30 Jahre Final Fantasy - Eine Retrospektive zur Rollenspiel-Reihe - Fortsetzung

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30 Jahre Final Fantasy - Eine Retrospektive zur Rollenspiel-Reihe - Fortsetzung
Quelle: Square Enix

30 Jahre Final Fantasy: Vom Bankrott zum Welterfolg und umgekehrt: Über drei Jahrzehnte hinweg begeistert und enttäuscht die einflussreichste JRPG-Serie gleichermaßen. Werft mit uns einen Blick zurück auf die Reihe. In diesem Special werfen wir einen Blick auf die japanische Rollenspiel-Serie aus dem Hause Square Enix.

Zu wenig Megabytes für zu viel Einfallsreichtum

Mode 7-Grafiken kamen u.a. auch bei dem ersten Mario Kart und Pilotwings zum Einsatz.<br>
  Quelle: play4 Mode 7-Grafiken kamen u.a. auch bei dem ersten Mario Kart und Pilotwings zum Einsatz.
 
"Menschen, die RPGs konsumieren, sind depressive Leute, die es mögen in ihrem dunklen Kämmerlein zu hocken und langsame Spiele zu spielen." Nicht gerade nette und reichlich vorurteilsbelastete Worte, die Hiroshi Yamauchi von sich gibt. Er ist der dritte Präsident von Nintendo und im Amt, als die Nintendo 64 im Jahre 1996 in den Startlöchern steht. Ursprünglich beabsichtigte Squaresoft Final Fantasy VII dafür zu entwickeln, aber sieht sich nach ein paar Reibereien mit dem Riesen aus Kyoto, als auch Speicherplatzproblemen gezwungen zum Konkurrenten Sony zu wechseln. Dieser setzt mit der Playstation schließlich auf die CD-Technologie statt auf Module, was den Ambitionen für Squares Projekt gerecht wird. Welch Ironie, dass der graue Kasten von Sony ebenfalls aus einem Streit mit Nintendo entstanden ist. Eigentlich wollte der Konzern zusammen mit Nintendo eine Disk-Erweiterung für den Super Famicom entwickeln, doch die Zusammenarbeit wurde wegen Differenzen beendet und Sony entwickelte das Gerät eigenständig weiter. Die Retourkutsche kommt dick: Zum einen wird Squaresoft zum Garant für gute Rollenspiele auf der Playstation. Die Verkäufe kurbeln Hochkaräter wie Parasite Eve, Xenogears oder Vagrant Story ordentlich an. Der mit Abstand größte Erfolg für beide Parteien sollte aber Final Fantasy VII werden. Das ist nichts weiter als eine Revolution im Genre und etabliert die JRPG-Reihe auch im Westen.

Für Spieler jüngerer Generationen ist es heute vielleicht schwer nachvollziehbar. Die Figuren wirken klobig und die Inszenierung etwas schleppend. Tatsächlich sind im Jahre 1997 die animierten Videosequenzen, in die sogar in Echtzeit berechnete 3D-Modelle hinein projiziert werden, als auch die vorgerenderten Hintergründe ein Quantensprung für die Serie. Sogar die Inszenierung der Kämpfe wirkt durch den Sprung in den dreidimensionalen Raum sehr viel plastischer, aufregender, mitreißender. Die Kamera vollführt dramatische Fahrten und besonders Zaubersprüche feuern ein Effektgewitter ab. Dass die Figuren sich nun voll animiert zum Gegner hin bewegen und richtig zuschlagen, war eine kleine Sensation. Vorher wurden bei Attacken mit Hiebwaffen die Sprites etwas hin- und hergeschoben.

Die Darstellung von Leere und Verlust

Final Fantasy VII wurde sogar auf iOS und Android portiert. An dem witzigem Knuddellook hat sich nichts verändert.<br>
  Quelle: play4 Final Fantasy VII wurde sogar auf iOS und Android portiert. An dem witzigem Knuddellook hat sich nichts verändert.
 
