Destiny im Test: Bosse, Backtracking und Grafik

Test Sandro Odak
Destiny im Test: Als Shooter sehr unterhaltsam, aber Backtracking und Grinding nerven ohne Ende.
Quelle: Bungie

Destiny tritt in große Fußstapfen: Der Online-Shooter von Bungie, den Erfindern der Halo-Reihe, ist eine der teuersten Entwicklungen aller Zeiten. Warum unsere hohen Erwartungen an ein Shooter-MMORPG dieser Güteklasse trotzdem nicht erfüllt wurden, verraten wir euch im Test.

Das Boss-Problem

Das Boss-Problem ist für mich eines der gravierendsten. An neuralgischen Punkten der Kampagne gibt es kleinere Boss-Fights, die riesigen Hünen warten aber erst in Strike-Missionen. Das sind besonders happige Dungeons, die man nur mit einer Gruppe schafft. Aber anders als Dungeons und Raids in MMOs wie World of Warcraft, braucht man keine Strategie für sie. Zwar hat jeder Feind eine Schwachstelle, aber meistens ist es einfach der Kopf. Der einzige Schwierigkeitsgrad bei diesen Bossen ist: Sie halten enorm viel Schaden aus. Auf Phogoth, einen widerlichen Riesen-Oger, ballert mein Feuerteam mehr als eine halbe Stunde lang ein, bis er endlich umfällt. Da gibt es keine technische Finesse, keinen Aha-Moment, nichts Erhabenes. Wir müssen einfach 30 Minuten durchgehend auf diesen Boss ballern und drauf achten, in der Zeit nicht von den willkürlich aus dem Nichts erscheinenden Adds getötet zu werden. Ein belohnendes Gefühl am Ende bleibt entsprechend aus. Keiner von uns fühlt sich gut, weil wir eine besonders harte Nuss geknackt haben. Wir sind nur alle froh, dass der Oger tot ist und wir diesen Strike hoffentlich nie, nie, nie wieder machen müssen.

Als Shooter funktioniert Destiny eigentlich sehr gut. Das Run-and-Gun-Prinzip macht ordentlich Laune und man merkt, dass die Entwickler von Halo mit dem Publisher von Call of Duty zusammenarbeiten. Ich habe Spaß daran. Bungies "30-Sekunden-Gameplay" kommt perfekt zur Geltung. Destiny orchestriert seine Gegner-Ansammlungen so, dass man schnelle Action-Phasen hat, danach kurz den Schild auflädt und weitermacht mit der Action. Bis auf ein oder zwei Ausnahmen funktioniert das tadellos. Der Wechsel zwischen Ruhe- und Actionphase ist so gut gemacht, dass ich mich nie gelangweilt und nie überfordert fühle.

Backtracking aus der Hölle

Gelbe Elite-Gegner und Bosse sind die wenigen fordernden Momente von Destiny. Quelle: Games Aktuell Gelbe Elite-Gegner und Bosse sind die wenigen fordernden Momente von Destiny. Aber obwohl Destiny als Shooter funktioniert, erlangt er nie die Brillanz ähnlicher Spiele. Borderlands zieht den Spieler durch seinen Witz, den Charme und die abgedrehten Charaktere durch die immer selben Spielwelten. Und selbst World of Warcraft, auch wenn es einem komplett anderen Genre entstammt, schafft es, seine repetitiven Elemente auf so großer Fläche und mit so viel Geschichte zu unterfüttern, dass man sich erst spät langweilt. Bungie schafft das nicht. Die vier Planeten bieten rund 20 Missionen. Jede einzelne enthält Backtracking-Elemente. Immer wieder fahre ich dieselben Strecken zum Missionsbeginn, manch einen Dungeon durchquere ich sogar doppelt, dreifach, vierfach. An den Positionen der Gegner verändert das nichts. Als ich Destiny "durchgespielt" habe, also das unbefriedigende Ende sehe, bin ich Level 18.

Was danach kommt, ist eine Farce. Endgame, haben sie mir versprochen. Wie in einem MMO, da rührt auch der ewige Vergleich her. Destiny soll nicht bei Level 20 vorbei sein, da soll es erst so richtig aufdrehen! Was für eine Augenwischerei! Als ich den Levelcap erreiche, kann ich lediglich die bereits bestandenen Aufgaben wiederholen. Es gibt zwar Heroic Strikes, wöchentliche Herausforderungen und besonders schwierige Dungeons… Aber sie haben 1:1 denselben Inhalt wie die Low-Level-Strikes. Nur die Gegner halten mehr aus.

Um nun noch weiter aufzuleveln, brauche ich Rüstungsteile mit Licht. Das ist eine spezielle Ressource, die in Rüstungen verbaut ist. Anstatt Erfahrungspunkte zu farmen, muss ich neue Rüstungen finden. Entweder, indem ich sie zufällig durch Looten freispiele, oder indem ich sie kaufe. Und jetzt wird es perfide: Die Preise dafür sind absurd hoch. Für den guten Kram muss ich theoretisch dauernd Strike-Missionen wiederholen – ein Grindfest Galore! So streckt Bungie sein Endgame nur in die Länge, anstatt es unterhaltsam zu gestalten.

