Nier Replicant ver. 1.22474487139... Vorschau + Video: Feinschliff für den Rohdiamanten?

Special Stefan Wilhelm Lukas Schmid
Nier Replicant ver. 1.22474487139... Vorschau + Video: Feinschliff für den Rohdiamanten?
Quelle: Square Enix

Bei der Kritik durchgefallen, von Fans geliebt: Pünktlich zum elften Geburtstag veröffentlicht Square Enix eine überarbeitete Version von Nier Replicant. Wir konnten das Remaster ausführlich antesten und verraten, warum das unterschätzte Rollenspiel trotz mittelmäßiger Technik eine zweite Chance verdient hat. Jetzt auch mit Video!

Mitreißende, wendungsreiche Story, phänomenaler Soundtrack, markige Charaktere, aber hoffnungslos veraltete Technik und Schwächen beim Pacing - bei seiner Veröffentlichung 2010 spaltete Nier die Gemüter. Von vielen Spielern und Kritikern wurde das Spiel als gescheiterter Versuch der japanischen Entwickler abgetan, sich an den westlichen Rollenspiel-Markt anzubiedern. Trotzdem genießt Nier bei einer kleinen, aber treuen Fangemeinde seit jeher Kultstatus und gilt als Geheimtipp der siebten Konsolengeneration.

Ein ungeschliffenes Juwel, dessen Qualitäten erst auf den zweiten Blick sichtbar werden, die aber dann umso mehr überraschen. Nach dem Erfolg des Nachfolgers Nier: Automata und dem sukzessive neu entfachten Interesse am Nier-Universum versucht Square Enix nun, mit dem Remaster von Nier Replicant, dem Erstling zu seinem elften Geburtstag endlich die gebührende Aufmerksamkeit zu bescheren.

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Das hässliche Entlein ...

Auf dem Schrotthaufen begegnen wir zwei Brüdern, die uns auf die Suche nach ihrer Mutter tief in alte Produktionsstätten schicken. Quelle: Square Enix Auf dem Schrotthaufen begegnen wir zwei Brüdern, die uns auf die Suche nach ihrer Mutter tief in alte Produktionsstätten schicken. Im Rahmen der Vorschauversion konnten wir uns einen Dungeon sowie einen frühen Bosskampf ansehen und uns in einer der kompakten Open-World-Zonen die Beine vertreten. Was uns sofort auffällt: Ein optischer Leckerbissen ist auch die Remastered-Fassung von Nier Replicant nicht, zumindest nicht im technischen Sinne. Denn detailarme Texturen, NPCs, die beim Sprechen ihre Münder nicht bewegen, grobe Umgebungsgestaltung und immer gleich aussehende Dungeon-Korridore brüllen uns geradezu entgegen: Ich bin ein PS3-Spiel! Und zwar eins, das auf der PS3 schon reichlich alt aussah!

