30 Jahre Final Fantasy: Eine Retrospektive zur Rollenspiel-Reihe

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30 Jahre Final Fantasy: Eine Retrospektive zur Rollenspiel-Reihe
Quelle: Square Enix

30 Jahre Final Fantasy: Vom Bankrott zum Welterfolg und umgekehrt: Über drei Jahrzehnte hinweg begeistert und enttäuscht die einflussreichste JRPG-Serie gleichermaßen. Werft mit uns einen Blick zurück auf die Reihe. In diesem Special werfen wir einen Blick auf die japanische Rollenspiel-Serie aus dem Hause Square Enix.

Die Echtzeit-Kämpfe in Final Fantasy XII sind eine willkommene Abwechslung.<br>
  Quelle: play4 Die Echtzeit-Kämpfe in Final Fantasy XII sind eine willkommene Abwechslung.
 
Es ist 1987. Radiosender spielen Tina Turner rauf und runter. Break Every Rule fordert sie und katapultiert sich damit an die Spitze der Charts. Ganz so rosig sieht es in einem kleinen japanischen Entwicklerstudio allerdings nicht aus. Masafumi Miyamoto und Hironobu Sakaguchi hatten vor vier Jahren Square gegründet, doch das Unternehmen steht nach dieser kurzen Zeit schon vor dem Ruin. Ihre bisherigen Entwicklungen für den Famicom und NEC-PCs waren alles andere als erfolgreich. Sakaguchi sieht sich schon aus der Spieleindustrie aussteigen und an der Universität für einen anderen Beruf umsatteln, aber die Entwickler haben sich zu einem letzten Schwanengesang entschieden: Fighting Fantasy soll ein Rollenspiel werden, wie es zuvor noch nie jemand produziert hat! Eine offene Welt, eine finstere Story und ein neuartiges Job-System kommen Turners Ansage nach. Alle Regeln brechen. Zu verlieren gibt es ohnehin nichts.

Eine Welt in Trümmern

Also entwickeln sie ein RPG, in dem vier namenlose Helden eine in Ruinen liegende mittelalterliche Welt durchforsten, um vier sagenumwobene Kristalle zu finden. Den Steinen sagt man Kräfte nach, die die Welt retten könnten. Nach einer langen, schweren Reise und zahlreichen Kämpfen gegen Monster begegnen die Protagonisten dem Antagonisten namens Chaos. Er war ehemals der Meister der Vier und will die Welt einfach nur brennen sehen. Leider finden die Helden zudem heraus, dass sie selbst durch eine Zeitschleife für den Untergang der Welt verantwortlich sind. Ein düsteres, geschlossenes Ende, zu dem man unmöglich eine Fortsetzung schreiben kann. Die depressive Stimmung des Studios schlägt sich auf das Spiel nieder. Das Job-System wirkt beinahe wie ein Spiegel zu den beruflichen Sorgen der Entwickler. Rollen wie den Kämpfer, den Priester oder den Zauberer kann der Spieler aufrüsten, was ihm neue Fähigkeiten einbringt. So wünscht sich Square auch die eigene Laufbahn: Meister ihres Fachs werden, doch nach nur vier Jahren steht der Traum vor dem Aus.

Da der Name Fighting Fantasy bereits von einer Gamebook-Reihe belegt ist, entscheidet man sich für Final Fantasy. Man bringt das fertige Spiel in die Kopierwerke und ist schon im Begriff die Schreibtische zu räumen - als es ein großer Erfolg wird. Die Kritiker sind angetan! Die Spieler begeistert! Square ist nicht nur auf einem Schlag gerettet, sondern es wurde auch der Grundstein für die vielleicht langlebigste und einflussreichste Rollenspielserie der Welt gelegt.

Es sieht auf dem ersten Blick nicht so aus, aber die vier Jungs aus Final Fantasy XV sind komplexe Charaktere.<br>
  Quelle: play4 Es sieht auf dem ersten Blick nicht so aus, aber die vier Jungs aus Final Fantasy XV sind komplexe Charaktere.
 