Lichtblicke: Die Grafik

Grafisch ist Destiny eine Wucht! Quelle: PC Games Grafisch ist Destiny eine Wucht! Während Destiny beim Gameplay ins Schleudern gerät, kann die die Grafik auf voller Linie überzeugen. Die Spielwelten sehen wunderschön und knackscharf aus, gerade der außerirdische Himmel in seinen knallig leuchtenden Farben hat mich voll in seinen Bann gezogen. Und wie cool ist es bitte, auf dem Mond zu stehen und die Erde als riesigen Trabanten über der Oberfläche vorzufinden!

Und Bungie beweist ein Auge fürs Detail! Selbst kleinste Veränderungen an der Ausrüstung machen sich im Spiel sofort bemerkbar. Wenn Spieler mit ihrem Schiff im Turm landen, fliegt kurz darauf dasselbe Schiff in der richtigen Lackierung in den Hangar, der links vom Turm angebracht ist. Solche Details werden vermutlich kaum jemandem auffallen, aber sie sind da und sie machen die Welt irgendwie greifbar. Von den Special Effects der Super-Angriffe will ich erst gar nicht anfangen zu schwärmen. Sie sehen besonders bunt aus und waren für mich nicht nur spielerisch sondern auch optisch die Highlights. Ein bisschen verrückt ist es dann auch, wenn der Jäger in seinem zweiten Talentbaum plötzlich aus der Third-Person-Perspektive messert. Das ist zwar ein Bruch der Gameplay-Perspektiven, ermöglicht einem aber einen besseren Überblick – für die kurze Dauer der Attacke von großem Vorteil!

Um bei vielen Händlern den guten Kram kaufen zu können, muss man erst dutzende Grinding-Missionen absolvieren. Quelle: Games Aktuell Um bei vielen Händlern den guten Kram kaufen zu können, muss man erst dutzende Grinding-Missionen absolvieren. Richtig gut gefallen hat mir auch der Multiplayer-Modus. Vier Spielmodi gibt es, nur einer davon ist irgendwie innovativ. In Bergung müssen beide Teams einen zufällig erscheinenden Satelliten bergen. Wer ihn zuerst einnimmt, muss ihn mehrere Sekunden halten. Schaffen es die Gegner nicht, ihn in der Zeit abzuschalten, bekommen sie einen Punkt. Kontrolle ist ein typisches Conquest-Match um Flaggenpunkte, Rumble das Pendant zu Free for All. Außerdem gibt es noch eine Deathmatch-Variante. Die Teilnahme an Mehrspielerpartien geht natürlich in den Lichtrang ein, als Belohnung winken Schmelztiegel-Marken (eine der zwei wichtigen Fraktionen). Um Waffen-Balancing braucht man sich keine Sorgen machen: Die Schadenswerte aller Waffen sind normalisiert. Ein Level 25 Hüter macht also nicht unbedingt mehr Schaden als ein Stufe-5-Soldat. Der weiter vorangeschrittene Talentbaum aber ist schon eine härter zu knackende Nuss. Die Nova Bombe des Warlocks ist beispielsweise nicht zu kontern und andere Klassen können sich in ihren alternativen Skillungen sogar einen zweiten Schild anlegen. Hier wäre vielleicht ein Matchmaking angebracht, das Spieler nach entsprechenden Levels zusammenbringt.

Ein großes Manko hat der Mehrspieler aber: Die Performance stimmt bislang nicht. Die Treffererkennung hinkt oft mehr als eine Sekunde hinterher. Im Test geschieht es ständig, dass Gegner mehr als eine Sekunde nachdem sie mich töteten selbst tot umfallen. Besonders lustig: Wenn der Gegner mich abgeschossen hat, ein bis zwei Sekunden später aber an einer Messerattacke (nein, zu dem Zeitpunkt hatte die Klinge noch keinen "Damage-over-Time"-Effekt…) "aus dem Nichts" stirbt.

Eine positive Nennung ist die Sounduntermalung wert: Musik und Effekte sind durchgehend auf einem tollen Niveau. Gerade die Geräusche der Speederbikes haben mich immer wieder an Star Wars erinnert. Vielen Unkenrufen zum Trotz ist die deutsche Sprachversion gar nicht so übel. Zumindest kommt sie ohne den relativ lustlosen Peter Dinklage aus, der beim Einsprechen der Dialoge anscheinend ebenso wenig Ahnung von der Geschichte hatte, wie ich beim Spielen. Einige dubiose Übersetzungen bleiben zwar, aber insgesamt gehört Destiny zu den besten Synchro-Versionen, die mir auf der Next-Gen bislang unterkamen.

  1. Seite 1 Destiny im Test: Erwartungen und Kampagne
  2. Seite 2 Destiny im Test: Bosse, Backtracking und Grafik
  3. Seite 3 Destiny im Test: Ausblick, Fazit, Wertung
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