Maddox schuf mit diesem Titel nichts weniger als die aktuell beste und umfangreichste Luftkampf- simulation des zweiten Weltkriegs.
Es war einmal vor langer, langer Zeit im "Zeitalter der Pappschachtel und des Handbuchs", eine glorreiche Ära, die mit dem Erscheinen der DVD-Hülle endete, als besonders Flugsimulationen mit großen Kartons und telefonbuchartigen Schmökern gesegnet waren. Selbige gaben eine perfekte Urlaubslektüre ab und nach dem Konsum konnte man nicht nur ohne Sorgen an das dazugehörige Spiel herangehen, man war auch auf dem neuesten Stand offensiver und defensiver Luftkriegskunst. Dieses Zeitalter ist vorbei, was uns im Falle von IL-2 Sturmovik 1946 besonders schmerzhaft vor Augen geführt wird. Eine DVD-Hülle und 2 Silberlinge, das ist alles, was dem erstaunten Neubesitzer dieser Simulation in die Hand fällt.
Startschwierigkeiten
IL-2 Sturmovik: 1946
Natürlich befindet sich das Handbuch auf der DVD, es ist umfangreich, gut und steht inhaltlich den alten Druckwerken in nichts nach, nur seien wir ehrlich, wie viele von euch haben entweder einen zweiten Rechner daneben laufen, um gelegentlich einen Blick ins Handbuch zu werfen, oder drucken mal eben hunderte von Seiten aus? Das sind also schon mal klare Abzüge in der B-Note, bevor auch nur das Spiel installiert wurde. Die Installation selbst stellte sich auch als tückisch heraus. Wer ein Mounting-Tool wie Alkohol 120 % oder Virtual-CD installiert hat, kann das Setup von Il-2 nicht starten. Punkt. Es gibt auch keine Fehlermeldung, die den Nutzer auf dieses Manko hinweist, das Setup wird einfach nicht gestartet. So etwas ist schlicht und ergreifend unverschämt und sollte heute nicht mehr passieren. Was auf dem Rechner vor sich geht, ist meine Sache und schon allein für eine derartige Bevormundung auf Verdacht hin entsteht schon vor dem ersten Start ein gar nicht gutes Bauchgefühl dem Programm gegenüber. Auch ist es nicht beruhigend, dass das einzige Zitat auf der Rückseite der Packung vom Entwickler selbst stammt : "7 Jahre Krieg. 7 Jahre Entwicklung. Eine großartige Simulation", Oleg Maddox. Zumindest ist der Mann von sich überzeugt.
All das und noch viel mehr...
IL-2 Sturmovik: 1946
Was bekommt man jetzt aber, wenn alle Hindernisse genommen sind? IL2 Sturmovik ist dem FlightSim-Veteranen sicher ein Begriff. Das erste Mal ließ uns das Programmierteam Maddox Games bereits 2001 in die Luft gehen, damals mit noch 30 verschiedenen Flugzeugen und wenigen Einsatzgebieten und Kampagnen. Über die Jahre kam dann eine Reihe von Add-Ons dazu, einige setzten IL2 voraus, andere waren Standalones. Wirklich essentiell waren in 2003 die Forgotten Battles, eine indirekte Fortsetzung von IL2, zusammen mit den Zusatzpaketen Ace Expansion Pack und Pazific Fighters. Diese Kombination wird benötigt, um die meisten der kostenlosen IL2-Server für den Multiplayermode nutzen zu können und da Ubisoft einsehen hatte, dass wohl nur die wenigsten sich schnell mal alles zusammenkaufen, gibt es jetzt IL-2 Sturmovik 1946.
