Als erster Teil der kultigen Xeno-Serie schafft es Episode II endlich auch nach Deutschland.
Spielerische Überraschungen
Xenosaga: Episode II - Jenseits von Gut und Böse
Der Spielverlauf stellt eine glasklare Überraschung dar, denn schon nach kurzer Zeit wird ersichtlich, dass es sich um kein Rollenspiel mit herkömmlichen Spielelementen handelt und offensichtlich mit alten Traditionen gebrochen werden soll: Einkaufsbummel durch Waffenläden oder sonstige Shops gehören augenscheinlich der Vergangenheit an, es gibt sie schlichtweg einfach nicht. Das innovative Kampfsystem ist fast schon eine Wissenschaft für sich, eine längere Eingewöhnungsphase ist hier zwingend erforderlich, dafür bietet dieses komplexe System dafür nicht alltägliche Möglichkeiten: macht Euch jedenfalls darauf gefasst, dass viele Kämpfe mehrere Minuten lang andauern, wer von Euch hier die nötige Geduld und Ausdauer nicht mitbringt, wird nicht viel Spaß an diesem Abenteuer haben und früher oder später entnervt das Joypad in die Ecke schleudern. Gewöhnt Euch darüber hinaus besser gleich vom Start weg daran, dass etliche Zwischensequenzen die Geschichte weitererzählen beziehungsweise Rückblenden in die Vergangenheit erfolgen, Erinnerungen an die PS One-Knaller Final Fantasy VII, VIII oder auch Chrono Cross werden hier wach.
Wer Filmsequenzen nicht sonderlich mag und in Verbindung mit den ohnehin lange andauernden Kämpfen zwischendurch nicht zum minutenlangen Zuschauen verurteilt sein möchte, dürfte früher oder später enorme Probleme bekommen. FMV-Liebhaber werden dies hingegen sehr begrüßen, denn allein in den ersten circa zehn Spielstunden betrachtet Ihr annähernd die Hälfte der gesamten Spielzeit die besagten Full-Motion-Video-Sequenzen. Des Weiteren sicherlich gewöhnungsbedürftig ist die Tatsache, dass die eigentlichen Dialoge unter den einzelnen Charakteren für ein Rollenspiel vergleichsweise wenig Gewicht in "Xenosaga II" haben, zumindest spätestens ab der zweiten Hälfte des Abenteuers nehmen diese leider rapide ab, der schöne Erzählstil zu Beginn des Abenteuers gehört der Vergangenheit an, im Vordergrund stehen nunmehr die minutenlangen actionreichen Kämpfe.
Xenosaga: Episode II - Jenseits von Gut und Böse
Gesteuert wird Eure Truppe von schräg oben durch eine 3D-Landschaft, wobei nur eine Figur sichtbar ist, insoweit nichts Ungewöhnliches. Zu beanstanden ist, dass der Spielverlauf von "Xenosaga II" viel zu linear verläuft, es führt meistens nur ein bestimmter Weg zum Ziel beziehungsweise passiert nichts Neues, solange Ihr nicht eine bestimmte Aktion getätigt oder ein spezielles Gebiet betreten habt. Für den ambitionierten Rollenspieler ist dies sicherlich zu wenig, gar keine Frage. Ab und an gibt es zwar kleinere Abzweigungen, welche Euch in den Besitz kleinerer oder auch größerer Schätze gelangen lassen und zudem existieren eine Reihe unterschiedlicher Rätsel, doch über den insgesamt streng-linearen Spielverlauf hinwegtrösten können diese auch nicht. In jenen Situationen müsst Ihr Segmenttüren ausfindig machen und daraufhin die Suche nach dem passenden Decoder starten, erst dann könnt Ihr in den Besitz des jeweils verborgenen Schatzes gelangen. Durch die beliebig drehbare Kamera seid Ihr zudem immer voll auf der Höhe und habt immer den nötigen Überblick und zudem durch die 3D-Ansicht das Gefühl, mittendrin im Spielgeschehen zu sein, was sich positiv auf die Dichte der Spielatmosphäre auswirkt.
