Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine

Special Sebastian Göttling Lukas Schmid
Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine
Quelle: Paramount

Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...

Ebenso kurzfristig wurde Terry Farrell zum Aushängeschild der Serie auserkoren, denn sie moderierte ein im Vorfeld der Serie ausgestrahltes Making-of, eine Tour über die Sets der neuen Serie und ein Blick auf die diversen Charaktere und hinter die Kulissen. Leider geriet dieses Special nur allzu klischeehaft, die Alien-Darstellerinnen und -Darsteller durften allesamt die verhasste Frage beantworten, die ihnen im laufenden Fan-Convention-Betrieb schon bald aus dem Hals heraushängen sollte: "Wie lange dauert es, dieses Make-up anzubringen?"

Die Antwort auf diese Frage sagte damals wie heute rein gar nichts über die Charaktere aus und war eigentlich immer dieselbe: "Es dauert viele Stunden und ich muss unangenehm früh aufstehen, nächste Frage."

Doch kommen wir zurück zu dem kleinen Artikel und dem Promo-Foto, das seinerzeit bei mir im Kunstunterricht kursierte. Da war ja immer noch dieser Ferengi - und diese Spezies war 1987 bei der Next Generation als die neuen Klingonen der Serie vorgestellt worden; zentrale Antagonisten der Föderation, die sich nicht als große Krieger oder Strategen gerierten, sondern die aufgrund ihres Turbokapitalismus mit der Enterprise-Crew aneinandergerieten.

Ihre zwei großen Auftritte in der ersten Staffel der Next Generation misslangen gründlich, was hauptsächlich auf Regisseur Richard Colla zurückzuführen war, der bei ihrem ersten Auftritt in The Last Outpost (Der Wächter) wild gestikulierendes, fast schon hampelndes Schauspiel eingefordert hatte, was die frisch eingeführte Spezies irreparabel beschädigte.

Nach der ersten Staffel und vor Deep Space Nine waren die Ferengi zwar neun weitere Male bei der Next Generation zu sehen gewesen, aber kein einziges Mal mehr als ernst zu nehmende Widersacher, sondern nur noch eine Mischung aus Comic-Relief und zu überwindendem Problem.

Was also machte ausgerechnet ein Ferengi auf meinem "Kunstunterricht-Foto"? Diese Idee ging zurück auf Ira Steven Behr, der an den "Saloon" der Raumstation dachte - und wer besser könnte einen solchen Laden schmeißen als ein verschlagen-zwielichtiger Händler? Der zudem vom Stationskommandanten im Pilotfilm zum Bleiben gezwungen wird, um die Dorfgemeinschaft der Händler zusammenzuhalten?

Noch vor der US-Fernsehpremiere versuchte sich der deutsche CGI-Wizard Tobias Richter am Design der Raumstation. Quelle: Repro Sebastian Göttling, Artwork von Tobias Richter Noch vor der US-Fernsehpremiere versuchte sich der deutsche CGI-Wizard Tobias Richter am Design der Raumstation. Ira Behr hatte bereits in einer seiner ersten Episoden bei der Next Generation, Captain's Holiday (Picard macht Urlaub), einen traditionell albernen Ferengi ins Drehbuch geschrieben, doch die Spezies ließ ihn einfach nicht los und Behr nahm sich fest vor, die großohrigen Gierhälse bei der neuen Serie als ein dreidimensionales Volk zu rehabilitieren.

Beinahe wäre die Rolle dieses Barkeepers von Max Grodénchik gespielt worden, der bereits in besagtem Captain's Holiday Picard das Leben schwer gemacht hatte. Doch am Ende entschied Armin Shimerman das Casting für sich, der ebenfalls schon mehrmals bei der Next Generation mitgespielt hatte, zweimal davon auch als Ferengi, das erste Mal in besagter, schicksalshafter Episode The Last Outpost. Genau wie Behr war Shimerman viel an der Ehrenrettung "seiner" Spezies gelegen.