Das frische Artdesign und die spannende Prämisse des Spiels wissen jedoch damals wie heute zu überzeugen: Wir befinden uns in einer Endzeit-Welt, in der selbst die Jahrhunderte zurückliegende Apokalypse nur mehr ein verblasstes Fragment in der Erinnerung ihrer Bewohner ist. Die Menschheit wurde allem Anschein nach ins technologische Mittelalter zurückgeworfen, dementsprechend wird Ackerbau und Fischerei betrieben, es wird mit Schwertern statt Schusswaffen gekämpft und nur noch zerfallene Eisenbahnbrücken und rostige Sicherheitsroboter zeugen von dem, was einmal war. Es hat also immerhin einen guten Grund, dass die Spielwelt relativ tot, leer und farbarm ist. Anders als im Original, dessen westliche Versionen uns nur einen alten Protagonisten spielen ließen, stecken wir in Nier Replicant zunächst noch in den Kinderschuhen. Entsprechend ist die an Runenpest erkrankte Yonah nicht unsere Tochter, sondern unsere Schwester. Quelle: Square Enix Anders als im Original, dessen westliche Versionen uns nur einen alten Protagonisten spielen ließen, stecken wir in Nier Replicant zunächst noch in den Kinderschuhen. Entsprechend ist die an Runenpest erkrankte Yonah nicht unsere Tochter, sondern unsere Schwester. Spielerisch passiert in den kleinen Dörfern der Spielwelt zwar wenig und die NPCs speisen uns in Gesprächen meist mit simplen Onelinern ab, das Artdesign weiß jedoch zu gefallen. Quelle: Square Enix Spielerisch passiert in den kleinen Dörfern der Spielwelt zwar wenig und die NPCs speisen uns in Gesprächen meist mit simplen Onelinern ab, das Artdesign weiß jedoch zu gefallen. Das einzig lebendige, das uns in der Nördlichen Ebene begegnet, sind Schafe (denen wir im Original im Rahmen dröger Nebenquests reihenweise ihr letztes "Mäh" entlockten), riesige Wildschweine, auf denen wir wie gehabt über die Prärie reiten (und driften!) dürfen und Gegner in Form der mysteriösen Schatten. Diese Wesen bestehen aus schwarzen Wortketten, die silhouettenhaft um einen nicht vorhandenen Körper schweben und uns in unterschiedlichen Formen auflauern. Zahlreich vorhandene kleine Schattenwesen attackieren uns mit ihren Klauen, größere Kaliber sind rarer gesät, aber dafür mit überdimensionalen Waffen und Schilden ausgerüstet. Da freuen wir uns umso mehr, dass wir ihnen mit einem solide überarbeiteten Kampfsystem und flüssigen 60fps entgegentreten dürfen!

... mit einem Durst nach Blut ...

Obwohl es im ersten Nier noch nicht die Hack&Slay-Meister von PlatinumGames waren, die uns stilsicher mit Schwertern tanzen lassen, sondern der relativ unbekannte Entwickler Cavia und beim Remaster ToyLogic, gefallen die blutigen Kämpfe mit coolen Animationen, erweiterten Combo-Möglichkeiten und einer sehr sauberen, griffigen Steuerung. Wir führen zwar im Gegensatz zu den aufreizenden Androiden aus Nier: Automata nur eine Hieb- oder Stichwaffe gleichzeitig mit, können aber leichte und schwere Angriffe, Uppercuts und Sturzattacken flüssig und intuitiv miteinander verbinden. Jede Aktion können wir notfalls per Rolle unterbrechen. Feindlichen Hieben begegnen wir mit blitzschnellen Ausweichschritten in den gegnerischen Rücken oder blocken im richtigen Moment, um eine saftige Parade auszuführen.
Mit Schwert und Sprüchen: Die stylischen Kämpfe wurden ordentlich aufpoliert und sind einer der gelungensten Aspekte der Neuauflage. Quelle: Square Enix Mit Schwert und Sprüchen: Die stylischen Kämpfe wurden ordentlich aufpoliert und sind einer der gelungensten Aspekte der Neuauflage. Die Kämpfe fühlen sich merklich druckvoller und geschmeidiger an als im Original, und sind für ein Open-World-Rollenspiel absolut überzeugend, auch wenn verständlicherweise nicht der Facettenreichtum eines Bayonetta oder Devil May Cry erreicht wird. Für mehr Optionsvielfalt sorgt dafür der schwebende Zauberwälzer Grimoire Weiss, der immer für einen sarkastisch-genervten Kommentar zu haben ist und uns mit allerlei durchschlagender Magie zur Seite steht. Haben wir etwa einem Bossgegner einen neuen Zauber entrissen, können wir eine der Schultertasten damit belegen und ihn im Kampf von Weiss abfeuern lassen.

