Nier Replicant: Androiden, Drachen und Atombomben - Die schräge Geschichte der Spielwelt + Video!

Special Stefan Wilhelm
Nier Replicant: Androiden, Drachen und Atombomben - Die schräge Geschichte der Spielwelt + Video!
Quelle: PC Games

Früher Geheimtipp, heute Kult-Klassiker: Mit dem Überraschungserfolg von Nier Automata gelang der Rollenspielreihe des exzentrischen Directors Yoko Taro endlich der verdiente Durchbruch. Trotzdem dürften die wenigsten neuen Fans wissen, wo das schräge Universum seinen Anfang nahm und wie die Spielwelt zu dem wurde, was sie ist. Zeit für etwas Geschichtskunde!

Yoko Taro, Creative Director und Drehbuchschreiber des Drakengard- und Nier-Universums, ist im Gamingsektor das, was etwa Christopher Nolan in Hollywood ist: Ein Autor, der seine unkonventionellen Ideen noch relativ frei von strikter Zielgruppenorientierung und den Anweisungen biederer Vorgesetzter verwirklichen kann. Entsprechend gehören die Werke unter der Regie des Mannes, der in der Öffentlichkeit ausschließlich maskiert auftritt, selbst für japanische Verhältnisse zu den bizarrsten, aber auch interessantesten Games der letzten Jahre.

Grund genug für uns, anlässlich der bald erscheinenden Neuauflage von Nier Replicant, einen kurzen Streifzug durch Yoko Taros schräges Universum zu wagen. Vom abgrundtief düsteren Drakengard über das geheimnisvolle Nier Replicant bis zum
philosophischen, humanistischen Nier Automata - festhalten, es wird abgefahren!

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Spoilerwarnung: Um die Geschichte der Spielwelt verstehen zu können, müssen wir die Story und das fünfte Ende von Drakengard besprechen. Außerdem verraten wir grob den Plot und den zentralen Konflikt in Nier Automata. Bei Nier Replicant beleuchten wir den Zusammenhang zur Drakengard-Welt, verraten aber keine Story-Details.

Drakengard (PS2, 2004): Abgründige Apokalypse

Es ist das Jahr 1099. Wir befinden uns in der mittelalterlichen Welt Midgard, die topographisch aussieht wie ein auf den Kopf gedrehtes Europa, und kämpfen auf Seiten der Konföderation gegen die von einer Schwarmintelligenz gesteuerten Soldaten des Imperiums. Das Ziel der rotäugigen Armee: die fünf magischen Siegel zu zerstören, welche die ominösen, übernatürlichen Wächter davon abhalten sollen, Midgard auszuradieren. Protagonist Caim wird zu Beginn des Spiels fatal getroffen und geht widerwillig einen Pakt mit dem ebenso verwundeten, sprechenden Drachen Angelus ein, um am Leben zu bleiben. Zum Abschluss eines Pakts in Drakengard muss der menschliche Partner stets ein Opfer bringen, was Caim in der Folge seine Stimme kostet.
Tod von oben: Das spielerische Highlight im monotonen Drakengard-Gemetzel ist euer Drache Angelus. Sie bringt neben Feuerkraft auch eine starke Persönlichkeit mit. Quelle: PC Games Tod von oben: Das spielerische Highlight im monotonen Drakengard-Gemetzel ist euer Drache Angelus. Sie bringt neben Feuerkraft auch eine starke Persönlichkeit mit. Nachdem wir von Siegel zu Siegel eilen und fliegen, dabei aber stets zu spät kommen und dem Imperium dann auch noch das letzte Bollwerk Midgards in Form von Caims Schwester Furiae in die Hände fällt, scheint die Lage aussichtslos. Eine finale, große Schlacht gegen das Imperium kann unsere Konföderation zwar noch für sich entscheiden, doch ein explosiver Meteoritenschauer aus der schwebenden Festung der Gegenseite lässt auch diese Hoffnung erlöschen. Ab diesem Punkt zeigt sich Yoko Taros Vorliebe für mehrere Enden. Von den fünf Abschlusspfaden mündet allerdings nur der letzte, und mit Abstand merkwürdigste, chronologisch ins nächste Spiel des Universums.

