Farewell, Telltale Games: Ein persönlicher Rückblick auf die Spiele der Adventure-Schmiede

Special Christian Dörre
Farewell, Telltale Games: Ein persönlicher Rückblick auf die Spiele der Adventure-Schmiede
Quelle: Telltale Games

Mit der letzten Episode von The Walking Dead wird nun auch endgültig das Kapitel Telltale Games beendet. In seiner Kolumne wagt PCG-Redakteur Chris einen Rückblick auf die Spiele und die Geschichte des Studios und untermauert diesen mit einigen persönlichen Anekdoten.

Am 26. März erscheint die letzte Episode der finalen Staffel von Telltale's The Walking Dead und damit wird auch endgültig das Kapitel Telltale Games geschlossen. Das Studio hat zwar schon längst dichtgemacht und die beiden letzten Episoden des Adventures wurden unter der Leitung von Skybound von ehemaligen Telltale-Leuten entwickelt, doch für mich ist diese letzte Folge dann das tatsächliche Ende dieses Studios, das mir viele Stunden gute Unterhaltung sowie etliche emotionale Momente bescherte und mich während meiner bisherigen Redakteurslaufbahn stets begleitet hat.

Ich möchte in dieser Kolumne gar nicht groß auf die anscheinend katastrophalen Zustände hinter den Kulissen des Studios und die ausstehenden Löhne vieler Beschäftigten eingehen oder darüber schwadronieren, dass sich Telltale mit den gefühlt zigtausend erworbenen Lizenzen verhoben hat. Vielmehr möchte ich einen möglichst positiven Rückblick mit ein paar persönlichen Ankedoten wagen, in dem die harte Arbeit der zuständigen Entwickler gewürdigt wird. Trotz dem ganzen (unfairen) Mist, der da passiert ist und von dem wir nun wissen, darf man nämlich nicht vergessen, dass das Telltale-Team auch klasse Spiele geschaffen haben. An einige dieser Story-Adventures werde ich mich wohl immer gerne zurückerinnern.

Rätsel und Humor

Zum ersten Mal in Berührung mit Telltale kam ich mit der ersten Season von Sam & Max, dem Reboot eines alten LucasArts-Adventures basierend auf der Comic-Vorlage von Steve Purcell. Das wusste ich damals aber gar nicht und auch Telltale war für mich ein unbeschriebenes Blatt. Als Student mit lahmem Rechner suchte ich einfach nur ein nettes Adventure, das mich vom Lernen abhalten konnte - und das hat es auf jeden Fall geschafft! Sam & Max war technisch altbacken und ruckelte auch auf PCs mit besserer Hardware und auch die Rätsel waren keine beinharten Kopfnüsse, die sich so mancher Genre-Veteran wohl gewünscht hätte, doch der Humor des Spiels war so wunderbar bescheuert, dass ich es direkt in mein verfettetes schwarzes Herz schloss.

Der Wahlkampf gegen die böse Lincoln-Statue bleibt unvergessen. Quelle: Telltale Games Der Wahlkampf gegen die böse Lincoln-Statue bleibt unvergessen. Allein die Episode Abe Lincoln Must Die bot so unglaublich viele Highlights, dass ich heute noch gerne mit einem Schmunzeln an den Wahlkampf gegen die böse Lincoln-Statue zurückdenke. Oder auch der Song im War-Room des Weißen Hauses, in dem die gesichtslosen Agenten plötzlich eine Musical-Nummer aufführen! Telltale hatte Ideen, das konnte man nicht abstreiten. Der Versuch des Studios, die altehrwürdige Monkey Island-Reihe weiterzuführen, war jedoch nicht ganz so kreativ. An die Originale, die ich zuvor nachgeholt hatte, kamen die neuen Episoden einfach nicht ran. So verschwand Telltale erstmal aus meiner Wahrnehmung.

