Crysis 3 im Test: Wir haben die Singleplayer-Kampagne unter die Lupe genommen

Test Sandro Odak

In einer Welt, in der Grafik alles wäre, könnte Crysis 3 Platz auf dem Thron nehmen und für ziemlich lange Zeit ungestört regieren. Aber da ist ja auch noch Gameplay. Daran mangelt es dem Crytek-Shooter stellenweise - und von den vielen Fehlern der Konsolenfassungen reden wir hier noch gar nicht!

Testhinweis: Wir haben Crysis 3 zum Zeitpunkt des Tests für Xbox 360 und PC bereitgestellt bekommen. Für das Review haben wir die Fassung für Xbox 360 von vorne bis hinten durchgespielt. Die PC-Fassung haben wir anhand von Stichproben an zwei Savegame-Stellen "gegengetestet". Wir gehen in der Kritik daher im Allgemeinen von der Konsolenversion aus - durchaus nicht zu verachtende Unterschiede zum PC stellen wir am Ende des Tests heraus.

Crysis 3 im Gamezone-Check (1) Quelle: EA/Crytek Crysis 3 im Gamezone-Check (1) 23 Jahre nach Crysis 2 ist Prophet zurück. Mit einem alten Kumpel, dem Ex-Nanosoldaten Psycho, hat er Wahnsinniges vor: Erneut in den New York City Liberty Dome einbrechen, herausfinden was CELL dort treibt und dem Spuk ein für alle Mal den Garaus machen! Die Privatarmee hat sich nach dem Ende des Vorgängers als Retter der Welt aufgespielt, Prophet gefangengenommen und in einen Kryo-Schlaf versetzt. In seiner Abwesenheit ist viel passiert: Der Nanodome ist nach wie vor in Betrieb, von New York aus steuert CELL ein weltweites Imperium. Mit endloser Energiegewinnung haben sie den Markt überschwemmt und mit günstigen Lockangeboten die Welt verführt. Wer CELLs Rechnungen nicht mehr zahlen kann, wird einkassiert und muss als Lohnsklave arbeiten. Geld spielt für die Weltverschwörer schon lange keine Rolle mehr. Deshalb bekommt auch fast niemand mit, was wirklich unter dem Liberty Dome passiert: CELL forscht an Ceph-Technologie, um sich den Planeten auch jenseits von Energiefragen unter den Nagel zu reißen - doch eine Rebellentruppe hält dagegen. Sie setzt sich aus einigen wenigen Überlebenden und vielen Zwangsarbeitern zusammen.

Allein schaffen es die Rebellen aber nicht, immerhin kämpfen sie an zwei Fronten. Neben den CELL sind immerhin auch die Außerirdischen Ceph noch am Leben und arbeiten beharrlich weiter daran, den Planeten zu unterjochen. Nur mit einem haben beide nicht gerechnet: Prophet! Der Soldat im Nanosuit ist mittlerweile selbst fast sowas wie ein Ceph, hat durch die biologische Anpassung seines Anzugs außerirdische DNA aufgenommen - was ihn zu einem gefährlichen Feind für den Anführer der Aliens macht, den Alpha-Ceph!

Prophet und Psycho - ein ungleiches Team

Crysis 3 im Gamezone-Check (6) Quelle: EA Crysis 3 im Gamezone-Check (6) In den ersten Minuten von Crysis 3 gibt es direkt eine Überraschung: Kamerad Psycho ist wieder dabei, jedoch hat er seinen Anzug verloren. CELL hat ihn ihm abgenommen, erzählt er, seitdem ist er wieder ein normaler Mensch. Das sorgt im Verlauf der Geschichte mehrfach für kritische Kommentare und auch ein wenig Selbstzweifel, bleibt aber leider der einzige tiefgründige Seitenhieb. Denn sobald Psycho und Prophet in den Dome vordringen, läuft das Spiel an vielen Stellen gleich ab. Der Kamerad nimmt mit seinem Scharfschützengewehr versteckt Stellung, wir greifen zum Nanovisor, scannen die Umgebung und markieren Feinde. Die werden dann der Reihe nach ausgeschaltet - entweder im Schleichmodus oder auf die brachiale Panzermethode. Wie durch Zauberhand taucht Psycho dann am Zielort wieder auf - manchmal fragt man sich schon, warum nicht einfach beide den gleichen widerstandslosen Weg gegangen sind...

