Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine
Special
Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...
Analog dazu geriet Sisko im Pilotfilm Emissary in ein frisch entdecktes Wurmloch, wo auch er sich alleine mit Aliens konfrontiert sah. Genau wie in The Cage angenehm harte Science-Fiction, denn die Aliens hatten kein Verständnis vom linearen Zeitverlauf, sie existierten außerhalb unserer temporären Wahrnehmung und mussten sich all das erst einmal von dem Neuankömmling erklären lassen.
Über diese Annäherung erlangten nicht nur die Wurmloch-Wesen Verständnis, sie brachten Sisko auch Schritt für Schritt näher an den Kern seines Schmerzes, den Tod seiner Ehefrau, der ihn unzufrieden und suchend gemacht hatte, der dazu führte, dass er den Dienst auf Deep Space Nine eigentlich einen Tag nach Antritt schon wieder niederlegen wollte. Genau wie Pike ging Sisko über diese fremdartige Begegnung einen ersten Schritt der Heilung.
Und auch andere Elemente aus The Cage zitierte Emissary ziemlich direkt. Pikes einziger wirklich Vertrauter auf der Enterprise war der knorrige Bordarzt Boyce, der mit Hochprozentigem in der Kabine des Captains vorbeischaute - genau so ein alter Mann, wie Dax es für Sisko war. Und dann ist da noch die imaginierte Picknick-Szene von Ben Sisko und seiner Frau Jennifer im Park - und ihr gegenüber das Picknick von Pike und Vina vor den Toren der kalifornischen Stadt Mojave.
All diese Sachen waren nicht zufällig in Emissary, sie wurden bewusst von Michael Piller eingebracht, weil er darin eine Möglichkeit sah, die neue Serie emotional tief in der Franchise-Historie zu verankern und seinem Hauptcharakter über den Kniff der Science-Fiction von Anfang an große Tragik und Tiefe mitzugeben.
Als Commander Sisko wurde Avery Brooks angeheuert, dem Fernsehpublikum zuvor bekannt als Hawk aus der Krimiserie Spenser: For Hire (Spenser), und Brooks traf hier den genau richtigen Ton. In sich gekehrt, unter einer großen Last stehend, dennoch ab und an ein Zwinkern im Auge, in tiefer Zuneigung zu seinem Sohn Jake, große Leidenschaft und auch Verzweiflung beim Zurückdenken an seine verstorbene Frau Jennifer, deren Geist immer im Raum zu sein schien.
Einige ulkige Vokalausbrüche erlaubte sich Brooks vor allem im Pilotfilm, doch die meiste Zeit über sprach er mit einer tiefen, honigsanften Stimme, welcher die - zugegebenermaßen brauchbare - Synchronisation dennoch nicht gerecht werden konnte.
Auch die zeitlosen Aliens wurden gekonnt mit der Welt verwoben, die in Deep Space Nine zu sehen war. Ihr Wurmloch war im Firmament über dem Planeten Bajor und hatte sich in den letzten Jahrtausenden einige Male offenbart, woraufhin die Bajoraner rund um diesen sogenannten Himmelstempel eine Religion konstruiert hatten, die ihnen in den harten Jahren der cardassianischen Besetzung zur einzigen Hoffnung wurde.
Alles war miteinander verknüpft: die harte Science-Fiction der außerdimensionalen Wesen, die realpolitische Situation rund um den Handlungsort und das emotionale Innenleben des Hauptcharakters.
Und ja, obwohl sich Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry stets als humanistischer Atheist geäußert hatte, hier nahm nun - anfangs zentral, im späteren Serienverlauf immer seltener - die Religion eine bedeutende Stellung ein. Doch man musste sich nur an die Originalserie zurückerinnern und wie oft dort irgendwelche "primitiven" Alien-Völker höher entwickelte Wesen für Gottheiten hielten - und nichts anderes passierte in Deep Space Nine -, um zu erkennen, dass diese Prämisse kaum mehr Roddenberry hätte sein können.
Quelle: Paramount
Das Obergeschoss der Promenade des bis heute teuersten Hollywood-Fernsehsets
Dennoch eine ziemlich lange Strichliste, die ich nun in Bezug auf möglicherweise unpopuläre Entscheidungen für die neue Serie geführt habe: Religion, Politik, Ablehnung von Picard, ein mitunter distanzierter Hauptcharakter, kein Raumschiff, eine von Aliens erbaute Station, nirgendwo Vulkanier, stattdessen die "nervigen" Ferengi und andere obskure Star-Trek-Völker wie die Trill. Was hatte man hier vor? Auf dieser Serie lasteten immerhin jährlich 25 Millionen schwere Erwartungen.
Ich bin der Erste, der sich freut, wenn sich Franchises gegen ihre eigene DNS wehren und es ihnen dadurch gelingt, bessere Kunst zu schaffen. Doch wie konnte das den Verantwortlichen damals durchgehen gelassen werden?
Aus der Sicht von 2024, wo nicht nur Star Trek, sondern auch Superhelden-Filme und andere Franchises stets auf Nummer Sicher gehen, möglichst alle Fans glücklich machen wollen, versuchen, per Algorithmus einen Durchschnittszuschauenden zu errechnen und zu bedienen, lieber durch das nostalgische Wiederbringen altbekannter Charaktere und Raumschiffe Punkte machen wollen, anstatt sich an Herausforderndem zu versuchen - aus dieser Sicht wirkt der Beginn von Deep Space Nine geradezu erfolgstrunken (oder naiv?) kunstvoll und wider alle Erwartungen.
Oft wünsche ich mir diese Zeit der möglichen Millionen-Dollar-Experimente zurück und muss mich dann schütteln, um nicht allzu kulturpessimistisch zu werden.
