So schlecht, dass es schon wieder gut ist? Oder doch ein Überraschungserfolg, der an selige Witcher-Zeiten erinnert? Hätten wir beides gerne genommen ...
Wie kann ein Spiel mit einem derart interessanten Setting nur so fürchterlich öde sein? Diese Frage schwirrte uns permanent im Kopf herum, während wir uns durch das neue Action-Adventure The Inquisitor schleppten.
Die Bausteine für ein irres Erlebnis wären eigentlich da: Wir spielen den Inquisitor Mordimer Madderdin, der im Auftrag der Kirche in einem mittelalterlichen Sündenpfuhl ermittelt. Der feine Unterschied: In der Welt von The Inquisitor lernte Jesus am Kreuz seine dunkle Seite kennen.
Er zerbrach die Holzbalken, stieg herab und schwor, alle Ungläubigen zu vernichten. Das Ergebnis: Die Kirche ist eine faschistoide Organisation und das Kruzifix, das ihre Anhänger tragen, erinnert nicht zufällig an ein Hakenkreuz.
Barmherzigkeit ist eine Sünde und wer aus der Reihe tanzt, wird verfolgt und hingerichtet. Gut, letzteres unterscheidet sich doch nicht so sehr vom realen Pendant, aber trotzdem: Wenn das mal keine frische Prämisse ist!
Nach der technisch desaströsen, aber charmanten Präsentation auf der letztjährigen Gamescom haben wir auf eines von zwei Resultaten gehofft: The Inquisitor (jetzt kaufen 44,82 € ) würde entweder ein unterhaltsames Trash-Game werden, oder das Setting könnte tatsächlich in eine Story münden, die es schafft, das Uralt-Spiel dahinter zu überflügeln.
Beides hätte sein Publikum gehabt, beides hätten wir auf seine Weise irgendwem empfehlen können. Leider passt The Inquisitor aber in keine dieser Kategorien.
Eingedampftes Gameplay vor netter Kulisse
Der spielerische Scope ist klein und das Gameplay schnell erklärt: The Inquisitor verzichtet auf moderne Features wie Rollenspielelemente, ein tiefes Kampfsystem oder Nebenbeschäftigungen.
Über weite Teile fühlt es sich an wie ein interaktiver Film, den wir vorantreiben, indem wir zur nächsten Wegmarkierung latschen. Die Stadt Königstein ist zwar recht frei begehbar, aber letztlich nur eine Kulisse, die auf dem Weg zur nächsten, ellenlangen Dialogsequenz die Atmosphäre aufrechterhalten soll.
Das Gameplay bewusst einzuschränken, ist in einem solchen Spiel natürlich sinnvoll und bei dem kleinen Entwicklerteam nachvollziehbar. Die Kulisse funktioniert ganz ordentlich und kommt grafisch überraschend hübsch daher. Sie erschafft einen stimmigen Kontrast aus Mittelalter-Misere und dem güldenen Luxus der Kirche.
Wir lernen die Gesellschaft der Stadt in all ihren Facetten kennen, vom armen Tropf in der Gosse bis zum Bürgermeister. Der Einblick in die Religionsdiktatur ist also reizvoll und umfassend, auch wenn man zum Ende hin doch in vertrauten Dark-Fantasy-Gewässern schippert.
Das niedrige Budget starrt euch in unsere Seele
Man sollte es aber tunlichst vermeiden, sich irgendetwas oder irgendjemanden aus der Nähe anzusehen. Der Plan geht nur leider nicht auf, wenn das Spiel selbst ständig die Lupe herausholt. Texturen sind oft matschig, Charaktermodelle und Animationen bestenfalls auf frühem PS3-Niveau, visuelle Bugs allgegenwärtig. Emotionen und Mimik waren zur Zeit dieser Inquisition offenbar noch nicht erfunden worden.
Quelle: PC Games
Das ist der erste Nagel im Sarg des Inquisitors: Wenn ein Spiel größtenteils aus Filmsequenzen und Dialogen besteht, sollten sie spannend geschrieben, vertont und inszeniert sein. Oder, wenn all das nicht klappt, könnten sie wenigstens gut aussehen. Für die Szenen in The Inquisitor gilt nichts davon.
Die deutsche Stimme unseres Protagonisten Mordimer erinnert an einen Nachrichtensprecher, andere Figuren bewegen sich meist zwischen "akzeptabel" und "Fremdscham".
Zwar nutzt das Spiel auch mal andere Kameraperspektiven als den üblichen shot-reverse shot und versucht damit, Dynamik herzustellen, aber Sätze und Kameraeinstellungen werden viel zu lang stehengelassen, wodurch sich die Gespräche wahnsinnig zäh anfühlen.
Die schauderhaften Gesichter und Animationen lassen das bierernste Szenario an jeder Ecke auseinanderfallen. Und wenn uns das Spiel verschiedene Dialogoptionen anbietet, sollen die sich zwar auf das Ende der Geschichte auswirken, teils passen sie aber nicht zu dem, was unsere Figur tatsächlich sagt oder tut.
Ermittlung auf Schienen
Im Kern dreht sich die Story darum, wie Mordimer im Auftrag der Kirche nach Königstein geschickt wird, um dort einen Vampir ausfindig zu machen. Dieses Ziel rückt schnell in den Hintergrund, als eine rituelle Mordserie die Stadt erschüttert.
Als Inquisitor sind wir die Mittelalter-Version eines Bad Cops, der an den Tatorten Indizien sammelt, Verdächtige unter Druck setzt und ihnen heimlich hinterherspioniert. Und während uns das Spiel diese spannenden Aufgaben immerhin selbst übernehmen lässt, scheitert es an einem äußerst wichtigen Punkt.
Quelle: PC Games
Spielerische Freiheit gibt es dabei nämlich überhaupt nicht. Das "Ermitteln" beschränkt sich darauf, unsere Detektivsicht anzuwerfen und dann jeden leuchtenden Hinweis anzuklicken. Wir müssen keine eigenen Schlüsse ziehen, können keine Beweise übersehen und es uns nicht aussuchen, wen wir überhaupt befragen oder beschuldigen.
Auch die Verhöre laufen wenig interaktiv ab. Wenn wir uns mal besonders grausam oder milde verhalten und so die Geschichte unseres Inquisitors mitgestalten dürfen, dann passiert das fast immer mit Charakteren, die die Story danach sofort in den Papierkorb wirft.
Bildergalerie
Ein Cast zum Vergessen
Die Figuren bleiben generell nicht im Gedächtnis. Der unsympathische Mordimer bekommt früh ein Mädchen als Sidekick beigestellt, damit wir hier und da seine weiche Seite kennenlernen dürfen. Dann gibt's etwa noch den stereotypisch verrückten Henker, den machthungrigen Kardinal und die geheimnisvolle Gräfin, die ganz bestimmt keine Leichen im Keller hat. Ein überzeugendes Schauspiel liefern diese Charaktere nicht ab, was bei der Technik niemanden wundern dürfte.