Wenigstens sind die Areale, auf die Psycho uns loslässt, größer als im Vorgänger. Wer sich nicht mehr erinnert: In Crysis 2 fühlte sich über weite Strecken an wie im Schlauch. Die Kampfgebiete sahen zwar weit aus, wer aber einen vorgewählten Pfad verließ, war schnell aufgeschmissen. Crysis 3 macht damit Schluss. Fast immer kämpft man sich von einem Sandbox-Gebiet zum nächsten - echtes Open-World ist das nicht, man wird (von Psycho) immer wieder an der Hand genommen und ins nächste Gebiet geschubst. Das macht durchaus Spaß, weil man wirklich unterschiedliche Wege wählen kann, um zum Ziel zu gelangen, ist aber relativ bald ermüdend. Besonders an solchen Stellen, an denen zwei Gebiete ganz nah bei einander stehen, aber durch ein Tor versperrt sind. Wir ballern vor einem solchen mit einem Panzer rum. Einige Momente später öffnet sich ein Tor zum nur wenige Meter entfernten Gebiet - hier sind alle Wachen unaufgeregt, wissen nichts von unserem Kommen. Auch wenn Crysis 3 einem Sandboxing vormacht, es fühlt sich eher an, als würde man zusammenhanglos von einer Gegnerhorde in die nächste geschmissen werden.

Crysis 3 im Gamezone-Check (10) Quelle: Electronic Arts Crysis 3 im Gamezone-Check (10) Ein wenig kompensiert wird das vom fantastischen Stadtbild New Yorks. 20 Jahre fast ohne Zivilisation haben deutliche Zeichen hinterlassen: Der Big Apple ist zum Urwald mutiert. Hochhäuser sind verfallen, aus Rissen im Beton ragen Sträucher, aus Fenster wachsen Bäume. 20 Jahre ohne Menschen und die Natur bahnt sich ihren Weg zurück! Das sieht atemberaubend aus und dient zusätzlich als gute Deckung. Wer sich im hohen Gras versteckt, wird schwerer erkannt, gleiches gilt für Feinde. Wer nicht die Umgebung mit dem Visor scannt, kann schon mal unvorbereitet im Gestrüpp auf einen Gegner treffen. Toll ist auch die Vertikalität von Crysis 3. An vielen Stellen kann man sich aussuchen, ob man auf der Straße bleibt oder lieber durch die Häuser oder über die Dächer der Stadt sprintet.

Neue Waffen noch tödlicher

Crysis 3 im Gamezone-Check (9) Quelle: Electronic Arts Crysis 3 im Gamezone-Check (9) Am Nanosuit tut sich bis auf ein besseres Upgrade-System soweit nichts. Die Upgrades, für die man Punkte sammeln kann, die meist als optionale Ziele auf den Maps versteckt sind, sind eine Art Perk-System wie in Call of Duty. Passive Fähigkeiten sind darunter, etwa verbesserte Abwehrkräfte oder höhere Präzision beim Zielen. Die Upgrades sind in vier Gruppen unterteilt, aus jeder kann man eine Sonderfunktion auswählen - das zwar ein nettes Gimmick für Spieler mit Sammeltrieb, nachdem man seine Lieblingskonfiguration gefunden hat, verstellt man aber nichts mehr. Es ist einfach nicht notwendig.

Prophets neuestes Mörder-Spielzeug fällt da schon schwerer ins Gewicht. Mit einem Compoundbogen macht der Supersoldat Feinde nun vollkommen geräuschlos platt. Vier unterschiedliche Pfeile kann er dafür benutzen: Normale Pfeile mit Spitzen gegen Infanterie, einen Pfeil der Stromstöße abgibt und zwei Explosionspfeile. Um den Bogen zu benutzen, muss Prophet nicht aus dem Tarnmodus gehen - ein Grund, weshalb die Wumme extrem begrenzt wird. Nur neun Schuss hat man im Infanterie-Modus, jeweils drei in den Spezial-Feuermodi. Wäre diese Grenze nicht eingebaut, wäre das Spiel vermutlich ziemlich unausgeglichen geworden...

Tolle Grafik, aber nicht ohne technische Probleme

Crysis 3 im Gamezone-Check (5) Quelle: EA Crysis 3 im Gamezone-Check (5) Wenn man über Crysis schreibt, schreibt man immer auch über geniale Grafik. Im dritten Teil ist das nicht anders. Der deutsche Entwickler Crytek wirft mit seiner CryEngine 3 sein bestes Pferd im Stall in den Ring und das lohnt sich! Die wundervolle Vegetation im New Yorker Stadt-Urwald wird detailreich dargestellt, an vielen Ecken erfreut man sich an Kleinigkeiten. Auch das Spiel mit Licht und Schatten meistert Crysis 3 brutal gut. Viele Szenen bekommen durch dynamisches und volles Licht, das einen im richtigen Moment blendet, erst ihren gewissen Reiz. Gerade eine Nachtkarte blieb uns gut in Erinnerung: In Chinatown, mittlerweile ein überschwemmter Sumpf, müssen wir Ceph und CELL gleichzeitig entkommen. Da schleichen wir durch hohes Gras, lassen uns im hüfttiefen Wasser sinken, um aus dem Sichtbereich der Gegner zu verschwinden - wow, das waren vielleicht atmosphärische Momente!