Ist man erst einmal aus dem Startgebiet herausgetreten, wirkt die frei erkundbare Welt gigantisch, da scheinbar ein ganzer Planet offen steht. Im Vergleich zu heutigen Spielen ist Final Fantasy VII eigentlich gar nicht mal so umfangreich, doch die Komplexität der Steampunk-Welt hält heute noch stand. Ebenso wie die Charaktere. Cloud, Tifa, Sephiroth und Aerith dürften heute noch zu den beliebtesten Figuren japanischer Popkultur zählen. Erheblich dazu bei trägt vor allem der plötzliche Tod eines Hauptcharakters, der bereits nach einem Drittel des Spiels eintrifft und die Heldentruppe für den übrigen Handlungsverlauf in Trauer versetzt. Die Initialzündung für diese schockierende, aber wirkungsvolle Szene kommt von dem Charakterdesigner Tetsuya Nomura, der von den Heldentod-Klischees der Unterhaltungsprodukte aus Japan und Amerika frustriert ist. Sein Produzent Yoshinori Kitase stimmt öffentlich zu: "Der Tod kommt plötzlich und er hat kein Empfinden für Gut oder Böse. Er hat kein Gefühl für Dramatik, hinterlässt aber eine große Leere. Wenn man jemanden verliert, den man wirklich liebt, dann spürt man diese Lücke im Herzen und fragt sich, ob man manche Dinge anders gemacht hätte, wenn man den Tod schon vorher hätte kommen sehen. Dieses Gefühl wollten wir den Spielern im Spiel vermitteln und so dem Hollywood-Klischee aus dem Weg gehen."

Das sollte die Marschrichtung für weitere Fortsetzungen vorgeben. Die Serie wird bekannt dafür, zu Tränen rühren zu können. Es ist also kein Wunder, dass sich Squaresoft für Final Fantasy VIII dazu entscheidet den Humor des Vorgängers nahezu ausschließlich fallen zu lassen. Zum ersten Mal in der Serie haben die Charaktere realistische Körperproportionen und im Zentrum der Handlung steht eine Romanze. Sie wird nicht nur angedeutet, sondern tatsächlich vollständig erzählt.

Erneut kurz vor dem Ruin

Final Fantasy IX ist der letzte Hauptteil, der ganz bewusst wie eine Art Rückbesinnung an die alten Tage der Pixelgrafik wirkt. Die Charaktere werden in einem Super-Deformed-Stil dargestellt und einige von ihnen sind an die alten Jobs angelehnt, die schon im ersten Spiel auftauchen. Zum Beispiel der Dunkelmagier. Nach dieser Neuinterpretation des klassischen, märchenhaften Gefühls, den die Serie in seinen frühen Tagen versprühte, wird es wild. Ziemlich wild. Ab Final Fantasy X nehmen die Science-Fiction-Elemente größeren Raum ein. Riesige Städte mit metallenen Strukturen stehen Naturvölkern gegenüber, die sich an alte Traditionen klammern. Die Zerstörung der Umwelt durch Technik und Krieg als Thema rückt mit dem zehnten Teil stärker denn je in den Vordergrund. Vor allem ist es aber auch das letzte Final Fantasy, das noch von Square allein gestemmt wird. Parallel entsteht in einem eigens gegründeten Filmstudio der Kinofilm Final Fantasy - Die Mächte in Dir, der als kompletter CGI-Film mit Motion Capturing technisch bahnbrechend ist, aber an den Kinokassen trotzdem ein massiver Flop wurde. Der Kinofilm <em>Die Mächte in Dir</em> war technisch großartig, trieb Square aber fast in den Ruin.<br>
  Quelle: play4 Der Kinofilm Die Mächte in Dir war technisch großartig, trieb Square aber fast in den Ruin.
 
