Das schwere Erbe von Star Trek TNG: Der komplizierte Beginn von Deep Space Nine
Special
Star Trek The Next Generation schrieb Fernsehgeschichte. Wie sollte man an diese Legende anknüpfen? Die Antwort hieß Deep Space Nine - und fiel sehr kontrovers aus ...
Der CGI-Pionier Tobias Richter, der später auch offiziell bei einigen Star-Trek-Arbeiten beteiligt sein würde, steuerte zur silbernen Jubiläumsausgabe der Trekworld gleich zwei digitale Artworks bei. Das Cover zeigte die Evolution der Enterprise - Fernsehen, Kino und D -, aber die wirkliche Überraschung war auf der U4 zu sehen.
Wie und wo auch immer Richter eine frühe Abbildung der Raumstation bekam, er baute sie hier als Computergrafik nach. Die Dimensionen vor allem der Pylone stimmten nicht ganz, rund um den Ring waren zu viele Dockingstationen angeordnet und die Farbe war eigentümlich orange-braun geraten, aber es war dennoch ein elektrisierender früher Blick für deutsche Fans auf den heimlichen Star der neuen Spin-off-Serie.
Als ich im Juli 1993, da war Deep Space Nine etwa ein halbes Jahr im US-Fernsehen, meinen 15. Geburtstag feierte, schenkte mir meine aufrichtig liebe Patentante Gabi eine CD mit aktuellen Chart-Hits des Jahres, die bewies, wie viel hipper Gabi war als ich Nerd. Mit 90er-Jahre-Elektro- und Dance-Mucke konnte ich damals wie heute wenig anfangen, sie dafür umso mehr.
Ich undankbarer Knilch fragte sie daher freundlich nach dem Kassenzettel, um die CD im örtlichen Elektrofachhandel umzutauschen, gegen eine, die meinem wirklichen Musikgeschmack entsprach: orchestrale Soundtrack-Musik. Hocherfreut und überrascht war ich, als ich beim Umtausch-Stöbern bemerkte, dass frisch der Soundtrack des Pilotfilms von Deep Space Nine ins Sortiment aufgenommen worden war.
Die Begleitmusik, die Titel der einzelnen Tracks, die Liner-Notes von Komponist Dennis McCarthy und die Fotos im Booklet waren für eine Weile das erste und einzige offizielle, audiovisuelle Medienpaket, das ich zur heiß ersehnten Serie besaß und immer und immer wieder konsumierte.
Ungewöhnlich war dabei, dass mit McCarthy hier ein "Fernseh-Musiker" die Titelmelodie komponiert hatte. Für die Next Generation hatte man sich musikalisch beim Titelthema des ersten Kinofilms von Jerry Goldmith bedient, und auch die Nachfolgeserie Voyager sollte ein Titelthema aus der Feder des Kino-Titanen bekommen. Im Vergleich zu diesem Bombast war die Musik von Deep Space Nine ungewöhnlich zurückgenommen.
Fast zwei Minuten lang melancholische und getragene Bläserklänge, die weniger nach vorn blickende Abenteuer versprachen als die Next-Generation-Titelmelodie, sondern gut passten zur einsamen Raumstation am Rande der Ewigkeit. Auch visuell lieferte der Vorspann eher ein gemächliches Weltraumszenen-Ballett im Vergleich zu einem von A nach B zischenden Raumschiff. Während einige meiner Zeitgenossen und Zeitgenossen sicherlich gelangweilt waren, hatte ich hier schon den Eindruck, dass Star Trek nun ein wenig gediegener und anspruchsvoller werden würde.
Nur einen Monat später gelangte dann der tatsächliche Pilotfilm in unsere Hände, denn der britische Privatsender Sky One, den mein guter Freund Christian per Satellitenschüssel empfangen konnte, zeigte am 15. und 22. August 1993 in zwei Teile aufgeteilt den Pilotfilm Emissary. Dabei hatten wir unfassbares Glück, denn nur wenige Wochen später wurde Sky One nur noch verschlüsselt ausgestrahlt. Ab der dritten Episode konnte Christian von Deep Space Nine nur noch den Ton empfangen; das Bild war verzerrt, wie seinerzeit beim Pay-TV-Sender Premiere.
Christian nahm beide Hälften des Pilotfilms auf Video auf und wollte sie mir damals eigentlich instantan zeigen, doch weil mein Englisch zu dem Zeitpunkt noch etwa zwölf Monate davon entfernt war, brauchbar genug für englisches Star Trek zu sein, wollte ich mir nicht die Blöße des nicht Verstehens geben. Ich bat Christian darum, mir das Video auszuleihen, was er auch tat, mir später aber davon berichtete, wie wenig begeistert er davon war, dass ich nicht sofort mit ihm gemeinsam die neue Serie anschauen wollte.
Langsam spitzten sich die Ereignisse zu, und nur wenige Wochen später konnten alle deutschen Fans immerhin die detaillierte Handlung des Pilotfilms erfahren, denn der Heyne-Verlag, damals das deutsche Print-Stammhaus rund um alles, was den Namen Star Trek trug, veröffentlichte die Romanumsetzung von Autorin J.M. Dillard. Dillard war seit dem fünften Star-Trek-Film diejenige Auserkorene unter den Star-Trek-Romanautorinnen und -autoren, die Umsetzungen epochaler Film- und Fernsehabenteuer schreiben durfte.
Quelle: Paramount
Die bajoranische Religion ist nur eine von Deep Space Nines diversen Sperrigkeiten.