Doch auch die zweite Casting-Wahl war zu gut, als dass man Max Grodénchik hätte von dannen ziehen lassen. Spontan bekam Quark eine Familie: seinen Bruder Rom und den Neffen Nog. Schon im Pilotfilm stand auch Grodénchik an einem der Spieltische, doch da war von der Familienzusammengehörigkeit noch nichts bekannt; er wurde im Abspann lediglich als namenloser "Ferengi Pit Boss" aufgeführt.

Und wer findet, dass Armin Shimermans Quark im Pilotfilm irgendwie komisch anders und trotzdem vertraut aussah, der liegt völlig richtig, denn einzig und allein bei seinem ersten Auftritt trug Shimerman die falsche und deutlich knolligere Ferenginase, die hiernach sein Serienbruder Rom übernehmen sollte.

Noch ein Fun Fact von verdrehtem Casting: Die Produzenten hatten die britische 1992er-TV-Neuverfilmung von Lawrence von Arabien gesehen und sich schockverliebt in den Darsteller des Faisal, einen jungen Briten (und Malcolm McDowells Neffen) namens Siddig El Fadil. Schnell nahm man ihn in die engere Auswahl für die Rolle des Commander Sisko, doch als man El Fadil zum persönlichen Vorsprechen nach Hollywood holte, stellte man verblüfft fest, dass er gerade einmal 27 Jahre jung und somit in etwa ein Jahrzehnt zu frisch für die Hauptrolle war.

Doch auch ihn wollte man nicht einfach wieder zurückschicken und schrieb den als Latino geplanten Bordarzt Julian Amoros um zu Julian Bashir, um die Rolle ethnisch dem jungen Schauspieler anzupassen. Bashir war der einzige Charakter, der nicht auf einer bereits vorhandenen Idee oder Konzept fußte. Oder etwa doch? Doch keine Spoiler, dieses Retconning lag noch viereinhalb Jahre in der Zukunft.

Nun aber zu Commander Sisko und dessen Ursprüngen. Ein zentraler Teil seiner Backstory wurde verankert in dem damals immer noch eindrücklichsten aller Cliffhanger, nicht nur für Star-Trek-Verhältnisse, sondern generell in der Fernsehlandschaft der frühen 90er. In The Best of Both Worlds (In den Händen der Borg/Angriffsziel Erde) wurde Captain Jean-Luc Picard zum Borg Locutus umoperiert und hatte so als kybernetischer Overlord eine Föderationsflotte dezimiert.

Locutus' Angesicht und Stimme waren auch das Erste, was im Pilotfilm zu sehen und hören war, nachdem eine Star-Wars-mäßige Laufschrift, in der "Jean Luc" falsch und ohne Bindestrich geschrieben wurde, kurz die Ereignisse des legendären Next-Generation-Zweiteilers umrissen hatte, um das Publikum abzuholen.

Hierbei handelte es sich um eine Rückblende, die erstmalig das Toben der verheerenden Schlacht bei Wolf 359 zeigte, von der man zweieinhalb Jahre zuvor lediglich die Resultate gesehen hatte. So wurde das Publikum unmittelbar von Patrick Stewart, dem Star der erfolgreichen Schwesterserie, zu Deep Space Nine geholt, um in der spektakulären Eröffnungssequenz hautnah zu erleben, dass Sisko seine Gattin Jennifer bei dieser Auseinandersetzung verloren hatte und nun Witwer und alleinerziehender Vater war.

Als Sisko nach dieser Rückblende auch in der Gegenwart Captain Picard begegnete, machte er im Pilotfilm keinen Hehl daraus, dass er den beliebtesten Captain der Sternenflotte abgrundtief für den Tod seiner Frau hasste und ihm massive Vorwürfe vor die Füße warf, obwohl Picard streng genommen ein Entführungsopfer war, welches für seine Taten nur mittelbar verantwortlich zeichnete.

