Der Beginn von Star Trek Deep Space Nine: Ein komplizierter, neuer Ort am Rand der Unendlichkeit
Special
Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...
Wir schreiben das Jahr 1992, ich bin gerade in der siebten oder achten Klasse und es ist Kunstunterricht angesagt - oder besser gesagt das, was im Stundenplan als Kunstunterricht bezeichnet wird, denn eigentlich herrscht Pandemonium. Das sieht so aus: Unser Kunstlehrer Herr K. verteilt etwa drei bis vier Male im Schulhalbjahr einen konkreten künstlerischen Auftrag und gibt uns dann viele Wochen, um das Machwerk abzugeben - und in meinem Fall meistens eine 3+ dafür zu bekommen.
Wer weiß, vielleicht ist das gerade die Phase, wo ich aus weichem Material mit einem Metallschaber die Umrisse eines meiner damaligen Lieblings-Star-Trek-Charaktere, des Androiden Data, herauszuarbeiten versuche. So soll ein Stempel entstehen, mit dem ich hinterher ein kontrastreiches, schwarz-weißes Data-Porträt auf ein Blatt Papier übertragen kann.
Ich arbeite Kunststunde für Kunststunde gewissenhaft, wenn auch langsam, an meinem Werk weiter, während die meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler über Tische und Bänke gehen in dem offenkundigen Vorhaben, ihr Bild ultraknapp vor Abgabetermin zu Hause fertigzustellen - dafür ist mir meine Freizeit zu kostbar.
Auch für Herrn K. ist all das zu viel Trubel, er arbeitet im Hinterzimmer lieber ungestört an seiner ganz eigenen Kunst. So erfüllen diese Unterrichtsstunden ihren ganz eigenen sozialen Zweck, denn die Klasse hat Zeit, sich nach Herzenslust auszutauschen.
Vielleicht hat in der letzten Kunststunde irgendjemand meinen Data-Stempel in seiner Entstehung bewundert, vielleicht aber auch mein unablässiges Gefasel über Star Trek mit angehört, denn ich kenne kaum ein anderes Thema.
So oder so ist es einer meiner Klassenkameraden - und ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern, wer genau, um an dieser Stelle meinen Dank auszusprechen -, die oder der in einer aktuellen Fernsehzeitschrift über einen Mini-Artikel zu einer neu bevorstehenden Star-Trek-Serie stolperte, direkt an mich begeisterten Fan dachte und das Magazin an diesem Tag mit in die Schule bringt, um es mir zu zeigen.
Sofort fällt mir das kleine Begleitfoto des Artikels ins Auge. Vor einem orange-braunen Hintergrund stehen linkisch posierend die acht Hauptcharaktere besagter Serie - solch bescheidene Promo-Fotos wird es dreißig Jahre später nicht mehr geben, da wird alles dramatisch und edgy aussehen müssen -, und als allererstes fällt mir der Ferengi auf.
Quelle: Paramount
Ein widerwilliger und traumatisierter Commander Sisko tritt seinen Dienst auf der Raumstation an.
In den knapp drei Jahren meines Fan-Daseins gelten die großohrigen Turbokapitalisten nicht gerade als Fan-Favoriten, und so ist meine Überraschung groß, dass ausgerechnet ein Vertreter dieser Spezies eine tragende Rolle in einer neuen Star-Trek-Serie übernehmen soll.
Als Zweites sehe ich einen hochinteressanten Make-up-Job, einen Typen mit unfertigem Gesicht und von einer für mich völlig neuen Spezies. Traurig-sehnsuchtsvoll und streng schaut dieser Charakter drein und ich ahne schon damals sofort, dass es sich hier sicherlich um den Star-Trek-typischen Außenseiter-Charakter à la Spock oder Data handelt. Die faszinieren mich dieser Tage am meisten.
Inmitten all dieser neuen Leute ein bekanntes Gesicht: Chief O'Brien von der Enterprise-D, der liebste Transporter-Bediener sowohl von der Crew als auch von Fans, ein seit Anfang der Next Generation immer wiederkehrender Charakter. Sofort kombiniere ich und reime mir zusammen, dass, wenn der Chief am Start ist und so aussieht wie immer, die neue Serie in etwa zur selben Zeit spielen wird wie die Abenteuer um Captain Picard.
Rechts oben im Bild steht ein stattlicher Typ in roter Uniform, die übrigens im Vergleich zur Next Generation farbvertauscht ist, rot ist schwarz und umgekehrt. Er hat seinen Arm gelegt um einen Teenager im blauen Wams, und ganz offenkundig handelt es sich hier um den Captain der neuen Serie (wenn ich nur wüsste, dass er gar kein Captain ist) und seinen Sohnemann.