Keine Frage: Eine Fortsetzung muss her. Doch die Ironie ist, dass die Handlung des ersten Spiels so geschrieben wurde, dass sie eine Weitererzählung unmöglich machte. Also setzt Square zu einem Neustart an: Die Kernelemente des ersten Titels werden übernommen, doch die Geschichte, Charaktere, als auch der Stil sind neu. Die Jobs werden gestrichen, stattdessen leveln die Figuren einfach auf. Die Party besteht erneut aus vier Hauptfiguren, doch ein Platz bleibt variabel und kann von verschiedenen Kämpfern während der Reise besetzt werden, was die Handlung beeinflusst. Final Fantasy II wiederholt nicht nur einfach das, was den ersten Teil so beliebt macht, sondern Square zeigt Mut zu Experimenten und Veränderungen. Aus der Not wird eine Tugend. Fortan sollte so gut wie jedes Spiel in der Serie etwas Neues probieren und trotzdem in sich geschlossen sein. Jeder neue Ableger ist eine neue Welt mit neuen Regeln, neuen Wagnissen, neuen Erfolgen, aber manchmal auch neuen Fehlschlägen. Das gilt besonders für die jüngsten Spiele.

Vom Ritter zum J-Popstar

Betrachten wir Final Fantasy aus der heutigen Sicht: Es steht für emotionale Geschichten und ungewöhnliche Welten, aber auch für Experimente, die nicht immer funktionieren. Für Final Fantasy XV, den jüngsten Hauptteil der Reihe, sollte ein ganzes Jahrzehnt an Entwicklungszeit beansprucht werden, da man lange Zeit mit verschiedenen Konzepten rumprobierte. Das Resultat sorgt nicht nur für Begeisterung, sondern auch für Verunsicherung. Schließlich ist der Protagonist ein Prinz, der von seiner Leibwächtergarde auf dem Weg zu einer politisch engagierten Hochzeit begleitet wird, die Frieden zwischen zwei Ländern bringen soll. Es ist ein Roadtrip, der wie ein Junggesellenabschied anmutet, bis sich die Ereignisse überschlagen und die Handlung - ganz serientypsich - epische Ausmaße annimmt. Von den klassischen, mittelalterlichen Elementen früherer Serienteile ist in Final Fantasy XV so gut wie gar nichts mehr zu finden. Stattdessen ist die Welt eine Mischung aus Steampunk, Science Fiction, den USA der 80er und einer gehörigen Portion J-Pop-Flair. Genau so sehen die vier Helden in ihren Lederjacken und stylischen Frisuren nämlich aus.

Final Fantasy XIV ist ein tolles MMO. Auf eine gut erzählte Geschichte muss es trotzdem verzichten.<br>
  Quelle: play4 Final Fantasy XIV ist ein tolles MMO. Auf eine gut erzählte Geschichte muss es trotzdem verzichten.
 
Trotzdem ist alles da, was seit jeher in ein Spiel der Serie gehört. Zum Beispiel das erneute Auftreten von einer Person namens Cid. Das ist ein Insider-Witz, denn in jedem Hauptspiel kam bisher ein Charakter vor, der diesen Namen trug, unabhängig von der Funktion. Dann sind da natürlich die Chocobos. Das sind süße, straußenähnliche Vögel, die als Reittiere und somit der schnellen Fortbewegung dienen. Ebenfalls niedlich sind die kleinen, eher menschenscheuen Mogrys, die hier zum Beispiel als Plüschfiguren zu sehen sind. Sie haben eine sonderbare Ausdrucksweise, doch sie geben den Menschen oft wertvolle Tipps. Solche Wesen tragen zum Knuddelfaktor von Final Fantasy bei, doch tatsächlich sind alle Spiele durchsetzt mit tiefer gehenden Philosophien. Allen voran steht die Theorie der fünf Elemente aus dem japanischen Buddhismus, die in der Popkultur vor allem durch Martial-Arts-Filme auch im Westen Verbreitung fand. Die ersten vier Elemente entsprechen den Kristallen aus dem ersten Final Fantasy: Erde, Luft, Wasser und Feuer. Das Fünfte ist der Äther selbst. Er steht für eine unsichtbare Macht, die vielseitig interpretiert werden kann. Pure Energie, die sich in Geisteskraft manifestiert, wenn eine Person eine Verbindung zum globalen Lebensstrom knüpfen kann.