Drakengard 3 ist auf der PS3 eine technische Katastrophe. Schade, denn mit seinen zynischen, sexsüchtigen Charakteren ist das Spiel eigentlich sehr unterhaltsames Trash-Kino! Quelle: Square Enix Drakengard 3 ist auf der PS3 eine technische Katastrophe. Schade, denn mit seinen zynischen, sexsüchtigen Charakteren ist das Spiel eigentlich sehr unterhaltsames Trash-Kino! Als wir Manah, die kindliche Anführerin des Wächter-Kults, besiegt haben und alle Siegel zerstört sind, befallen die Wächter, die aussehen wie riesige, steinerne Babys, Midgard und fressen die verbleibenden Menschen. Schließlich erscheint die Bestienkönigin, die Mutter der Wächter. Passend zu ihren Untertanen als riesige, schwangere Frau dargestellt, beginnt sie, inmitten der tobenden Apokalypse, die Realität zu verschlingen. Als sich Caim und Angelus der Königin nähern, setzt sie die von ihr "gefressene" Zeit frei und befördert uns durch ein Dimensionsportal, natürlich, ins Tokio des frühen 21. Jahrhunderts. Warum uns nun der Endkampf auch noch plötzlich in ein bockschweres Rhythmus-Spiel wirft, das rein gar nichts mit dem eintönigen Hack&Slay-Gameplay zu tun hat, durch das wir uns auf dem Weg hierher quälen mussten? Weil Drakengard und Nier (jetzt kaufen 21,59 € ) gerne mit Konventionen brechen, mitunter auch zum Leidwesen des Spielers. Ziel erfüllt, der Kulturschock sitzt!

Das letzte Ende von Drakengard war ursprünglich als Witz gedacht und sollte an das Finale von Hideaki Annos Neon Genesis Evangelion erinnern.  Quelle: PC Games Das letzte Ende von Drakengard war ursprünglich als Witz gedacht und sollte an das Finale von Hideaki Annos Neon Genesis Evangelion erinnern.  Schließlich stürzt die Königin zerbröckelnd vom Himmel, ehe Caim und sein Drache von einem Kampfjet der japanischen Luftwaffe abgeschossen werden und ebenfalls in ihre Einzelteile zerborsten auf die Stadt herabregnen. Wir halten fest: Drakengard setzt uns wohl eines der bizarrsten Enden vor, die wir in einem Spiel bisher erlebt haben. Aber Yoko Taro wäre nicht der legendär schräge Storyschreiber, der er ist, könnte er diese abstruse Prämisse nicht weiterspinnen!

Nier Replicant / Nier Gestalt (PS3, Xbox 360, 2010): Die tausendjährige Lüge

Dass die bis auf das Alter des Protagonisten identischen Nachfolger Nier Replicant und Nier Gestalt (Letzteres wurde als einzige Version im Westen veröffentlicht) an dieses Ende von Drakengard anknüpfen, wird erst spät in den Spielen ersichtlich. Und zwar auch nur dann, wenn wir aufmerksam sämtliche Geheimdokumente, Item-Beschreibungen und Dialoge auftreiben und verfolgen. Da wir euch das Beste an Nier Replicant, nämlich seine mit Plottwists gespickte Geschichte, wegen der Neuauflage natürlich nicht verderben wollen, belassen wir es hier bei den Eckdaten!
Grimoire Weiss ist so alt, dass er über die Geschehnisse vor Nier Replicant Bescheid wissen müsste.  Quelle: PC Games Grimoire Weiss ist so alt, dass er über die Geschehnisse vor Nier Replicant Bescheid wissen müsste.  Nach dem Absturz der Bestienkönigin im Jahr 2003 liegt der Tokioter Stadtteil Shinjuku in Trümmern, wird zum Ground Zero erklärt und von der japanischen Regierung abgeriegelt. Neben der physischen Zerstörung der Stadt kündigt sich jedoch schon bald ein viel schwerwiegenderes Problem an: Menschen, die Kontakt mit den ascheartigen Partikeln der Königin hatten, erkranken am sogenannten White Chlorination Syndrome. Im Endstadium dieser Erkrankung verwandeln sich Betroffene in Salzstatuen und zerfallen dann wiederum in infektiöse Partikel. Was bei einer Ansteckung eigentlich passiert: Die Menschen werden von unbekannten Göttern vor die Wahl gestellt, entweder in eine Statue verwandelt zu werden oder sich als willenlose, rotäugige Marionette in den Dienst der Götter zu stellen, wie es schon in Midgard mit dem Imperium geschehen war.