Und dann steht da dieser Titel. Star Trek: Deep Space Nine - so ganz anders als The Next Generation, was immerhin eine zeitliche Abgrenzung zur Original-Star-Trek-Serie darstellt, die heute im Jahr 1992 noch nicht den Untertitel The Original Series trägt, um sich von all den anderen abzugrenzen. Deep Space Nine, was ist das? Ein Ort womöglich? Eine Kolonie? Warum die Zahl Neun?
All das geht aus der kleinen Notiz nicht hervor, aber es ist das allererste Mal, dass ich Informationen zu der Serie bekomme, die auch mehr als drei Jahrzehnte später noch immer meine liebste aus dem Star-Trek-Universum sein wird.
Doch wie war sie damals entstanden, diese vierte Star-Trek-Serie (wenn man die Zeichentrickserie mitzählt)? Dazu müssen wir noch einmal zurückblicken ins silberne Franchise-Jubiläumsjahr 1991. Seinerzeit hatte sich die Next Generation innerhalb von anderthalb Jahren zu einem Riesenerfolg gemausert.
Paramount produzierte und verkaufte 26 Episoden pro Jahr an die Syndication-Networks und wurde dafür an deren Werbeeinnahmen beteiligt. In den ersten Serienjahren lief das nur schleppend, doch mittlerweile war man so lukrativ geworden, dass man für jedes Fiskaljahr 25 Millionen US-Dollar Reingewinn verbuchen konnte - das war so sicher wie das "Make it so" auf der Enterprise-Brücke.
Enter Brandon Tartikoff, der just zur zweiten Hälfte des Jahres 1991 eine neue Stelle bei Paramount als Entwickler neuer Serien angenommen hatte, nachdem er bereits zu einer lebenden Fernsehlegende geworden war. Denn Tartikoff hatte beim Sender NBC, der Anfang der 80er Jahre mächtig Schlagseite gehabt hatte, das Ruder herumgerissen, indem er viele Serien-Megahits an den Start gebracht hatte.
Um ein paar Beispiele zu nennen: ALF, Seinfeld, Cheers, Family Ties (Familienbande), The Cosby Show, The Golden Girls, Miami Vice, Knight Rider, Das A-Team und Der Prinz von Bel-Air.
Nun bat Tartikoff, nachdem er sich in seinem neuen Büro eingelebt hatte, Star-Trek-Franchise-Lenker Rick Berman zu sich, denn im Gegensatz zu Fox-Executive Barry Diller, der ein gutes Jahrzehnt zuvor noch, als es um Star Wars ging, den unsterblichen und ironischen Ausspruch getätigt hatte "there's no future in science fiction", sah Tartikoff das ganz anders und hatte beim Gedanken an die Next Generation Dollarzeichen vor den Augen. Warum nur einmal 25 Millionen Dollar machen, wenn man diese Summe mit einer parallel laufenden, zweiten Serie möglicherweise verdoppeln könnte?
Doch Brandon Tartikoff war nicht nur begabt am Rechenschieber, er beteiligte sich auch oftmals kreativ an seinen berühmten Serienschöpfungen - und so gab er auch hier Berman klare Ideen mit auf den Weg. Tartikoff erinnerte sich dabei daran, dass Serienschöpfer Gene Roddenberry sein ursprüngliches Star Trek in den 60er Jahren gepitcht hatte als "Wagon Train to the Stars", also eine Weltraumanalogie zur erfolgreichen US-Westernserie über die großen Planwagen-Kolonnen, die den Westen erobert und besiedelt hatten.
Für die neue Serie schwebte Tartikoff ein stationärer Handlungsort vor und auch hier führte er wieder ein Westernbeispiel an, um das zu veranschaulichen. In diesem Fall die Serie The Rifleman (Westlich von Santa Fé), worin ein Vater, Witwer und Bürgerkriegsveteran seinen Sohn am äußersten Rand der sogenannten zivilisierten Territorien großzieht.
So bedeutend für die zukünftige Serie war der Einfluss des NBC-Executive, dass ihm die Eröffnungsfolge der sechsten Staffel Deep Space Nine gewidmet wurde, als Tartikoff im Alter von lediglich 48 Jahren an einem Lymphom verstarb.
Zurück im Hart Building auf dem Paramount-Gelände, dem damaligen Hauptquartier von Star Trek, bat Berman sogleich die Hierarchiestufe unter sich in seinem Büro, Next-Generation-Showrunner Michael Piller - den Mann, der die Serie gerettet hatte, indem er sie in Richtung sorgsam erzählter Charakterstorys gelenkt hatte, aber auch, indem er 1990 einen legendären Borg-Cliffhanger inszeniert hatte, der gleich noch wichtig wird.
