Titanfall im Test: Das kleine Halo

Test Sandro Odak
Titanfall im Test: Wir haben zwei Redakteure an den größten Xbox-One-Titel des Jahres gesetzt!
Quelle: Respawn

Titanfall ist einer der wenigen Krachertitel für die frühe Xbox One. Der sehr rasante Shooter von den früheren Machern von Call of Duty verspricht viel Action und gute Unterhaltung. Doch kann er das abliefern und auch Spieler ansprechen, die von Multiplayer noch keine große Ahnung haben? Wir haben es von zwei Autoren überprüfen lassen.

von Sandro Odak und Sven Huber

Wer einen Xbox-Fan fragt, warum er sich eine Xbox geholt hat, dann haben in der Vergangenheit die meisten wie aus der Kanone mit "Halo!" geantwortet. Auf der Xbox One gibt es noch kein Halo, also sagen viele jetzt: "Titanfall!" Tatsächlich ist Titanfall einer von wenigen Pseudoexklusivtiteln. Neben der Xbox One erscheint auch eine PC-Version und im April noch eine Fassung für Xbox 360. Die hat noch niemand jemals gesehen und sie wurde eben erneut verschoben, um sie "noch ein bisschen besser" zu machen. Übersetzt aus PR-Deutsch in normales Deutsch heißt das: Es ist leider nicht gut geworden.

Titanfall 2: Actionreiche Titan-Kämpfe gegen fiese Bossgegner

Titanfall ist der erste Titel von Respawn Entertainment, einer jungen Entwicklerschmiede, die von Jason West und Vince Zampella gegründet wurde. Dass die zwei und auch viele andere leitende Angestellte früher für Activision Call of Duty gemacht haben, merkt man dem Titel an. Der Fokus auf schnelle, rasante, actionreiche Multiplayer-Gefechte, das Gunplay und das Prestige-System könnten auch in die Zukunftspassagen von Black Ops 2 passen.

Die enttäuschendste Kampagne der Neuzeit

Zum Erfolgsrezept von Call of Duty gehören aber immer zwei Zutaten: Perfekt ausbalancierte Multiplayer-Schlachten auf der einen Seite. Sie sorgen für Langzeitunterhaltung und dafür, dass Spieler die Disc im Laufwerk lassen (und Activision ständig neues Geld für DLCs in den Rachen werfen). Und kinoreif inszenierte Blockbuster-Action auf der anderen, verpackt in eine schwulstige Pro-Amerika-Kampagne. Die Geschichte verkauft das Produkt vor allem im Heimatmarkt: "Amerika steht unter Beschuss - und du tust nichts? Komm, kauf das Ding und rette deine Heimat!"

15 Maps sind für einen Onlinetitel ziemlich gut - die Konkurrenz kommt oft nur mit 5 oder 6 daher. Quelle: reddit.com 15 Maps sind für einen Onlinetitel ziemlich gut - die Konkurrenz kommt oft nur mit 5 oder 6 daher. Habe ich eine ähnlich inszenierte Kampagne erwartet? Ja, auf jeden Fall! Vor dem Launch hieß es sogar noch, dass Titanfall eine Art Online-Kampagne bietet, den Spieler also noch intensiver auf die Multiplayer-Gefechte vorbereiten wird. Das alles ist Quatsch. In Wirklichkeit bietet die Kampagne zwei jeweils knapp zwei Stunden lange Akte, in denen man alle Karten einmal spielt. Unterlegt wird das von einer öden Geschichte um den kapitalistischen Konzern IMC und die Miliz, die gegen die Grabungsvorhaben im All vorgeht von bescheuerten Dialogen aus dem Off, richtige Zwischensequenzen gibt es nicht. Hat man den ersten Akt durchgespielt, startet die Tortur von vorn, nun aber für die andere Fraktion. Die Kampagne ist nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Team-Deathmatches und (viel zu wenigen) Eroberungsrunden. Nicht mal alle Spielmodi kommen zum Einsatz. Capture the Flag (das man mit einfachsten Mitteln in Capture the Hostage oder ähnliches hätte ummünzen können) und Last Titan Standing fallen komplett unter den Tisch. Das ist nicht nur peinlich, das ist eine Frechheit. Wer auf Singleplayer steht, kann mit Titanfall überhaupt nichts anfangen, wer eher ein gemütlicher Kampagnen-Spieler ist ebenso wenig. Daher packen wir für diesen Teilaspekt des Spiels auch die niedrigste Wertung aus: 1 von 10 - auf keinen Fall eine Empfehlung.

