Spielemarkt: #GamerGate: Bin ich ein Social Justice Warrior? - Kommentar
Kolumne
Das Internet treibt eine neue Sau durchs Dorf: Feministen, Journalisten und allgemein die "Social Justice Warriors", also Gutmenschen. Alles gesammelt unter dem Hashtag #GamerGate. Gamezone-Autor Sandro Odak hat sich umgesehen und stellt voller Stolz fest, dass er anscheinend einer dieser SJWs zu sein scheint. Ein Kommentar über den Zustand der Branche.
#GamerGate. Als ich zum ersten Mal bei Twitter den Hashtag sah, dachte ich, es handelt sich um eine Promoaktion des Key-Händlers Gamersgate. Weit gefehlt. Unter dem Hashtag versammeln sich angebliche Maskulinisten (ja, anscheinend gibt es eine Gegenbewegung zum Feminismus!), Aluhut-Träger und Medienkritiker. Ihr Vorwurf: Die Feministen verbreiten im ganzen Netz Propaganda und eine Armee von hörigen Journalisten-Marionetten schreibt den Schund einfach ungeprüft ab. Weil die Journalisten alle gekauft sind von PR und Entwicklern. Und weil Indie-Entwicklerinnen sie sexuell abhängig machen. In Youtube-Videos und langen Blog-Einträgen versuchen sie ihre abstrusen Thesen zu untermauern. PR Manager X hat mit Journalist Y und der Preisjury Z geschlafen, um Berichterstattung und einen hübschen Preis für ein Spiel zu bekommen. Der Beweis: Die zwei haben sich auf Twitter freundschaftlich geschrieben und wurden mal zusammen auf einer Party abgelichtet. Wenn das automatisch stimmen sollte, müsste ich auch schon mit Ellen Page und Willem Dafoe im Bett gewesen sein!
Manche Vorwürfe, die unter dem Hashtag #Gamergate zu finden sind, sind so krude, dass ich sie nicht wörtlich in diesem Artikel nachplappern kann. Das deutsche Presserecht ist an dieser Stelle sehr eindeutig: "Die Intimsphäre ist absolut von Eingriffen geschützt. Zu dem höchstpersönlichen und intimen Lebensbereich gehört die Sexualität, Krankheiten, Gefühle und Gedankenwelt (z.B. in Tagebuchafzeichnungen)." (Zitat: JuraServ, RA Petja Schrödter, 2009) Die Diskussion begann, als der Ex-Freund einer Indie-Entwicklerin ihr angebliches Sexleben im Internet veröffentlichte. Er warf seiner ehemaligen Geliebten vor, Affären mit anderen Menschen gehabt zu haben, zum Teil Mitarbeitern und Kollegen aus der Games-Landschaft. Als der Fall ins Rollen kam, hat Gamezone auf eine Berichterstattung verzichtet, um die Intimsphäre des Opfers nicht zu verletzen. Denn nichts anderes war die Entwicklerin: Das Opfer einer Online-Kampagne. Eigentlich gab es kein nachrichtliches und öffentlich relevantes Interesse an ihrer Geschichte. Es war nur Schmutzwäsche, die ein geschasster Freund veröffentlicht hat. Doch Blogs und Magazine in den USA nahmen den Fall auf, berichteten darüber und nannten den vollen Namen und Wohnort der Entwicklerin. Sie benutzten ungepixelte Fotos, obwohl das Opfer noch immer nicht mal die Kriterien erfüllte, um zur "relativen Person der Zeitgeschichte" zu werden. Darunter versteht das deutsche Presserecht eine Person, die zumindest zeitweise von so großem öffentlichen Interesse ist, dass der gewöhnliche Schutz der Privatsphäre leicht gelockert werden kann. Das Volk hat zum Beispiel ein Recht darauf, einige pikante Details aus den Leben von Politikern und Stars zu erfahren. Aber auch diesem Auskunftsrecht sind Grenzen gesetzt. Die Berichterstattung verhalf der Story zum Durchbruch: Das Opfer wurde weltweit bekannt und so stark bedrängt und bedroht, dass sie und ihre Familie ihr Wohnhaus aus Sicherheitsgründen verlassen mussten.
Ähnlich geht es auch Anita Sarkeesian. Auf ihrer Gegenseite kämpfen Maskulinisten dafür, dass ihre Videoreihe "Tropes vs. Women in Games" nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. Weil sie Missstände in der Welt der Videospiele kritisiert, bekommt Sarkeesian Morddrohungen und sehr bildliche Beschreibungen von Vergewaltigungen. Nun mögen einige sagen, das ist im Internet halt so. Doch auch unter den weniger vokalen Gegnern gibt es Ressentiments. Viele halten Sarkeesian für extremistisch, nur weil sie ihre Meinung über Videospiele teilt. Fakt ist: Frauen sind oft fragwürdig bis herabwürdigend in Spielen dargestellt und häufig Opfer sexueller oder sexualisiert dargestellter Gewalt. Wieso kann man darüber nicht reden? Ich bin davon überzeugt, dass es tiefsinnige Spiele gibt, die mit dem Thema behutsam umgehen. Doch ein Gros der Spiele verballert diese sexualisierte Gewalt zum absoluten Selbstzweck. Und auch, wenn ich nicht mit jedem Argument von Sarkeesian d'accord gehe und nicht alle Fallbeispiele in ihrer Videoserie gut gewählt sind, ihre Videoreihe halte ich für wichtig. Und das sehen mittlerweile über 2.500 Spieleentwickler ähnlich. Sexismus und Diskriminierung haben nichts unter Gamern verloren. Doch viele wollen ihre Argumente nicht hören. Sie verfallen in Rage - ein Thema, das ich vor einigen Wochen in einem Kommentar behandelt habe.