Echte Emotionen

Ein paar Jahre später hörte ich dann, dass es ein echt gutes Episodenspiel zu The Walking Dead geben soll. Ich fand die TV-Serie damals richtig gut und da ich aufgrund weiterer erfolgreicher Ablenkungen immer noch erfolgloser Student mit viel Zeit war, startete ich meine PS3 und nach nur gefühlt zwei Stunden im furchtbar langsamen PlayStation Store war ich Besitzer des Season Pass. Zeitlich traf sich das sogar ziemlich gut, denn nur eine Woche nach dem Kauf sollte das Staffelfinale erscheinen. Hui, und das hatte es in sich.

Damals war mir persönlich schon klar, dass ich gerne mal im Games-Bereich - am liebsten als Redakteur bei einem Verlag - arbeiten möchte und ich suchte sowohl aufgrund meiner eigenen Vorliebe für gute Geschichten als auch für meine Hausarbeiten in der Uni nach Spielen, die zeigen, wozu das Medium Videospiel fähig ist. Games, welche die eigenen Fähigkeiten des Mediums geschickt nutzen. Jurassic Park von Telltale hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gespielt und wusste also nicht, dass viele Elemente daraus auch in The Walking Dead vorkamen. Quantic Dreams Heavy Rain zeigte jedoch trotz zahlreicher Logiklöcher schon ganz gut, wie man Story mit Emotionen beim Spieler verbinden kann.

Die Geschichte von Protagonist Lee und Ziehtochter Clementine in The Walking Dead: Season 1 ist nach wie vor toll und hochemotional. Quelle: Telltale Games Die Geschichte von Protagonist Lee und Ziehtochter Clementine in The Walking Dead: Season 1 ist nach wie vor toll und hochemotional. The Walking Dead haute mich dann echt um. Klar, die Steuerung bei freier Bewegung war hakelig, das Spiel ruckelte teilweise, besonders viel Gameplay war nicht vorhanden und spätestens beim zweiten Durchgang merkte man, dass die Entscheidungsfreiheit in vielen Fällen nur vorgegaukelt war, doch der Titel bot toll geschriebene Charaktere und eine echt gute, spannende, harte, dramatische Geschichte mit einigen Überraschungen und Wendungen. Besonders die Vater-(Zieh)tochter-beziehung von Protagonist Lee und der kleinen Clementine war unfassbar toll gemacht und teilweise echt herzzerreißend. Ich schäme mich nicht, wenn ich sage, dass ich beim Abspann der letzten Episode tatsächlich ein paar Tränchen verdrücken musste.

Telltale, die vorher mit herrlich bekloppten Ideen bei Point & Click Adventures glänzten, schienen nun ihre wahre Berufung gefunden zu haben und dem Studionamen gerecht zu werden. Sie waren tolle Geschichtenerzähler, die genau wussten, wie sie Figuren darstellen müssen und wie sie Emotionen beim Spieler auslösen. Jahre später führte ich ein Interview mit Job J. Stauffer von Telltale, der mir verriet, dass die Darstellung der Figuren eben von dem gewählten Episodenformat profitierte, da man das Feedback der Fans so in den Schaffensprozess mit einbezog. Der kleine Duck habe in Episode 1 viele Leute genervt, da man aber mit ihm eine emotionale Szene in Episode 3 geplant hatte, entschied man sich also, den Jungen am Anfang der Folge besser zu positionieren und ihn liebenswerter zu machen. Der lustige Detektiv-Abschnitt mit Lee und Duck in Episode 3 war das Resultat.
The Wolf Among Us überzeugte mit toll geschriebenen Charakteren, cleveren Dialogen, Film-Noir-Atmosphäre und einem genialen Setting. Quelle: Telltale Games The Wolf Among Us überzeugte mit toll geschriebenen Charakteren, cleveren Dialogen, Film-Noir-Atmosphäre und einem genialen Setting.