Um Euch noch etwas mehr Abwechslung zu bieten, seid Ihr in Episode II mit Eurem Heldentrupp nicht nur zu Fuß unterwegs, sondern besteigt mitunter einen riesigen Mech, mit dem Ihr nicht nur durch das entsprechende Areal wandert, sondern auch in Kämpfe verwickelt werdet. Die gestellten Anforderungen sind dabei nicht gerade ohne, aber zum Glück selten unfair, zumal die Speicherpunkte sehr zahlreich und immer fair verteilt sind, überaus frustrierende Momente sollten daher eher die Ausnahme sein. Der Motivation hingegen nicht besonders zuträglich ist das gänzliche Fehlen von Waffen- und Rüstungsshops, spezielle Gegenstände wie Zauber- oder Heiltränke bekommt man ausschließlich durch das Besiegen der Feinde oder findet diese in den schon erwähnten Schatztruhen. Andererseits bringt dies wiederum den Vorteil mit sich, dass mit dem Benutzen jener Utensilien besonders vorsichtig umgegangen werden muss, insofern eine stärkere taktische Komponente zur Geltung kommt.
Nach dieser zumindest kleinen Ernüchterung ist es umso begrüßenswerter, dass zumindest der Smalltalk mit den Bewohnern der jeweiligen Städte erhalten geblieben ist. Einem netten Plausch lassen sich zuweilen sehr nützliche Infos entnehmen, des Weiteren gibt es eine Spezialmission namens "Globale Samariter", die das Aufsuchen einiger Bürger in verschiedenen Orten voraussetzt, die dann eine kleine Aufgabe parat haben, für deren erfolgreicher Bewältigung es kleine aber feine Preise gibt, so zum Beispiel auch neue Kampftechniken, welche selbstverständlich gerne angenommen werden.
Sehr erfreulich ist die Tatsache, dass in steter Regelmäßigkeit urplötzlich auftretende Zufallskämpfe der Vergangenheit angehören, denn Ihr erkennt die Gegner hier bei "Xenosaga II" schon aus sicherer Distanz. Sehr unerfreulich ist hingegen, dass diesen Kämpfen so gut wie nie ausgewichen werden kann, so dass Ihr eben doch gezwungen seid, Euch in den teils minutenlangen Schlachten mit den Gegnern auseinander zu setzen. Die spielerische Freiheit im Hinblick auf das Vorantreiben der Story hält sich demzufolge doch in argen Grenzen, in dieser Hinsicht muss - schließlich schreiben wir mittlerweile das Jahr 2005 - einfach mehr kommen. Was die Kämpfe an sich angeht, so sieht das Ganze schon wesentlich vielschichtiger aus.
Ein komplexes Kampfsystem...
Xenosaga: Episode II - Jenseits von Gut und Böse
...welches einerseits viele interessante Ansätze und eine bemerkenswerte Gestaltungsfreiheit bietet, andererseits aber überladen wirkt: kommt es zum Kontakt mit dem Feind, dauert es unangenehm lange, bis der Kampfbildschirm vollständig geladen ist. Überhaupt sind die Ladezeiten - auch bei den Zwischensequenzen - etwas störend, eine Tatsache, die in unserer heutigen Zeit eigentlich ausgemerzt sein sollte. Dann kann es aber auch (endlich) losgehen, wir finden uns in einer speziellen Kampfarena wieder, maximal drei Helden Eurer Truppe sind in der Folgezeit aktiv. Am Bildschirmrand könnt Ihr die Kombo-Möglichkeiten der entsprechenden Spielfigur ablesen, sofern diese in den Kampf eingreifen kann. Es existiert nämlich eine Turbo-Funktion, welche es anderen Figuren ermöglicht, schneller als geplant zum Zuge zu kommen, so dass die Reihenfolge öfters durcheinander gewirbelt wird. Dies ist dann möglich, wenn Ihr die Abwehr eines Feindes durchbrochen habt und mit einem weiteren Hieb den Feind durch die Luft oder zu Boden schleudert, dann ist der Zeitpunkt gekommen, in welchem ein Kamerad zusätzlich herbeieilen und zuschlagen kann, so dass der Gegner deutlich mehr Schaden erleidet als es ansonsten der Fall gewesen wäre.