Multiplayer überrascht mit neuen Features

Grunts sorgen für Atmosphäre - tragen aber spielerisch nichts bei. Quelle: PC Games Hardware Grunts sorgen für Atmosphäre - tragen aber spielerisch nichts bei. Der Multiplayer jedoch macht vieles wieder wett. Selbst Anfänger und solche, die eher nicht auf den Schlachtfeldern von Online-Shootern daheim sind, bekommen ein Erfolgsgefühl. Sven Hubers kleines Highlight sind daher die Grunts und Spectres. Das sind KI-Einheiten, die überall auf den Karten landen und mitkämpfen. Das Prinzip kennt man aus MOBA-Spielen wie LoL und Dota 2. Klar als Gegner sind sie keine große Gefahr und als Verbündete keine Hilfe. Aber gerade für ungeübte Spieler stellen sie ein willkommenes "kleines Erfolgserlebnis" dar und die Chance auch ohne MP-Erfahrung noch einen brauchbaren Punkteschnitt zu machen. Das Beste an den KI-Figuren ist aber ihr Beitrag zur Atmosphäre. Immer wieder beobachtet man kleine Skriptaktionen. Da sieht man Faustkämpfe zwischen KI-Soldaten im Stil von Soldat James Ryan, oder wie sich zwei Frontsoldaten auf einen Spectre werfen, um ihn für mich festhielten. Dazu feuern sie die Spieler an oder geben beinah ehrfürchtige Kommentare von sich wie "Wow, wir haben tatsächlich Piloten an unserer Seite."

Aber nicht nur Kampfroboter bevölkern die Welt von Titanfall. Auf einigen Karten, vor allem den Roboter-Fabriken der IMC, laufen auch neutrale Droiden herum. Sie reparieren Objekte oder schweben durch die Luft, auf der Suche nach feindlichen Bodentruppe. Wer auf sie achtet, findet schon mal einen versteckten Sniper. Und gerade in den dunklen Hausarealen muss man erst mal zwischen Piloten, Grunts und neutralen Robotern unterscheiden - das bedeutet viel Bewegung auf dem Bildschirm und ebenso viel Ablenkung. So gelingt es den Machern das Gefühl einer riesigen Schlacht zu vermitteln, obwohl nur maximal zwölf Leute auf einen Server passen.

Agile Wandläufer

Coole Wallruns gehören zu den herausragenden Elementen von Titanfall. Quelle: Electronic Arts Coole Wallruns gehören zu den herausragenden Elementen von Titanfall. Einzigartig sind auch die akrobatischen Wallrun-Einlagen der Fußsoldaten. Dank einem Jetpack auf dem Rücken kann man Doppelsprünge hinlegen und an Wänden entlangrennen, als wäre die Schwerkraft gar nicht vorhanden. Wer das besonders gut kombiniert, kann den Mehrfachsprung sogar mit Wallruns verlängern und erreicht besonders hohe Plattformen. Das verleiht Titanfall eine besondere Vertikalität - ein Wort, das ich nach Stormrise eigentlich nie mehr in den Mund nehmen wollte. Anders als in Call of Duty, wo die Action meist nur auf einer Ebene stattfindet, lauern Feinde überall: Unterm, im und überm Boden!

Die Steuerung geht dabei gut von der Hand. Als ich das erste Gameplayvideo gesehen habe und wie der Vorspieler da über die Map fegt, dachte ich: "Klar, ist ja ein Entwickler. Der spielt nichts anderes und als Pro geht das." Als ich dann selbst Hand anlege, kann ich schon nach wenigen Minuten ähnliche Stunts hinlegen. Rennen, schießen, Wallrun, Jetpacksprung durch ein Fenster, Granate auf den Gegner, hoch zur Dachluke, Wallrun, Sprung auf feindlichen Titanen, Magazin in seinen Kernreaktor entleeren, abspringen und dem aussteigenden Pilot nen Headshot verpassen. Klingt spektakulär aber dank der griffigen Steuerung gehen solche Aktionen auch Anfängern locker von der Hand.

Nach einer Runde sieht man nicht sofort die Ergebnisse, sondern muss vor dem Sieger fliehen. Quelle: PC Games Hardware Nach einer Runde sieht man nicht sofort die Ergebnisse, sondern muss vor dem Sieger fliehen. Gut gefallen hat auch der spielbare Epilog. Ein Match endet nicht einfach, wenn das Punktekonto voll ist, sondern läuft noch knapp eine Minute weiter. Die Verlierer haben dann Zeit, sich in einer Landezone zusammenzuraufen und von einem Gleiter abgeholt zu werden. Die Sieger des Matchs müssen das unterbinden. Wem es gelingt zu entkommen oder Feinde und Gleiter zu töten, bekommt noch ein paar Extrapunkte. Die spielbare Flucht aus der Runde ist allemal lustiger als ein simples "You loose/win" und dann gleich die Punktetabelle.

