Elex 2: Warum Piranha Bytes wohl nie wieder Gothic machen wird
Kolumne
Piranha Bytes macht Elex 2! Das ist die große Neuankündigung aus Deutschland in der E3-Woche. Das Studio macht also schon wieder nicht, was sich die Fans erhoffen: nämlich ein neues Gothic! In seiner Kolumne überlegt Carlo Siebenhüner, warum die Schöpfer der Gothic-Serie wohl nie wieder zu ihr zurückkehren werden.
Elex 2 ist angekündigt und die Katze ist aus dem Sack, was Piranha Bytes eigentlich die ganzen letzten Jahre so getrieben hat. Viel wichtiger ist aber, was Piranha Bytes nicht gemacht hat in den Jahren, und das ist Gothic! Seit ewigen Zeiten hört man die Fans rufen, dass doch bitte wieder ein neues Spiel der alten Rollenspielserie vom Studio kommen soll. Die Möglichkeiten waren jahrelang da, trotzdem kam nichts und ich gehe auch nicht mehr davon aus, dass das noch passieren wird.
Denn nach Jahren des Wartens bin ich mittlerweile fest davon überzeugt: Ein neues Gothic werden wir nie wieder vom alten Entwicklerstudio Piranha Bytes bekommen.
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Die Akte Gothic
Quelle: Spellbound Entertainment / THQ Nordic Barcelona / Piranha Bytes / Medienagentur plassma
"Mich interessiert nicht, wer du bist"
Mit solch warmen Worten wurde man damals in der Kolonie empfangen.
Spulen wir kurz zurück und dröseln die Geschichte von Gothic auf. 1997 gründen vier Spieledesigner die Firma Piranha Bytes. Ihr Ziel: mal ein Rollenspiel machen, das so ist, wie sie das eben spielen wollen. 4 Jahre später und massenhaft Crunch - große Teile des Spiels sollen erst im letzten halben Jahr fertig werden -, kommt ein Rollenspiel raus, dass die Herzen der Spieler in Deutschland erobert. Geerdete Stimmung, glaubwürdiges Verhalten der Spielwelt, große Open World ohne Ladezeiten. Das alles schafft eine Atmosphäre, die man vorher bei Fantasyrollenspielen so nicht kannte. Gerade mal ein Jahr und wieder massenhaft Crunch später kommt Gothic 2 auf den Markt und toppt den Erfolg um Längen. Spätestens mit der Erweiterung "Die Nacht des Raben" erreicht das Rollenspiel Kultstatus.
Dann, drei Jahre später, wir befinden uns mittlerweile im Jahr 2006, steht Gothic 3 an. Diesmal soll es ein großer Sprung werden, der international mit Größen wie The Elder Scrolls 4: Oblivion mithalten kann. Eine riesige Spielwelt, eine neue Grafikengine und mehr Story werden versprochen. Alles soll höher, schneller, weiter werden. Nur verzettelt sich Piranha Bytes und trotz extremem Crunchs geht der Titel in die Hose. Zum Release steht eher eine Alpha-Version denn ein fertiges Spiel im
Quelle: Spellbound Entertainment / THQ Nordic Barcelona / Piranha Bytes / Medienagentur plassma
Gothic 3 war das Schicksalsspiel für Piranha Bytes. Nachdem man sich jahrelang irgendwie durchgewurschtelt hat, endet die Entwicklung in der Bug-Katastrophe.
Laden. Nach dem Drama zerstreitet sich Piranha Bytes mit dem Publisher und die Wege trennen sich. Die Rechte bleiben vorerst beim Publisher Jowood und der lässt Arcania: Gothic 4 entwickeln. Das Spiel floppt aber und reißt den Herausgeber gleich mit in den Bankrott. Piranha Bytes macht derweil mit Risen eine neue Trilogie und stürzt sich anschließend in Elex.
Damit kommen wir wieder ins Hier und jetzt, denn was dabei immer unter den Tisch fällt. Jowood ist schon seit 2011 pleite und die Rechte an der Gothic-Serie liegen seitdem bei Piranha Bytes zur freien Verfügung. Woran liegt es also, dass sie in all den Jahren nicht wieder zu ihrer Erfolgsmarke zurückgekehrt sind?