Mit der Dunklen Exekution lassen wir Speere aus dem Boden schießen.  Quelle: Square Enix Mit der Dunklen Exekution lassen wir Speere aus dem Boden schießen.  Zielsuchende Flug-Lanzen, riesige Fäuste, eine Armada von Speeren, die aus dem Boden hervorstechen und Gegner aufspießen - die magischen Attacken sehen mit ihren blutroten Effekten nicht nur schick aus, sondern sind auch für einen Großteil unseres Schadensoutputs verantwortlich und dank der schnellen Selbstregeneration unseres Mana-Balkens großzügig einsetzbar. Kenner von Nier: Automata fühlen sich in den Kämpfen sofort zu Hause, denn die Steuerung ist nahezu identisch und Grimoire Weiss erfüllt quasi die gleiche Rolle wie die bewaffneten Pod-Begleiter des chronologischen Nachfolgers. Wollen wir auf Verteidigungshaltung und Ausweichrolle verzichten, können wir bis zu vier Zaubersprüche gleichzeitig ausrüsten. Unsere Waffen, Kampfaktionen und Magie dürfen wir schließlich mit Wortfetzen veredeln, die uns kleinere Boni wie erhöhten Schaden, verringerte Manakosten oder bessere Dropraten gewähren.

... und der Seele eines stolzen Schwans

Was Nier Replicant neben den gelungenen Kämpfen seit jeher zu einem besonderen Erlebnis macht, sind der abgefahrene Plot, tolle Charaktere und ein fantastischer Soundtrack. Ob und inwiefern die Geschichte um den jungen Nier, der seine Schwester mit allen Mitteln von der mysteriösen Runenpest befreien will, im Remaster verändert wurde, lässt sich anhand der von uns gespielten Abschnitte noch nicht sagen. Die Geheimnisse, die wir der Spielwelt und ihren Bewohnern über den Verlauf der etwa 25-stündigen Story entlocken, gingen im Original jedenfalls durch Mark und Bein. Auch ohne Veränderungen würde uns also eine melancholische, erschütternde und wendungsreiche Geschichte erwarten.
Coole Bosskämpfe liefert Nier Replicant en masse. Hack & Slay und Shoot 'em Up geben sich designtechnisch die Klinke in die Hand. Quelle: Square Enix Coole Bosskämpfe liefert Nier Replicant en masse. Hack & Slay und Shoot 'em Up geben sich designtechnisch die Klinke in die Hand. Warum speziell dieser Schatten Kainé so zur Weißglut treibt? Nur eines ihrer vielen Geheimnisse. Quelle: Square Enix Warum speziell dieser Schatten Kainé so zur Weißglut treibt? Nur eines ihrer vielen Geheimnisse. Man darf gespannt bleiben, ob der ominöse Untertitel des Remasters neue Story-Schnipsel verheißt und ob endlich eine klarere Brücke zu Automata gespannt wird! Was jedoch jetzt schon feststeht: Der Soundtrack von Komponist Keiichi Okabe ist ein abwechslungsreicher Ohrenschmaus. Von verträumt bis dramatisch, von sanft bis unheimlich und oft mit dem tollen Fantasiesprachen-Gesang von Emi Evans veredelt, bleiben die Melodien lange nach dem Durchspielen im Kopf. Für das Remaster wurde die Produktionsqualität der Stücke ordentlich nach oben geschraubt, und ebenso wie die Kämpfe wirken sie kräftiger und moderner, ohne ihr gewisses Etwas zu verlieren.

Eine andere große Stärke des Spiels sind seine markigen, unverbrauchten Charaktere. Die leicht bekleidete Kainé flucht wie ein Kesselflicker und gerät regelmäßig mit Grimoire Weiss aneinander, während unser unschuldiger Held sich abmüht, eine Vermittlerrolle einzunehmen. So durchstreifen wir letztlich zwar eine technisch unspektakuläre Welt, das bodenständige Geplänkel der Figuren erweckt die karge Umgebung jedoch immer wieder zum Leben und an den Hintergrundmelodien, gerade in den offenen Arealen, können wir uns kaum satthören. Wer Nier (jetzt kaufen 21,59 € ): Automata mochte und wem Atmosphäre, Story und Charaktere wichtiger sind als der neueste Stand der Technik, sollte Nier Replicant auf jeden Fall im Auge behalten!

NieR Replicant ver. 1.22474487139... erscheint am 23. April 2021 für PC, PS4 und Xbox One.

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