Report: Ist Bioware wirklich noch Bioware? - Jetzt mit Video-Diskussion
Special
Was ist nur aus den Kult-Rollenspiel-Entwicklern geworden? Wir haben uns die Entwicklung der letzten Jahre beim kanadischen Studio Bioware einmal genauer angeschaut.
Bioware - einer der Namen aus der Spieleindustrie, die von jungen Entwicklern mit Ehrfurcht genannt werden. Ein Traditionsstudio, das viele aufstrebende Teams als Vorbild bezeichnen. Seit über 20 Jahren haben sich die Kanadier im Bereich der Rollenspiele einen herausragenden Ruf erarbeitet und zahlreiche Fans auf der ganzen Welt um sich geschart.
Gerade erst hat das Studio mit Mass Effect: Andromeda den heiß ersehnten vierten Teil ihrer Science-Fiction-Saga veröffentlicht. Bei internationalen Kritikern fuhr das Action-Rollenspiel allerdings eine der schlechtesten Metacritic-Durchschnittswertungen der Firmengeschichte ein. Nur Sonic Chronicles: The Dark Brotherhood für den Nintendo DS aus dem Jahr 2008 wurde ähnlich schlecht bewertet. Auch von Seiten der Spielerschaft muss sich Bioware einiges an Kritik anhören. Allerdings hat der makellose Glanz von Bioware nicht erst jetzt seine ersten Kratzer abbekommen. Das neue Mass Effect ist nur ein neuer Tiefpunkt.
Spätestens seit dem als Schnellschuss verrufenen Dragon Age 2 aus dem Jahre 2011 hinterfragen mehr und mehr Fans die Richtung, die das Studio in den letzten Jahren eingeschlagen hat. Von den Startschwierigkeiten des Online-Rollenspiels Star Wars: The Old Republic im gleichen Jahr, über das kontroverse Ende und die Aufregung um den Release-DLC von Mass Effect 3, bis hin zur neuen Ausrichtung auf offene Spielwelten in Dragon Age: Inquisition bot Bioware mit seinen letzten Titeln immer wieder neue Angriffsflächen. Spieler zeigen sich unzufrieden mit der Entwicklung, die das Studio eingeschlagen hat, und es kommt immer wieder zu der Frage: Ist Bioware wirklich noch Bioware? Wieviel ist vom einstigen Ruhm heute noch übrig? Wie viel der ursprünglichen Leidenschaft für Rollenspiele steckt heute noch in Bioware?
Auf dieser Seite
Fehlende Entwicklung
Lange Zeit konnte man sich darauf verlassen, dass in Bioware-Spielen vor allem herausragende Charaktere und eine spannende Story im Mittelpunkt stehen. Diese Elemente nennen auch die Leser von PCGames.de in einer Umfrage als die wichtigsten Merkmale, mit denen sie die Spiele des kanadischen Studios verbinden.
Quelle: PC Games
Coole Charaktere, packende Inszenierung und eine spannende Geschichte zeichneten die Bioware-Spiele der Neuzeit aus.
Zwar gehören Story und Charaktere auch in den letzten Titeln zur den klaren Highlights, dennoch überzeugen gerade auch diese wichtigen Bereiche zunehmend immer weniger. So bescheinigen wir Mass Effect: Andromeda in unserem Test eine eher schwache Hauptgeschichte, die nur selten wirklich in Fahrt kommt.
Das liegt auf der einen Seite daran, dass mit immer größeren und umfangreicheren Spielwelten der Fokus vom wesentlichen immer häufiger abgelenkt wird. Bioware ist da nicht das erste Studio, die offenbar lernen müssen, dass man eine packende Handlung nur sehr schwer mit einer offenen Spielwelt in Einklang bringen kann. The Witcher 3 hat bisher als positive Ausnahme am beeindruckendensten gezeigt, wie man diese Symbiose erreichen kann. Auf der anderen Seite scheint es bei Bioware kaum eine Weiterentwicklung zu geben, was den Umgang mit der eigenen Erzählweise und den Aufbau der Geschichte angeht.
