Star Citizen: Ein Online-Universe zum Einschlafen - Kolumne zur simulierten Langeweile
Kolumne
Das Multiplayer-Universum von Star Citizen verspricht grenzenlose Freiheiten - und unendliche Einöde. Redakteur Peter Bathge hat Angst vor minutenlangen Reisezeiten und freut sich eher auf den Solopart Squadron 42. Statt zwangsweise ein Nickerchen im Cockpit zu machen, wünscht er sich coole Weltraum-Action von Chris Roberts und seinen Co-Entwicklern.
Star Citizen wird groß. Zu groß, fürchte ich. Dabei spreche ich nicht von einem eventuellen Feature-Creep, der den Releasetermin immer weiter nach hinten verschiebt. Sondern von der physischen Größe des Online-Universums, die alles Dagewesene in den Schatten stellen soll. Was auf dem Papier beeindruckend klingt, treibt mir nämlich die Sorgenfalten ins Gesicht.
Die Star Citizen-Galaxie: Groß und leer?
Seit rund zehn Jahren gilt in der Videospielbranche: Größer ist besser. Die Zahl der linearen Singleplayer-Veröffentlichungen ist auf dem Rückgang, stattdessen werden theoretisch unendlich spielbare Online-Modi bevorzugt - oder zumindest ein Open-World-Design. Selbst in solch cineastischen Erlebnissen wie der Uncharted-Serie braucht es auf einmal größere Hubs zum Erforschen statt enger Levelschläuche. Beim Bewerben von Spielen wie Skyrim, The Witcher 3 oder Far Cry 3 haben sich die Entwickler zuletzt besonders gerne die virtuellen Quadratkilometer ihrer Spielwelten um die Ohren gepfeffert: Jeder will die größte, die umfangreichste Welt bieten, gerne auch mal auf Kosten von Lebendigkeit, Interaktivität und Spielspaß - Hauptsache groß, Hauptsache das Spiel bietet viele Stunden Gegenwert für den Preis, Hauptsache Content, Content, Content.
Star Citizen wird nun das vielleicht größte Online-Spiel aller Zeiten, sicherlich aber das ambitionierteste. Wie diese Weiten des Weltalls gefüllt werden, ob die prozedural generierten Missionen auf Dauer Spaß machen und genug Abwechslung bieten, das weiß im Moment noch keiner. Mutmaßlich wird sich Entwickler Cloud Imperium Games auf die Community verlassen, eine von den Spielern getriebene Wirtschaft und dynamisch entstehende Aktivitäten wie Kopfgeldjagden, das Entstehen von Handelsimperien und der Krieg zwischen Fraktionen dürften ähnlich wie in den riesigen Online-Galaxien von Eve Online das Geschehen frisch halten.Wenn das Spiel zum Zweitjob wird, vergeht mir der Spaß.
Für mich persönlich ist das aber denkbar uninteressant: Ich bin kein großer Multiplayer-Fan. Eine Runde Rocket League - okay. Ein Koop-Shooter wie Left 4 Dead: gerne. Aber diesen Traum vieler tausend Spieler vom perfekt simulierten Online-Universum teile ich nicht, diese Faszination mit der vollständigen Immersion bis hin zum korrekten Flüssigkeitsgrad des virtuellen Whiskys verstehe ich nicht. Ja, auch ich versinke beim Spielen gerne in anderen Welten. Aber erstens nur insoweit, als dass es den Spielspaß fördert. Und zweitens zu meinen Bedingungen; unabhängig vom Online-Status der Server, der Spiellust anderer Menschen, der Verfügbarkeit meiner Raumschiff-Crew zu einer bestimmten Uhrzeit. Ich will mich einfach nur zu Hause nach der Arbeit an meinen PC setzen und Spaß haben - ob das mit Star Citizen so ohne Weiteres funktionieren wird, daran hege ich mittlerweile starke Zweifel.
Wenn ich an Star Citizen denke, kommt mir so auch nicht zuerst das gigantische und - so meine Befürchtung - furchtbar leere Online-Universum in den Sinn - sondern die im ursprünglichen Kickstarter-Projekt versprochene Solo-Kampagne namens Squadron 42. Ich freue mich tierisch, in naher (?) Zukunft Einsätze mit meinen KI-Wingmen zu fliegen - ohne dass ich vorher minutenlang durch die Leere des Weltraums gondeln muss.
Quelle: Cloud Imperium Games
Star Citizen wird nur was für Geduldige: Reisezeiten von 15 Minuten sollen im fertigen Spiel keine Seltenheit sein.
Einschlafgefahr in Star Citizen: Unterwegs auf dem Sternen-Highway
Star Citizen setzt auf den sogenannten "quantum travel" als Fortbewegungsmethode. Um zwischen Planeten und Sternensystem hin und her zu düsen, bedarf es dieser Antriebsmechanik, dank der man mit rund einem Fünftel der Lichtgeschwindigkeit durchs Universum reist. Aber selbst mit dieser unvorstellbaren Geschwindigkeit ist man in dem auf Realismus bedachten Star Citizen-Kosmos noch ewig unterwegs. Bei der letzten Star Citizen-Präsentation auf der CitizenCon 2017 zeigte Chef-Entwickler Chris Roberts erstmals die Quantenmechanik - und die damit verbundenen Wartezeiten.