Wichtig ist dabei, die Schwachstellen des jeweiligen Gegenübers herauszufinden, jede Figur wird in drei unterschiedliche Trefferzonen unterteilt, welche von Euch anvisiert und im Erfolgsfall mit Kombinationsschlägen Eurerseits eingedeckt werden. Nicht vergessen dürft Ihr dabei, dass auch dem Feind diese Möglichkeiten zur Verfügung stehen, was das Ganze zwar nicht gerade einfach, dafür aber anspruchsvoll macht. Selbstverständlich wird nicht nur drauflosgeschlagen, sondern auch Magiekünste kommen vermehrt zur Anwendung, schließlich wäre ein Rollenspiel ohne Zauberei undenkbar. Ihr könnt nach Belieben Eure Lebensenergie oder Zauberkräfte auffrischen, Euch durch Spezialgegenstände taktische Vorteile im Kampf verschaffen oder auch mächtige Zauber heraufbeschwören und - dies ist nicht gerade unwichtig - die drei Charaktere im Kampf mit denen "in Reserve" austauschen, jedoch dürfen alle Heldenfiguren - egal ob sie am vorhergehenden Kampf aktiv teilgenommen haben oder nicht - am Erfahrungspunkte-Segen teilhaben.
Die Spezialenergie steht dabei zwar nicht andauernd zur Verfügung, dafür ist sie aber umso wichtiger: in den Besitz dieser wichtigen Energiequelle gelangt Ihr in erster Linie durch das Erfüllen mehr oder weniger schwieriger Missionen, insofern sich das Spielen "in die Breite" schon lohnt, wenn auch nicht in dem Maße, wie es eigentlich in einem umfangreichen Rollenspielabenteuer wünschenswert ist. Mit dieser speziellen Energie können besonders effektive Attacken ausgeführt werden, besonders durchschlagskräftig sind diese im Falle einer Doppelattacke zweier Figuren und erst recht bei den Kombo-Attacken, die im Optimalfall mehrmals hintereinander ausgeführt werden können. Da die Spezialenergie aber vergleichsweise selten zu ergattern ist, sollte mit ihr sparsam umgegangen werden und sie primär im Kampf mit den mächtigen Endgegnern zur Anwendung kommen.
Belohungen für den Kampf
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Motivierende Belohnungen sind nicht nur in einem Rollenspiel das A und O, hier sind dies in erster Linie die heißbegehrten Erfahrungspunkte, welche traditionsgemäß die Wirbelsäule eines solchen Abenteuers darstellen. Neue Talente werden durch das häufige Benutzen unterschiedlicher Fähigkeiten erlernt, soll heißen dass die einzelnen Figuren so oft wie möglich bestimmte Skills zur Anwendung kommen lassen müssen, um weitere Unterkategorien freischalten zu können. Je öfter die Kämpfe erfolgreich absolviert werden, umso erfahrener werden somit die einzelnen Charaktere, da macht auch "Xenosaga II" überhaupt keine Ausnahme. Die eigenen Figuren werden stärker und stärker und gewinnen außerdem zunehmend an Fähigkeitspunkten, je nach Anstieg dieser Punkte ist es möglich, den Figuren einzelne völlig neue Eigenschaften anzutrainieren, es obliegt ganz allein Euch, wie Ihr bestimmte Talente verstärken oder gar perfektionieren wollt, beziehungsweise auf was Ihr bei einer bestimmten Figur besonderen Wert legt, denn grundsätzlich können alle Figuren dasselbe erlernen. Ihr müsst dabei herausfinden, für welche Figur sich welche spezielle Eigenschaft am Besten lohnt, es existieren zahlreiche Klassen und Unterkategorien, die freigeschaltet sein wollen, um eine nächsthöhere Stufe erlangen zu können. Wem das jetzt zu kompliziert klingt, dem sei gesagt, dass Ihr zu Beginn des Abenteuers brav in einem entsprechenden Tutorial aufgeklärt werdet, Ihr müsst eben nur das beherzigen, was sich im Übrigen wie ein roter Faden durch das ganze Spiel zieht: nur mit viel Geduld und großer Aufmerksamkeit erschließt Ihr sämtliche Feinheiten, dies gilt sowohl im Hinblick auf das Gameplay als auch die Hintergrundgeschichte.