Das war einer der ersten herausfordernden Momente in Deep Space Nine für das Publikum: Auf einmal wusste man gar nicht so recht, wie genau man denn nun fühlen sollte, denn Picard galt immer als strahlender Held, hervorragender Chef und Sympathieträger. Nun kam da dieser Hauptcharakter einer neuen Serie, den man ja eigentlich auch mögen sollte, und giftete den berühmten Captain an.

Diese Ambivalenz und dieser Willen, gegen den Strich zu gehen, war etwas, das Deep Space Nine von der ersten Folge an auszeichnete. Wobei sich dieser Mut wieder ein wenig dadurch nivellierte, dass man für die Eröffnungsszene die ausgemachten Publikumslieblinge, die Borg, auswählte.

Und dann war dieser Sisko, anders als Kirk und Picard vor ihm, als erster Hauptdarsteller einer Star-Trek-Serie gar kein stolzer Captain, sondern lediglich ein Commander, also auf der Stufe des William T. Riker, Jean-Luc Picards rechter und linker Hand.

Auch das eine bewusst kantige Entscheidung von Piller und Behr, die zeigen wollten, dass in der Sternenflotte eben nicht nur die Captains den Ton angeben. An dieser Stelle nehme ich mir einen Zettel zur Hand, um mitzuzählen und später nochmals aufzulisten, in welchen Belangen sich Deep Space Nine ungewohnt sperrig gab.

Auch wenn alleinerziehende Elternteile in der Science-Fiction und in amerikanischen Serien generell ein Trope sind, bekam Sisko seinen Seriensohn Jake, gespielt von Cirroc Lofton, mit auf die Station. Anders als bei der stets "awkwarden" Chemie zwischen Mutter und Sohn Crusher bei der Next Generation, hatte man sich hier aber vorgenommen, einen wahrhaftig wirkenden Teenager zu zeigen und ihm aufrichtig tiefe Vaterliebe zuteilwerden zu lassen.

Im Pilotfilm war Jake noch ein Charakter, der sich über die Entscheidung seines Vaters wunderte, auf eine schrammelige Raumstation zu ziehen. Außerdem fungierte Jake als ständige Erinnerung an die verstorbene Jennifer und als etwas, was es auf der Station zu beschützen galt, wann immer es brenzlig wurde.

Doch die zentrale Erzählung, die sich der Pilotfilm Emissary mit Sisko vornahm, ging bewusst zurück bis ganz an den Anfang von Star Trek, bis zum seinerzeit nicht ausgestrahlten ersten Pilotfilm der Orignalserie, The Cage (Der Käfig), welcher Captain Pike zeigte, Kommandant der Enterprise vor Kirk, und seit ein paar Jahren Hauptcharakter der brandneuen Star-Trek-Serie Strange New Worlds, ihrerseits ein Prequel zur Originalserie.

In The Cage ging Captain Pike verlustig und geriet in die Gefangenschaft der großköpfigen Talosianer, die per Telepathie mit ihm kommunizierten und ihn mit aller Macht dazu bringen wollen, sich mit dem Alien-Mädchen Vina zu paaren

Im Verlaufe der Geschichte kam in Rückblenden heraus, dass Pike vor Kurzem bei einer sehr gefährlichen Mission Entscheidungen getroffen hatte, die er im Nachhinein für fatal falsch hielt, weil sie einige seiner Crewmitglieder das Leben gekostet hatten. Pike saß da, brütete, war finster und introvertiert auf eine Art und Weise, wie es sich Captain Kirk später erst in den Kinofilmen erlaubt hatte, nie aber in der Originalserie; Pike steckte in einer tiefen Lebenskrise und wusste nicht, ob er seinen Job noch weiter ausüben konnte.

Am Ende führte die Begegnung mit den telepathischen Aliens nicht nur zu Austausch und Völkerverständigung, sondern auch zur Bewältigung von Pikes inneren Dämonen. Er war noch nicht wieder heil, aber seinen Dienst wollte er auch nicht mehr quittieren und vielleicht würden ihm die nächsten Missionen ja Stück für Stück seinen Lebensmut zurückbringen.

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