Zwar geht es in dem Science-Fiction-Film auch um Gaia, doch die biedere Ästhetik lässt den Charme der Vorlage vermissen. 160 Millionen US-Dollar hat der Film mitsamt Marketing gekostet, doch weltweit einspielen kann er nur 85 Millionen. Immerhin holt der Film durch den Heimkinomarkt die Produktionskosten später wieder ein, doch trotzdem müssen die roten Zahlen erst einmal kompensiert werden. Erneut steht das Unternehmen also wie einst 1987 vor finanziellen Problemen und wird zum Umdenken gezwungen. Es ist einer der Gründe für Square im Jahre 2003 mit Enix zu fusionieren, zumal die Beziehung zum Studio schon vorher freundschaftlich war. Der damalige Präsident von Enix, Yasushiro Fukushima, zögert zunächst, da Square durch den Film gerade erst viel Geld verloren hatte, willig aber letztendlich doch ein. Neben Star Ocean und Valkyrie Profile wird vor allem mit Dragon Quest aus dem Portfolio von Enix nun der ehemals größte Konkurrent unter einem Dach vereint. Erst als Square Enix sollte mit vereinten Kräften die vollumfängliche Etablierung dieser Marken im Westen gelingen.Die Fusion verändert vieles. Die Risikobereitschaft wird erneut entfacht. Fast schon kann man wieder Tina Turner's Break Every Rule aus dem Hintergrund schallen hören, denn nun werden die eigenen Regeln gebrochen, die sich in den 90ern etabliert hatten. Die Hauptteile beginnen Pre- und Sequels zu erhalten, die gemeinsam ein Expanded Universe bilden. Final Fantasy X-2 ist die erste direkte Fortsetzung zu einem Hauptteil. Final Fantasy XII hingegen basiert auf einem Universum, das zuvor in den Spinoffs Final Fantasy Tactics und Vagrant Story etabliert worden ist. Es ist nicht nur der erste Teil, bei dem Politik stark im Vordergrund steht, sondern auch ein Echtzeit-Kampfsystem, bei dem die zufälligen Begegnungen wegfallen. Die Gegner sind also schon vorher auf der Karte sichtbar und können auf Wunsch einfach umgangen werden.

Die Blüten der Fusion

Zahlreiche Ableger sprießen seit der Firmenfusion empor. So werden zum Beispiel sechs Crystal-Chronicles-Seitenprojekte veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine eigenständige Ableger-Serie, die sich auf lokalen Multiplayer und Strategie konzentriert. Die schon zu Square-Zeiten ins Leben gerufene, ursprünglich als Seitengeschichte konzipierte Mana-Action-Rollenspiel-Serie wächst ebenfalls an, vor allem auf dem Nintendo DS. Zumindest im Handheld-Bereich kann man sich mit Nintendo wieder einig werden. Die Smartphone-Titel sind kaum zählbar, und mit Dirge of Cerberus: Final Fantasy VII schafft es sogar ein 3rd-Person-Shooter in die Reihen. Es ist Teil der Compilation of Final Fantasy VII, einem Konvolut an Medienprodukten, die den bisher bekanntesten Serienteil ausschlachten, als gäbe es kein Morgen.

Final Fantasy XIV ist ein tolles MMO. Auf eine gut erzählte Geschichte muss es trotzdem verzichten.<br>
  Quelle: play4 Final Fantasy XIV ist ein tolles MMO. Auf eine gut erzählte Geschichte muss es trotzdem verzichten.
 
Die beiden MMOs Final Fantasy XI und Final Fantasy XIV wirken dagegen mit ihrem mittelalterlichen Setting wieder sehr zahm. Sie folgen den Fußstapfen von World of Warcraft und brechen so mit der vielleicht größten aller Regeln: Gespielt werden lediglich Einzelpersonen, statt ganze Partys. Da die großen Monster so stark sind, dass sie allein nicht besiegt werden können, wird der Spieler dazu gezwungen sich mit anderen zusammenzutun. Für die Online-Variante zahlen sich besonders die zahlreichen Charakterklassen der Serie aus, doch völlig auf der Strecke bleibt die Geschichte. Sicher, ein Plot ist in Final Fantasy XI und Final Fantasy XIV durchaus vorhanden, doch er ist hinter Grind und Nebenaufgaben verborgen. Beide MMO-Teile können heute noch gespielt werden, wobei Square Enix nach einem katastrophalen Start mit Final Fantasy XIV mittlerweile sogar außerordentlich gut daran verdient.

Final Fantasy XIII, Final Fantasy XIII-2 und Lightning Returns: Final Fantasy XIII verändern die Wahrnehmung der Serie grundlegend und nachhaltig. Die Science-Fiction-Elemente nehmen deutlich zu. Mit ihnen werden auch die Geschichten deutlich verschwurbelter, die Kostüme abgefahrener und die Spielmechaniken ausgefallener. Sauer stößt die äußerst strenge, tunnelartige Gradlinigkeit des ersten Spiels der Trilogie auf, das sich erst zum Schluss öffnet. Es vermittelt das Gefühl, ein gut 30-Stunden langes Tutorial zu spielen, bei dem es wenig Gelegenheit zur Erkundung der Welt gibt. Das ändern die beiden Fortsetzungen grundlegend und werfen sogar Zeitreisen in den Mix. Allerdings macht das die Handlung mit den unzählbaren Nebencharakteren nur noch verwirrender, zumal es in der Erzählung Lücken gibt. Ursprünglich sollten die XIIIer-Titel Teil des Fabula-Nova-Crystallis-Zyklus sein, das Square Enix als großes Gesamtuniversum ankündigte. Der Playstation Portable-Ableger Type-0 und Versus XIII sollten dabei andere Aspekte der umfangreichen Welt erklären. Das Handheld-Spinoff schafft es aber erst etliche Jahre später als Heimkonsolen-Port in den Westen, während Versus XIII komplett gecancelt wird. Die XIII-Trilogie funktioniert in sich zwar irgendwie, aber sie ist nie in der vollen Gänze ausgeführt worden, wie Square Enix sich das ursprünglich gedacht hatte.

