine hat einiges auf dem Kasten Quelle: Gamezone Eigentlich sieht SimCity ja hübsch aus - die Glassbox-Engine hat einiges auf dem Kasten Um genau das zu vermeiden, basiert SimCity auf einer Multi-City-Idee. Der Plan: Jeder Spieler, egal ob er allein oder mit Freunden in der Region spielt, wird auf kurz oder lang eine zweite Stadt und mehr eröffnen müssen. So kann sich, in der Theorie, jeder Ort und jeder Spieler spezialisieren. Der eine baut Erz ab, der andere baut Hightech-Produkte und der dritte schafft ein Urlaubsparadies, in dem die Kumpels und Prozessor-Bauer dann abschalten können. Das klingt auf dem Papier toll, vor allem, weil man ja auch selbst alle drei Städte lenken kann. Nur in der Praxis versagt das Multi-City-Gameplay komplett. Wer für seine eigene Stadt einen Vorort bauen möchte, in dem die Sims nur wohnen, wird bitter enttäuscht. Erstens startet jede Map mit eigenem Budget, das sind läppische 50.000 Simleons. Einen gemeinsamen Geldbeutel gibt es nicht. Und zweitens muss immer eine Grund-Infrastruktur aufgebaut werden. Auch im idyllischen Wohnort, von dem aus die Sims nur in die anderen Städte der Region zum Arbeiten fahren sollen, benötigen Industrie und Gewerbegebiete. Das heißt: Man muss alles komplett aufbauen. Sowas verschandelt das Stadtbild. Und selbst wenn man sich Ressourcen wie Strom, Wasser und Abwasser mit seiner eigenen Stadt teilen möchte, muss man dafür bezahlen. Verrückt!

Wer dennoch Ressourcen aus der reichen Stadt in die arme umleiten will, muss auf ein Workaround zurückgreifen. Er muss die andere Stadt besuchen, die Kohle überweisen und dann wieder wechseln. Dabei lädt und synchronisiert das Spiel jedes Mal etwa eine Minute lang. Multi-City-Gameplay? So macht es jedenfalls keinen Spaß, Bürgermeister mehrerer Städte zu sein.

"Sind wir bald da?" – Schuld an der Mutter aller Megastaus ist das Straßenbausystem

Wer seine Straßen zu solchen Hauptstraßen ausbauen will, muss ganze Stadtteile abreißen - buuh! Quelle: Gamezone Wer seine Straßen zu solchen Hauptstraßen ausbauen will, muss ganze Stadtteile abreißen - buuh! Auch wenn man von der Zwangsverbindung an die kaputten EA-Server und doofem Multi-City-Gameplay absieht, wird SimCity nicht besser. Auch im Stadtbau selbst vereinfachen die Macher vieles. Straßen übernehmen nun die Aufgabe von Lebensadern. Sie transportieren Strom, Wasser und Abwasser, separate Leitungen müssen nicht mehr gelegt werden. Das ist tatsächlich eine positive Veränderung im Gegensatz zu Sim City 4. Aber alles hat Nachteile. Wenn die Lebensader verschwindet, werden dort platzierte Häuser abgerissen. Wer also umbaut, weil der Platz nicht mehr ausreicht, muss ganze Stadtviertel von vorn aufbauen – und die kommen nicht etwa als Wolkenkratzer der höchsten Levels wieder, sondern starten als kleine Holzhütte! Nun gibt es zwar ein Straßen-Upgrade-System, das sich vom Trampelpfad zur zweispurigen Stadtstraße ausbauen lässt. Aber Hauptstraßen lasen sich nicht upgraden. Genau die benötigt man aber, wenn man Straßenbahnschienen verlegen will. Wer das tut, wird große Teile seiner Stadt dafür opfern müssen, wenn er nicht beim Start schon ein Hauptstraßensystem ausgelegt hat. Das aber ist teuer und ohne Hilfe von außen nicht allein bezahlbar.

Aus den kleinen Maps resultiert schnell, dass man an allen Ecken und Enden keinen Platz mehr für Gebäude und Upgrades hat. Wer später ein Gebäude hinzufügen will, muss meist andere dafür abreißen. Aber viel zu tun gibt es nach etwa zwei Stunden nicht mehr. Dann heißt es warten und ausharren, bis genügend Häuser im Baulevel aufsteigen. Lange Zeit bleibt gar nichts zu tun. Man muss den Laden nur am Laufen halten. Ein langfristiges "End Game" gibt es zwar schon, das sind riesige Bauprojekte für mehrere Städte, aber bis man genug Ressourcen zusammen hat, heißt es warten. Damit ist der Relaunch der beliebten Serie sehr viel kurzlebiger als seine Vorgänger.

SimCity macht keinen Sinn: Wir haben viele Kunden. - Es sind keine Kunden da. Quelle: Gamezone SimCity macht keinen Sinn: Wir haben viele Kunden. - Es sind keine Kunden da. Generell lässt sich SimCity als sehr passiv beschreiben. Häuser, Geschäfte und Fabriken baut man nicht selbst, man schafft nur Zonen, in denen sich Sims ansiedeln. Genauso läuft es mit Polizei, Müllabfuhr und Feuerwehr. Sie sind nun nicht mehr ortsgebunden, sondern für die ganze Stadt und Region zuständig. Befehle kann man ihnen trotzdem nicht geben. So kommt es durchaus vor, dass sich alle Feuerwehrautos an einem unbedeutenden Brand am Ende der Welt versammeln, während gleichzeitig der pulsierende Kern der Stadt auf der anderen Seite lichterloh brennt. Es wäre schön gewesen, wenn man auf solche KI-Automatiken Einfluss nehmen könnte – immerhin simuliert die Glassbox Engine doch jeden Sim bis ins kleinste Detail durch! Und auch beim Handel fühlt man sich machtlos. Die Preise am Weltmarkt richten sich nach Angebot und Nachfrage aller SimCity-Spieler. Dementsprechend kann man nur sagen "Ich will das verkaufen, in der Region handeln oder für meine Wirtschaft importieren." Zu welchen Preisen das geschieht, kann man nicht festlegen.