Und obwohl aus Emissary später bei der deutschen Synchronisation korrekterweise Der Abgesandte wurde, konnte Übersetzer Andreas Brandhorst bei Heyne davon noch nichts wissen und nannte das Buch Botschafter. In weniger als einem Tag hatte ich es verschlungen und die Geschehnisse und Dialoge nun so präsent, dass ich mich an die Videoleihgabe von Christian heranwagte und dem Pilotfilm wunderbar gut folgen konnte. Selbst englische Sätze, die ich damals eigentlich überhaupt nicht verstand, konnte ich mit dem Roman im Hinterkopf perfekt zuordnen. Danke Christian - und danke Heyne!
Während meine Clique Deep Space Nine auf diese Weise in Deutschland häppchenmäßig bekam, wurde die Serie im Sommer 1993 in den USA und in denjenigen deutschen Fankreisen, die (noch) über deutlich bessere Quellen verfügten als wir Teenager, heftig diskutiert. Zu dunkel wäre die Serie geraten, zu dystopisch, zu unpassend zu den Idealen des Gene Roddenberry.
Die Macher rund um Piller und Behr taten unschuldig und verständnislos, wollten nie etwas Dunkles geschaffen haben und sahen in der Kritik eine Fehlinterpretation ihres Stoffes. Natürlich, auf Deep Space Nine vertrugen sich nicht alle von vorneherein; statt einträchtiger Zusammenarbeit waren Kompromisse angesagt, außerdem wirkte die cardassianische Umgebung weniger einladend und viel bedrohlicher. Trotzdem war es eine Geschichte von Leuten, die an einen Ort kamen, um diesen besser zu machen.
Und wo die Next Generation eine Meritokratie abbildete, in welcher alle Leute in der Sternenflotte nach ihren Fähigkeiten und Schulnoten den geeigneten Job bekamen, wo also alle lediglich über ihre Begabungen definiert wurden, da fragte Deep Space Nine sich, was denn die inneren Träume und Wünsche der Charaktere waren. Der Konflikt der neuen Serie ergab sich daraus, dass die Erfüllung all dieser Wünsche hin und wieder miteinander konkurrierte, wie im echten Leben.
Ein Zitat aus dem Produktionsbüro lautete: "Wenn die Next Generation Superman ist, dann ist Deep Space Nine Batman." Das sollte so viel heißen wie: "Ja, wir sind womöglich mürrischer unterwegs, aber bei DC Comics kann das doch auch Seite an Seite existieren und in einem demselben Universum akzeptiert werden."
Sicherlich war auch die teure und oft ausgestrahlte Promotion im US-Fernsehen verantwortlich für das finstere Bild, das die Öffentlichkeit von Deep Space Nine bekam. Kernig-elektronische Synth-Akkorde brachten die Werbespots stilistisch in die Nähe actiongeladener Computerspiele und eine dramatisch tiefe Trailer-Stimme trug vor:
"At the edge of the final frontier, the universe's greatest mystery is about to unfold!" Weiter wurde gesagt, dass Bajor eine "dark, mysterious world" wäre, was so nicht ganz stimmte, aber dennoch war klar, nach welchem Stil sich die Werbung hier ausstreckte. Diesen Eindruck griffen Kritiker und Vorverurteilende sofort auf.
Außerdem brach eine müßige Diskussion darüber aus, ob der mittlerweile verstorbene Gene Roddenberry, der "Papst von Star Trek", Deep Space Nine noch auf dem Sterbebett seinen Segen erteilt hatte oder nicht.
Die erste, positive Version der Geschichte besagte, dass ihm Idee und Konzept vorgetragen wurden, woraufhin ein gesundheitlich angeschlagener Roddenberry gesagt haben soll: "Interessant, ich möchte gerne mehr darüber wissen." Doch seine Körpersprache und Abgeschlagenheit zeugten davon, dass entweder sein Interesse anders als behauptet nicht sonderlich groß war, oder dass seine Kräfte dafür nicht mehr ausgereicht hatten.
Die zweite und negative Version stammte von Gene Roddenberrys langjähriger Assistentin und Geliebten Susan Sackett: "Gene hat seinen Segen nicht gegeben, er hasste Deep Space Nine! Eine Woche nach seinem Tod haben sie mit der Produktion der Serie losgelegt und gelogen, Gene hätte die Serie noch in seinen letzten Tagen abgenickt."
Deanna-Troi-Darstellerin Marina Sirtis, die sich in den Anfangstagen von Deep Space Nine kritisch darüber äußerte, wie viel Geld bei der neuen Serie ausgegeben wurde, während bei ihrer eigenen Next Generation ein eher schmales Budget gefahren wurde, kritisierte den reibungsstarken Ton zwischen den Charakteren auf der Raumstation: "Auf einmal zanken sich wieder alle! Das ist ein Schritt zurück!" Auch der Roddenberry-Vertraute und Star-Trek-Archivar Richard Arnold stieß in das gleiche Horn.
Co-Autor Ira Behr, der Roddenberry während seiner Arbeit an der dritten Staffel Next Generation noch kennenlernen konnte: "Ich denke, anfangs hätte Gene Deep Space Nine gehasst - und sich dann später für das erwärmt, was wir damit vorhatten. Obwohl, je länger ich nachdenke, desto unsicherer bin ich mir. Genes 'kleine Truppe' (damit meinte Behr allen voran Sackett und Arnold) hasste DS9 auf jeden Fall."
Gene Roddenberry selbst hatte vor seinem Lebensende noch zu Protokoll gegeben, dass er Star Trek vertrauensvoll in die Hände zukünftiger Generationen geben wollte, in der Hoffnung, dass sie bisheriges Star Trek alt aussehen lassen würden. Ich selbst, der ich längst nicht von den Qualitäten allem zukünftigen Star Treks überzeugt bin, möchte mich am ehesten an diese Gelassenheit halten.
