Facebook kauft Oculus VR: Ist Mark Zuckerberg ein Visionär oder Wahnsinniger? - Zwei Kommentare
Kolumne
Die Meldung gestern Abend, Facebook habe Oculus VR für zwei Milliarden Dollar gekauft, schlug ein wie eine Bombe. Nicht nur in den Weiten des Netzes wird seitdem heftig diskutiert, auch bei uns in der Redaktion herrschen recht unterschiedliche Meinungen. Erst Instagram, dann Whatsapp, nun also Oculus Rift: Facebook kauft die digitale Elite auf, in der Hoffnung eine Vorreiterrolle in der Zukunft einzunehmen. Eine gute Entscheidung, findet unser Autor Sandro Odak - aber auch kritisch, weil Oculus VR vor eineinhalb Jahren noch von Fans finanziert werden musste. Die fühlen sich nun zurecht hintergangen. Peter Grubmair hingegen schlägt sich eher auf die Seite von Markus Persson, sieht eine so fantastische Entwicklung wie die des Oculus Rift nun von einer Datenkrake kontrolliert. Hält aber auch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft parat.
Sandro Odak zur Übernahme von Oculus VR durch Facebook:
Mark Zuckerberg ist CEO und Erfinder von Facebook. Er hat soziale Netze sicherlich nicht erfunden, er hat sie aber salonfähig gemacht. Vor Facebook gab es lokale Seiten wie Lokalisten oder StudiVZ und natürlich MySpace. Das waren soziale Netze, in denen sich Jugendliche und Freaks tummelten, aber keine Erwachsenen. Seit es Facebook gibt, kann selbst meine Mutter online mitreden, meine Urlaubsfotos liken und mit entfernten Freunden und Verwandten in Kontakt bleiben.
Oculus Rift fristet gerade ein ähnliches Dasein, wie soziale Netzwerke in den frühen 2000er Jahren. Die Virtual Reality Brille ist spannende Hardware und eine Innovation auf dem mittlerweile ziemlich langweiligen Display-Markt. Es gab zwar schon früher ähnliche Brillen, aber sie waren verdammt schwer, verdammt teuer und konnten dafür verdammt wenig abliefern. Oculus macht die Technologie nun erschwinglich. Aber cool ist Rift noch immer nicht. Die Datenbrille ist etwas für Nerds und hat bislang, abgesehen von Videospielen, wenig nützliche Anwendungsgebiete. Mit einem Partner wie Facebook kann Oculus sein Geschäftsfeld ausweiten und aus der Nerd-Nische herausholen. Gespräche vom einen Punkt des Planeten zum anderen, so als stünde man sich direkt gegenüber, sind möglich. Sogar Fernunterricht würde effektiver werden. Die Frage ist: Könnte Oculus VR das auch ohne einen Partner an seiner Seite schaffen? Vermutlich nein.
Mark Zuckerberg investiert damit 2 Milliarden Dollar in die Zukunft. Er ist ein Visionär, der der Technik von morgen nicht nur hinterherrennen möchte, sondern sie mitgestalten will. Er hat die Innovationen der 2010er Jahre mitgegründet – und will nun sicherstellen, dass sie auch das kommende Jahrzehnt übersteht. Nicht so wie MySpace. Nicht so wie Yahoo. Er orientiert sich am Prinzip Google: Da wo sich Innovation tummelt, will er seine Finger im Spiel haben. Bislang hat das auch keinem Aufkauf geschadet. Trotz Unkenrufen ist Instagram unabhängig geblieben, sogar beliebter und besser geworden. Und auch auf Whatsapp wird Facebook nicht zu viel Druck ausüben. Facebook sieht seine Milliardensummen als Investition, nicht als Kapitalvernichtung. Ob Oculus VR den Erwartungen gerecht wird, ist aber fraglich. Und genau hier liegen die Überschneidungspunkte mit dem Social Network: Wer, wenn nicht Facebook oder Google, könnte eine solche Technologie massenmarkttauglich machen? Der Einstieg des Internetriesen bedeutet nicht zwangsläufig etwas Schlechtes für die Spiele-Branche. Dass Minecraft-Erfinder Markus "Notch" Persson so hart reagiert, ist für mich daher unverständlich.
Dennoch ist der Kauf nicht ganz unproblematisch. Auf Kickstarter und im ganzen Internet kritisieren Fans die Entscheidung. Einer der ersten Kommentare im Kickstarter-Forum fasst die unglaubliche Wut auf die Oculus Geschäftsführung ungeniert in Worte: "Palmer, what the actual fuck?!" Unterstützer haben vor anderthalb Jahren Oculus Rift aus der Taufe gehoben. Die rekordverdächtige Kickstarter-Kampagne spülte das nötige Geld in die Taschen der Macher, um den Prototypen überhaupt bauen zu können. Sie fühlen sich nun verraten und zu PR-Zwecken ausgebeutet. 2012 noch die Volksnähe mimen und nun der Sell-Out für knapp 2 Milliarden? Ist das möglich? Was haben die Kickstarter-Backer davon, die sich weniger als Kunden und mehr als Investoren verstehen? Diese Fragen wird Facebook nun beantworten müssen und kann sich auf viel Gegenwind einstellen. Vielleicht ist Zuckerberg als doch mehr ein Wahnsinniger. Denn das Internet ist nicht nur sauer, dass Oculus überhaupt verkauft, sondern auch an wen. Datenschutzbedenken werden laut, und allgemeine Facebook-Abneigung. Fast schon zynisch, dass meine Freunde und Industriekontakte ihren Frust ausgerechnet auf Facebook veröffentlichen – der Plattform, der sie so unsäglich schlimme Vorwürfe machen.