Sicher, nun kann man immer sagen, dass auch im echten Leben nicht der Oberbürgermeister sagt, man soll hier wohnen und das zu diesem Preis verkaufen. Die Aufgabe der Stadtregierung ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der die Menschen und die Wirtschaft das tun können. Aber um Himmels Willen, zugunsten von mehr Spielinhalt hätte man auf diesen Realismus verzichten müssen! SimCity wurde auch so schon an zu vielen Ecken entschlackt, ein wenig Spieltiefe hätte nicht gestört!

Vereinzelt auch tolle Neuerungen

Farbig unterlegt zeigt diese Info-Schicht wo die reichen Bürger von Gamezonia leben. Quelle: Gamezone Farbig unterlegt zeigt diese Info-Schicht wo die reichen Bürger von Gamezonia leben. Nun ist an SimCity nicht alles schlecht. Es gibt Neuerungen, mit denen wir durchaus warm werden könnten. Herausstechend sind die tollen Datamaps. Durch sie vermittelt SimCity unheimlich viele Informationen und stellt sie in einer unkomplizierten Oberfläche im Spiel dar. Wer wissen will, wo die teuersten Grundstücke der Stadt sind, kann die dazugehörige Datamap öffnen. Dann werden Texturen und Farben des echten Spiels abgeschaltet und von einfachen Farben überdeckt. Die weiße Fläche bedeutet niedrigen Wert, die grünliche Fläche Bonzen-Wohnort.

Und auch die Grafik gefällt uns im Allgemeinen. Mit der Tilt-Shift-Optik muss man vielleicht etwas warm werden, aber viele zuschaltbare Grafikfilter und ein Schieberegler für die Unschärfe-intensität machen viel wieder wett. Außerdem simuliert die Glassbox-Engine so viele Objekte auf der Karte – da verliebt man sich schnell in die Wuseloptik. Einen Knick in der Optik gibt es doch: An allen Ecken und Enden springen einem hässliche Grafikfehler ins Auge. Straßen verschwinden im Boden, Teile von Häuser passen nicht zum Grafikaufbau. Klar, man kann zwar jetzt kurvige Straßen bauen. Aber traurig ist es schon, dass kaum eine von denen wirklich fehlerlos angezeigt wird.

Wie SimCity hätte sein müssen

Wir schwelgen ein wenig in Wunschdenken: Wenn SimCity ohne Online-Zwang veröffentlicht worden wäre und Regionplay als Multiplayer-Modus veröffentlicht hätte, wäre bei Fans sicherlich alles in Butter. Dann könnten Modder auch Erweiterungen basteln und Skins für Häuser selber gestalten. Das ist, wegen des geschlossenen Systems, das serverseitig überwacht wird, nicht möglich. Außerdem würden wir uns Regionen wie in Sim City 4 wünschen. Am besten wäre es, man könnte die komplette Region bebauen! Dann wären riesige Metropolen möglich und tausende Stunden Gameplay wären gewiss. So endet eine Partie meist nach zwei bis drei Stunden, danach geht es ins quälend lahme und öde End Game über – man wartet auf Ressourcen. Wenn die Einflussmöglichkeiten nun auch noch erweitert würden, auch auf Kosten von etwas Komplexität, dann hätte SimCity sich eine 8er-Wertung redlich verdient.

In dieser Version wird das wahrscheinlich nicht mehr passieren. Maxis hat bereits erklärt, dass SimCity nicht vom Serverbetrieb befreit werden kann. Und auch die winzigen Stadtkarten lassen sich nicht wieder rückgängig machen. Maxis, wenn ihr das lest. Vielleicht denkt ihr einfach im nächsten Spiel dran?

Meinung

Wertung zu Sim City (PC)

Wertung:

5.5 /10
Pro & Contra
tolle Tilt-Shift-Optikgeniale Datalayer: SimCity kann viele Informationen auf kleiner Fläche darstellenStraßen lassen sich upgradengroße Teile des früher viel zu komplizierten Gameplays wurden entschlackt
durch die Entschlackung viel zu einfachpassive Eingriffsmöglichkeiten: man fühlt sich über weite Strecken nur wie ein ZuschauerAlways-On-Kopierschutz und Server, die dem Andrang nicht standhaltenin öffentlichen Regionen wird man tatsächlich mit Wildfremden zusammengeschmissen, Möglichkeiten zum Kontakt gibt es, bis auf einen versteckten Mini-Chat, nicht.winzige Kartennach zwei bis drei Stunden ist jede Stadt fertig – dann heißt es warten auf den Levelaufstiegmehrere Städte in derselben Region werden getrennt regiertHandel basiert auf globalem Angebot und Nachfrage – das spiegelt aber nicht zwangsläufig die Situation in der Region wiederStraßen lassen sich nicht zu Hauptstraßen ausbauen
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