Es regnet Blechmänner

Die namensgebenden Titanen sind natürlich das Highlight jeder Multiplayer-Partie. Wenige Minuten nach Rundenbeginn kann jeder Spieler einen Riesenroboter zur Hilfe rufen. Der stürzt, abgeschossen von einer orbitalen Raumstation, mit Affenzahn zu Boden. Sehr cool! Steigt man ein, büßt man zwar die Agilität der Fußsoldaten ein, hat aber dafür aber fette Wummen in der Hand: Raketenwerfer, Railguns und Riesen-MGs gehören zum Titanen-Repertoire. Die Mechs fühlen sich ein wenig wie ein lang vermisstes Fahrzeug-Feature in Call of Duty an, so als hätte man den Konsolenprimus mit ein bisschen Battlefield gepaart. Weil man zu- und aussteigen kann wann man will, fühlen sich die Roboter organisch wie ein Teil, eine Verlängerung, des rasanten Shooter-Gameplays an. Besonders gelungen sind die coolen Einstieg-Sequenzen und die Bildschirmaufteilung im Cockpit.

Oft wurde vor dem Launch befürchtet, dass die Killerroboter zu stark seien und Fußvolk einen Nachteil gegen sie hätte. Doch das Balancing ist Respawn wirklich gut gelungen. Jeder Charakter hat eine Anti-Titan-Waffe dabei, mit der er etwas Schaden anrichtet. Wird er dabei aber entdeckt, ist es schnell aus. Cooler und auch irgendwie passender sind da schon die Akrobatik-Moves. Wer von Dächern springt oder mit Wallruns nach genug rankommt, kann Titanen aufs Dach steigen. Oben festgekrallt schießt man den Kern des Boliden kaputt. Wenn der Pilot jetzt nicht aussteigt oder sich anderweitig um den blinden Passagier kümmert, ist sein Mech innerhalb von Sekunden Schrott.

Umfangreiches Kartenmaterial, wenige Spielmodi

Titanfall kommt zum Start mit 15 Karten. Für einen Online-Shooter ist das eine Menge. Vergleichbare Titel haben meist nur fünf oder sechs Maps, manchmal sogar weniger. Das sorgt für viel Abwechslung und auch nach Stunden findet man noch ein Eck, das einem plötzlich völlig neu vorkommt. Die verwinkelten Schlachtfelder bieten nämlich überall Abkürzungen und versteckte Rohre. Da kann es schon passieren, dass man zehn Mal an einem halb geöffneten Gullideckel vorbeirennt und beim elften Mal feststellt, dass sich darunter ein Tunnel befindet, der direkt hinter die feindliche Linie führt. Solche taktischen Elemente zu nutzen macht Spaß und gehört zu den großen Positivpunkten von Titanfall.

Die Titanen sind mächtige Killerroboter - doch das balancing gelingt. Quelle: Dualshockers Die Titanen sind mächtige Killerroboter - doch das balancing gelingt. Enttäuschend ist hingegen die Auswahl und Zahl der Spielmodi. Zwei Varianten von Team-Deathmatch gibt es, die sich einzig und allein darin unterscheiden, ob nur Pilotenabschüsse Punkte fürs Konto liefern oder alle Abschüsse, auch Grunts. Hard Point Domination ist ein eher taktischer Spielmodus, der an den Kampf um Flaggenpunkte in Battlefield erinnert. Capture the Flag ist soweit auch bekannt. Der einzig kreative Modus ist leider der schwächste: In Last Titan Standing starten alle Piloten in einem Titan. Sind alle hinüber, ist die Runde zu Ende. Das Team, deren Titan dann noch steht, gewinnt. Eigentlich eine coole Idee, doch die Matches sind entweder nach nur wenigen Sekunden vorbei, oder ziehen sich total in die Länge, weil man nach dem Tod auch nicht mehr spawnen kann. Das schnelle Rundentempo sorgt also dafür, dass Titanfall für Unterhaltung zwischendurch sorgt - aber auf lange Sicht fesselt es nicht vor den Bildschirm.

