Linkshänder-Gaming: Luxusprobleme einer Zocker-Minderheit - ein Erfahrungsbericht

Special Melanie Weißmann Lukas Schmid
Special: Linkshänder-Gaming geht nicht mit rechten Dingen zu (1)
Quelle: PC Games

Als Linkshänder wird man in der Welt des Gamings immer wieder vor kleine nervige Herausforderungen gestellt. Vor allem, wenn man es versäumt hat, sich früh an das Zocken mit der rechten Hand zu gewöhnen. Doch wie einfach ist es wirklich, plötzlich mit der schwachen Hand zu zielen? Und wie meistern Linkshänder den für Rechtshänder optimierten Gaming-Alltag? Eine "Betroffene" berichtet in ihrer Kolumne von ihren eigenen Erfahrungen.

Besonders hartnäckige Linkshänder wie ich, die sogar ihre Maus mit links führen, müssen unter den rechtshändigen Standards der Gaming-Welt leiden. Ergonomische Hardware ist eine Rarität und die Tastenbelegung der Spiele mutiert zur beschwerlichen Bastelstunde. Wie ich mit diesen Herausforderungen umgehe und wieso sich einfach nichts zu Gunsten meiner Leidensgenossen ändern will, erzähle ich euch in diesem Erfahrungsbericht.


Über die Autorin
Linkshänder-Gaming: Luxusprobleme einer Zocker-Minderheit - ein Erfahrungsbericht (1) Quelle: Melanie Weißmann Linkshänder-Gaming: Luxusprobleme einer Zocker-Minderheit - ein Erfahrungsbericht (1) Melanie Weißmann ist Studentin der Medienkulturwissenschaft in Freiburg. Ihre größten Leidenschaften: Spielen und Schreiben. Deshalb ist sie aktuell Praktikantin bei PC Games. Am liebsten zockt Melanie kompetitive Online-Spiele wie Valorant oder League of Legends - vorzugsweise in Gesellschaft. Als Linkshändige Gamerin ist sie besonders genervt vom ständigen Anpassen der Tastaturbelegung, da sie dort bereits viele wertvolle Spielminuten opfern musste.


Minderheiten-Mimimi

Weltweit ist nur etwa jeder zehnte Mensch ein Linkshänder. Besonders in der Feinmotorik, bei schnellen Reaktionen und purer Kraft macht sich der Unterschied zwischen schwacher und starker Hand bemerkbar. In schnellen oder kompetitiven Spielen sind diese Eigenschaften ausschlaggebend für den Skill des Spielers. Kraft braucht er allerdings nur, um seinen Controller am Ende einer salzigen Session wütend gegen die Wand zu werfen.

Die Vergangenheit hat uns Linkshänder mit einem schlechten Ruf ausgestattet. Das Wort "links" bedeutet ursprünglich soviel wie "ungeschickt" oder "hinterhältig". Wir wurden wohl kaum als schlechte Menschen geboren, die einfach kein ergonomisches Spielerlebnis verdienen - oder? Im Gegensatz dazu steht das Wort "rechts" schon seit sehr langer Zeit für Das Gute und Wahre. Nicht umsonst wird Recht gesprochen oder ein Item-Build für richtig gehalten. Noch in der Generation unserer Eltern wurde Kindern ihre Linkshändigkeit mit Gewalt ausgetrieben, wahrscheinlich, weil sie ihnen nicht recht war. Heute haben Linkshänder zum Glück nur kleine Luxusprobleme, wie etwa unbequemes Zocken.

Besonders (und) genervt

Wenn mich jemand zocken sieht, werde ich immer blöd angeschaut. "Warum liegen deine Hände so komisch auf der Tastatur?" oder "Warum schießt du denn mit dem Mittelfinger?" wundert sich der neugierige Besuch. Ja, ich hätte mich wohl von Anfang an dazu entscheiden können, die Maus mit der rechten Hand zu führen. Mir fallen tausend tolle Gründe ein, die sogar heute noch dafür sprechen, statt der Maus im wahrsten Sinne des Wortes die Tastatur links liegen zu lassen. Aber ein gewaltiger Grund sprach schon immer dagegen: Die Gewohnheit.

Viele Gaming-Mäuse setzen auf ein ergonomisches Design, das speziell für Rechtshänder ausgelegt ist. Quelle: Steelseries Viele Gaming-Mäuse setzen auf ein ergonomisches Design, das speziell für Rechtshänder ausgelegt ist. Bereits in der Schule lagen die Mäuse im Computerraum immer rechts. Auch in meinem, von Rechtshändern dominierten, Zuhause musste ich meine PC-Stunde mit dem Tauschen von Maus und Tastatur beginnen. Mit dem rechten Hardware-Setup kam ich mir einfach wie ein unbeholfenes Kind vor, das gerade seine ersten Schritte geht. Der Linksklick mit dem Mittelfinger fühlte sich so natürlich an wie das Atmen selbst. Die Gewohnheit war geboren.