Der Wolf und der Anfang vom Ende

Das nächste Spiel von Telltale widmete sich einer weniger bekannten, aber noch interessanteren Lizenz. Statt direkt die Nachfolgestaffel zu The Walking Dead abzuliefern, entwickelte man eine spielbare Serie zu der Comic-Reihe Fables von Bill Willingham. Telltales Episoden stellten dabei ein Prequel zu den Comics dar. In der Rolle von Sheriff Bigby Wolf (dem ehemals großen bösen Wolf) ermittelten wir in einem düsteren Märchen-Milieu. The Wolf Among Us war weniger emotional als The Walking Dead, bot jedoch grandiose Charaktere, tolle Dialoge und eine geniale Film-Noir-Atmosphäre inmitten bekannter Märchenfiguren. Ich kann mich bis heute nicht entscheiden, ob mir die erste Staffel von Telltale's The Walking Dead oder The Wolf Among Us besser gefällt. Ein Kauf der mir bis dahin unbekannten Comics war nach Bigbys virtuellem Abenteuer aber Pflicht.

Die zweite Season The Walking Dead bot zwar auch einige Highlights, litt aber unter einigen erzählerischen Schwächen. Quelle: PC Games Die zweite Season The Walking Dead bot zwar auch einige Highlights, litt aber unter einigen erzählerischen Schwächen. Seit The Wolf Among Us begleitete mich Telltale dann auch beruflich, da ich während meines Volontariats den finalen Test der Staffel übernehmen durfte und später (ab Staffel 3) auch zum Auserkorenen für die weiteren TWD-Seasons wurde. Doch schon mit der zweiten Staffel ließ die Qualität bei Telltale etwas nach. Klar, auch hier wurden einige Highlights und emotionale Momente geboten, doch irgendwie zogen diese nicht mehr so wie noch bei der ersten Season oder The Wolf Among Us.

Dies lag zum einen daran, dass man die Telltale-Formel mittlerweile durchschaut hatte und zum anderen daran, dass Charaktere, Dialoge und Handlungen nicht mehr so ausgereift und nachvollziehbar wirkten. Staffel 2 bot nur wenige Figuren, die einem in Erinnerung blieben und es wirkte äußerst seltsam, dass eine Gruppe von Erwachsenen sämtlichen Ballast auf den Schultern eines kleinen Mädchens ablädt. Insgesamt war die Staffel dennoch spannend und man konnte annehmen, dass Telltale hier vielleicht einfach einen kleinen Durchhänger hatte.

Tales From The Borderlands war wunderbar abgefahren, kreativ und verdammt witzig. Quelle: Telltale Games Tales From The Borderlands war wunderbar abgefahren, kreativ und verdammt witzig. Schließlich gab es ja auch noch das super lustige Tales From the Borderlands, welches spielerisch zwar genauso limitiert war wie andere Telltale-Spiele, aber vor Witz und Charme sprühte. Telltale schaffte es damit tatsächlich, die beliebte Shooter-Reihe in ein unterhaltsames Story-Spiel zu verpacken, das sowohl Fans der eigentlichen Serie von Gearbox als auch Zocker ohne Bezug zum Original zu begeistern.

Mit der Zeit wurde jedoch klar, dass Telltale diese Kreativität irgendwie nicht mehr abliefern konnte (heute wissen wir wohl, warum). Man zog etliche vielversprechende Lizenzen an Land, holte jedoch weniger raus als möglich und von den Fans erwünscht. Game of Thrones wirkte wie durchschnittliche Fan Fiction und Minecraft: Story Mode bot nicht nur eine fragwürdige Politik beim Staffelpass, sondern auch eine so stinklangweilige Erzählung, dass wohl nur Kinder aufgrund des Klötzchenlooks angesprochen wurden. Telltale fehlte was und statt auf die Fans zu hören und endlich mal eine zweite Staffel The Wolf Among Us zu bringen, angelte man sich noch mehr Lizenzen, ohne sich jedoch in Sachen Technik, Gameplay und Kreativität weiterzuentwickeln. Man hatte als Spieler nicht mehr das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man ein Episoden-Drama von Telltale auslässt.
Game of Thrones überzeugte weder grafisch noch erzählerisch. Zu oft wirkte die Geschichte wie mittelmäßige Fan-Fiction. Quelle: PC Games Game of Thrones überzeugte weder grafisch noch erzählerisch. Zu oft wirkte die Geschichte wie mittelmäßige Fan-Fiction.

Lieber ein Ende mit Schrecken ...