In Final Fantasy wird diese Kraft je nach Szenario unterschiedlich dargestellt und steht oft in Verbindung zu Gaia. Dieser Begriff wiederum stammt aus der griechischen Mythologie und bezeichnet die personifizierte Erde. Die Lebenskraft im Inneren eines Planeten, sozusagen, die unterschiedliche Formen annehmen kann, aber vor allem dafür sorgt, dass die Erde blüht und gedeiht. Jedes Final Fantasy stellt die Naturelemente unterschiedlich dar, doch in jedem Fall steht die Zivilisation und Kriegstreiberei des Menschen immer in Opposition zu den Naturmächten. Die Kristalle, als auch das Öko-Thema durchziehen die gesamte Serie, und die Antwort auf alle Konflikte ist einfach: Liebe und Verständnis. Egal ob die Protagonisten sich kleiden wie Popstars oder bloß simple Pixelfiguren sind.Ebenso wichtig sind die persönlichen Motive, welche seit jeher die Serie bestimmen. Auch wenn man es den ach-so-coolen Charakteren von Final Fantasy XV auf den ersten Blick nicht ansehen mag, so sind diese zerrissen von inneren Konflikten und tragen den Krieg nicht nur auf Landesebene, sondern auch auf einer ganz persönlichen aus. Die Beziehung zwischen dem Prinz, der zukünftigen Braut, seinem Vater, als auch seinen Leibwächtern spielt eine maßgebliche Rolle und nimmt zunehmend dramatische Züge an. Was in dem Plot mit der Welt geschieht, spiegelt eigentlich nur das Geschehen der armen Seelen wieder, die wir als Spieler steuern. Es geht um Freundschaft, Selbstaufopferung, Vertrauen und Familie. Etwas holprig vorgetragen, sicher. Ganz bestimmt auch verdeckt hinter einer großen Wand an absurden Ideen. Doch wer sich in die Welt reinfinden kann, wird auf erstaunliche Weise emotional ergriffen sein. Eine Eigenschaft, die bereits einige Konsolengenerationen vorher schon mit Final Fantasy VI etliche Spieler überraschte.

Anfänge in Pixeln

Der Kampfbildschirm ist auf dem NES bzw. Famicom noch einfach strukturiert.<br>
  Quelle: play4 Der Kampfbildschirm ist auf dem NES bzw. Famicom noch einfach strukturiert.
 
Schauen wir noch einmal zum Anfang zurück und wagen erneut einen Zeitsprung in die 80er: Die Möglichkeiten für eine ausgefeilte Dramaturgie sind zur 8-Bit-Ära eher beschränkt, auch wenn Square für ihren Schwanengesang mit Kenji Terada einen Scenario Writer ins Boot holt, der bis dato einige Animes geschrieben hatte. Zur Zeit des Famicom zementiert sich vor allem mit Final Fantasy III vielmehr das rundenbasierte Kampfsystem, sowie das Prinzip der Jobs bzw. Charakterklassen, die sich im Laufe der Seriengeschichte wiederholen sollten. Der Dieb, der Barde, der Zeitmagier oder der Blaumagier werden serientypisch, wenngleich die Wahl auf diese Spezialisierungen nicht immer dem Spieler überlassen wird. Spätere Titel setzen auf festgelegte Rollen, damit sie im Sinne einer komplexen Geschichte zum charakterisierenden Teil der Figuren werden können. Das beginnt bereits mit Final Fantasy IV auf dem Super Famicom, bei dem der Spieler die Rolle eines Schwarzmagiers übernimmt, der nach einigen traumatischen Ereignissen die Fronten wechselt. Trotz der Möglichkeit zur Exploration der Spielwelt ist der Hang zu Linearität hier schon spürbar. Ebenso wie der Wunsch Spielfiguren mit Emotionen abzubilden. Der Protagonist des Spiels fühlt sich zu einer Weißmagierin hingezogen und zwischen beiden deutet sich eine Romanze an. Wortwörtlich, denn die Charaktersprites sind noch nicht in der Lage Regungen im Gesicht darzustellen. Vibrieren und Wackeln von Sprites ist das Höchste der Gefühle und es muss alles über Text und Musik transportiert werden.