Piranha Bytes hat Angst oder einfach keine Lust
Einerseits sind Piranha Bytes zum Zeitpunkt, als es Jowood zerreißt, voll in ihre Risen-Serie involviert. Risen 1 ist ein voller Erfolg und Risen 2 bereits angekündigt. Man hat also eine neue Serie etabliert und der neue Publisher Deep Silver hält so sehr daran fest, dass auch noch ein dritter Teil der Risen-Serie hinterhergeschoben wird. Doch dann ist Luft raus, die Trilogie abgeschlossen und eigentlich wäre das der perfekte Zeitpunkt, um mit einem neuen Gothic alle zu überraschen. Doch das amcht Piranha Bytes nicht, denn die wollen mit Elex eine neue Welt erschaffen. Gerade dieser Schnitt zeigt sehr deutlich: Piranha Bytes hat gar kein Interesse daran, einen neuen Gothic-Teil zu entwickeln. Die Marke ist selbst 20 Jahre später noch groß und die Fans würden das Internet explodieren lassen, wenn ein neuer Teil vom alten Entwicklerstudio angekündigt würde. Doch nein, Piranha Bytes will nicht.
Einer der Gründe ist die ewige Tretmühle, in der das Studio gefangen ist. Seit Jahren erwartet man vom Gothic-Studio auch Spiele, die wie Gothic sind. Offene Welt, raue Charaktere, schwierige Gegner, Charaktersystem, das sind Punkte, die Fans auf der Checkliste abhaken. Studiochef Björn Pankratz hat während der Entwicklung von Elex selbst davon gesprochen, dass man sich eben anderweitig aus diesem Korsett befreien will, mit dem Settingwechsel von Fantasy zu Science-Fantasy. Das klingt zwar eher nach einer billigen Ausrede, aber der Tapetenwechsel sei ihnen gegönnt.
Quelle: Spellbound Entertainment / THQ Nordic Barcelona / Piranha Bytes / Medienagentur plassma
Mit Risen 2 will man sich das erste Mal von der Mittelalterfantasy trennen und stürzt sich in das Piratensetting.
Ich vermute aber auch, dass hinter dieser Lustlosigkeit an Gothic eine gute Portion Respekt steckt. Böse Zungen würden behaupten: Es ist Angst. Wie schon angesprochen, würde ein neues Gothic von Piranha Bytes die Fanbase in Jubelstürme ausbrechen lassen. Die Erwartungshaltung wäre auf einen Schlag gigantisch hoch, da ist es nur verständlich, wenn man davor Respekt hat. Vor allem, da der letzte Kontakt von Piranha Bytes mit der Gothic-Serie in einem Totalschaden geendet ist. Das wird dem Studio bis heute vorgehalten und es lastet schwer auf der Firmengeschichte. Deswegen fokussiert man sich lieber auf neue Spielereihen, als in die großen Fußstapfen zu treten und möglicherweise wieder auszurutschen.
Piranha Bytes hat sich weiterentwickelt
Doch selbst wenn sich PB wieder an ein Gothic setzen würde, am Ende würde es etwas Anderes werden, als wir Fans es erwarten. Denn natürlich kennen wir Piranha Bytes bis heute als das Studio, dass Gothic gemacht hat, aber hinter den Kulissen ist das Studio ein ganz anderes. Seit dem letzten Gothic sind 15 Jahre vergangen und wie das im Berufsleben nun mal ist, sind die Entwickler weitergezogen und das Team wurde durchgewechselt. Designer, Grafiker, Coder, die damals an der Serie gearbeitet und zu ihrem Charme beigetragen haben, sind heute nicht mehr da.
Dabei ist vermutlich ein Abgang besonders schmerzlich und der heißt: Michael "Mike" Hoge. Der Kerl sieht schon aus wie ein kantiger Gothic-Charakter und er hat damals die Idee des Spiels mit ein paar Freunden aus der Taufe gehoben. Er lebte sich damals in Gothic aus und hat in den Spielen der Reihe meistens seine Vision umgesetzt. Es gibt Geschichten, dass er bei Gothic 1 im Tonstudio saß und noch während der laufenden Sprachaufnahmen weiter am Text herumdoktorte, weil ihm die Dialoge noch nicht passten.