Selbst Guardians of the Galaxy und Batman verkauften sich nicht sonderlich gut, obwohl das Superheldenfieber seit Jahren grassiert. Guardians war unterhaltsam, ohne irgendwo einen eigenen Charme zu entwickeln und die erste Staffel von Batman bot sogar einige coole Ideen, die die Welt des Dunklen Ritters ein wenig umkrempelten. Season 2 hingegen verzettelte sich damit, unbedingt irgendwie anders sein zu wollen, die Änderungen wirkten jedoch erzwungen und nicht durchdacht. Dennoch sollten noch viele weitere Projekte folgen. Telltale machte sogar großes Tamtam darum, eine ganz eigenständige IP herausbringen zu wollen.

Guardians of the Galaxy und die erste Season von Batman sind tolle Telltale-Adventures, verkauften sich aber schleppend. Quelle: PC Games Guardians of the Galaxy und die erste Season von Batman sind tolle Telltale-Adventures, verkauften sich aber schleppend. Telltales Plan war es, so zu funktionieren wie ein TV-Studio, das mehrere verschiedene Serien im Jahr herausbringt, doch hinter den Kulissen brodelte es und es wurde Kreativität auf Knopfdruck verlangt. Immer weiter, immer weiter. So ist es nicht verwunderlich, dass die Serien nicht mehr so durchdacht wirkten und einen eigenen Charme verbreiten konnten. Das Ende kam also irgendwie mit Ansage. In der Redaktion fragten wir uns schon seit Jahren, wie Telltale das alles stemmt und ob die ganzen Lizenzverwurstungen wirtschaftlich überhaupt rentabel sind.

Dennoch möchte ich hier mit ein paar positiven Zeilen enden. The Walking Dead stach nämlich aus dem Einheitsbrei verschiedener Telltale-Produktionen immer wieder heraus. An die Qualität und die emotionale Wucht der ersten Staffel kamen die weiteren Season nicht heran, doch man merkte, dass die Reihe den Entwicklern selbst am Herzen lag und sie ihr Möglichstes taten, um die Geschichte von Clementine würdig zu Ende zu bringen. So war es beispielsweise ziemlich clever, die ältere Clem durch die Augen eines neuen Charakters kennenzulernen. Clementine hat schließlich viel erlebt, ist reifer, aber auch verbitterter geworden, wodurch auch eine Distanz zum Spieler vorhanden ist, der sie noch als kleines Mädchen kennt. Ein guter erzählerischer Kniff.

Mit der vierten Episode von The Walking Dead: The Final Season endet Clementines Abenteuer. Wir hoffen auf ein würdiges Finale. Quelle: Telltale Games Mit der vierten Episode von The Walking Dead: The Final Season endet Clementines Abenteuer. Wir hoffen auf ein würdiges Finale. Und auch die vierte und letzte Staffel beinhaltet wieder gute Ideen. Hier wird der Aufstieg Clementines zur Anführerin einer Gruppe gut erzählt und es werden wieder einige Fragen zur Menschlichkeit aufgeworfen. Schließlich zählen hier nicht nur Worte. Man kann Ziehsohn AJ so viel erzählen wie man will, wenn man danach in seinem Beisein einen Gefangenen foltert oder anderweitig skrupellos vorgeht, merkt sich der Knirps das. Zudem gibt es allerhand gelungene Anspielungen auf Geschehnisse vergangener Seasons.
Als Fan freue ich mich natürlich, dass wenigstens Clementines Geschichte dank Skybound noch ein (hoffentlich würdiges) Ende findet, doch für mich endet irgendwie auch eine Ära.

Telltale brachte mich zum Lachen, ließ mich ein paar Tränchen vergießen und begleitete mich durch meine bisherige Redakteurslaufbahn. Trotz all dem Mist, der da hinter den Kulissen passierte, und einigen eher zähen Produktionen des Studios werde ich beim Test der allerletzten Episode von The Walking Dead wohl ein wenig wehmütig sein. In dieser Hinsicht schafft es Telltale also tatsächlich noch ein letztes Mal, mich emotional abzuholen.

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