Anscheinend bin ich nun also auch ein Social Justice Warrior. Den Begriff finde ich eigentlich ganz nett. Soziale Gerechtigkeit ist doch etwas Wünschenswertes. Und nachdem ich die Kommentare auf Youtube, Twitter und Reddit gelesen habe, bin ich irgendwie auch stolz darauf.
Tragisch ist, dass sich auch Medienkritiker unter die #GamerGater mischen. Sie kritisieren eine zu verzahnte Spielebranche, sehen zu freundschaftliche Strukturen zwischen Games-Journalisten und Entwicklern. Sie stellen eigentlich richtige und wichtige Fragen. Doch die unaufgeregten, klugen Fragen gehen unter in einer Masse von Verschwörungstheorien. Jeder, der auf Twitter oder auf Facebook nett mit PR-Leuten oder Entwicklern umgeht oder sogar freundschaftlich Witze macht, ist direkt verdächtig, entweder mit der Person im Bett zu liegen oder Geldgeschenke anzunehmen. Was für ein Unsinn!
Klar kennt man sich. Die Branche ist klein. Auch ich habe Freunde, die in PR-Jobs sitzen. Eine Sonderbehandlung bekommt keiner von denen. Dass es zu unterschiedlichen Auffassungen kommt, liegt in der Natur der Sache. Spielekritik ist ein subjektives Feld. Und der Fanzine-artige Aufbau der Games-Presse sorgt dafür, dass viele ein Spiel eher als Fan betrachten, nicht als Kulturkritiker. Wenn ein Autor mal nicht der gleichen Meinung ist, wie der Fan, dann ist die Hütte aber am Brennen! Dahinter steckt trotzdem nur eine valide Meinung - keine Weltverschwörung.
Was sich ein #GamerGater mal fragen könnte ist: Werden PR Manager in der Gamesbranche eigentlich so gut bezahlt, dass es sich lohnt, Journalisten und Preisjurys mit Sex zu bestechen? Eine Umfrage des Fachmagazins MCV UK sagt: Vermutlich nicht. Ein Junior PR Manager verdient in Großbritannien nur 18.333 Britische Pfund pro Jahr. Das ist nur ein bisschen mehr, als Tesco an seine Supermarktkassierer bezahlt.
Wahrscheinlicher ist: Die Spiele, die #GamerGater so scheiße finden, sind in Wirklichkeit gar nicht schlecht. Und hinter den guten Wertungen steckt keine Korruption, kein Kalkül. Eines der am häufigsten genannten Beispiele ist Call of Duty. Ich selbst bin nicht gerade als Call-of-Duty-Fan bekannt. Aber ganz objektiv betrachtet, ist es kein schlechtes Spiel. Vielleicht hat sich in den letzten zehn Jahren ja wirklich nichts verändert und man bekommt immer wieder dasselbe Spiel. Und es mag auch eine plumpe, amerikanische Hurra-Patriotismus-Geschichte erzählen. Aber Inszenierung und Multiplayer sind trotzdem ziemlich gut, auch wenn Hundert beinharte Fanboys etwas anderes behaupten. Gerne heißt es dann, dass es seit Jahren keine Neuerungen gibt und CoD trotzdem Traumwertungen einfährt. Gleichzeitig wird der innovative Indie-Neuling abgestraft, weil er etwas Neues probiert. Das Problem ist: Ich kann kein Spiel für seine gute Idee auszeichnen, wenn der Rest des Spiels nun mal nicht so toll ist. Viele neue Titel starten eben mit Kinderkrankheiten - sie können nicht gegen die gut geölte Entwickler-Maschinerie antreten, die hinter einer etablierten AAA-Marke steckt.
Es gibt wirklich 99 Probleme im Videospieljournalismus – aber gekaufte Call-of-Duty-Wertungen gehören nicht dazu. Und Sex für gute Presse auch nicht. Glücklicherweise – in der Games-Landschaft arbeiten nämlich ziemlich viele füllige, bärtige Männer.
Disclaimer: Wir haben in diesem Meinungsartikel die Namen mehrerer Protagonisten geschwärzt, die ihren Körper angeblich (basierend auf sehr wackligen Hinweisen) verkauft haben sollen, um die Identitäten der Opfer zu schützen. Wir bitten euch, dies auch in euren Kommentaren so zu handhaben.