Acht Minuten dauerte der Sprung von einem Planeten zum anderen - im fertigen Spiel sollen deutlich längere Reisezeiten die Regel sein. Klar, das virtuelle Universum ist groß und wenn man sofort überall hin reisen könnte, wäre das sicher unrealistisch. Aber minutenlang im Cockpit sitzen, ohne dass was passiert? Darauf habe ich keine Lust! Da kann ich ja genauso gut den Truck Simulator spielen! Tatsächlich dürfte der (Händler-)Alltag in Star Citizen so einige Parallelen zum Leben eines Brummifahrers aufweisen.
Quelle: Cloud Imperium Games
Was bringen mir Tausende prozedural generierte Planete und Monde, wenn dort nichts Spannendes zu tun ist?
Diese Aussicht mag den einen oder anderen Spieler begeistern, mich schreckt so etwas eher ab: Wenn ich schon schnieke Raumschiffe lenken und Laser abfeuern darf, dann will ich doch nicht auf der Sternenautobahn mit gefühlten 20 KM/H rumgurken! Berechnungen eines Reddit-Users zufolge dürfte das Abklappern aller knapp 80 Sternensysteme von Star Citizen über 48 Stunden Non-stop-Reisezeit in Anspruch nehmen - und dabei ist schon die Zeitersparnis beim Durchfliegen der sogenannten Jump Points einkalkuliert; diese Wurmlöcher erlauben an einigen Stellen den sofortigen Sprung zwischen zwei Systemen.Derartige Wartezeiten, in denen aller Voraussicht nach gar nichts geschieht, sind derart elementar für das Spielkonzept, dass Cloud Imperium Games bereits jetzt darüber nachdenkt, wie man die Spieler währenddessen bei Laune halten kann. So soll man mit dem mobiGlass-Interface des eigenen Avatars allerlei Verwaltungsaufgaben übernehmen können, während der Autopilot das eigene Schiff in Richtung Ziel lenkt. Das stelle ich mir ungefähr so spannend vor wie die Fahrt mit der U-Bahn, während der man auf dem Smartphone rumdrückt - na großartig, genau das wollte ich schon immer von meinen Gaming-Erlebnissen, konzentrierte Langeweile! Ich will doch Star Citizen spielen, nicht währenddessen etwas anderes machen.
Mit dieser Einstellung bin ich zumindest in der Star Citizen-Community aber wohl in der Minderheit. Die Begeisterung der CitizenCon-Besucher für jedes noch so kleinteilige Feature, das detailliert simuliert wird, ruft bei mir stets aufs Neue Kopfschütteln hervor. Aber ich gehöre wahrscheinlich einfach nicht mehr zur Zielgruppe. Die Aussicht, Jahre meines Lebens an ein einziges Spiel zu verschwenden, hat für mich längst jede Faszination verloren. Während ich als Jugendlicher früher noch monatelang und Tag für Tag an einem einzigen Spielstand im Football Manager saß, atme ich heute, mit 30 Jahren, erleichtert auf, wenn ich bei einem Spiel nach einer Woche das Ende zu sehen bekomme. Star Citizen wird, so meine Befürchtung, kein Spiel, das man mal eben so nebenbei spielt oder nur zwischendurch - es wird eine Berufung, eine Leidenschaft, so zeitaufwändig wie ein zweiter Job. Wenn Spielen zur Arbeit wird, bin ich raus.
Natürlich, Star Citizen ist auf jahrzehntelangen Spielbetrieb ausgelegt und es bietet jedem Spieler theoretisch endlose Möglichkeiten und zahllose Freiheiten: Ich könnte ja zum Beispiel einfach in ein, zwei Systemen bleiben und dort hin und her schippern, ohne die beschwerliche Reise zu weiter entfernten Sternen auf mich zu nehmen. Aber dann - so meine Befürchtung - verpasse ich vielleicht etwas. Als zahlender Käufer hat man ja schließlich die Erwartung, die komplette Feature-Palette eines Spiels erleben zu dürfen - und ich erwarte in einem solchen Fall auch, dass ich für mein Geld unterhalten werde und mich das Spiel nicht dazu ermutigt, während der Hyperspace-Reise erstmal ein Nickerchen zu machen.
Quelle: Frontier Developments
Elite: Dangerous hat sein großes Online-Universum in der Ursprungsversion mit viel zu wenigen Inhalten gefüllt.
In der Vergangenheit hat bereits Elite: Dangerous unter einem Mangel an interessanten Aktivitäten gelitten; die Langeweile im All war einer der größten Kritikpunkte vieler Normalo-Spieler, die Weltraum-Simulationen nicht als Möglichkeit sehen, ihr selbstgebautes 3.000-€-Cockpit mit Virtual-Reality-Brille und Force-Feedback-Joystick auszuprobieren. Viel Kritik gab es auch für No Man's Sky und sein leeres Universum. Schlägt Star Citizens Online-Komponente jetzt in dieselbe Kerbe? Und muss das Universum unbedingt so ausladend sein? Wäre ein bescheidenderer Open-World-Ansatz in diesem Fall nicht lohnender?
Deshalb bin ich eher auf Squadron 42 gespannt: Eine von Hand designte Kampagne mit gut ausbalancierten Missionen schlägt in meinen Augen jede noch so große Anzahl prozedural genertierter Einsätze, Planeten und NPCs, denen es trotz aller Algorithmen letztlich immer an Abwechslungsreichtum und Persönlichkeit gemangelt hat. Wo Star Citizen endlose Weiten (und endlose Langeweile) verspricht, erhoffe ich mir von der Solo-Kampagne Squadron 42 knackige Action, Spaß auf Knopfdruck und eine tolle Story ohne lange Wartezeiten. Und wie seht ihr das? Schreibt mir eure Meinung in den Kommentaren!
