Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine
Quelle: Paramount

Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...

Damit hatte Piller aus den tragischen Ereignissen der aktuellen Schlagzeilen das bekommen, was er suchte. Pillers neuer Spin für den Pilotfilm war unter anderem, dass die Cardassianer beim Verlassen der Station diese in Schutt und Asche gelegt hatten. Der Hauptcharakter der Geschichte würde nun also keiner mehr sein, der von einer luxuriösen Umgebung in die nächste umzog, sondern in den Worten Pillers: "Ein Mann, der kein Held sein will, kommt nach South Central LA und beschließt, beim Wiederaufbau zu helfen."

Und damit brachte er eine positive und in die Zukunft gerichtete Stoßrichtung der Geschichte, wie sie startrekkiger gar nicht sein könnte. Die erste Klappe zum Pilotfilm, der im Original Emissary und auf Deutsch Der Abgesandte heißt, fiel im August 1992, nur gute drei Monate nach den schweren Unruhen von Los Angeles. Star Trek wieder einmal am Puls der Zeit, nachdem man zwei Jahre zuvor Glasnost thematisiert hatte.

Wie es sich für ein gutes Spin-off gehörte, griff Deep Space Nine vieles von dem auf, was die Vorgängerserie Next Generation eingeführt hatte; so waren sowohl das Setting als auch einige Charaktere direkte Fortsetzungen von bereits Gesehenem. Wer waren zum Beispiel diese brutalen Tyrannen, die Cardassianer, welche die Station vor Jahrzehnten erbaut und bis zuletzt noch von ihr aus die Schreckensherrschaft über Bajor ausgeübt hatten?

Eingeführt wurde die Spezies bereits zwei Jahre zuvor in der Next-Generation-Episode The Wounded (Der Rachefeldzug). Zwar kam Bajor dort noch nicht vor, aber ein bitterer, einige Jahre zurückliegender Krieg mit der Föderation wurde den Cardassianern als Backstory angedichtet. Ein Veteran dieses Konflikts war niemand Geringeres als Transporter-Bedienonkel Chief Miles O'Brien.

Er bekam auf Deep Space Nine de facto die Rolle des Chefingenieurs. Was für ihn also Jahre zuvor eine kriegerische Auseinandersetzung mit den, wie er sie rassistisch nannte, "Cardies" war, geriet nun zum tagtäglichen Ringen eines Malochers mit der von seinen Feindbildern hinterlassenen, störrischen Technologie. Miles O'Brien war außerdem einer von zwei Hauptcharakteren, der Familie mitbrachte, doch deren Einleben auf der Station fand zunächst keinen Platz im Pilotfilm und wurde für eine frühe Episode von Staffel 1 zurückbehalten.

Das Foto des DS9-Casts aus Staffel 1, das im Kunstunterricht kursierte Quelle: Paramount Das Foto des DS9-Casts aus Staffel 1, das im Kunstunterricht kursierte Auch war der Charakter des O'Brien selbst, trotz seiner bislang stolzen Anzahl von 51 Auftritten bei der Next Generation, ein einigermaßen unbeschriebenes Blatt. Als Transporter-Chief war er lediglich Stichwortgeber gewesen und so musste sich der Charakter als deutlich wichtigeres Mitglied eines Ensembles erst einmal finden.

Anfangs sah sich der irische Schauspieler Colm Meaney als Chief O'Brien konfrontiert mit zahlreichen Vergleichen von Fans und Kritikern, die in ihm lediglich als eine Mischung der beiden bisher gesehenen Chefingenieure sahen - nämlich Scotty und Geordi La Forge.

Erstmalig in The Wounded war auch Marc Alaimo als Cardassianer Gul Macet zu sehen gewesen. Der hatte bei seinem und auch dem Debüt der Spezies so überzeugt, dass er direkt im Pilotfilm eine wiederkehrende Rolle bekam, die er alle sieben Jahre lang behalten sollte: Antagonist Gul Dukat, womöglich ein Cousin von Macet, ehemaliger Präfekt Bajors, Siskos Vorgänger als Vorsteher der Station und ein abgrundtief fieser Narzisst.