Die Meilensteine Final Fantasy VI & Final Fantasy VII

Nachdem Final Fantasy V abermals etablierte Gameplaymechaniken mit einem neuen Skillsystem über den Haufen wirft, aber leider mit einer schwächeren Geschichte nicht ganz die Erwartungen erfüllt, gelingt dies Final Fantasy VI auf dem SNES mit Bravour: Das mittelalterliche Setting weicht einer postapokalyptischen Steampunk-Welt. Statt Schlösser gibt es nun Maschinen und Fabriken, die Teil einer von Krieg gezeichneten Welt sind. Der Cast an Hauptcharakteren wächst auf satte 14 Stück an und sollte bis heute der umfangreichste der gesamten Serie sein. Und da sind noch nicht einmal die zusätzlichen Figuren mitgerechnet, die der Spieler in besonderen Szenen kurzzeitig steuern darf. Ihre Jobs sind zwar festgelegt, dafür aber so mannigfaltig, dass sie sich sehr unterschiedlich spielen. Der zentrale Hauptcharakter Locke ist zum Beispiel ein Dieb. Sabin hingegen beherrscht Martial Arts-Künste, weshalb er mit bloßen Händen kämpfen kann.

Die Neuinterpretation von Final Fantasy IV für Android, iOS und PC ersetzt Pixel durch Polygone.<br>
  Quelle: play4 Die Neuinterpretation von Final Fantasy IV für Android, iOS und PC ersetzt Pixel durch Polygone.
 
Die Geschichte ist so tiefsinnig und ambitioniert, dass sogar die Bösewichter zum ersten Mal an Profil gewinnen. Vorbei ist die Zeit von Schurken, die ohne tiefere Motivation die Welt zerstören wollen. Stattdessen entwickeln sie sich parallel zu den Helden mit und bekommen weitaus mehr Persönlichkeit. Unter vielen Fans gilt der Fiesling Kefka als einer der besten Bösewichte der gesamten Serie. Er strahlt eine ähnliche Faszination aus wie andere berühmte Psychopaten aus der Popkultur, wie etwa der Joker aus Batman.

Final Fantasy VI nutzt die Möglichkeiten des Super Famicom voll aus: In beinahe dreidimensional anmutenden Mode 7-Szenen können gleich zwei Weltkarten mit einem Luftschiff erforscht werden. Animierte Sprites im Gesicht lassen erkennen, was die Figuren fühlen. Auch beim Kampfsystem geht Square neue Wege: Das streng rundenbasierte Prinzip weicht dem Active Time Battle. Das Konzept lässt zu, dass Spielfiguren angreifen können, sobald sie ihre eigene, individuelle Energieanzeige dazu berechtigt. Auf diese Weise sind Spieler nicht wie bei einem Schachzug zum Zusehen verdammt, sondern werden laufend involviert. Gerade wenn die Party umfangreich ist, gilt es wachsam im Auge zu behalten, welche Figur nun agieren kann.

Auch in der PC-Version von Final Fantasy VI hat der Pixellook heute noch Charme.<br>
  Quelle: play4 Auch in der PC-Version von Final Fantasy VI hat der Pixellook heute noch Charme.
 
Und diese Musik! Der Serien-Komponist Nobuo Uematsu reizt den Soundchip des Super Famicom bis zum Äußersten aus. Seine einprägsamen Kompositionen begleiten Final Fantasy seit dem ersten Spiel, doch über die Zeit lernt er die Tricks und Kniffe der Hardware. Sein Soundtrack zu Final Fantasy VI zählt zu den komplexesten und umfangreichsten, die das Portfolio des Super Famicom zu bieten hat. Mittlerweile ist der begabte Komponist etabliert und kann sich die Zeit nehmen, die er für seine Arbeit braucht. Ganz anders war es zuweilen noch beim ersten Final Fantasy. Dort musste er zum Beispiel sein berühmtes Prelude in gerade einmal 10 Minuten schreiben, als dem Entwicklerteam in letzter Minute auffiel, dass noch ein Musikstück für das Intro fehlte. Final Fantasy VI wird bis heute von vielen Spielern als einer der besten Serienteile gefeiert. Niemand ahnt, dass es vorerst auch ein Abschied von den stationären Nintendo-Konsolen werden sollte.

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