Dabei hat sich die Welt der storylastigen Videospiele enorm weiter entwickelt. Titel wie Uncharted 4, The Last of Us (beide PS4), The Walking Dead und der bereits erwähnte Witcher haben in den letzten Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie emotionale und mitreißende Geschichten heute erzählt werden. Bei Bioware ist da seit Dragon Age: Origins kaum eine Weiterentwicklung zu erkennen. Entsprechend kommt Kollege Mathias Oertel von unserer Schwesterwebseite 4Players in seinem Test von Mass Effect: Andromeda zu einem recht passenden Fazit: "War Bioware jahrelang Rollenspiel-Vorreiter und -Wegbereiter, ist man mittlerweile nur noch Mitläufer - auch weil man im Gegensatz zur Konkurrenz das Risiko scheut und daher weitgehend stagniert."
Veteranen und Ehemalige
Gründe für fehlende Innovationskraft und zumindest stagnierende Qualität der Spiele zu finden ist nicht so leicht, ohne direkten Einblick in die Abläufe des Studios zu haben. Immer wieder begründen Spieler den gefühlten Niedergang von Bioware mit dem Abgang zahlreicher führender und kreativer Köpfe. Allen voran natürlich die beiden Gründer Ray Muzyka und Greg Zeschuk. "Von den Gründern ist seit September 2012 niemand mehr bei 'Nur-noch-ein-Schatten-seiner-selbst'-Bioware", schreibt zum Beispiel User KSPilo im Forum von PCGames.de. Doch ist der Abgang wichtiger Entwickler beim kanadischen Studio wirklich so drastisch, wie das gerne dargestellt wird?
Klar wiegen vor allem die Abgänge der Gründer schwer und stellten eine Zäsur für das Unternehmen dar. Allerdings muss man auch festhalten, dass beide nur in den Anfangsjahren wirklich aktiv an der Entwicklung von Spielen beteiligt waren. Später traten die beiden nur noch als Produzenten auf und ab Dragon Age: Origins nicht einmal mehr das. Deutlichere Auswirkungen dürften da die Abgänge kreativer Köpfe wie Casey Hudson und David Gaider haben, die maßgeblich an der Erschaffung der Mass-Effect- beziehungsweise Dragon-Age-Reihe beteiligt waren.
Quelle: PC Games
James Ohlen, einer der führenden Entwickler von Baldur's Gate arbeitet noch immer bei Bioware.
Schaut man sich allerdings die Geschichte von Bioware genauer an und untersucht die führenden Köpfe aller jemals erschienenen Spiele, dann fällt auf, dass auch viele Leute von "damals" noch heute im Studio aktiv sind. Zum Beispiel James Ohlen, der als Game Director und Writer quasi der Schöpfer beider Baldur's-Gate-Titel ist. Er ist jetzt seit über 20 Jahren bei Bioware und betreut heute als Game Director das Online-Rollenspiel Star Wars: The Old Republic. Ähnliches gilt für Autor Drew Karpyshyn, der als Lead Writer von Neverwinter Nights, Knights of the Old Republic und Mass Effect einen nicht unwesentlich Anteil an der großen Story-Tradition von Bioware hat.
Auch die heutigen Verantwortlichen der Dragon-Age-Reihe Mike Laidlaw und Mark Darrah sowie Mass-Effect-Game-Director Mac Walters sind bereits seit Zeiten von Baldur's Gate 2 beziehungsweise Jade Empire im Unternehmen tätig. Die Fluktuation des Personals fällt bei Bioware daher nicht groß anders aus, als es bei den meisten großen Entwicklern üblich ist. Mass Effect: Andromeda ist abgesehen von Game Director Mac Walters überhaupt das erste Projekt, in dem Bioware auch in der Führungsriege auf relativ frisches Personal gesetzt hat. Das liegt aber auch daran, dass es nach Star Wars: The Old Republic erst das zweite Bioware-Spiel ist, das nicht im Hauptstudio Edmonton entwickelt wurde.
Der Publisher - Das oberste Übel?
Ebenso häufig wie der Verlust des kreativen Personals wird die Schuld für Veränderungen bei Bioware beim Publisher Electronic Arts gesucht. Seit inzwischen fast zehn Jahren lenkt der Großkonzern die Geschicke des kanadischen Studios. Für rund 860 Millionen US-Dollar kaufte der Publisher Ende 2007 einen Zusammenschluss aus Bioware und Pandemic auf. Seit Januar 2008 ist Bioware damit eine vollwertige Tochtergesellschaft von EA.