Nur eine Woche vor der Premiere von Deep Space Nine endete der Next-Generation-Zweiteiler Chain of Command (Geheime Mission auf Celtris Drei), worin, wie ich im letzten Artikel dieser Serie berichtete, Captain Jean-Luc Picard in die Hände eines cardassianischen Folterknechts geriet. Da erfuhr das Publikum in einem Nebensatz, den die knallharte Sternflotten-Admirälin Nechayev äußerte, dass sich die Cardassianer erst wenige Tage zuvor von Bajor zurückgezogen hatten.

Das diente einerseits dem Worldbuilding, andererseits war die unmittelbare zeitliche Nähe der epischen Doppelfolge zur neuen Serie aber auch als lupenreine Promotion gedacht - ebenso wie die Wiederkehr des bekannten Gesichts O'Brien. Im Laufe der ersten Staffel sollten sich noch weitere solcher Cross-over-Werbeaktionen ereignen, doch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.

Für das deutsche Fernsehpublikum waren all diese sorgsam gelegten Grundsteine nicht nachvollziehbar, denn Deep Space Nine feierte auf SAT.1 Premiere, als die entscheidenden Next-Generation-Episoden allesamt noch Monate in der Zukunft der deutschen Ausstrahlung lagen. Alle Querverweise und die sorgsam aufgebaute Backstory der Kulturen funktionierten hierzulande deswegen leider gar nicht.

Allerdings waren die Cardassianer zum damaligen Zeitpunkt auch in den USA vergleichsweise unbeschriebene Blätter, ganz im Gegensatz zu etablierten Spezies wie den Klingonen oder Romulanern. Dass der zentrale Handlungsort von ihnen gestellt wurde, wo sie doch gerade einmal in drei Next-Generation-Geschichten zu sehen gewesen waren, galt als ungewöhnlich und als ein ziemliches Wagnis.

Die mittlere dieser drei Geschichten erwähnte ich bisher noch nicht, es handelte sich um die Episode Ensign Ro(Fähnrich Ro) aus der fünften Next-Generation-Staffel, worin in Form der titelgebenden Ensign erstmalig eine Bajoranerin im Star-Trek-Universum auftauchte. In dieser Episode wurde auch etabliert, dass Ros Heimatplanet von den Cardassianern besetzt und ausgebeutet wurde.

Die oft wütende, aber immer tapfere Ro, gespielt von Michelle Forbes, schwebte den Machern von Deep Space Nine als zweiter Cross-over-Charakter neben Miles O'Brien vor; sie hätte eine Verbindungsoffizierin zu ihren Landsleuten darstellen sollen.

An Michael Forbes hatten die Star-Trek-Macher wahrhaftig einen Narren gefressen, denn die Rolle der Ensign Ro hatte sie nur wenige Monate nach ihrem ersten und sehr überzeugenden Auftritt als ein anderes Alien in der Episode Half a Life (Die Auflösung) bekommen. Vor der Deep-Space-Nine-Premiere war Ro schon längst zum wiederkehrenden Charakter geworden, der die Next Generation sieben Male beehrt hatte.

Doch Forbes selbst witterte aufgrund all des Lobes eine noch größere Karriere und wollte sich nicht zahlreiche Jahre lang an eine TV-Serie binden lassen. Ihr Karriere-Move, das Angebot einer Hauptrolle bei Deep Space Nine auszuschlagen, sollte sich für sie im Nachhinein als strategische Fehlentscheidung herausstellen, für das Fernsehpublikum aber als Glücksgriff.

Denn in Windeseile wurde der neue bajoranische Charakter der Major Kira erfunden und die New Yorker Broadway-Darstellerin Nana Visitor dafür angeheuert. Michael Piller selbst war erstaunt davon, wie wenige Zeilen in seinem Drehbuch er für die Änderung von Ro auf Kira anpassen musste, obwohl letzterer doch die ganze Enterprise-Backstory fehlte.