IL-2 Sturmovik: 1946
Damit dem Titel nicht der Ruf der schlichten Best Of Kompilation anhaftet, hat man sich bei Maddox Games etwas ins Zeug gelegt, um den Kauf auch für Veteranen schmackhaft zu machen. Nicht nur findet man hier jetzt wirklich alles Wichtige auf einer DVD, was es zu der Serie gibt, auch ca. 30 neue Flugzeuge und nicht weniger als neun frische Kampagnen mit über 200 Missionen sind auf dem Silberling. Gezählt habe ich jetzt nicht aber es sind damit nicht weniger als 300 Flugzeuge, davon über 220 spielbar, und mehrere tausend Missionen, die beherrscht und bewältigt werden wollen. Rein vom Umfang her klingt das nicht nur beeindruckend, das sollte wirklich jeden Flyboy für Monate, wenn nicht Jahre bei Laune halten.
Über Finnland nach Japan
IL-2 Sturmovik: 1946
Auch an der Abwechslung der Einsatzorte mangelt es nicht, schließlich geht es von der Ostfront über Russland in die Mandschurei bis in den Pazifik nach Iwo Jima. In den Pazifikkampagnen geht es dann auch beiden Seiten in die Schlacht, einmal in und um Iwo Jima, einmal bis über das japanische Festland. Ändern kann man den Kriegsverlauf als Japaner allerdings nicht mehr, es geht mehr darum, die Bomberverbände von den Städten fernzuhalten. Etwas exotischer fällt die Schlacht zwischen Russland und Japan an der Mandschurischen Grenze aus, denn bezüglich der Operation Auguststurm im Jahr 1945 musste ich meine Geschichtskenntnisse erst einmal etwas auffrischen. Dies war bei drei der weiteren neuen Feldzüge nicht nötig, denn die hat es nie gegeben. Hier dauerte der Krieg in Europa bis in das Jahr 1946, daher wohl auch der Titel des Spiels, und Nazideutschland hatte mehr Zeit, all die erdachten Flugzeugprototypen flugbereit zu machen. Im Endergebnis lässt auf deutscher Seite der Krieg auch hier nicht gewinnen, da die dynamischen Kampagnen aber jedes Mal ein wenig anders ablaufen und die intelligente Missionsstruktur immer neue Herausforderungen bietet, tut dies der Motivation keinen wirklichen Abbruch. Zumindest, wenn es dem Luftkrieger reicht, dass eine Schlacht gewonnen, aber der Krieg verloren ist... Zu sehen bekommt man von Sieg und Niederlage allerdings sowieso nicht viel. Lediglich eine Karte und ein paar, zumindest stimmige, Zeilen Text mit der Erläuterung des Kriegsverlaufs werden geboten. Flugsimulationen waren aber nie Kandidaten für viel Story und insoweit kann man dies hier absolut verzeihen.
IL-2 Sturmovik: 1946
Auch Karriereoptionen als Pilot einer bestimmten Nation über mehrere Feldzüge hinweg wurden nicht vergessen und die Langzeitmotivation ist mit diesem Feature, plus der hohen Wiederspielbarkeit der Missionen und Kampagnen, auf jeden Fall gegeben. Wem das nicht reicht, oder wer mehr den schnellen Quickie zwischendurch sucht, kann sich auch mal eine Mission selbst zusammenbasteln. Standardmäßig reicht das Repertoire vom Erkundungsflug, der sogar gelegentlich feindfrei ablaufen kann, über Begeleitmissionen bis zur All-Out-Offensive im großen Geschwader. In den etwas wirren und nicht gerade schönen Menüs lassen sich mehr oder weniger fix entweder Einzelmissionen aus den Feldzügen wählen und bestreiten, oder man stellt sich eigene, historisch fragwürdige Situationen wie Zeroes über Finnland zusammen. Wer Zeit und Geduld mitbringt kann sogar komplette Feldzüge entwerfen, dies rate ich aufgrund der im Spiel selbst mäßigen Dokumentation und der umständlichen Menüstruktur allerdings nur Leuten, die auch bereit sind, sich intensiv mit der sehr lebendigen Community der Il-2 Reihe auseinanderzusetzen und freie Tools zu nutzen.