Fragt man die Entwickler von Bioware, beteuern diese allerdings auch uns gegenüber, dass sie größtmögliche Freiheiten innerhalb des Konzerns genießen. "Um ehrlich zu sein, abseits der größeren Firmenstruktur stecken sie ihre Nase nicht in unsere kreative Arbeit", erklärte uns Montreal-Studiochef Yanick Roy im Oktober 2016. General Manager Aaryn Flynn unterstrich diese Aussage am Beispiel von Dragon Age 2, das eben kein Schnellschuss aus einem Büro des EA-Hauptquartiers gewesen sei, sondern eine bewusste Entscheidung der Entwickler bei Bioware.
Quelle: PC Games
Mit Jade Empire löste sich Bioware erstmals von klassichen RPG-Mechaniken und setzte auf ein Action-Kampfsystem.
Fairerweise lässt sich die kreative Entwicklung der Bioware-Spiele in den vergangenen Jahren tatsächlich nicht zwingend auf die Übernahme durch EA zurückführen. Als der Publisher Anfang 2008 das Ruder übernahm, hatte das Studio mit Titeln wie Jade Empire und dem ersten Mass Effect bereits die Grundlagen geschaffen, an denen sich bis heute alle Spiele von Bioware orientieren. Selbst das viel gelobte Knights of the Old Republic lässt diese Ansätze schon erkennen, auch wenn ihm noch ein Kampfsystem auf den D&D-Regeln zugrunde liegt. "Es hat nie einen EA-Manager gegeben, der uns gesagt hat, was wir tun sollen", erklärte uns Aaryn Flynn einmal im Interview. Wirklich glaubwürdig ist diese Aussage aber auch nicht.
Allein schon, wie EA zwischen 2009 und 2012 versucht hat mit dem Namen Bioware Studios und Projekte zu profilieren, zeigt, wie der Publisher das meiste aus dem großen Namen heraus holen wollte. Damals wurden mit Bioware Mythic, Bioware Irland, Bioware Victory, Bioware Sacramento und Bioware San Francisco neue und bestehende Studios unter der großen Marke zusammengefasst, nur um wenig später schon wieder ausgegliedert zu werden. Bekanntestes Projekt dieser experimentellen Phase ist der Nachfolger zu Command & Conquer: Generals, der die Strategiereihe mit bioware-typischer Qualität zu neuem Erfolg führen sollte, aber nach negativer Kritik sang und klanglos wieder eingestellt wurde.
Es ist vermutlich auch kein Zufall, dass der Rückzug der Gründer Greg Zeschuk und Ray Muzyka in genau diese turbulente Phase fiel. Genau so wie es schwer vorstellbar ist, dass Mass Effect: Andromeda noch Ende März 2017 veröffentlicht wurde, ohne dass dabei Druck von EA dahinter steckte. Immerhin endete am 31. März für den Publisher das Finanzjahr 2017 und die Initialverkäufe des SciFi-Rollenspiels sollten kurz vor Schluss noch einmal die Bilanz aufbessern. Denn dass niemand bei Bioware von dem mangelhaften technischen Zustand des Spiels zum Release gewusst haben will, ist ebenso schwer vorstellbar.
Zurück zu alter Stärke
Ja, Bioware hat sich über die Jahre definitiv verändert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Electronic Arts als Eigentümer hat da genauso seinen Anteil dran, wie der Abgang altgedienter Kreativer. Als alleinige Ursachen dienen diese Gründe aber nicht. Denn auch Entwickler sind nur Menschen, die sich verändern. So macht ein James Ohlen heute eben keine Iso-RPGs mehr, sondern entwickelt ein Online-Rollenspiel. Und während sich das Wesen von Bioware seit den Anfangstagen stark gewandelt hat, bilden ihre Spiele der letzten Jahre doch ein gewisses Paradoxon dazu. Denn seit den Anfängen der Mass-Effect- und Dragon-Age-Reihe halten sich die Fortschritte beim Spieldesign eher in Grenzen.
Es bleibt zu hoffen, dass die durchwachsenen Reaktionen auf Mass Effect: Andromeda ein Warnschuss zur rechten Zeit waren und sich Bioware einmal mehr wandelt und diesmal auch die Weiterentwicklung ihrer Spiele nicht vergisst. "Das Studio möge zu der Qualität der Spieleperlen aus seiner eigenen Vergangenheit zurückkehren", wünscht sich einer unserer Umfrage-Teilnehmer für die Zukunft von Bioware. Ein Wunsch, den viele Leser teilen, und dessen Erfüllung wir den Kanadiern gönnen würden.