Peter Grubmair zur Übernahme von Oculus VR durch Facebook:
Als gestern Abend die Meldung um die Welt ging, Mark Zuckerberg hat Oculus VR gekauft, dachte ich reflexartig, was wahrscheinlich viele dachten: "Warum ausgerechnet Facebook?". Jeder andere Konzern schien mir geeigneter um die Vision hinter Oculus Rift zu einem weltweiten Erfolg zu führen. Von mir aus Microsoft oder Google, denen ich ein ehrliches Engagement im Spielemarkt viel eher zutrauen würde, als ausgerechnet Facebook. Mir erschloss sich auch nicht die "soziale Komponente" von Oculus, über die Zuckerberg sprach. Ich soll meine Arztbesuche mit einem VR-Headset machen, ernsthaft? Oder worin liegen die Vorteile Fernunterricht mit dem Ding auf dem Kopf abzuhalten?
Es hat schon einen Grund, weshalb Oculus Rift bisher ausschließlich in Verbindung mit Spielen gezeigt wurde, weil alles andere nette Vorstellungen sind, aber schlicht am Gerät auf dem Kopf, welches einen komplett von der Umwelt abschottet, scheitern. Bei Spielen ist solch ein Effekt gewünscht und sinnvoll, in allen anderen Bereichen aber nur hinderlich.
Doch wie sieht es denn auf Facebook mit Spielen aus? Haben die ihren Zenit nicht schon längst überschritten, weil sich kein Publisher an die Plattform binden will, weil es heutzutage genug andere Möglichkeiten gibt seine Casual-Games an die Kunden zu bringen? Hat Facebook etwa zu irgendwelchen Innovationen bei den Spielen beigetragen, von nervenden Benachrichtigungen abgesehen?
Selbstverständlich hat Zuckerberg Oculus nicht gekauft weil er ein Visionär ist, genau das Gegenteil ist der Fall, er will sich von den Visionen anderer nicht überrollen lassen. Mit der Übernahme jetzt ist er auf der sicheren Seite. Sollte Oculus VR tatsächlich erfolgreich sein, hat er den Kuchen schon im eigenen Kühlschrank stehen, und wenn nicht, tun ihm die zwei Milliarden sicher nicht weh. Visionen aber sehen anders aus.
Ich hab auch eine Vision, was Facebook und Oculus Rift betrifft, die ist aber recht unangenehm. Ich finde es jetzt schon bedenklich, wenn irgendwer auf Facebook mich auf irgendeinem Foto, welches ich weder gemacht habe noch online stellte, markieren kann. Oder kaum ist man auf irgendeiner Veranstaltung oder in der Gruppe unterwegs, findet sich immer jemand, der es total witzig findet den eigenen Standort in die Welt hinauszuposaunen. All das sind Daten auf die Facebook scharf ist und gegen die man selbst nicht vorgehen kann, sie entziehen sich der eigenen Kontrolle. Und das soll dann auch im virtuellen Raum geschehen, mit Oculus schön in 3D?
Es ist ja eine tolle Vorstellung mit einem VR-Headset in die virtuellen Welten regelrecht eintauchen zu können, als Nerd wünsche ich mir so etwas schon ein Leben lang, aber ich will mich dort nicht vor der ganzen Welt nackig machen. So wie auch schon Markus Persson sagte, mir macht die Kooperation Angst. Facebook ist eine Datenkrake und sie werden ihre Bestrebungen diesbezüglich auch nicht einstellen. Dabei muss man immer auch einen Schritt weiter denken. Was, wenn es Facebook einmal nicht mehr gibt, was geschieht mit den Daten dann? Die werden nicht verschwinden, die werden weiter verwendet, von wem auch immer. Warum also muss man dann eine so geniale neue Technik gleich in den Kinderschuhen einem Konzern wie Facebook aushändigen?
Nicht zuletzt dürften sich die vielen Unterstützer der Kickstarter-Kampagne von Oculus Rift verdutzt die Augen reiben. Es gibt ja schon einige seltsame Vorgänge im Bereich des Crowdfundings, zum Beispiel wenn Multimillionäre Geld zur Entwicklung eines Spiels haben wollen, aber sich den Start von der Crowd finanzieren zu lassen um die Gewinne dann bei einem Konzern wie Facebook einzufahren, dürfte manchen auch seine nächste Investition bei Kickstarter überdenken lassen.
An der ganzen Aufregung im Netz und der nun eintretenden Spaltung der User sieht man deutlich, welch weite Kreise das Ereignis zieht. Denn Facebook ist nicht irgendein Konzern und Oculus Rift ist nicht irgendein Projekt. Darum kommt die Kritik auch von so vielen verschiedenen Seiten. Indie-Entwickler befürchten nun von der Entwicklung ausgeschlossen zu werden, Spieler befürchten ausspioniert zu werden und Branchengrößen wie Markus Persson warnen vor dem was kommen könnte. Trotzdem glaub ich die eingangs gestellte Frage: "Warum ausgerechnet Facebook?", beantworten zu können. Weil sie es können! Und das muss gar nicht so schlecht sein, denn mit Facebook im Rücken wird Oculus Rift vorerst nicht untergehen sondern tatsächlich zur Marktreife gebracht, da bin ich mir sicher. Und sollten wir zukünftig doch zum VR-Headset greifen, statt zum Arzt zu gehen, dann werde ich auch einsehen, dass Zuckerberg doch ein Visionär war.