Ohne Installation sollte man Crysis 3 aber nicht starten. Das Spiel litt in unserem Test auf der Xbox 360 unter starken Rucklern, an fast jedem Zwischenspeicherpunkt bleibt das Bild für einige Momente spürbar stehen. So eine schlechte Performance haben wir bei einem Triple-A-Produkt schon lange nicht mehr gesehen. Auch beim Sound kommt es immer wieder zu Ausfällen - vielleicht haben hier nicht so viele Informationen in den Zwischenspeicher gepasst, denn Psycho hört mehrfach auf zu reden, obwohl der Untertitel verrät, dass er es tun sollte. Außerdem ist immer wieder der Bildaufbau deutlich sichtbar. Nicht nur, dass Objekte manchmal am Horizont oder im Zoom auftauchen, auch beim Gehen ploppen manchmal einfach Dinge um einen herum auf. Dabei haben die Macher schon einen kleinen Schutzmechanismus eingebaut: Wenn man läuft, werden Grafiken unscharf dargestellt, HD-Texturen sieht man erst wenn man langsamer wird.

Crysis 3 im Gamezone-Check (8) Quelle: Electronic Arts Crysis 3 im Gamezone-Check (8) Die KI leidet übrigens an denselben Krankheiten wie in den Vorgängern. Wenn Feinde weit entfernt sind und angeschossen werden, haben sie keinen Anhaltspunkt um weiter vorzugehen. Sie laufen kurz in der Gegen rum, gehen aber nicht in Deckung. Wer kann, schaltet Gegner schon aus der Ferne aus. Ansonsten agieren die Feinde aber sehr gut. Wenn sie Grund dazu haben, Prophet in der Nähe zu vermuten, sind sie besonders wachsam. Sobald man offensiv angreift, rufen sie Hilfe. Das kann schon mal ungemütlich werden, wenn plötzlich ein zweiter Hubschrauber-Trupp ankommt. Generell sollte man den Schwierigkeitsgrad nicht unterschätzen: Ab Mittel haben es vor allem die Ceph richtig drauf. Zu Beginn kann man ruhig mit den hohen Graden experimentieren, runterschalten geht in den Optionen jederzeit - nur rauf geht es dann nicht mehr. Also besser mit hohen Ambitionen starten und sich dann zum passenden Modus vorarbeiten!

Neben den schon erwähnten Tonaussetzern hinkt die deutsche Synchronisation von Crysis 3 der englischen Fassungen meilenweit hinterher. Die unterschiedlichen Dialekte der Protagonisten, die Emotion in ihrer Stimme... All das vermissen wir in der deutschen Fassung.

Weshalb die PC-Version so viel besser ist

Crysis 3 im Grafikvergleich (Bild aus der Multiplayer-Beta) Quelle: Videogameszone Crysis 3 im Grafikvergleich (Bild aus der Multiplayer-Beta) Grafik ist nicht alles - lässt aber das manchmal nur mittelmäßige Gameplay von Crysis 3 so viel besser aussehen! Viele Levels bekommen erst durch die super hochaufgelösten Texturen und vielen Details der PC-Version ihren atmosphärischen Reiz. Auch mit Rucklern haben wir auf dem PC nicht zu kämpfen. Sicher, wer die Grafik auf den höchsten Einstellungen spielen will, muss die entsprechende Hardware haben. Aber auch ohne sieht der PC mit viel Abstand besser aus als die Konsolen. Dafür sind die Fassungen viel zu unscharf und die Textur-Qualität ist deutlich niedriger.

Besonders spürbar ist das in Situationen mit Spezialeffekten. Im nachfolgenden Video zeigen wir eine Zwischensequenz auf allen drei Plattformen. Nur am PC sieht man Explosionen, auf Konsolen werden die Granateneinschläge nur durch Rauch signalisiert. Solche Kleinigkeiten stören durchaus den Spielfluss. Denn wer nicht genau aufpasst, verpasst vielleicht, wer von wo auf ihn schießt. Mit Explosionen macht die gezeigte Szene mit dem Gespräch beispielsweise deutlich mehr Sinn als ohne.

Meinung

Wertung zu Crysis 3 (X360)

Wertung:

8.3 /10

Wertung zu Crysis 3 (PC)

Wertung:

8.6 /10
Pro & Contra
geniale Grafik, vor allem am PCMix aus Crysis und Crysis 2: Mini-Sandboxen täuschen offene Spielwelt vorneue Waffen wie der Compoundbogentolle Inszenierungdichte Atmosphäreneue Gegner
emotionslose deutsche Synchronisationviel kürzer als die VorgängerGameplay sehr repetitivKonsolen: Ruckelt ohne Installation deutlich sichtbar und bleibt an Speicherpunkten mehre Momente stehenbleibt bis zum Schluss emotional auf Distanz
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