Vom Regelbrecher zum Gefangenen eigener Regeln

So verwirrend und lückenhaft die Geschichte von der XIII-Trilogie auch ist: Lightning bleibt ein erinnerungswürdiger Charakter.<br>
  Quelle: play4 So verwirrend und lückenhaft die Geschichte von der XIII-Trilogie auch ist: Lightning bleibt ein erinnerungswürdiger Charakter.
 
Auch wenn die XIII-Trilogie ohne Zweifel ihre Qualitäten hat, beginnt hier das Ansehen der einstigen Vorzeige-Serie zu bröckeln. Ungewöhnlich und erlebenswert? Ja, immer noch. Aber spielerisch wie technisch nicht mehr auf der Höhe zu der mittlerweile enorm gewachsenen Konkurrenz. Schließlich haben Entwickler aus dem Westen nicht geschlafen und zahlreiche andere epische Rollenspiele geschaffen. Und selbst aus dem Heimatland füllen vor allem kleinere Studios die Lücken, die Square Enix bei JRPG-Fans hinterlässt. Traditionsstudios wie Nihon Falcom bieten mit Ys oder The Legend of Heroes Erlebnisse, die zwar technisch nicht so aufwendig, aber dafür mit altbewährten Konzepten wieder befriedigender wirken als die Experimente des Branchenriesen.

Außergewöhnliche Welten und Helden. Trotzdem wirkte Final Fantasy XIII-2 unausgegoren.<br>
  Quelle: play4 Außergewöhnliche Welten und Helden. Trotzdem wirkte Final Fantasy XIII-2 unausgegoren.
 
Da sind wir wieder, im Jahre 2017. Versus XIII wurde nicht komplett in die Tonne getreten, denn vieles davon floß in Final Fantasy XV. Und das Spiel ist ein Flickwerk. Seit dem Release sind zahlreiche Patches und Erweiterungen veröffentlicht worden, die teilweise völlig neue Komponenten einbringen, wie etwa einen kooperativen Multiplayer-Modus. Vorbei ist die Zeit, in der Square Enix ein fertiges Werk an einem Stück veröffentlichen kann. Die Anforderungen der Spieler sind gestiegen, ebenso wie die Kosten für aufwendige Spieleproduktionen. Und um diese langfristig decken zu können, müssen nicht nur Verbesserungen und zahlungspflichtige Erweiterungen her, sondern auch eine ganze Palette an Randprodukten: Abendfüllende CGI-Filme, Anime-Serien oder Demake-Gratisspiele sind nur ein paar Beispiele. Angesichts der unendlich vielen Ableger unterschiedlicher Genres, welche die Serie links und rechts hervorbringt, liegt der Eindruck von Kontrollverlust nahe. Es ist schwer den Überblick zu behalten. Welches Spiel gehört noch einmal zu welchem Universum? Was ist davon ein Spinoff? Was ist essentiell für einen der Hauptteile? Und warum passt nicht mehr alles in ein einzelnes Spiel?

Aus der einstigen Traditionsreihe ist ein Monster geworden, dass Break Every Rule mittlerweile aus reiner Verzweiflung kreischt. Doch so ungezähmt und furchteinflößend Biester auch sein mögen, so sehr können sie im richtigen Licht auch anmutig wirken. Es kommt also auf den Winkel an, aus dem man Final Fantasy heute als Gesamtes betrachtet. Kommerz-Bestie oder majestätische Kreatur? Das liegt im Auge des Betrachters. Tina Turner hingegen ist auch heute noch ein unbändiges Energiebündel, das sich nichts vorschreiben lässt. Und das ist eine Gemeinsamkeit, die sich beide immerhin teilen.

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