Retro-Special - Microprose Soccer: Die schönste Nebensache der Welt

Kolumne Andreas Szedlak Maria Beyer-Fistrich
Retro-Special - Microprose Soccer: Die schönste Nebensache der Welt
Quelle: Microprose 

Passend zur Fußball-Weltmeisterschaft in Russland stellen wir euch in unserem Retro-Special zum Wochenende ein ganz besonderes Spiel vor. Microprose Soccer erschien 1988 für die Systeme Commodore C64, Amiga, Amstrad CPC, Atari ST, PC und ZX Spectrum und begeisterte die Spieler mit torreichen Spiele und Features wie Bananenflanken.

Update: Aus aktuellem Anlass, Microprose Soccer wurde auf Steam veröffentlicht, haben wir den Artikel für euch wieder aus dem Archiv geholt.

Originalmeldung: Es gibt kein Genre, das ich die letzten Jahrzehnte so konsequent abgegrast habe, wie Rasen­sportspiele. Sobald ein neuer Kick-Titel angekündigt wurde, stand er auf meiner Most-Wanted-Liste weit oben. Eines meiner ersten Fußballspiele war Microprose Soccer von Entwickler Sensible Software. Zur Erinnerung: Die Engländer bolzten vier Jahre später mit Sensible Soccer mein Alltime-Favorite-Videospiel auf den Amiga - das war zugleich mein allererster Lieblingsklassiker in der Games Aktuell (GA 11/2013).


Microprose Soccer besaß noch nicht die Brillanz eines Sensible ­Soccer, setzte bei Erscheinen im Jahr 1988 aber dennoch Maßstäbe auf Commodores C64. Das Spieltempo war hoch, ich konnte mir den Ball per Grätsche erkämpfen und angeschnittene Schüsse sorgten für deutlich mehr Varianz beim Tor­abschluss, als ich es etwa von einem International Soccer kannte. Ich durfte dem Ball sogar noch nach ­Verlassen des Fußes einen Schnitt verpassen, was natürlich alles andere als realistisch war, dafür aber für spaßige, torreiche Matches ­sorgte. Auch Bananenflanken ­Marke Manni Kaltz ließen sich schlagen und sogar Fallrückzieher waren möglich. Die Torerfolge wurden in Zeitlupe ­wiederholt - zum ersten Mal in einem Fußballspiel.

Beide Beine ausfahren

Ende der 1988 war der Fußballsport ein etwas anderer als heutzutage, Grätschen gehörten zum Abwehrverhalten dazu und waren noch nicht so verpönt wie bei den Guardiolas und Löws. Dem trugen die Microprose Soccer-Macher Rechnung. Sie bauten in ihr Spiel eine reinrassige Blutgrätsche ein. Per Knopfdruck rutschte mein ­Akteur mit beiden Beinen und ­"offenen Sohlen" in den Gegenspieler. Und zwar in einem Tempo, das mein In den Winkel geschnippelt: Angeschnittene Schüsse waren das probateste Mittel, um Tore zu erzielen – zumal sich der Schnitt nach dem Schuss noch verändern ließ. (C64) Quelle: Microprose  In den Winkel geschnippelt: Angeschnittene Schüsse waren das probateste Mittel, um Tore zu erzielen – zumal sich der Schnitt nach dem Schuss noch verändern ließ. (C64) Männchen 15 bis 20 Meter weit schliddern ließ. Bei Regen - eine weitere Neuerung die Microprose Soccer ins Genre brachte - glitt ich mit meinem Spieler sogar über den halben Rasen. Glücklicherweise verzichteten die Entwickler auf den Einbau einer Foulspiel-Mechanik, ansonsten wäre ich sicher ständig vom Platz geflogen. So aber spitzelte ich meinem Gegner stets den Ball weg, wenn ich ihn traf oder aber ich grätschte ins Leere.

All die erwähnten Aktionen führte ich mit einem einzigen Knopf aus. Je länger ich den Button gedrückt hielt, desto weiter und höher flog der Ball bei einem Pass oder Schuss. Heutzutage würde jeder über eine solch spartanische Steuerung den Kopf schütteln, sind inzwischen doch sämtliche Buttons eines Controllers mit mehr oder minder wichtigen Aktionen belegt. Doch damals kannte ich es nicht anders und war begeistert ob der Möglichkeiten, die mir Microprose Soccer bot.

Der WM-Titel ist nah

Nicht nur auf dem grünen Rasen war das Fußballspiel wegweisend, auch die Modi-Vielfalt war vorbildlich. So bot der Titel einen vollwertigen WM-Modus, bei dem die Teamstärke den echten Begebenheiten entsprach. Zumindest, wenn man vom damaligen Leistungstand ausging, denn Chile gehörte im Weltmeisterschaft: Sogar ein vollwertiger WM-Modus war enthalten. Wie man an den Tabellen sieht, gab es 1988 noch keine Drei-Punkte-Regel. Die führte die FIFA erst 1994 ein. (C64) Quelle: Microprose  Weltmeisterschaft: Sogar ein vollwertiger WM-Modus war enthalten. Wie man an den Tabellen sieht, gab es 1988 noch keine Drei-Punkte-Regel. Die führte die FIFA erst 1994 ein. (C64) Jahre 1988 zu den schwächsten Teams, während Brasilien die beste Mannschaft stellte - 7:1, höhöhö - und die Niederlande war nur knapp schwächer als das DFB-Team: "ohne ­Holland fuhr'n wir zur EM ...", hihihi.
Toll war auch, dass man eine Liga erstellen konnte, in der dann bis zu 16 menschliche Spieler teilnehmen durften. Meistens war Thomas jedoch mein einziger Mitstreiter, so dass wir zumeist gegen KI-Teams antreten mussten. Regelmäßig absolvierten wir aber auch gemeinsam eine WM und wechselten uns dabei beim Spiel gegen die KI ab. Am hitzigsten waren aber die Matches gegeneinander, bei denen wir unser Niveau stetig hochschaukelten. Da sich im Fußball -Genre in den letzten drei Jahrzehnten sehr viel getan hat, ist Microprose ­Soccer nicht besonders gut gealtert. Vor allem Ballphysik und Spielersteuerung sind heutzutage sehr gewöhnungsbedürftig. Dank der angeschnittenen Schüsse gelingen dennoch schnell wieder einige Tore und die sind bekanntlich das Salz in der Fußballsuppe.

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