Was hatte man neben all dem kreativen Hirnschmalz an finanziellen Mitteln in Deep Space Nine hineingesteckt, um 25 Millionen Dollar pro Jahr zu generieren? Allein in den Pilotfilm Emissary 15 solcher Millionen, man wollte damit richtig auftrumpfen und ein Medienspektakel hinlegen. Kurz als Maßstab: Der sechste Kinofilm hatte ein Budget von 30 Millionen Dollar.
JA, ein großer Teil dieser Kosten entfiel auf die einmalig gebauten Sets, von denen auch der Rest der Serie nutznießen würde, doch es waren die teuersten und aufwendigsten Sets, die bis heute jemals für eine Fernsehproduktion in Hollywood erstellt wurden.
Schon die Kommandozentrale Ops war spektakulär von der Ingenieursgrube, wie ich sie stets nenne, über den Tagesgeschäftsbereich und das erhöhte Büro des Präfekten/Stationskommandanten bis zu den irisförmigen Fenstern in luftiger Höhe. Das pièce de résistance war allerdings die Promenade, die zweistöckige Ladenstraße, an der entlang sich Krankenstation, Sicherheitsbüro, Replimat, zahlreiche Geschäfte und Quarks dreistöckige Bar befanden.
Anders als bei den bis zu dem Zeitpunkt gebauten Fernseh-Enterprises waren all diese Räumlichkeiten nicht voneinander getrennt, sondern zusammenhängend. Die Promenade von Deep Space Nine konnte in den Studios von Paramount so durchschritten werden wie in der Serienfiktion.
Eigentlich war die Promenade kreisrund und umschließt den gesamten inneren Kern der Station und man sieht die ganze Serie über immer nur dasselbe Kreisdrittel, niemals den gesamten Kuchen, doch die Art und Weise, wie die Welt der Raumstation dadurch lebendig geriet, war beeindruckend.
Nur an einer Stelle musste geschummelt werden, weil die Schmalheit der Produktionshalle den Platz nicht mehr hergab: Das Sicherheitsbüro hatte auch ein Hinterzimmer mit Arrestzellen, doch die konnten an der Stelle nicht mehr gebaut werden, sie befanden sich in der Realität der Sets stattdessen separat liegend am Ende der Promenade hinter dem bajoranischen Tempel.
Ebenso eine kostspielige Angelegenheit und der teuerste Einzeleffekt des Pilotfilms war das damals sogenannte Morphing. Seit James Cameron in The Abyss und Terminator 2: Judgment Day lebendiges Wasser und Quecksilber gezeigt hatte, war das der große Schrei im Hollywood der frühen 90er-Jahre, also wurde dies auch zu einem der zentralen Charakterbestandteile von Sicherheitschef Odo, dem Gestaltwandler.
Mit ihm, der von René Auberjonois gespielt wurde, ging man immerhin konzeptionell einigermaßen auf Nummer Sicher, denn er war genau wie der höchst beliebte Spock oder auch Data der Außenseiter, der die Menschheit durch seine Perspektive der Fremdartigkeit betrachtete und kommentierte.
Außerdem brachte Odo ein zentrales Mysterium mit sich, das bei damaligen Serien nicht unüblich war, aber für Star Trek ein Novum darstellte, weil hier die Aussicht darauf bestand, dass über mehrere Serienjahre hinweg die geheimnisvolle Herkunft des Charakters Stück für Stück offengelegt werden sollte.
Im Zusammenspiel mit Odos ewigen Widersacher, dem Ferengi Quark, besann sich Star Trek außerdem einer seiner ältesten Qualitäten, den ständigen Zankereien zwischen "Pille" McCoy und dem stoischen Spock. Eine solche Dynamik hatte man zuletzt vergeblich mit Data und Dr. Pulaski in Staffel 2 der Next Generation versucht herzustellen. Hier gelang es zum ersten Mal seit den 60er-Jahren wieder köstlich.
Auch abseits von Odos Morph-Effekten geriet der Pilotfilm zu einem wahren Spezialeffekt-Feuerwerk, von sehr großen Schauwerten wie der Schlacht von Wolf 359 zu Beginn oder dem aufwendigen Motion-Control, das Dax und Sisko im Wurmloch zwischen einer idyllischen Parklandschaft und einer gewittrigen Felsebene hin und her springen ließ, bis hin zu dem kleinen holografischen Pool, unter dem die bajoranische Päpstin Kai Opaka das Allerheiligste ihres Volkes aufbewahrte -, einem Pool, der sich um den Kopf des verblüfften Commander Sisko wieder materialisierte, als dieser eine versteckte kleine Wendeltreppe hinabschritt.
Erste Informationen zu Star Trek: Deep Space Nine, wie auch der kleine Kunstunterricht-Zeitungsausschnitt, fanden über das Jahr 1992 verteilt nach Deutschland. Jede Ausgabe des damals noch quartalsweise erschienenen Fanzines Trekworld des deutschen Fanclubs STCE (Star Trek Central Europe) griff die Gerüchte auf, die teilweise über Tische und Bänke gingen.
Erstmalig Ausgabe 25 aus November 1992 - zwei Ausgaben, bevor meine Clique und ich dem Fanclub beitraten - gab die Prämisse der Serie, die Hauptcharaktere und auch den Cast korrekt wieder. Außerdem wurde ein sehr frühes Foto der Besetzung abgedruckt, jedoch nicht das vor dem ockerfarbigen Hintergrund, sondern in einer typischen Star-Trek-Höhle, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler sonst wohin blickten und eher aussahen wie Verdächtige bei einem Polizei-Line-up.