Dafür sorgen auch andere Features, die Respawn versemmlt. So gibt es nur wenige Waffen freizuschalten, die zusätzlichen Items, etwa Schalldämpfer oder Zielobjektive, sind ein Witz. Die meisten Wummen haben nur zwei bis drei Aufsätze, lange braucht man nicht um alles freizuspielen. Nun gibt es jedoch auch noch Burn Cards. An sich eine tolle Idee: Die wertvollen Karten schalten entweder Waffen frei oder bieten Boni, zum Beispiel verkürzte Wartezeit für den nächsten Titan. Doch gerade die Waffensammlung ist total überflüssig: Wer mehr als zwei oder drei Stunden lang Titanfall gespielt hat, braucht keine Burn Card, um ein Sniper Gewehr zu bekommen - er kann es im Loadout einfach auswählen. Ähnlich ergeht es auch den Anti-Titan-Waffen: Irgendwann hat man sie alle im normalen Loadout, Burn Cards dafür zu verschwenden macht also gar keinen Sinn mehr. Cool wäre es gewesen, wenn man wirklich hilfreiche Items oder Waffen bekäme. Dann würde man sich auch ernsthaft Gedanken machen, ob und wann man sie einsetzt. Aber zum größten Teil führen sich die Itemkarten selbst ad absurdum.

Technik: In der Bewegung hübsch

Die Texturen sind an vielen Ecken sehr niedrig aufgelöst, auf der Xbox One kommt es zu Kantenflimmern. Quelle: PC Games Hardware Die Texturen sind an vielen Ecken sehr niedrig aufgelöst, auf der Xbox One kommt es zu Kantenflimmern. 720p, 792p, 900p, 1080p. Lange war nicht klar, wie hoch die Auflösung von Titanfall wirklich ist. Tatsache ist nun: Titanfall löst nativ mit 792 Zeilen in der Höhe auf und rechnet die auf 1080p hoch. Das sorgt auf der Xbox One zu teilweisem Tearing, aber ansonsten merkt man die 288 Zeilen Unterschied zu nativem Full-HD gar nicht. Meistens rennt man eh in tierisch hoher Geschwindigkeit an Wänden entlang oder springt wie ein Flummi über die Karte. Dann sieht Titanfall ganz nett aus. Zwar nicht exakt nach dem, was ich mir vor einem Jahr noch unter Next-Gen vorgestellt habe - aber immerhin besser als auf den alten Konsolen möglich war. Erst wenn man stehen bleibt und die Texturen genauer betrachtet, merkt man wie sehr die Source Engine in die Jahre gekommen ist. Manche Bodenbeläge und Objektdetails wirken arg verschwommen, Vegetation insgesamt einfach sehr grob. Das stört. Die PC-Version ist deutlich schärfer und bietet eine viel höhere Kantenglättung.

Aber Respawn war eben flüssiges Gameplay wichtiger als state of the art Grafik. Deshalb läuft Titanfall auch mit halbwegs beständigen 60 Frames pro Sekunde. Das klappt zwar nicht immer, es kommt immer wieder mal zu Stottern und Framerateeinbrüchen, wenn man coole Animationen wie das Einsteigen in Titans auslöst. Aber insgesamt wirkt der Shooter flüssig, wie aus einem Guss.

Meinungen

Wertung zu Titanfall (XBO)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Titanfall (PC)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Balancing Infanterie/Titanen ist gelungenArt-Design überzeugtcoole Wallrun-Passagen und Doppelsprünge sorgen für VertikalitätSteuerung geht nach kurzer Zeit gut von der Hand, auch Anfänger schaffen spektakuläre „Runs“Eigenleben der KI-SoldatenIm Hintergrund der Maps ist auch immer gut was losWaffenauswahl recht übersichtlichPrestige-Ränge für Profis zum Angebenhochaufgelöste PC-Version mit knackig scharfen Details
gelegentliches Ruckeln und Framerateeinbruchwas Respawn hier eine Kampagne nennt ist eine FrechheitBurn Cards bringen im späteren Verlauf des Spiels immer wenigeraustauschbare, generische Spielmodi, welche die Titanen gar nicht so recht einbeziehenFür BF/CoD-Spieler vielleicht zu magerGrafik leidet stellenweise an KantenflimmernBisweilen arten die Gefechte in Hektik aus und werden unübersichtlich
Fazit

Temporeiche Online-Action mit coolen Wallruns und riesigen Kampfrobotern - wer auf Multiplayer-Gefechte steht wird es lieben. Solisten machen einen großen Bogen drum.

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