Dieses krasse Engagement hatte natürlich auch Folgen. Gothic 3 stellt die Nerven vor die Zerreißprobe. Für Risen 1 und 2 teilte er sich das Projektmanagement schon und seit Risen 3 ist er raus. Was er heute macht, weiß man nicht, aber vielleicht sitzt er am Lagerfeuer und gönnt sich ein Stück gebratenes Fleisch.
Das soll nicht heißen, dass dieser eine Abgang schuld ist, dass Piranha Bytes nicht mehr dieselben sind oder nicht mehr an den damaligen Erfolg anknüpfen können. Mike Hoges Nachfolge ist schließlich Björn Pankratz, der Kopf hinter der genialen Gothic-2-Erweiterung "Die Nacht des Raben", und mit Elex hat das Studio ein ebenfalls gutes Spiel abgeliefert. Trotzdem steht dieser Abgang stellvertretend für die Weiterentwicklung des Teams von Piranha Bytes. Ich vermute, das ist den neuen Köpfen des Studios auch voll bewusst und ebenfalls ein Grund, sich von Gothic fernzuhalten.
Piranha Bytes brauch kein Gothic mehr
Dazu kommen die aktuellen Veränderungen und Ankündigungen. Wenn man sich die genau anschaut, dann brauch Piranha Bytes auch gar kein neues Gothic mehr entwickeln, denn die Serie lebt ja. 2019 kaufte THQ Nordic Piranha Bytes mitsamt der Rechte für die Reihe und es verging nur ein knappes halbes Jahr bis zum Paukenschlag: Es wurde ein Gothic Remake angekündigt. Dafür wurde mit Alkimia Interactive sogar ein ganz neues Studio in Barcelona gegründet. Die bauten einen ersten Teaser, den jeder Gothic-Besitzer auf Steam spielen konnte und holten Feedback ein.
Quelle: THQ Nordic / Alkimia Interactive
Das Gothic Remake soll sich nach dem misslungenen Teaser viel näher am Original bewegen. Oder kommt euch diese Schlucht nicht wieder etwas bekannter vor, als noch im Teaser?
Der Teaser wurde ihnen zwar um die Ohren gehauen, weil er viel zu sehr vom Original abwich, aber dadurch wurden sie mit sanfter Gewalt in die richtige Richtung geschubst und entwickeln nach Aussagen des Producers jetzt viel näher am Original. Das Gothic Remake könnte also durchaus die Fans für sich gewinnen und ein Erfolg werden. Damit wäre dann das neue Entwicklerstudio für die Gothic-Serie doch gefunden. Schlägt das Remake ein und trifft den Ton, bin ich mir ziemlich sicher, dass ein Remake vom zweiten Teil auch noch kommt und wer weiß: Fährt Alkimia Interactive auch damit auf der Erfolgswelle und stellt die Fans zufrieden, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass THQ Nordic grünes Licht für ein völlig neues Gothic geben wird. Ganz eigenständig entwickelt vom Studio in Barcelona.
Piranha Bytes? Die wären dann für die Gothic-Serie nicht mehr wichtig und könnten sich weiter ihren neuen Marken widmen. Wo ein Elex 2 (jetzt kaufen 15,89 € ) ist, wartet mit Sicherheit auch schon ein Elex 3 in der Schublade. Arbeitslos wird das Studio also sicher nicht. Natürlich ist das reine Spekulation, aber ich finde es durchaus vorstellbar. Es hängt jetzt viel vom Gothic-Remake ab, doch das ist ein anderes Thema.
Wer sich aber immer noch ein Gothic der alten Schule von den alten Entwicklern wünscht, der sollte sich keine allzu großen Hoffnungen mehr machen. Eine Zukunft für die Serie gibt es definitiv und sie sieht sogar weitaus besser aus als noch vor ein paar Jahren. Piranha Bytes wird diese Zukunft aber meiner Meinung nach nie wieder mitgestalten.