Da hatten wir also die ganze Gemengelage rund um die Cardassianer, ihre jahrzehntelange Besetzung des Planeten Bajors, welche die Bevölkerung in tiefes Elend gestürzt, aber auch die Formierung terroristischer Widerstandszellen gefördert hatte. Und das Zurücklassen einer klapperigen Station, die von der Föderation übernommen werden sollte, von wo aus Entwicklungshilfe geleistet werden sollte, welche die stolzen Bajoranerinnen und Bajoraner oftmals gar nicht annehmen wollten.

Vom ersten Moment an inszenierte sich Deep Space Nine, ganz anders als die bisherigen Star-Trek-Serien, als eine hochpolitische Angelegenheit. Allein der Konflikt im Heimatsystem der Serie war eine Mischung aus Nahostkrise, Holocaust-Aufarbeitung und den bereits erwähnten, rassistisch begründeten Unruhen von Los Angeles.

So politisch war Star Trek bislang nur rund ums 25. Jubiläum und den Tod von Gene Roddenberry gewesen, als besagte Episode Ensign Ro ausgestrahlt wurde, in einem Sendeblock, der auch einen klingonischen Bürgerkrieg und eine mögliche vulkanisch-romulanische Wiedervereinigung thematisierte - und nur wenige Monate später der Film "tar Trek 6: The Undiscovered Country (Star Trek 6: Das unentdeckte Land) mit klingonischen Friedensverhandlungen und einer Verschwörung kalter Krieger in die Kinos kam.

Die unmittelbare zeitliche Nähe all dieser Geschichten zur Spin-off-Auftragserteilung von Brandon Tartikoff an Rick Berman legt nahe, dass man sich wenigstens bei der Next Generation seinerzeit vornahm, sich mit Blick auf die zukünftige Serie ein paar Monate lang in Politthrillern zu üben.

Ebenfalls wieder aufgegriffen wurde eine eher obskure Next-Generation-Episode aus Staffel 4, The Host (Odan, der Sonderbotschafter). In dieser lernten wir die symbiotische Spezies der Trill kennen, die aus einem humanoiden Wirtskörper bestehen, der alle paar Jahrzehnte das Zeitliche segnet, und einem jahrhundertealten Wurm im Bauch, der von Wirt zu Wirt weitergereicht wird.

Deep Space Nines Wissenschaftsoffizierin Jadzia Dax war äußerlich eine junge Frau, in welcher aber die Erfahrungen von mindestens sieben anderen Leben schlummerten. Schnell stand fest, dass man ihr auf diese Weise eine Backstory mit dem Hauptcharakter des Sisko geben könnte, mit dem sie in einem ihrer früheren Leben eng befreundet gewesen war. Da steckte der Symbiont allerdings noch im Körper eines greisen Diplomaten, weswegen Sisko sie öfters als "alter Mann" anredete.

Als Jadzia Dax gecastet wurde die junge Schauspielerin und früheres Fotomodell Terry Farrell, die sich anfangs sehr schwer mit der eigentlichen Rolle und vor allem auch dem Druck tat, der nicht zuletzt von Star-Trek-Chef Rick Berman auf sie ausgeübt wurde. Das Wachstum von Dax' Charakter sollte ihr zwar wunderbar gelingen, aber lange dauern. Auf Berman zurück ging auch die Entscheidung, Dax nicht das in der Episode The Host etablierte Aussehen der Trill zu verpassen, nämlich eine typisch knubbelige Alien-Stirn.

Terry Farrell bekam diese zwar für die ersten Aufnahmen verpasst, doch beim Ansehen der Dailys war sich die Chefetage schnell einig, dass man die attraktive junge Frau nicht unter so viel Latex verstecken wollte. Das Aussehen der Trill wurde, wie man so schön sagt, geretconnt und fortan trug diese Spezies elegante, leopardenhafte Flecken, die von den Schläfen aus den gesamten Körper hinabliefen.

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