Kaum ein Rechtshänder kennt das nervige Gefühl, beim Einrichten eines neuen Spiels die gesamte Tastenbelegung manuell einzustellen. Da jede Steuerung ein wenig anders aufgebaut ist und unterschiedlich viele Tasten benötigt, braucht selbst der gamingerprobte Linkshänder oft über eine Viertelstunde, bis jeder Button sitzt. Ich selbst tendiere zu verschiedenen Versionen, bei der das übliche WASD durch ein UHJK ersetzt wird. So habe ich einen gewissen Abstand zwischen den Händen und genug belegbare Tasten um meine Haupt-Buttons herum. Da entwickelt jeder Links-Spieler mit der Zeit seine eigenen Wohlfühl-Belegungen.

Im Multiplayer können diese absurden Belegungen schnell zu Kommunikationsproblemen führen. "Auf welcher Taste lade ich nochmal nach?", fragt ein Freund in einer unserer ersten Valorant-Runden. Ich war kurz davor, ihm zu antworten, da fiel mir wieder ein, dass meine Aussage ihm genauso nutzlos ist, wie die Nennung eines völlig zufälligen Buttons. Ich selbst kann es mir auch nicht erlauben, meine Steuerung zu vergessen, wenn ich nicht mitten in einer Runde die sperrigen Optionen öffnen möchte.

Der Hardware-Albtraum

In vielen Sportarten haben Linkshänder einen Vorteil. Ob Tennis, Handball oder Boxen, der Gegner erwartet die Bewegungen eines Rechtshänders und muss sich an die spiegelverkehrten Muster anpassen. Im E-Sport ist es dem Gegner gleich, ob das Gegenüber seine Maus mit links oder rechts bedient. Für den Links-Spieler bedeutet es jedoch eine enorme Einschränkung in der Wahl der Hardware. Die Suche nach der richtigen Maus entpuppt sich als schwierig. Beidhändig muss sie sein und klein genug für meine zierlichen Frauenhände. Die einzige echte Linkshändermaus von Razer ist für mich zu groß. Im Elektronik-Fachmarkt ist die Auswahl oft so begrenzt, dass ich auf eine Online-Bestellung zurückgreifen muss, um ein möglicherweise passendes Modell auszuprobieren.

Hier seht ihr meine aktuelle Maus. Beidhändig, relativ klein und nach wochenlangen Suchspiel in Geschäften und im Internet der beste Kompromiss für mich. Quelle: Razer Hier seht ihr meine aktuelle Maus. Beidhändig, relativ klein und nach wochenlangen Suchspiel in Geschäften und im Internet der beste Kompromiss für mich. Nach vielen Jahren Gaming hatte ich sogar einmal versucht, mir das rechtshändige Spielen für eine Maus anzutrainieren, die ich einfach ganz wundervoll fand. Nach wenigen Stunden gab ich auf. Es war, als müsste ich mit der falschen Hand ein ganzes Buch schreiben. Für alle Aktionen brauchte ich mindestens doppelt so lange. Der Gedanke, dass ich fortan mehrere Monate lang deutlich schlechter spielen würde als sonst, trug ebenfalls zum Abbruch des Versuchs bei. Wahre Ergonomie durfte ich also trotz aller Bemühungen nicht erfahren.

Wirtschaft wählt rechts

Unmöglich ist die Umsetzung ergonomischer Hardware für Linkshänder nicht, leider aber finanziell absolut nicht rentabel. Dedizierte Linkshänder-Mäuse bedeuten höhere Entwicklungskosten. Für ein solches Gerät muss derselbe Aufwand betrieben werden wie für jede andere Maus, jedoch erzielt es durch die kleinere Zielgruppe deutlich weniger Verkäufe. Um dieses Defizit auszugleichen, müsste die Maus dafür deutlich teurer verkauft werden, als ein gleichwertiges beid- oder rechtshändiges Modell. Dies würde wiederum zu noch weniger Verkäufen führen. Ein Teufelskreis, den nur wenige Gaming-Marken zu durchbrechen versuchen und ein Problem, welches mich in unserer wirtschaftsgetriebenen Welt wirklich nicht wundert.

Wer sich also als Linkshänder über First-World-Problems monieren möchte, bekommt im Gaming-Bereich ein paar wundervolle kleine Ungerechtigkeiten vorgelegt. Für mich selbst ist die Situation als linkshändige Gamerin kein Drama, nur gelegentlich etwas nervig. Inzwischen mache ich mich sogar selbst über meine ulkige Tastaturbelegung lustig. Manchmal tut es aber einfach gut, sich über die kleinen Dinge im Leben zu beschweren.

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