Berman und Piller gingen direkt ans Eingemachte und überlegten sich zunächst einen Handlungsspielort per Ausschlussverfahren. Ihnen war klar, dass es im Star-Trek-Universum nur drei Arten von Schauplätzen geben konnte.
Da war zum einen das klassische Setting auf einem Raumschiff. Doch weil die neue Serie mindestens ein, vielleicht sogar zwei Jahre mit der Next Generation überlappen würde, wollte man nicht zwei Sternenschiffe gleichzeitig auf die Reise schicken. Überlegungen dieser Art kümmern im Jahr 2024 die kreativen Köpfe hinter aktuellem Star Trek offenkundig nicht mehr.
Die zweite Möglichkeit war ein Planet in der Föderation, vielleicht die Erde selbst, doch mit Blick auf eine Wildwest-Erzählung schien eine ferne Kolonie die bessere Wahl. Nur war Star Trek in den 90er Jahren ein Franchise, das hauptsächlich in fensterlosen Kommandozentralen, Büros, Maschinenräumen, Laboren und Kabinen spielte - schlicht und ergreifend aus Kostengründen.
Sicherlich gab es in jeder Staffel den ein oder anderen Dreh "on location", aber das war stets eine kostspielige Angelegenheit. Um eine Kolonie glaubwürdig zu inszenieren, war in Zeiten vor digital-virtuellen Hintergründen einfach nicht genug Geld vorhanden für die vielen benötigten Außendrehs.
Es blieb die dritte Variante: Eine Raumstation, von den Sets her im Prinzip nichts anderes als ein Raumschiff, das nicht fliegen kann. Solche Stationen hatte man bereits in der Originalserie gesehen, dort am prominentesten am Beispiel der K7-Station aus der Tribbles-Episode. Eine weitere bekannte Vertreterin aus der Next Generation war Sternbasis 173 aus der Episode The Measure of a Man (Wem gehört Data?).
Doch, das war dem frisch erkorenen Showrunner Michael Piller ganz wichtig, die Raumstation der neuen Serie konnte nicht das Äquivalent eines verschlafenen Kaffs im All sein, sondern eine Art "Gibraltar in Space", ein Ort höchster strategischer Bedeutung.
Diese stationäre Erzählweise würde zwangsläufig einiges an Politik mitbringen - und Michael Piller wünschte sich schon seit Langem, genauere Details über die innere Funktionsweise dieser Föderation zu erzählen. Doch bei der Next Generation mit einer ständig von A nach B düsenden Enterprise war das ebenso wenig möglich gewesen wie das Zeigen von Konsequenzen.
Wann immer die Captains Kirk oder Picard mal wieder entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung einer planetaren Zivilisation genommen hatten, mussten sie sich mit den Folgen ihres Handelns nicht auseinandersetzen, denn in der nächsten Woche war ihre jeweilige Enterprise schon wieder an einem ganz anderen Ort.
Eine Raumstation bleibt da, wo sie ist, und muss sich mit den getroffenen Entscheidungen und allem, was diese zukünftig per Dominoeffekt auslösen, auseinandersetzen. Diese potenziell komplexere Art und Weise zu erzählen, fand Piller höchst ansprechend.
Schnell hatten Berman und Piller einen Arbeitstitel für die neue Serie gefunden: The Final Frontier. Ein Ausspruch, der zwar bei der Originalserie und der Next Generation in jedem Vorspann vom Captain laut getätigt wurde, der aber zwangsläufig als Serienname wieder weichen musste, denn so hieß bereits 1989 der fünfte Kinofilm, bei dem William Shatner Regie geführt hatte.
Der Platzhalter wurde ersetzt durch einen zweiten Platzhalter: Deep Space Nine. Damit waren zwar weder Berman noch Piller zufrieden, sie suchten nach wie vor nach einem wirklich und wahrhaftig finalen Serientitel, doch schnell hatte man sich daran gewöhnt und irgendwie ging es gut von der Zunge. Das Provisorium Deep Space Nine wurde zum Titel.
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Doch wie sollte man die Handlungsorte auf der Station untergliedern? Auf einem Raumschiff war das seit jeher klar: Brücke, Maschinenraum, Krankenstation, Besprechungszimmer, Transporterraum, das ein oder andere Quartier. Die Enterprise des 24. Jahrhunderts hatte zudem das Bereitschaftszimmer des Captains und eine Bordkneipe in den Mix geworfen.