Die Chancen stehen gut, dass Nier Reincarnation irgendwann seinen Weg zu uns findet. Yoko Taros anderes Mobile-Game, SINoAlice, hat es mit einiger Verzögerung auch geschafft. Quelle: Square Enix Die Chancen stehen gut, dass Nier Reincarnation irgendwann seinen Weg zu uns findet. Yoko Taros anderes Mobile-Game, SINoAlice, hat es mit einiger Verzögerung auch geschafft. Die wachsende Rotaugenarmee in Shinjuku wird von den Behörden eingemauert, die Bedrohung lässt sich jedoch kaum noch bändigen. Die Vereinten Nationen fällen schließlich die folgenschwere Entscheidung, der Gefahr in der japanischen Millionenmetropole mit Atomwaffen beizukommen. Tokio wird dem Erdboden gleichgemacht. Der katastrophale Nebeneffekt: Durch die nuklearen Explosionen werden infektiöse Aschepartikel aus dem Ground Zero in die Atmosphäre geschleudert und können sich über den gesamten Erdball verteilen. Die Ausbreitung des White Chlorination Syndrome ist nun nicht mehr aufzuhalten, die Menschheit steht vor ihrem Ende.

Wer oder was das ist? Nur eines von vielen grausigen Geheimnissen, die wir in Nier Replicant aufdecken müssen. Quelle: PC Games Wer oder was das ist? Nur eines von vielen grausigen Geheimnissen, die wir in Nier Replicant aufdecken müssen. Das verzweifelte Experiment, auf das sich Wissenschaft und Militär schließlich einlassen, um den Fortbestand der Spezies zu sichern, ist zentrales Story-Element in Nier Replicant. Über ein Jahrtausend nach der Katastrophe in Tokio durchstreifen wir als namenloser, junger Protagonist die spartanischen letzten Überreste der menschlichen Zivilisation auf der Erde und sehen uns mit einer neuen Bedrohung in Form der mysteriösen Schatten konfrontiert. Auf der Suche nach einem Heilmittel für unsere kranke Schwester lüften wir die Geheimnisse um die Schatten und decken dabei eine Wahrheit auf, die ein Millennium lang unter Verschluss gehalten wurde. Was diese Wahrheit ist, verraten wir euch an der Stelle jedoch nicht, und wünschen allen Neueinsteigern schonmal eine fröhliche Existenzkrise!

Nier Automata (PS4, Xbox One, PC, 2017): Stellvertreterkriege und der Sinn des Lebens

