Kann Hironobu Sakaguchis Werk den Stein ins Rollen bringen und die RPG Welt endgültig für Xbox Spieler öffnen?
Fantastischer Augenschmaus
Lost Odyssey
Verpackt wurde die Thematik in eine optisch passende Hülle, die uns technologisch hoch entwickelte Kulturen präsentiert, deren Städte und Industrieanlagen durch zahlreiche mechanische Bauteile wie auch Magie geprägt sind. Durchschreitet man die Grenzen der Häuseransammlungen, gelangt man in eine äußerst prächtige aber auch gefährliche Welt. Der Weg zum nächsten Zielort wird zwar trist und langweilig auf einer Weltkarte angepeilt, hat man den etwas langen Ladebildschirm aber endlich hinter sich gelassen und ist am gewünschten Ort eingetroffen, begeistern malerische Landschaften und reichhaltige Details. Üppig bewucherte Wälder mit reichlich grüner Natur werden unter anderem durch beeindruckende Bilder aus luftigen Höhen der Bergregionen und traumhaften Sandstränden ersetzt. Doch das Paradies versinkt nicht selten im dunklen Schleier der bösen Macht. Geisterhafte Villen, von teuflischen Seelen befallene Dörfer und vor allem zahlreiche mutierte Kreaturen zeugen von einer rätselhaften Kraft, die schon etwas länger zu Werke geht. Auf Hochglanz sind aber selbst solch zerfallene Örtlichkeiten poliert, denn die Unreal 3 Engine zaubert eine effektreiche und detailreiche HD-Optik auf euren modernen TV, die sich in komprimierter Form auch auf älteren Röhrengeräten sehen lassen kann.
Lost Odyssey
Zu verdanken hat man die Detailtiefe der klassisch "starren" Kamera. Diese ist zumeist in einem Winkel festgesetzt, der virtuelle Kameramann bekommt also nur selten seinen Hintern hoch und bewegt sich mit den Helden auch tatsächlich mit. Man verwährt Kaims Truppe eine völlige Bewegungsfreiheit und bietet dadurch ein nahezu lineares Leveldesign. Ihr wandert vorgegebene Pfade entlang, dürft einige interaktive Objekte untersuchen oder die wenigen kombinatorischen Rätsel lösen und sprintet dabei zielstrebig dem Ausgang entgegen. Abzweigungen finden sich, doch führen diese schnell in eine Sackgasse, die mit irgendwelchen Items voll gestopft ist. In "Lost Odyssey" kann man sich nicht verirren. Dies birgt vor allem für Anfänger reichlich Vorteile, die sich in einem Rollenspiel solchen Ausmaßes erfreulicherweise schnell zurechtfinden. Abenteuerlustige Spieler der Abstammung Lara Croft oder Indiana Jones mit Hang zu Erkundungstouren werden dagegen bitter enttäuscht. Sieht man von den zahlreichen und emotionsgeladenen Geschichten der Helden mal ab, gibt es abseits der Haupthandlung zu wenig zu entdecken. Selbst Nebenquests, die eigentlich zum Strecken des Spielumfangs recht geeignet sind, beschränken sich anfänglich auf ein absolutes Minimum. Sucht den Kindern einige Gegenstände, finden den entlaufenen Hund oder enttarnt einen Betrüger. Die Ablenkung währt meistens nicht lange und wird beiläufig erledigt. Erst im weiteren Spielverlauf beginnt dann eine Schatzsuche anhand knapper Hinweise und gegen Ende kommen dann auch deutlich mehr "unwichtige" Aufgaben hinzu.
Des Schwertes Macht, des Feindes Leid
Lost Odyssey
Mehr Abwechslung versprechen uns die Auseinandersetzungen mit zahlreichen Handlangern der bösen Macht, sowie mutierte Schöpfungen der Natur. Aber auch das Kampfsystem inklusive der Charakterentwicklung erscheint für heutige Verhältnisse antiquiert - doch genau das wollten die Entwickler ja erreichen: Ein klassisches Rollenspiel der ganz alten Schule, dass ohne komplexen Schnickschnack für etliche Stunden begeistern kann. Vier DVDs sprechen eine Sprache für sich! Letztendlich wird man sich in etwa 10-15 Stunden pro Disc beschäftigen und kommt damit auf eine Spielzeit von etwa 50 Stunden. Klar, der Abenteuerspaziergang verläuft streng linear, dafür kommt aber auch nie das Gefühl auf, das der Titel künstlich in die Länge gezogen wurde.
Lost Odyssey
Kommen wir nun aber zu den blutigen Konversationen mit ekligen Riesenwürmern, schattenhaften Geisterwesen und bis an die Zähne bewaffnete Söldner zurück. An vergangene Tage erinnern hier nicht nur die zumeist per Zufall bestimmte Einsätze in getrennten, optisch der Umgebung angepassten Kampfarenen, sondern auch das schmalspurig ausgelegte Auswahlmenü. Dieses offenbart uns von Beginn an das volle Repertoire an Möglichkeiten von einfachen Schwerthieben bis hin zu mächtigen und oftmals auch farbenfrohen Zaubern. Bei Bedarf reicht ein Blick in den hoffentlich prall gefüllten Rucksack, um die Lebensenergie oder das Mana aufzufrischen oder ein passendes Gegengift aufzutreiben. Zu Beginn einer jeden Runde bestimmt ihr für jeden Charakter der bis zu fünf Personen umfassenden Kämpfertruppe die jeweilige Aktion, die er auszuführen hat. Anschließend werden sich alle Feinde und Mitstreiter nacheinander liebevoll die Waffen um die Ohren hauen. Je nach Aktion benötigen die Helden mehr oder weniger Zeit, bis sie ihre Vorhaben tatsächlich ausführen. Manchmal dauert es sogar mehr als eine Runde. Items werden zum Beispiel sofort genutzt, während Zauber erst am Ende einer Runde ihre Wirkungen offenbaren. Das System hat daher einige frustrierende Schwachstellen! Es gibt innerhalb einer Runde nach Wahl aller Aktionen keine Möglichkeit des Eingriffes mehr. Hat sich die Kampfsituation geändert, es bleiben zum Beispiel nur noch Feuergegner übrig und ihr habt ausschließlich Hitzemagie in Petto, oder einer euerer Mitstreiter wurde schwer verletzt, kann der Schuss gewaltig nach hinten losgehen. In seltenen Situationen führt eine fehlende Voraussicht und Planung sogar zum Tode. Das alles sorgt aber wiederum dafür, dass man sich im Voraus über seine Handlungen bewusst sein sollte. Ein gewisses Schema, wann welche Aktionen ausgeführt wird, gibt es ja. Zudem sorgen kleine Zahlen/Buchstabenkombinationen bei der Wahl dafür, dass man sich die Reihenfolge in etwa ausrechnen kann. Die große Unbekannte in der Gleichung bleibt die feindliche Schergentruppe, deren Angriffe man nicht wirklich vorhersagen kann. Diese können die Planung weiterhin zunichte machen - doch das Leben muss ja schließlich auch aus einem gewissen Stück an Restrisiko bestehen, ansonsten wird der Alltag langweilig.