Die Menschheit kommt einfach nicht zur Ruhe: Erst stürzt ein gigantisches Monster aus einer fremden Welt über Tokio ab, das White Chlorination Syndrome und die Schattenwesen sorgen für milliardenfaches Sterben, und dann kommen, wie sollte es anders sein, auch noch die Aliens. Pünktlich am Independence Day des Jahres 5012 landen UFOs in Nord- und Südamerika und machen sich die dortige Großindustrie zunutze, um ganze Heerscharen von Maschinenwesen für den Krieg gegen die Menschen zu fertigen. Der neuen, außerirdischen Bedrohung setzt die Menschheit eine Armee aus in ihrem Ebenbild geschaffenen Androiden entgegen, die das Vermächtnis der Spezies beschützen sollen.
11.000 Jahre in der Zukunft sind selbst die imposantesten Bauwerke nur noch zerfallene Gerippe. Aber die Schulbusse haben gehalten! Quelle: PC Games 11.000 Jahre in der Zukunft sind selbst die imposantesten Bauwerke nur noch zerfallene Gerippe. Aber die Schulbusse haben gehalten! Man möchte meinen, eine Alien-Invasion wäre der größte Story-Aufhänger in einem Videospiel. In Nier Automata ist sie nur eine von vielen, lange vergessenen Katastrophen.  Quelle: PC Games Man möchte meinen, eine Alien-Invasion wäre der größte Story-Aufhänger in einem Videospiel. In Nier Automata ist sie nur eine von vielen, lange vergessenen Katastrophen.  Weitere fünf Jahrtausende später, im Jahr 11939, haben sich die Menschen notgedrungen auf den Mond zurückgezogen und befehligen von dort aus Projekt YoRHa, die bisher fortschrittlichste Truppe intelligenter Androiden. Der Menschheit zur bedingungslosen Treue verschworen, stürzen wir uns in Nier Automata mit den Androiden 2B und 9S in den 14. Maschinenkrieg und kämpfen um das, was von der Erde übrig ist. Anfangs vernichten wir die knuffigen, feindlichen Maschinenwesen noch reuelos, doch uns fällt schnell auf, dass die Roboter sich mehr und mehr menschliche Verhaltensweisen aneignen. Sie versuchen, zu sprechen, zu lieben, Sex zu haben, Staatsformen und Religionen zu gründen und beschäftigen sich mit den Werken von Nietzsche und Shakespeare. Verstört von der Menschlichkeit dieses scheinbaren Feindes der Menschheit, stellt der hochintelligente Scanner-Androide 9S im zweiten Durchgang des Spiels Nachforschungen an.
Im kitschigen Märchen-Vergnügungspark versuchen sich die Maschinen an der Emotion Freude. Ob wir die Party crashen, bleibt unserer Moral überlassen. Quelle: PC Games Im kitschigen Märchen-Vergnügungspark versuchen sich die Maschinen an der Emotion Freude. Ob wir die Party crashen, bleibt unserer Moral überlassen.
Die Maschinen in Nier Automata geben sich größte Mühe, menschliches Verhalten nachzuahmen. Für manches fehlen ihnen allerdings die nötigen...Bauteile. Quelle: PC Games Die Maschinen in Nier Automata geben sich größte Mühe, menschliches Verhalten nachzuahmen. Für manches fehlen ihnen allerdings die nötigen...Bauteile. Als 9S müssen wir feststellen, dass wir uns seit tausenden von Jahren in einem letztlich sinnlosen Stellvertreterkrieg befinden, gegen einen Feind, der unseren vergötterten menschlichen Befehlshabern womöglich ähnlicher ist, als wir selbst. In den letzten Stunden von Nier Automata erleben wir, wie die letzten menschlichen Einflüsse auf der Erde in sich zusammenfallen, und wie eine neue Generation von Lebensformen auf dem völlig verwüsteten Planeten einen Neuanfang wagt. Da jedoch beide Kriegsparteien anscheinend dazu verdammt sind, die Verhaltensweisen und die Kultur ihrer Schöpfer zu übernehmen, dürfte der nächste zermürbende Konflikt nicht lange auf sich warten lassen.

Der Rattenschwanz: Geschichtsunterricht in Absurdistan

Cosplay-Life: Wenn Yoko Taro keine Interviews als Sockenpuppe gibt, trägt er die Maske von Emil aus Nier Replicant.  Quelle: Square Enix Cosplay-Life: Wenn Yoko Taro keine Interviews als Sockenpuppe gibt, trägt er die Maske von Emil aus Nier Replicant.  Wer nun jedes Detail des erweiterten Nier-Universums aufsaugen und sämtliche Zusammenhänge verstehen will, begibt sich in einen faszinierenden, schier endlosen Kaninchenbau. So gibt es neben den Games noch Mangas, Bücher, Konzerte und sogar Theaterstücke, von denen es ein Großteil leider nie in den Westen schaffte. Zu spielen gäbe es etwa noch das reichlich trashige, aber trotzdem charmante Drakengard 3, das man als loses Prequel zum Serienerstling bezeichnen könnte, oder die Gastauftritte der Automata-Androiden im MMORPG Final Fantasy 14. Zudem erwartet uns hoffentlich noch in diesem Jahr der weltweite Release des Mobile-Games Nier Reincarnation, zu dessen Story bisher wenige bis keine Details bekannt sind. Und dass sich auf YouTube und diversen Fan-Wikis ellenlange Analysen zur Hintergrundgeschichte jedes Spiels und jedes Ablegers der Reihe finden lassen, ist heutzutage ohnehin eine willkommene Selbstverständlichkeit.

Zum Abschluss unseres kleinen Rundgangs durch Yoko Taros große Welt bleibt uns nur noch eines zu sagen: Square Enix, bitte hört niemals auf, diesen liebenswerten Quatschkopf Spiele machen zu lassen. Danke!

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